Bill Evans im Konzertsaal
At Town Hall, Volume One hält Bill Evans am 21. Februar 1966 in der New Yorker Town Hall fest. Der Konzertsaal gibt dieser Aufnahme einen anderen historischen Rahmen als die häufig mit seinem Namen verbundenen Clubmitschnitte. Für die vorliegende LP ist jedoch vor allem ihre innere Anlage entscheidend: Vier Stücke spielt Evans im Trio mit Chuck Israels am Kontrabass und Arnold Wise am Schlagzeug; anschließend steht ein längeres Klaviersolo im Zentrum. Das Album verbindet damit gemeinsames Spiel und eine besonders persönliche Widmung innerhalb derselben Veröffentlichung.
Die Platte erschien 1966 bei Verve unter der ursprünglichen Stereo-Katalognummer V6-8683. Creed Taylor und Helen Keane sind für die Produktion der hier dokumentierten Veröffentlichung ausgewiesen. Das Programm umfasst fünf Haupttitel, wobei der letzte mehrere Teile zu einer zusammenhängenden Solofolge verbindet. Diese Form ist wichtig: Wer die Unterabschnitte der Suite als völlig voneinander unabhängige Songs behandelt, verliert einen Teil des Zusammenhangs, auf den der Albumaufbau hinführt.
Evans‘ Spiel lässt sich hier aus zwei Richtungen betrachten. In den Standards geht es um das Verhältnis zwischen einer bekannten Melodie und der gemeinsamen Gestaltung durch drei Musiker. Im abschließenden Solo liegt die gesamte Verantwortung für Verlauf, Klanggewicht und Übergänge beim Pianisten. Der Wechsel der Besetzung verändert deshalb mehr als nur die Anzahl der beteiligten Instrumente. Er verschiebt die Voraussetzungen des musikalischen Erzählens und macht die zweite Seite zu einem besonders konzentrierten Teil des Albums.
Der Titel Volume One verweist auf einen größeren Konzertzusammenhang. In einer weiteren Hälfte des Abends gab es orchestrales Material mit Arrangements von Al Cohn. Diese Musik ist nicht Bestandteil der vorliegenden LP; ein angekündigter zweiter Band erschien nicht als entsprechende Fortsetzung. Für Sammler ist diese Unterscheidung hilfreich, weil Konzertgeschichte und veröffentlichter Albuminhalt hier auseinandergehalten werden müssen. Die fünf Werke dieses Bandes bilden eine eigenständige Auswahl, deren Stärke in der Verbindung von Trio und Soloklavier liegt.

Chuck Israels und Arnold Wise als Partner
Chuck Israels spielt auf den vier Trioaufnahmen Kontrabass. Sein Instrument ist ein eigenständiger Bestandteil der melodischen und harmonischen Verständigung innerhalb dieser kleinen Besetzung. Bei Evans lohnt es sich grundsätzlich, die Begleiter nicht nur dann wahrzunehmen, wenn sie ausdrücklich hervortreten. Eine Bassbewegung kann den Weg einer Klavierphrase mitbestimmen, eine andere Möglichkeit andeuten oder einen Abschnitt zusammenhalten. Die Frage nach dem Verhältnis der Stimmen ist deshalb mindestens ebenso ergiebig wie die Konzentration auf den Pianisten allein.
Arnold Wise übernimmt auf denselben vier Stücken das Schlagzeug. Seine Beteiligung ist ein konkretes Merkmal dieses Konzertalbums und sollte nicht durch die Namen bekannterer Evans-Schlagzeuger aus anderen Aufnahmen ersetzt werden. Im Trio geht es unter anderem darum, einen gemeinsamen Puls zu erhalten, ohne jede musikalische Bewegung gleich zu gewichten. Wer seine Aufmerksamkeit auf das Schlagzeug richtet, kann verfolgen, wie rhythmische Orientierung und die Freiheit einer Klavierlinie miteinander in Beziehung treten.
Die genaue Besetzungsgrenze verläuft nach „Make Someone Happy“. Israels und Wise spielen auf den drei Stücken der ersten Seite und dem ersten Titel der zweiten; die anschließende Suite gehört Bill Evans allein. Diese Trennung macht den Aufbau der Platte nachvollziehbar und verhindert, dass pauschale Albumcredits versehentlich als Besetzungsangabe für das Solo verstanden werden. Der Musikerblock führt deshalb die Beteiligung mit Titelbezug auf. Für die lange Schlusssequenz gilt ausdrücklich die Besetzung Klavier solo.
Gerade das Nebeneinander beider Formen macht die Aufnahme reizvoll. Nach mehreren Standards in einer kleinen Gruppe verändert sich die Art der Aufmerksamkeit: Man verfolgt dieselbe pianistische Persönlichkeit nun ohne die beiden Partner. Verbindungen und Unterschiede können dabei ebenso interessant sein. Welche Aufgaben bleiben beim Klavier, welche kommen hinzu? Wie wird ein Übergang organisiert, wenn keine andere Stimme einen Impuls geben kann? Das Album bietet eine konkrete Gelegenheit, solchen Fragen innerhalb eines zusammenhängenden Konzertdokuments nachzugehen.

Vier Standards und ein Solo für Harry L. Evans
Die erste Seite beginnt mit „I Should Care“ von Axel Stordahl, Paul Weston und Sammy Cahn. Es folgen „Spring Is Here“ von Richard Rodgers und Lorenz Hart sowie „Who Can I Turn To“ von Anthony Newley und Leslie Bricusse. Drei unterschiedliche Songvorlagen geben dem Trio seine Ausgangspunkte. Die bekannte Herkunft des Materials kann beim Hören Orientierung schaffen: Eine Melodie bleibt als Bezug bestehen, während Phrasierung, harmonische Gewichtung und das Gespräch zwischen den Instrumenten neue Perspektiven eröffnen.
„Make Someone Happy“, geschrieben von Jule Styne, Betty Comden und Adolph Green, eröffnet die zweite Seite. Danach folgt „Solo – In Memory of His Father Harry L. Evans, 1891–1966“. Evans‘ Vater war wenige Tage vor dem Konzert gestorben; die Albumwidmung nennt ihn ausdrücklich. Diese Information erklärt den Anlass der Widmung, ohne jede musikalische Einzelheit psychologisch festlegen zu müssen. Die Aufnahme lässt sich sowohl als persönlich gewidmetes Stück als auch als bewusst gegliederte musikalische Form betrachten.
Die rund dreizehn Minuten lange Solofolge besteht aus „Prologue“, „Improvisation on Two Themes: Story Line – Turn Out the Stars“ und „Epilogue“. Der mittlere Abschnitt verbindet zwei thematische Bezugspunkte innerhalb einer Improvisation. „Turn Out the Stars“ war bereits zuvor entstanden; es wäre daher ungenau, die Komposition ausschließlich als unmittelbare Reaktion auf den Tod des Vaters zu beschreiben. Hier wird vorhandenes musikalisches Material in den Zusammenhang einer Widmung gestellt. Gerade diese Unterscheidung macht die Geschichte präziser und lässt der Musik ihre eigene zeitliche Entwicklung.
Die vier Triointerpretationen und die Suite ergeben zusammen eine klar profilierte Albumfolge. Das Solo steht nicht als verstreuter Zusatz am Rand, sondern bildet einen großen zusammenhängenden Abschluss. Für ein konzentriertes Hören bietet sich an, ihm diesen Zusammenhang zu lassen und die Abschnitte als Teile eines Verlaufs wahrzunehmen. Ein Prolog eröffnet, zwei Themen werden improvisatorisch behandelt, ein Epilog schließt ab. Die Titel geben dabei Orientierung, ohne die Bedeutung jeder Passage auf eine einzige Lesart zu beschränken.
Die Acoustic-Sounds-Series-Ausgabe
Diese Stereo-LP mit 33⅓ Umdrehungen gehört zur Acoustic Sounds Series und trägt die Bestellnummer AVER 78101. Ryan K. Smith bei Sterling Sound übernahm das Mastering von den originalen Analogbändern. Gepresst wird die 180-Gramm-LP bei Quality Record Pressings; die aufwendig gefertigte Tip-on-Klapphülle stammt von Stoughton Printing. Die Herstellung ist damit über konkrete Namen und Stationen beschrieben. Das hilft, diese Veröffentlichung innerhalb der vielfältigen Evans-Diskografie und ihrer unterschiedlichen Neuauflagen eindeutig einzuordnen.
Eine einzelne LP erhält den Ablauf in zwei größeren Abschnitten. Die drei Standards der ersten Seite führen nach dem Umdrehen zu „Make Someone Happy“ und der vollständigen Solofolge. Das 33⅓-Format passt damit zu einer Hörweise, die dem längeren Zusammenhang Raum lässt und mit einem Seitenwechsel auskommt. Ein pauschales Klangurteil gegenüber anderen Ausgaben folgt daraus nicht. Entscheidend sind hier zunächst das dokumentierte Mastering, die konkrete Fertigung und die erhaltene Zusammenstellung dieses Albums.
At Town Hall, Volume One zeigt Bill Evans mit zwei genau benannten Partnern und anschließend ganz allein am Instrument. Darin liegt seine besondere Stellung: ein Konzertdokument, das die Kommunikation im Trio und die Geschlossenheit einer persönlichen Solowidmung zusammenbringt. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir übernehmen den US-Import und versenden aus Hilden. Für Musikliebhaber, die Evans‘ Werk über seine berühmtesten Trioaufnahmen hinaus verfolgen möchten, bietet diese Platte einen präzisen und musikalisch reichen Ansatzpunkt.
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Künstlerseite: Alle Titel von Bill Evans
Serie: Verve – alle 34 Platten: Stimmen, Orgel und Bossa Nova
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Bill EvansPorträtvorlage 1964KlavierMitwirkung: Alle Titel
- Chuck IsraelsKontrabassMitwirkung: A1–A3, B1; nicht im Solo B2
- Arnold WiseSchlagzeugMitwirkung: A1–A3, B1; nicht im Solo B2
Vier Triostücke und die mehrteilige Solo-Suite B2. Aufnahme 21.02.1966, Town Hall, New York. Konzertproduktion laut konkreter Pressungsakte: Creed Taylor und Helen Keane. Das Orchester der zweiten Konzerthälfte spielt nicht auf dieser Original-LP; keine CD-Bonustitel.








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