Wenn aus drei Musikern vier werden
Very Tall bringt Oscar Petersons Trio und Milt Jackson in einer überschaubaren, zugleich vielversprechenden Besetzung zusammen. Peterson spielt Klavier, Jackson Vibrafon; Ray Brown am Kontrabass und Ed Thigpen am Schlagzeug vervollständigen das Quartett. Die Aufnahmen entstanden am 15. und 18. September 1961 in den Fine Recording Studios in New York, produziert von Norman Granz. Verve veröffentlichte das Album 1962. Hinter dem kurzen Titel steht damit eine sehr konkrete Begegnung: ein Pianist mit seinem Trio und ein zusätzlicher Instrumentalist, dessen Klang das Verhältnis innerhalb der Gruppe verändert.
Klavier und Vibrafon haben eine wichtige Eigenschaft gemeinsam: Töne werden durch Anschlag ausgelöst. Die Art, wie sie entstehen und weiterklingen, unterscheidet sich jedoch deutlich. Beim Klavier treffen Hämmer auf Saiten, beim Vibrafon Schlägel auf Metallplatten. Für die Musik eröffnet diese Nachbarschaft ein interessantes Feld zwischen Kontur und Nachklang, einzelnen Linien und harmonischen Flächen. Jackson ist deshalb nicht einfach eine vierte Stimme, die beliebig hinzugefügt werden könnte. Sein Instrument verändert die verfügbaren Farben und die Möglichkeiten des Dialogs mit Peterson, während Brown und Thigpen den gemeinsamen Zusammenhang mittragen.
Sechs Stücke bilden das Programm. Drei stehen auf der ersten, drei auf der zweiten Seite. Die geringe Zahl und die großzügigeren Spieldauern geben den Musikern Raum, ohne das Album in eine große Suite oder ein formales Konzeptwerk zu verwandeln. Es bleibt eine Sammlung bestimmter Kompositionen, deren Auswahl sowohl bekannte Songs als auch Stücke aus dem unmittelbaren musikalischen Umfeld der Beteiligten umfasst. Für Musikliebhaber liegt darin ein einfacher, tragfähiger Reiz: Man kann vertrauten Formen begegnen und zugleich darauf achten, was diese vier Persönlichkeiten aus ihrem Zusammenspiel machen. Der zusätzliche Klang des Vibrafons ist dabei ein Ausgangspunkt, nicht die ganze Geschichte.

Von Green Dolphin Street zu Reunion Blues
Die erste Seite beginnt mit „Green Dolphin Street“, dem Song von Bronisław Kaper und Ned Washington, der auch unter dem Titel „On Green Dolphin Street“ bekannt ist. Es folgen „Heartstrings“ von Milt Jackson und „The Work Song“ von Nat Adderley. Diese Reihenfolge verbindet unterschiedliche Herkunftslinien: einen zum Jazzrepertoire gehörenden Filmsong, eine Komposition des beteiligten Vibrafonisten und ein Stück aus dem zeitgenössischen Jazz. Die Musiker müssen dafür nicht jedes Mal ihre Identität wechseln. Vielmehr geben die verschiedenen Vorlagen Gelegenheit, dieselbe Besetzung unter anderen melodischen und harmonischen Bedingungen zu hören.
Die zweite Seite führt über „John Brown’s Body“ zu „A Wonderful Guy“ von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II und endet mit Jacksons „Reunion Blues“. Ein traditionelles Lied, ein Bühnenlied und eine weitere Komposition des Vibrafonisten stehen damit nebeneinander. Jackson ist auf dem Album nicht nur Gastinstrumentalist, sondern mit zwei eigenen Stücken auch als Komponist präsent. Das gibt seiner Beteiligung eine zusätzliche Dimension. „Heartstrings“ und „Reunion Blues“ gehören zur Auswahl der musikalischen Ausgangspunkte, aus denen das Quartett seinen gemeinsamen Verlauf entwickelt.
Die Stücke dauern zwischen knapp fünf und knapp acht Minuten. Diese Größenordnung lässt sich als Einladung verstehen, den Zusammenhang einer Aufführung zu verfolgen: Wie wird aus einem Thema ein gemeinsamer Weg, und wie kehrt die Musik zu einem Ausgangspunkt zurück? Für ein bewusstes Hören kann es lohnend sein, nicht ausschließlich auf schnelle Läufe oder solistische Höhepunkte zu warten. Auch der Wechsel zwischen vordergründiger Linie und begleitender Bewegung trägt die Form. Die Tracklist beschreibt sechs unterschiedliche Gelegenheiten dafür. Drei Titel je Seite halten das Programm übersichtlich, während die verschiedenen kompositorischen Quellen verhindern, dass die Begegnung nur um eine einzige musikalische Idee kreist.

Vier klar benennbare Persönlichkeiten
Oscar Peterson ist als Pianist und Leiter des Trios der Bezugspunkt, zu dem Milt Jackson hinzutritt. Ray Brown und Ed Thigpen sind jedoch mehr als die beiden übrigen Namen einer festen Formel. Der Kontrabass verbindet Tonhöhe, harmonische Bewegung und rhythmische Orientierung; das Schlagzeug kann Akzente setzen, Bewegungen aufnehmen und den Verlauf gliedern. Mit Klavier und Vibrafon darüber entsteht eine kleine Gruppe, in der unterschiedliche Arten des Anschlags zusammentreffen. Gerade deshalb ist es sinnvoll, Begleitung und Solostimme nicht als dauerhaft feststehende Rangordnung zu verstehen. Die Bedeutung eines Beitrags hängt nicht allein davon ab, wie sehr er im Vordergrund steht.
Jacksons Instrument ist ausdrücklich ein Vibrafon. Seine metallenen Klangplatten und die Resonatoren gehören zu einem anderen Instrument als den Holzplatten einer Marimba. Für die Bildsprache wie für die Beschreibung ist dieser Unterschied wichtig: Das Album verbindet Petersons Klavier mit Jacksons spezifischer instrumentaler Stimme. Ein beliebiges Schlaginstrument würde diese Begegnung nicht angemessen darstellen. Im Hören kann die Aufmerksamkeit auf dem Verhältnis zwischen Tonanfang und Ausklang liegen, auf dem Abstand zweier Linien oder darauf, wie Bass und Schlagzeug den gemeinsamen Verlauf tragen. Das sind konkrete Zugänge zur Besetzung, ohne eine nicht dokumentierte Einzelheit über ein bestimmtes Solo vorauszusetzen.
Auch die beiden Aufnahmetage lassen sich dem Programm zuordnen. „Green Dolphin Street“ und „Reunion Blues“ stammen vom 15. September, die vier übrigen Titel vom 18. September 1961. Die Gruppe bleibt an beiden Tagen dieselbe. Das Album verbindet also zwei Sitzungen zu einer Folge von sechs Stücken, nicht verschiedene Quartette unter einem gemeinsamen Namen. Fine Recording in New York bezeichnet den Aufnahmeort, Norman Granz die Produktion. Diese Informationen geben der Begegnung einen historischen Rahmen. Sie lassen sich mit dem musikalischen Interesse verbinden, ohne aus den Daten eine erfundene Studiogeschichte zu machen. Was die Platte verspricht, ist bereits in dieser konkreten Gemeinschaft überzeugend angelegt.
Die Acoustic Sounds Series als 33⅓-LP
Die Neuauflage AVER 37801 präsentiert Very Tall in der Acoustic Sounds Series als 180-Gramm-Stereo-LP mit 33⅓ Umdrehungen. Der Herausgeber nennt Ryan K. Smith bei Sterling Sound für das Mastering von den Original-Analogbändern. Quality Record Pressings fertigt die Schallplatte; zur Ausstattung gehört eine Stoughton-Tip-on-Klapphülle. Damit sind die wesentlichen Merkmale der angebotenen Ausgabe benannt. Sie beschreiben eine bestimmte Wiederveröffentlichung und sollten nicht pauschal auf jede Verve-Pressung dieses Albums übertragen werden. Für Sammler ist gerade diese Unterscheidung zwischen Werk und Ausgabe nützlich.
Das Originalalbum erschien 1962, seine Aufnahmen entstanden im September des Vorjahres. Die heutige Herstellung der LP ist eine weitere, spätere Station. Man kann diese Ebenen zugleich schätzen: die historische Begegnung der Musiker, die ursprüngliche Zusammenstellung des Programms und die materielle Präsentation der Neuauflage. Angaben über Bandquelle, Mastering und Presswerk machen die angebotene Platte nachvollziehbar, ohne einen persönlichen Hörvergleich vorzutäuschen. Die Musik wird dadurch weder neu komponiert noch nachträglich mit einer anderen Besetzung versehen. Ihr Kern bleibt das Quartett aus Peterson, Jackson, Brown und Thigpen.
Die einzelne 33⅓-LP bietet drei Titel pro Seite und einen Seitenwechsel. Das ist eine klare, alltagstaugliche Form für dieses Programm: Jede Seite kann sich als zusammenhängender Abschnitt entfalten, während die sechs Stücke ihre Eigenständigkeit behalten. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir übernehmen den US-Import und versenden aus Hilden. Very Tall ist eine schöne Gelegenheit, das Verhältnis zweier markanter Melodie- und Harmonieinstrumente in einer kleinen Jazzgruppe zu verfolgen. Der Albumtitel mag die Größe ankündigen; die musikalische Neugier richtet sich auf die Details, auf vier Menschen und auf das, was zwischen ihren Stimmen entstehen kann.
Serie: Verve – alle 34 Platten: Stimmen, Orgel und Bossa Nova
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Oscar Peterson1978 · spätere PorträtvorlageKlavierMitwirkung: Alle Titel
- Milt Jacksonfrühere Porträtvorlage 1946–48VibrafonMitwirkung: Alle Titel
- Ray Brown1976 · spätere PorträtvorlageKontrabassMitwirkung: Alle Titel
- Ed Thigpenspätere undatierte PorträtvorlageSchlagzeugMitwirkung: Alle Titel
Vier Musiker auf allen sechs Titeln. A1/B3 wurden am 15. September, A2/A3/B1/B2 am 18. September 1961 aufgenommen.











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