Zwei Saxofone, eine gemeinsame Sprache
In Chicago bringt Cannonball Adderley und John Coltrane in einer besonders übersichtlichen Umgebung zusammen: zwei Saxofone, Klavier, Kontrabass und Schlagzeug. Die Aufnahme entstand am 3. Februar 1959 bei Universal Recording in Chicago und erschien 1960 bei Mercury. Wer Cannonball Adderleys In Chicago auf Vinyl kaufen möchte, findet in dieser Acoustic-Sounds-Series-Ausgabe das sechs Stücke umfassende Album auf einer Stereo-LP mit 180 Gramm und 33⅓ RPM. Im Mittelpunkt steht eine Band, deren Mitglieder einander bereits aus dem Umfeld von Miles Davis kannten.
Neben Adderleys Altsaxofon spielt hier kein Kornett. John Coltranes Tenorsaxofon übernimmt den zweiten Bläserplatz; Nat Adderley gehört nicht zur Besetzung. Wynton Kelly sitzt am Klavier, Paul Chambers spielt Kontrabass, Jimmy Cobb Schlagzeug. Miles Davis selbst ist ebenfalls nicht dabei. Diese Unterscheidung ist musikalisch ergiebig: Vertraute Partner treten aus einem anderen Bandzusammenhang heraus und organisieren ihr Gespräch um zwei unterschiedliche Saxofonstimmen. Die Platte lässt sich deshalb sowohl über Adderley als auch über Coltrane entdecken.
Das Datum macht die Begegnung zusätzlich interessant. Sie liegt kurz vor den Aufnahmen zu Kind Of Blue, an denen dieselben Musiker beteiligt waren, dort allerdings mit Bill Evans am Klavier auf den meisten Stücken. In Chicago ist dennoch kein Vorabdruck dieses späteren Albums. Das Repertoire, die Bläserkonstellation und die Verantwortung des Bandleaders gehören zu einer eigenen Sitzung. Standards stehen neben einer Komposition Adderleys und zwei Stücken Coltranes. Aus sechs Titeln entsteht ein in sich geschlossenes Programm, das keine zusätzliche Berühmtheit braucht, um Aufmerksamkeit zu verdienen.
Für den Einstieg hilft gerade diese klare Besetzung. Man kann den beiden Bläsern folgen und beim nächsten Durchgang bewusst auf Kelly, Chambers und Cobb achten. Ein Thema wird vorgestellt, eine Phrase weitergeführt, die Begleitung setzt einen neuen Akzent. Solche Beziehungen sind in einer kleinen Gruppe gut zu verfolgen. Die Platte bietet damit einen direkten Zugang zu den Musikern, ohne ihren unterschiedlichen Ausdruck auf ein gemeinsames Etikett zu reduzieren.

Limehouse Blues, eine Ballade und Wabash
Limehouse Blues eröffnet die erste Seite. Der Standard von Philip Braham und Douglas Furber steht hier vor zwei sehr anders ausgerichteten Titeln: Stars Fell On Alabama und Wabash. Schon diese Reihenfolge gibt der Seite einen nachvollziehbaren Bogen. Zunächst begegnet man der Gruppe, danach rückt eine einzelne Saxofonstimme stärker in den Mittelpunkt, schließlich folgt ein Stück aus der Feder des Bandleaders. Die drei Aufnahmen sind lang genug, um über eine bloße Themenvorstellung hinauszugehen, und bleiben innerhalb einer gut überschaubaren Plattenseite.
Stars Fell On Alabama ist dabei ein besonderer Orientierungspunkt. Die ergänzende Besetzungsdokumentation führt das Stück ohne Coltrane; Adderley steht mit dem Trio im Quartett. Das macht die Ballade zu einer Gelegenheit, seine Phrasierung ohne direkten Wechsel zwischen zwei Bläsern wahrzunehmen. Eine Melodie erhält Gewicht nicht nur durch die gespielten Töne, sondern auch durch ihre Abstände und die Art, wie sie gegen die Begleitung gesetzt wird. Gerade bei einem bekannten Standard kann man solchen Entscheidungen folgen, ohne die Form erst entschlüsseln zu müssen.
Wabash stammt von Cannonball Adderley. Nach dem fremden Songmaterial setzt der Bandleader damit auch als Komponist einen eigenen Akzent. Es ist hilfreich, diese Rolle mitzudenken: Adderley ist nicht nur der Name auf dem Cover und ein Solist innerhalb einer prominenten Gruppe. Eines der Stücke trägt seine eigene musikalische Handschrift bereits in der Vorlage. Zusammen mit Coltranes Beiträgen auf der Rückseite wird das Album dadurch zu mehr als einer Standardsitzung mit austauschbarem Programm.
Kellys Klavier, Chambers’ Bass und Cobbs Schlagzeug sind bei diesem Wechsel die verbindende Besetzung. Die drei Musiker begegnen verschiedenen melodischen Aufgaben, ohne dass das Fundament neu besetzt werden muss. Wer sich zunächst auf die Saxofone konzentriert, kann später gezielt hören, wie die Begleitung Übergänge ermöglicht. Der Reiz liegt nicht darin, jeden Beitrag sofort einem Stilbegriff zuzuordnen. Er liegt im nachvollziehbaren Zusammenspiel von fünf Persönlichkeiten, die auch in kleinerer Besetzung tragfähig bleiben.

Coltranes Stücke und die zweite Quartettperspektive
Grand Central eröffnet Seite B und ist die erste der beiden Coltrane-Kompositionen dieses Albums. Am Ende folgt The Sleeper, ebenfalls von ihm. Dazwischen steht You’re A Weaver Of Dreams von Victor Young und Jack Elliott. Die Rückseite besitzt damit eine eigene Ordnung: Zwei Stücke des Tenorsaxofonisten rahmen einen Standard. Das ist ein schöner Gegenpol zur ersten Seite, auf der Adderleys Wabash nach zwei fremden Kompositionen steht. Beide Bläser gestalten das Repertoire mit, ohne dass daraus zwei voneinander getrennte Plattenhälften werden.
You’re A Weaver Of Dreams führt den Wechsel der Perspektive besonders deutlich vor. Nach der ergänzenden Enzyklopädie pausiert hier Adderley, während Coltrane mit Kelly, Chambers und Cobb spielt. Zusammen mit Stars Fell On Alabama ergibt sich ein reizvolles Paar: dieselbe Rhythmusgruppe, jeweils nur einer der beiden Saxofonisten. Das Album heißt zwar Quintet In Chicago, zeigt aber nicht durchgehend fünf Musiker gleichzeitig. Diese kleinere Konstellation gehört zur Dramaturgie und sollte beim Blick auf die Besetzung nicht verloren gehen.
The Sleeper ist mit gut sieben Minuten der längste Titel der Ausgabe. Als Schlussstück gibt es Coltranes kompositorischem Beitrag noch einmal Raum und beendet die Platte ohne zusätzlichen Bonus oder nachträglich angehängte Session. Die sechs Titel wirken dadurch als konzentrierte Auswahl. Drei Stücke pro Seite sind eine angenehme Einladung, eine ganze Seite am Stück zu hören und danach bewusst die Perspektive zu wechseln. Die vollständige Tracklist unten hält Reihenfolge und dokumentierte Laufzeiten zusammen.
Für Sammler bietet In Chicago mehrere Anknüpfungspunkte. Wer Coltrane vor allem aus seinen eigenen Alben kennt, begegnet ihm hier als Partner in Adderleys Sitzung. Wer über Cannonball einsteigt, bekommt zugleich eine klar erkennbare Rhythmusgruppe, deren Namen auf vielen weiteren Platten wiederkehren. Kelly, Chambers und Cobb sind keine beiläufigen Credits. Sie verbinden die unterschiedlichen Stücke und machen den Wechsel zwischen Quintett und Quartett überhaupt erst zu einem Gespräch auf gemeinsamer Grundlage.
Die Acoustic-Sounds-Series-Ausgabe
Die hier angebotene Neuauflage trägt die Katalognummer AMER 83201. Sie gehört zur Verve/UMe Acoustic Sounds Series und erschien 2023. Ryan K. Smith übernahm das Mastering bei Sterling Sound von den originalen Analogbändern. Gepresst wurde die einzelne 180-Gramm-LP bei Quality Record Pressings; Stoughton Printing fertigte das Klappcover. Diese Angaben beziehen sich auf diese konkrete Ausgabe. Sie ersetzen weder die historischen Mercury-Katalognummern noch die technischen Angaben anderer Wiederveröffentlichungen desselben Albums.
Die Platte läuft mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute und verteilt die sechs Stücke auf zwei Seiten. Das hält die ursprüngliche Abfolge als zusammenhängendes Album erfahrbar. Ein höheres Gewicht oder ein bestimmtes Presswerk ist für sich genommen kein Versprechen darüber, wie eine Aufnahme auf jeder Anlage klingen wird. Für die Auswahl sind die nachvollziehbare Ausgabe, das vollständige Programm und die beteiligten Musiker die verlässlicheren Ausgangspunkte. Hier kommen diese Informationen in einer klar bezeichneten Neuauflage zusammen.
In Chicago passt in eine Sammlung, die Jazz nicht nur nach Solisten, sondern auch nach musikalischen Begegnungen ordnet. Der Wechsel zwischen zwei Bläsern und den beiden Quartettstücken bietet beim Wiederhören konkrete neue Ansatzpunkte. Man kann die Platte wegen Adderley auflegen und bei Kellys Begleitung bleiben, Coltranes eigene Themen verfolgen oder die Arbeit von Bass und Schlagzeug stärker beachten. Die Besetzung ist klein genug für einen direkten Zugang und reich genug, um mehrere solcher Hörperspektiven zu tragen.
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Künstlerseite: Alle Titel mit John Coltrane
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Cannonball AdderleyPorträtvorlage: 1958AltsaxofonMitwirkung: A1, A2, A3, B1, B3 · ergänzende Enzyklopädie
- John ColtraneVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungTenorsaxofonMitwirkung: A1, A3, B1, B2, B3 · ergänzende Enzyklopädie
- Wynton KellyPorträtvorlage: 1962KlavierMitwirkung: Alle sechs Titel
- Paul ChambersPorträtvorlage: 1958KontrabassMitwirkung: Alle sechs Titel
- Jimmy CobbVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungSchlagzeugMitwirkung: Alle sechs Titel
Cannonball Adderley fehlt auf B2, John Coltrane auf A2 nach ergänzender Enzyklopädie; Ausgabencredits nennen beide ohne Titelbezug. Nat Adderley und Miles Davis spielen hier nicht. Jack Tracy: Produktion nach Enzyklopädie und Hülltext; Bernie Clapper: Aufnahme. Ryan K. Smith / Sterling Sound: Mastering vom originalen Analogband; QRP: Pressung; Stoughton: Cover.












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