Sieben Stücke, ein neuer Maßstab
Der Titel klingt wie eine Ansage. Auf Giant Steps wird daraus Musik, die ihren nächsten Schritt oft schon getan hat, während man den vorigen noch zu begreifen versucht. John Coltrane lässt sein Tenorsaxofon durch rasch wechselnde harmonische Räume gehen, setzt kurze Figuren gegeneinander und verbindet sie zu langen, drängenden Linien. Doch wer dieses Album ausschließlich als Prüfung für angehende Saxofonisten betrachtet, verpasst seine andere Hälfte: den Blues, die eingängigen Themen und jene fast unbewegte Zärtlichkeit, mit der „Naima“ den ganzen Ablauf für einen Moment anhält.
Die Aufnahmen entstanden 1959, das Originalalbum erschien im Februar 1960 bei Atlantic. Coltrane stand in einer Phase, in der seine Arbeit an der Harmonik und sein unverwechselbarer Ton immer deutlicher zusammenfanden. Sieben Stücke, sämtlich eigene Kompositionen, ergeben hier ein ungewöhnlich geschlossenes Künstlerporträt. Es gibt keinen Broadway-Standard, der dem Hörer zunächst vertrauten Boden anbietet. Coltrane schafft diesen Boden selbst, manchmal durch eine einfache melodische Wendung, manchmal durch einen Blues und manchmal gerade durch die unerwarteten Abstände zwischen den Akkorden.
Das vermeintlich abstrakte Programm trägt dabei ausgesprochen persönliche Namen. „Cousin Mary“ erinnert an seine Cousine Mary, „Syeeda’s Song Flute“ an seine Stieftochter, „Naima“ an seine damalige Frau. Hinter „Mr. P.C.“ steht der Bassist Paul Chambers. Diese Bezüge machen aus der Platte keine vertonte Familienchronik, geben ihren unterschiedlichen Temperamenten aber einen menschlichen Zusammenhang. Die großen Schritte führen nicht weg vom Alltag; sie öffnen einen musikalischen Raum, in dem Nähe und Forscherdrang nebeneinander Platz haben.
Gerade deshalb lohnt sich das vollständige Album über den berühmten Titelsong hinaus. Es zeigt Coltrane als Komponisten mit Sinn für Kontraste und als Solisten, dessen Energie eine Form braucht. Die rasanten Passagen wirken stärker, weil daneben Melodien stehen, die man ohne theoretisches Vorwissen behalten kann. Und die Ballade gewinnt ihre besondere Ruhe aus der Bewegung, die ihr vorausgegangen ist.

Zwei Rhythmusgruppen und ein gemeinsamer Mittelpunkt
Die Besetzung lässt sich auf dieser Ausgabe klar nach Titeln unterscheiden. Coltrane und Paul Chambers sind auf allen sieben Stücken zu hören. Bei den Aufnahmen vom 4. und 5. Mai 1959 in den Atlantic Studios in New York spielen Tommy Flanagan am Klavier und Art Taylor am Schlagzeug. Aus diesen Sitzungen stammen sechs Titel des Albums. Für die veröffentlichte Fassung von „Naima“, aufgenommen am 2. Dezember, übernehmen Wynton Kelly und Jimmy Cobb diese beiden Plätze. Es handelt sich also um zwei Quartettbesetzungen mit demselben Saxofonisten und Bassisten.
Diese Unterscheidung ist musikalisch aufschlussreich. Chambers hält die Linien zusammen, ohne den Bass auf eine bloße Zeitmarkierung zu reduzieren. Sein gleichmäßiger Vorwärtsgang gibt den schnellen Harmoniewechseln ein körperliches Fundament. Taylor lässt dazu den Puls deutlich hervortreten. Über dieser verlässlichen Bewegung kann Coltrane Figuren verdichten, verkürzen und über die Taktgrenzen hinweg fortspinnen. Der Eindruck von Geschwindigkeit entsteht nicht allein durch viele Töne, sondern durch das Verhältnis zwischen einem klaren Grundschritt und einer darüber unablässig arbeitenden Stimme.
Flanagans Beteiligung führt unmittelbar zum besonderen Anspruch des Materials. Der Titelsong verlangt, in hohem Tempo durch weit auseinanderliegende tonale Zentren zu wechseln. Das Klavier reagiert darauf anders als Coltranes bereits stark ausgeformte Saxofonsprache. Gerade dieser Unterschied gehört zur historischen Aufnahme: Hier treffen Musiker auf eine kompositorische Idee, deren Möglichkeiten noch nicht zum allgemein verfügbaren Jazzvokabular geworden sind. Man hört keine nachträgliche Demonstration einer längst etablierten Lehrbuchaufgabe, sondern eine anspruchsvolle musikalische Begegnung.
Bei „Naima“ verändert sich der Schwerpunkt. Kelly und Cobb begleiten ein Stück, das seine Spannung nicht aus schneller Akkordbewegung bezieht, sondern aus lang gehaltenen melodischen Bögen und feinen harmonischen Verschiebungen. Chambers bleibt der gemeinsame Bezugspunkt. Produziert wurde das Album von Nesuhi Ertegun; als Toningenieure sind Tom Dowd und Phil Iehle dokumentiert. Frühere Alternativaufnahmen mit Cedar Walton und Lex Humphries gehören dagegen nicht zu den sieben Titeln dieser LP-Ausgabe. Ihre Namen sind für die umfassende Entstehungsgeschichte relevant, aber nicht für deren tatsächliche Quartettbesetzungen.

Zwischen rascher Bewegung und stiller Melodie
„Giant Steps“ stellt das Prinzip gleich an den Anfang. Die harmonischen Zentren stehen in großen Terzabständen zueinander; die Melodie macht ihre Sprünge zu einem prägnanten Thema. Man muss diese Beziehungen nicht ausrechnen, um den Reiz zu erkennen. Coltranes Spiel vermittelt gleichzeitig Zielstrebigkeit und ständige Richtungsänderung. Besonders interessant ist, wie einzelne Motive wiederkehren: Nicht jeder Ton eröffnet einen neuen Gedanken. Häufig wird ein kleiner Gedanke unter veränderten Bedingungen weitergeführt, bis aus seiner Wiederholung eine enorme Bewegungsenergie entsteht.
„Cousin Mary“ rückt den Blues nach vorn. Hier zeigt sich, wie fest Coltranes harmonische Arbeit mit einer vertrauten musikalischen Sprache verbunden bleibt. „Countdown“ komprimiert den Vorwärtsdrang anschließend auf wenig mehr als zwei Minuten. Das kurze Stück wirkt wie ein konzentrierter Versuchsaufbau, bei dem Rhythmus und harmonische Bewegung möglichst unmittelbar aufeinandertreffen. „Spiral“ lässt mehr Raum für die Ausdehnung einer Linie und für das Wechselspiel zwischen Thema, Begleitung und Improvisation. Zusammen ergeben diese Stücke keine bloße Steigerung der Schwierigkeit, sondern unterschiedliche Arten, musikalische Spannung zu organisieren.
Auf der zweiten Platte erhält „Syeeda’s Song Flute“ eine eigene Seite. Sein einprägsames Thema bringt eine spielerische Qualität in das Programm und macht deutlich, wie viel melodische Einfachheit Coltrane inmitten komplexer Zusammenhänge zulässt. Danach folgt auf Seite D „Naima“. Die Ballade vermeidet große Gesten; ihr Ausdruck hängt daran, wie ein Ton angesetzt, gehalten und in den nächsten überführt wird. Wer unmittelbar zuvor auf die Beweglichkeit des Saxofons geachtet hat, kann hier dessen andere Stärke verfolgen: die Fähigkeit, mit wenig Material eine lange innere Spannung aufzubauen.
„Mr. P.C.“ beendet das Album mit einem schnellen Mollblues und einem ausdrücklich benannten Gruß an Chambers. Damit führt Coltrane das Programm wieder auf eine gemeinsame, unmittelbar verständliche Form zurück. Als Hörweg bietet sich an, zunächst den Themen zu folgen und erst beim nächsten Durchgang genauer auf Bass und Klavier zu achten. Die Platte wird dadurch nicht weniger aufregend, aber übersichtlicher: Hinter dem Strom der Saxofontöne werden die wiederkehrenden Formen und die Arbeit der Mitspieler deutlicher.
Die Atlantic-75-Ausgabe auf zwei 45er-LPs
Diese Ausgabe von Analogue Productions gehört zur Atlantic-75-Serie und trägt die Katalognummer AAPA 010-45. Das ursprüngliche Programm mit sieben Titeln verteilt sich auf zwei Stereo-LPs mit jeweils 180 Gramm und 45 Umdrehungen pro Minute. Ryan K. Smith übernahm das Mastering bei Sterling Sound; als Quelle nennt der Herausgeber das originale analoge Masterband. Gefertigt wird die Ausgabe bei Quality Record Pressings. Dazu kommt ein folienkaschiertes Stoughton-Tip-on-Klappcover mit zwei Einschüben.
Die Verteilung auf vier Seiten ist Teil dieser konkreten Edition: „Giant Steps“ und „Cousin Mary“ stehen auf A, „Countdown“ und „Spiral“ auf B, „Syeeda’s Song Flute“ allein auf C, „Naima“ und „Mr. P.C.“ auf D. Das schafft kurze, klar gegliederte Abschnitte, verlangt beim vollständigen Album aber auch zusätzliche Seitenwechsel. Die höhere Drehzahl ist eine technische Entscheidung dieser Vinyl-Ausgabe; sie ist kein Ersatz für eine Beurteilung am eigenen Plattenspieler. Ebenso sind Angaben zu Mastering und Pressung keine pauschale Klanggarantie für jedes Exemplar und jede Anlage.
Für die ersten 2.000 Exemplare ist eine Nummerierung dokumentiert. Daraus lässt sich ohne Prüfung der konkreten Lagercharge keine Nummerierung des heute gelieferten Exemplars ableiten. Die hier beschriebene Ausgabe ist zudem von der separat angebotenen SACD zu unterscheiden: Das Album und seine Musiker bleiben dieselben, Format, Masteringangaben und Handhabung müssen jeweils zur tatsächlichen Veröffentlichung passen.
Die Ausgabe präsentiert ein Programm, das Coltranes sieben Kompositionen im Rahmen der Atlantic-75-Reihe auf 45er-Vinyl präsentiert. Ihr musikalischer Kern bleibt das bemerkenswerte Gleichgewicht zwischen harmonischer Kühnheit und persönlichem Ausdruck. Giant Steps ist ein Album, an dem man Details studieren kann – und eines, dessen Themen, Bluesformen und Balladenruhe auch dann tragen, wenn man die Theorie für einen Abend beiseitelässt.
Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir übernehmen den US-Import und versenden ab Hilden.
Künstlerseite: Alle Titel von John Coltrane
Kundenfragen: Atlantic 75: welche Titel lohnen sich? · Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Atlantic 75 Series – alle 75 Alben, Zeitreise und die Menschen hinter Atlantic
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- John ColtraneVorhandene Porträtvorlage 1960TenorsaxofonMitwirkung: Alle sieben Originaltitel
- Paul ChambersVorhandene Porträtvorlage 1958KontrabassMitwirkung: Alle sieben Originaltitel
- Tommy FlanaganVorhandenes identifiziertes Porträt; Datum offenKlavierMitwirkung: A1–C1 und D2 · Mai 1959
- Art TaylorVorhandene Porträtvorlage 1963SchlagzeugMitwirkung: A1–C1 und D2 · Mai 1959
- Wynton KellyVorhandene Porträtvorlage 1962KlavierMitwirkung: D1 · Naima · Dezember 1959
- Jimmy CobbVorhandenes identifiziertes Porträt; Datum offenSchlagzeugMitwirkung: D1 · Naima · Dezember 1959
Mai 1959: Tommy Flanagan und Art Taylor; Naima vom 2.12.1959: Wynton Kelly und Jimmy Cobb. John Coltrane und Paul Chambers auf allen sieben Titeln. Nesuhi Ertegun: Produktion; Tom Dowd und Phil Iehle: Ton. Alle sieben Kompositionen: John Coltrane. Cedar Walton und Lex Humphries gehören zu alternativen Aufnahmen, nicht zu dieser LP. Ryan K. Smith / Sterling Sound: Mastering der 45er-Neuauflage.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Rückblickend auf seine Vergleiche beschreibt Michael diese Atlantic-75-Ausgabe von Giant Steps als klanglich sehr nah am Original, ergänzt um etwas mehr Information und Detail. Er erwähnt das gemeinsam mit My Favorite Things im Video zu Coltrane Plays the Blues. Die Aussage ist ein Rückblick auf seine Hörerfahrung, kein neuer Vergleich in diesem Video.













Rezensionen
Es gibt noch keine Rezensionen.