Kenny Burrell und ein Album mit wechselnder Nähe
Sechs Musiker stehen auf der Besetzungsliste von Bluesey Burrell. Trotzdem ist diese Platte nicht einfach eine Sextettaufnahme. Kenny Burrell spielt einmal allein, dann nur mit Bass und Schlagzeug, an anderer Stelle mit Klavier und zusätzlichen Stimmen. Die Größe des Ensembles verändert sich innerhalb von sieben Stücken immer wieder. Darin liegt ein wesentlicher Reiz dieses Albums: Die Gitarre bleibt der Mittelpunkt, doch ihre Umgebung verschiebt sich. Ein kurzer Solotitel kann zwischen größer besetzten Nummern eine ganz eigene Wirkung entfalten, ohne dass dafür die Grundhaltung des Programms gewechselt werden muss.
Aufgenommen wurde am 14. September 1962 im Van Gelder Studio in Englewood Cliffs, New Jersey. Rudy Van Gelder betreute den Ton, Ozzie Cadena die Produktion beziehungsweise Aufnahmeaufsicht. Die ursprüngliche Veröffentlichung folgte im Januar 1963 auf Moodsville, dem zu Prestige gehörenden Label, als MVLP 29 beziehungsweise MVST 29. Der Herausgeber stellt die Aufnahme ausdrücklich in die Tradition der dort gepflegten Balladenprogramme. Das Wort „Mood“ darf dabei ruhig ernst genommen werden: Stimmung entsteht hier auch dadurch, dass eine musikalische Unterhaltung unterschiedlich viele Teilnehmer bekommt.
Neben Burrell begegnen uns Coleman Hawkins am Tenorsaxofon, Tommy Flanagan am Klavier, Major Holley am Kontrabass, Eddie Locke am Schlagzeug und Ray Barretto an der Conga. Die Namen gehören zum Album, aber nicht sämtlich zu jedem Titel. Wer diese Unterschiede kennt, kann die Folge genauer verfolgen. No More steht für die Gitarre allein, Guilty für das Trio mit Bass und Schlagzeug. Die übrigen Stücke öffnen den Raum zu zwei verschiedenen Quintettkonstellationen und zum vollständigen Sextett. Die Besetzungswechsel sind also Teil der musikalischen Dramaturgie.

Coleman Hawkins trifft auf Burrells Detroiter Verbindung
Coleman Hawkins bringt eine andere Generation des Jazz in die Sitzung ein. Sein Tenorsaxofon gehört zu den prägenden Stimmen in der Geschichte des Instruments; hier begegnet es einem Gitarristen, dessen eigene Sprache bereits fest umrissen ist. Die Verbindung wird durch vertraute Mitspieler erleichtert. Nach der Herausgeberbeschreibung bestand Hawkins‘ damalige Rhythmusgruppe aus Musikern aus Burrells Heimatstadt Detroit. Flanagan, Holley und Locke sind damit mehr als eine beliebig zusammengestellte Begleitung. Zu diesem Kreis kommt Barretto hinzu, dessen Conga einzelne Stücke rhythmisch anders färbt.
Hawkins spielt auf Tres Palabras, Montono Blues, I Thought About You und It’s Getting Dark. Diese genaue Zuordnung verhindert, dass man eine Saxofonstimme erwartet, wo Burrell ohne sie arbeitet. Besonders schön lässt sich die Idee des Albums schon aus den unterschiedlichen Besetzungen erschließen: Auf I Thought About You gehört Hawkins zum Quintett ohne Barretto. Bei Out of This World entsteht ein anderes Quintett, mit Barretto, aber ohne Hawkins. Die gleiche Anzahl von Musikern bedeutet also keineswegs dieselbe Farbe. Ein Blasinstrument und eine Conga übernehmen völlig verschiedene Aufgaben.
Auf drei Nummern kommen alle sechs Musiker zusammen: Tres Palabras, Montono Blues und It’s Getting Dark. Die Gitarre kann dort sowohl eine einzelne Linie als auch Akkordflächen anbieten, während Klavier, Bass und Schlagzeug ihre eigenen Beiträge leisten. Beim Hören lohnt es sich, den Blick einmal vom jeweiligen Solisten zu lösen und auf die Übergänge zwischen den Stimmen zu achten. Wann wird Platz gelassen, wann antwortet ein Instrument, und wie verändert Barretto die rhythmische Oberfläche? Solche Fragen führen unmittelbar in die Besonderheiten dieser konkreten Besetzung, ohne das Album auf das Etikett einer entspannten Jazzplatte zu reduzieren.

Vom allein gespielten No More bis zum vollständigen Sextett
Tres Palabras von Osvaldo Farrés eröffnet die erste Seite. Danach wird der Rahmen mit No More von Bob Russell und Tutti Camarata abrupt kleiner: Burrell spielt allein, und mit weniger als zwei Minuten ist es die knappste Nummer des Programms. Auf Guilty, geschrieben von Harry Akst, Gus Kahn und Richard A. Whiting, kommen Bass und Schlagzeug hinzu. Innerhalb der ersten drei Titel führt das Album damit vom Sextett zum Solo und weiter zum Trio. Diese Reihenfolge macht die unterschiedlichen Möglichkeiten der Gitarre besonders anschaulich.
Montono Blues, eine Burrell-Komposition, schließt die erste Seite mit der vollständigen Besetzung. Auf dem Etikett ist der Titel auch als Montuno Blues dokumentiert; hier folgt die Schreibweise dem Cover und der angebotenen Ausgabe. Seite B beginnt mit I Thought About You von Jimmy Van Heusen und Johnny Mercer. Danach folgt Out of This World, der Song von Harold Arlen und Johnny Mercer. Mercer ist damit als Textautor beider aufeinanderfolgenden Standards vertreten, obwohl zwei verschiedene Komponisten die Melodien schrieben. In der instrumentalen Gestaltung bleiben diese Songtraditionen ein gemeinsamer Bezugspunkt, während sich mit dem Wechsel von Hawkins zu Barretto die Besetzung deutlich verändert.
Mit It’s Getting Dark endet das Album bei einer zweiten Eigenkomposition Burrells und erneut beim Sextett. Standards und eigene Stücke sind also ineinander verschränkt. Das Programm bietet mehrere Wege hinein: über Hawkins‘ Tenor, über Burrells Gitarrenspiel, über die Songauswahl oder über die rhythmischen Unterschiede mit und ohne Conga. 1968 wurde dieselbe Aufnahme außerdem unter dem Titel Out of This World wiederveröffentlicht. Für Sammler ist diese spätere Bezeichnung eine nützliche Verbindung im Katalog; sie macht aus den sieben hier versammelten Titeln keine zweite Sitzung. Die ursprüngliche Begegnung bleibt die vom September 1962.
Die Prestige-Stereo-Ausgabe von Analogue Productions
Diese Neuauflage ist APRJ 29, eine Stereo-LP mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute von Analogue Productions. Kevin Gray übernahm das Mastering bei Cohearent Audio; der Herausgeber nennt die originalen analogen Masterbänder als Quelle. Die Pressung stammt von Quality Record Pressings, die Platte wird in einer Tip-on-Hülle auf kräftigem Karton präsentiert. Van Gelders Aufnahme und Grays späteres Mastering gehören zu unterschiedlichen Stationen derselben Veröffentlichungsgeschichte. Die konkrete Zuordnung ist aussagekräftiger als ein allgemeines Versprechen über den Klang jeder Neuauflage.
Bei 33⅓ U/min bleibt das Album auf zwei Seiten mit vier beziehungsweise drei Stücken verteilt. Gerade hier ergibt das musikalisch Sinn: Der erste Seitenbogen lässt die Besetzung mehrfach schrumpfen und wieder wachsen; der zweite verbindet die beiden Quintettvarianten mit dem abschließenden Sextett. Zwischen den einzelnen Stücken muss die Platte nicht gewendet werden. So kann die Folge ihre Proportionen über einen längeren Abschnitt behalten. Das ist ein praktischer Vorteil der Ein-LP-Ausgabe, ohne aus der Drehzahl eine Rangliste gegenüber anderen Formaten abzuleiten.
Für diese Katalognummer sind unterschiedliche Gewichtsangaben dokumentiert: eine frühere 200-Gramm-Auflage und die heutige Herausgeberangabe von 180 Gramm. Eine bestimmte Grammzahl oder Nummerierung wird deshalb für das einzelne Shop-Exemplar nicht pauschal zugesichert. Die Musikerübersicht weist außerdem aus, welche Titelzuordnungen direkt dokumentiert sind und welche sich aus der Sessionbesetzung und der Beschreibung von Solo und Trio ergeben. Das hält die Geschichte der Aufnahme ebenso genau wie die Beschreibung der Ausgabe. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
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Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Kenny BurrellGitarreMitwirkung: alle 7
- Coleman HawkinsTenorsaxofonMitwirkung: A1, A4, B1, B3
- Ray BarrettoCongaMitwirkung: A1, A4, B2, B3
- Tommy FlanaganKlavierMitwirkung: A1, A4, B1, B2, B3
- Major HolleyKontrabassMitwirkung: A1, A3, A4, B1, B2, B3
- Eddie LockeSchlagzeugMitwirkung: A1, A3, A4, B1, B2, B3
Hawkins und Barretto sind titelgenau dokumentiert. Die Zuordnungen von Flanagan, Holley und Locke ergeben sich aus Sessionbesetzung und Herausgeberbeschreibung (Solo auf A2, Trio auf A3); keine separat belegten Einzelcredits.













Hifi 1965 –
Hallo, im Grunde eine Anti – Highend LP, da es keine aufgesetzten Effekte gibt. Alles hört sich mühelos, natürlich, ausgewogen und vor allem souverän an!
Ein größeres Kompliment fällt mir, auch nach längeren Nachdenken nicht ein.
Auch und gerade für diejenigen, die dieses Hobby schon lange pflegen (weit über 35 Jahre in meinen Fall) eine echte Empfehlung!