Ein bekanntes Lied öffnet einen neuen Raum
Die Melodie ist vertraut, doch ihr Maßstab hat sich verändert. John Coltrane nimmt „My Favorite Things“ aus dem Musical The Sound of Music und macht daraus ein mehr als dreizehnminütiges Stück, dessen Wirkung aus Wiederkehr, kleinen Verschiebungen und wachsender Intensität entsteht. Das Thema bleibt erkennbar. Gleichzeitig wird es zum Ausgangspunkt einer Reise, auf der sich der Blick immer wieder auf dieselben Töne richtet und doch jedes Mal etwas anderes entdeckt. Das Sopransaxofon trägt diese Bewegung mit einer hellen, schlanken Stimme, die sich deutlich von Coltranes Tenorton unterscheidet.
Aufgenommen wurde das Album an drei Oktobertagen des Jahres 1960 in New York; Atlantic veröffentlichte es im März 1961. Nach den raschen harmonischen Wechseln von Giant Steps erscheint das Titelstück wie eine andere Antwort auf dieselbe Frage: Wie lässt sich eine Improvisation über längere Zeit in Bewegung halten? Hier liegt der Reiz weniger im ständigen Wechsel des harmonischen Bodens als in der Ausdehnung eines begrenzten Raums. Coltrane arbeitet an Motiven, wiederholt sie, verändert ihre Akzente und gewinnt aus einem überschaubaren Material immer neue Spannungen.
Das ganze Album umfasst nur vier Stücke, sämtlich aus dem bekannten amerikanischen Songrepertoire. Neben Rodgers und Hammerstein stehen Cole Porter und die Gershwins. Vertraute Vorlagen werden dabei nicht einfach respektvoll nachgespielt. Das Quartett verändert ihre Proportionen, ihren rhythmischen Charakter und teilweise ihre harmonische Umgebung. Gerade weil die Themen wiederzuerkennen sind, lässt sich verfolgen, wie weit die Musiker sich von der jeweiligen Ausgangssituation entfernen und auf welche Weise sie wieder zu ihr zurückfinden.
Dabei wäre es verkürzend, die Platte auf den Erfolg des Titelstücks zu reduzieren. Ihre beiden ursprünglichen LP-Seiten setzen auch unterschiedliche Instrumentalfarben gegeneinander: Coltrane spielt bei „My Favorite Things“ und „Everytime We Say Goodbye“ Sopransaxofon, bei „Summertime“ und „But Not for Me“ Tenorsaxofon. Die beiden Stimmen gehören zu einem zusammenhängenden musikalischen Denken. Sie lassen dessen Spannweite aber aus verschiedenen Perspektiven hörbar werden.

Ein Quartett lernt, lange Bögen zu tragen
McCoy Tyner am Klavier, Steve Davis am Kontrabass und Elvin Jones am Schlagzeug bilden die Begleitung aller vier Stücke. Die Aufnahmen datieren vom 21., 24. und 26. Oktober 1960 und entstanden in den Atlantic Studios. Nesuhi Ertegun produzierte, Tom Dowd und Phil Iehle sind für die Tontechnik genannt. Diese Besetzung ist wichtig: Am Bass steht hier Steve Davis, nicht Jimmy Garrison, dessen Name mit dem späteren klassischen Coltrane-Quartett verbunden ist. Auch sollte Davis nicht mit dem gleichnamigen Schlagzeuger verwechselt werden.
Tyner gibt den langen Improvisationen eine eigene Architektur. Seine wiederkehrenden Figuren und markanten Akkordsetzungen liefern Anhaltspunkte, ohne jeden Schritt des Saxofons harmonisch festzulegen. Gerade im Titelstück kann das Klavier zugleich stabilisieren und neue Energie zuführen. Wer beim Hören eine Weile von Coltrane zu Tyner wechselt, erkennt, wie viel von der Ausdehnung dieser Musik aus der Begleitung kommt. Der Solist bewegt sich in einem Raum, den die anderen Musiker fortwährend mitgestalten.
Jones behandelt den Puls als etwas Lebendiges. Die regelmäßige Grundbewegung bleibt spürbar, während Akzente und rhythmische Figuren um sie herum neue Beziehungen bilden. Das Schlagzeug gibt dadurch nicht nur den Ablauf vor, sondern verändert die Spannung innerhalb dieses Ablaufs. Davis sorgt mit dem Bass für die Verbindung zwischen den harmonischen Bezugspunkten und dem körperlichen Gang der Musik. Seine Rolle wirkt besonders deutlich, wenn man darauf achtet, wie ein wiederkehrendes Muster auch unter einer zunehmend beweglichen Oberfläche seine Orientierungskraft behält.
Aus diesem Zusammenspiel entsteht die Tragfähigkeit der langen Formen. Vier Musiker sind ausreichend, um eine große Strecke musikalisch auszufüllen, sofern keiner seine Aufgabe auf eine starre Funktion beschränkt. Das Klavier ist mehr als Akkordlieferant, das Schlagzeug mehr als Taktgeber und der Bass mehr als Fundament. Coltranes Linien können so über längere Abschnitte kreisen, ohne dass die Musik stillsteht. In diesem Sinn dokumentiert das Album nicht nur eine neue Klangfarbe des Bandleaders, sondern auch die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache, die in den folgenden Jahren weiter wachsen sollte.

Vier Standards, vier unterschiedliche Verwandlungen
Im Titelstück bleibt der Dreiertakt ein entscheidender Bezugspunkt. Die wiederkehrenden Begleitfiguren und der Wechsel zwischen Moll- und Durfeldern schaffen einen Rahmen, in dem Coltrane den melodischen Stoff weit ausdehnen kann. Die Spannung entsteht aus der Dauer ebenso wie aus der Veränderung. Man wartet nicht ausschließlich auf den nächsten Akkord, sondern verfolgt, wie eine Figur ihren Charakter wechselt, wenn sie anders betont, verlängert oder in eine neue Lage geführt wird. Das bekannte Lied wird dadurch zu einer Form, die mehr Zeit verlangt und diese Zeit auch musikalisch ausfüllt.
„Everytime We Say Goodbye“ von Cole Porter zeigt anschließend eine andere Seite des Sopransaxofons. Nach dem langen Titelstück wirkt die Ballade konzentriert und übersichtlich. Hier kommt es stärker auf den einzelnen melodischen Bogen an, auf die Art, wie Coltrane einen Ton hält oder eine Wendung abschließt. Die hohe Instrumentalfarbe muss keine permanente Dringlichkeit erzeugen; sie kann auch eine empfindliche, beinahe schwebende Linie tragen. Der Wechsel zwischen diesen beiden Stücken macht das Sopran nicht bloß zu einer ungewöhnlichen Klangattraktion, sondern zu einem vielseitigen Ausdrucksmittel.
Mit „Summertime“ wechselt Coltrane zum Tenorsaxofon. Aus der häufig als ruhiges Wiegenlied behandelten Vorlage wird eine energische, weit ausgreifende Interpretation. Die vertraute Melodie ist der Bezugspunkt, nicht die Grenze des Stücks. Besonders ergiebig ist der Vergleich zwischen Saxofon und Schlagzeug: Beide können die Bewegung vorantreiben, ohne auf dieselbe Weise zu akzentuieren. So entsteht ein Gespräch, dessen Spannung nicht allein in der Solostimme liegt. Das Stück gehört zur Welt von Porgy and Bess, wird hier aber entschieden als Material für das eigene Quartett behandelt.
„But Not for Me“ beendet das Album mit einer beweglichen Tenorinterpretation, in der auch Coltranes Arbeit an zusätzlichen harmonischen Verbindungen präsent bleibt. Die Hinwendung zu längeren modalen Flächen bedeutet also keinen vollständigen Abschied von den Fragen, die Giant Steps geprägt hatten. Beide Denkweisen existieren nebeneinander. Ein sinnvoller Hörweg führt deshalb vom Vergleich der beiden Saxofone zum Vergleich der Formen: Was verändert sich, wenn das Quartett eine Ballade knapp hält, ein Lied über lange Strecken kreisen lässt oder einen Standard mit neuen harmonischen Wegen versieht?
Vier Seiten für vier große Interpretationen
Die hier angebotene Ausgabe trägt die Katalognummer AAPA 011-45 und gehört zur Atlantic-75-Serie von Analogue Productions. Das Album erscheint auf zwei 180-Gramm-Stereo-LPs mit 45 Umdrehungen pro Minute. Jede der vier Interpretationen erhält eine eigene Seite: „My Favorite Things“ auf A, „Everytime We Say Goodbye“ auf B, „Summertime“ auf C und „But Not for Me“ auf D. Die Stücke bleiben vollständig, doch der ursprüngliche Ablauf einer einzelnen LP wird durch zusätzliche Seitenwechsel neu gegliedert.
Ryan K. Smith verantwortet das Mastering bei Sterling Sound. Der Herausgeber nennt die originalen analogen Masterbänder als Quelle und Quality Record Pressings als Presswerk. Die Verpackung ist ein folienkaschiertes Stoughton-Tip-on-Klappcover mit zwei Einschüben. Bei dokumentierten Pressungsvarianten ist allerdings zwischen der nummerierten Erstauflage und späteren unnummerierten Exemplaren zu unterscheiden: Für unnummerierte Fassungen werden sowohl QRP als auch RTI geführt. Ohne physische Prüfung der konkreten Shopcharge ist daraus keine sichere Aussage über das Presswerk jedes einzelnen lieferbaren Exemplars abzuleiten.
Ebenso gilt die dokumentierte Nummerierung der ersten 2.000 Exemplare nicht automatisch für den aktuellen Bestand. Solche Angaben beschreiben die Veröffentlichungsgeschichte, während die tatsächlich gelieferte Variante am Exemplar geprüft werden muss. Die technischen Eckdaten dieser Edition sind klar; eine eigene Hörbewertung oder ein pauschales Versprechen bestimmter Klangwirkungen wird dadurch nicht vorweggenommen.
Diese 45er-Ausgabe bietet die Möglichkeit, den vier Interpretationen jeweils eine ungeteilte Plattenseite zu widmen. Das passt zu einer Musik, deren Wirkung Aufmerksamkeit für lange Entwicklungen verlangt. My Favorite Things verbindet sofort erkennbare Melodien mit einem Quartett, das ihre vertrauten Grenzen verschiebt. Je länger man bei den wiederkehrenden Figuren bleibt, desto deutlicher werden die Unterschiede, die Coltrane, Tyner, Davis und Jones aus ihnen entstehen lassen.
Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir übernehmen den US-Import und versenden ab Hilden.
Künstlerseite: Alle Titel von John Coltrane
Kundenfragen: Atlantic 75: welche Titel lohnen sich? · Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Atlantic 75 Series – alle 75 Alben, Zeitreise und die Menschen hinter Atlantic
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- John ColtraneVorhandene Porträtvorlage 1960Sopransaxofon, TenorsaxofonMitwirkung: Sopran: A/B · Tenor: C/D
- McCoy TynerFreie Illustration · Porträtvorlage 1962KlavierMitwirkung: Alle vier Originaltitel
- Steve DavisKontrabassMitwirkung: Alle vier Originaltitel
- Elvin JonesVorhandene Porträtvorlage 1964SchlagzeugMitwirkung: Alle vier Originaltitel
Atlantic Studios, New York, 21., 24. und 26.10.1960; Originalalbum März 1961. Nesuhi Ertegun: Produktion; Tom Dowd und Phil Iehle: Ton. Coltrane spielt Sopran auf A/B, Tenor auf C/D. McCoy Tyner, Steve Davis (Bassist) und Elvin Jones begleiten alle vier Titel. Lee Friedlander: Coverfoto; Loring Eutemey: Gestaltung. Ryan K. Smith: Mastering. Nummerierte QRP-Erstauflage von unnummerierten QRP/RTI-Varianten unterscheiden.
Auch als SACD: My Favorite Things
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael hört eine große klangliche Nähe zur US-Stereo-Erstpressung. Auf der Atlantic-75-Ausgabe wirkt das Klavier für ihn etwas voller und präsenter; zudem spielt sein neues Exemplar ruhiger. Er beschreibt das als gezielte kleine Verbesserungen, nicht als völlig anderes Klangbild.
🎧 Review video: The 10 Best Audiophile Reissues Of 2022!
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Ralf Doerner –
Wer John Coltrane mag sollte diese Platte im Bestand haben 😍