Sieben Musiker und eine lange gemeinsame Nacht
All Night Long gehört zu den Prestige-Aufnahmen, bei denen schon die Besetzung Lust auf das Gespräch macht. Kenny Burrell an der Gitarre trifft auf Donald Byrds Trompete, Hank Mobleys Tenorsaxofon und Jerome Richardson an Flöte und Tenorsaxofon. Mal Waldron, Doug Watkins und Art Taylor bilden mit Klavier, Kontrabass und Schlagzeug die Rhythmusgruppe. Sieben Musiker sind versammelt, doch die Platte braucht keine große orchestrale Geste. Ihr Ausgangspunkt sind überschaubare Formen, die genügend Raum für unterschiedliche Stimmen lassen. Der Titel ist damit auch eine passende Einladung: Man darf sich Zeit für diese Gesellschaft nehmen.
Die Session fand am 28. Dezember 1956 bei Rudy Van Gelder in Hackensack statt. Prestige veröffentlichte das Album 1957 als Aufnahme der „Prestige All Stars“ unter der Nummer 7073. Spätere Ausgaben stellten Kenny Burrell als Hauptkünstler heraus. Das erklärt, weshalb dieselbe Musik in Katalogen unter verschiedenen Künstlerzeilen auftauchen kann. Es sind keine zwei unterschiedlichen Sessions, sondern verschiedene Arten, eine gemeinsame Aufnahme zu präsentieren. Burrells Rolle ist wichtig, doch der ursprüngliche All-Stars-Name passt zum Charakter eines Albums, dessen Reiz gerade aus der Begegnung mehrerer eigenständiger Musiker entsteht.
Die Gitarre verleiht der Besetzung eine zusätzliche Farbe. Zwischen Trompete, Saxofonen und Klavier steht ein Instrument, dessen Töne anders ansetzen und ausklingen. Richardson erweitert die Möglichkeiten außerdem um die Flöte. Das macht die Gruppe vielfältiger als ein gewöhnliches Quintett, ohne sie schon in die Welt einer Big Band zu verschieben. Beim Hören lohnt es sich, nicht nur die Solistenfolge zu beachten, sondern auch die Veränderungen der Textur: Welche Stimme bringt eine andere Leichtigkeit hinein? Wie verändert ein gezupfter Ton das Verhältnis zu einer geblasenen Linie? Die Besetzung selbst eröffnet bereits viele Wege durch die Musik.
Für Burrell war 1956 ein entscheidendes Jahr. Nach seinem Abschluss an der Wayne State University 1955 und einer Zeit bei Oscar Peterson zog der aus Detroit stammende Gitarrist nach New York; auch seine ersten Blue-Note-Aufnahmen entstanden 1956. All Night Long gehört damit in die frühe New Yorker Phase eines Musikers, der seine musikalische Ausbildung und die Erfahrungen der Detroiter Szene in einen größeren Kreis neuer Partner einbrachte. Die Begegnung bei Prestige steht mitten in dieser Erweiterung seines Arbeitsfeldes.

Kenny Burrell und seine Partner
Kenny Burrell kann hier sowohl als Solist als auch als verbindende Stimme zwischen den anderen Instrumenten wahrgenommen werden. Eine Gitarre besitzt die Möglichkeit, melodisch zu erzählen und zugleich harmonisch zu begleiten. In einer Gruppe, die außerdem ein Klavier enthält, ist diese doppelte Rolle besonders interessant. Burrell und Mal Waldron müssen nicht dieselben Räume füllen. Ihre unterschiedlichen Tonverläufe und Anschläge können einander ergänzen oder bewusst Platz lassen. Man kann einer Aufnahme wie dieser deshalb mehrfach folgen und jedes Mal eine andere Beziehung innerhalb der Band in den Vordergrund stellen.
Donald Byrd und Hank Mobley bringen zwei weitere markante Stimmen hinzu. Trompete und Tenorsaxofon sind vertraute Partner im Hard Bop, doch mit Richardson steht noch ein Musiker bereit, der die Bläserfarben erweitert. Die Credits nennen bei ihm Flöte und Tenorsaxofon; daraus sollte man nicht ableiten, dass beide Instrumente auf jedem Titel erklingen. Für den Zugang zum Album genügt zunächst die Kenntnis dieser Möglichkeiten. Die konkrete Klangfarbe einer Passage gehört zum Vergnügen des Entdeckens. Die Gruppe bleibt auch dann eine gemeinsame Band, wenn einzelne Stimmen unterschiedlich stark hervortreten.
Doug Watkins und Art Taylor tragen das Fundament. Ihre Arbeit ist besonders auf der langen ersten Seite unverzichtbar: Ein gemeinsamer Puls muss bestehen bleiben, während die Aufmerksamkeit von Musiker zu Musiker wandert. Waldron gehört dabei zugleich zur harmonischen Begleitung und zu den Autoren des Programms. Diese Überlagerung der Rollen ist typisch für den Reiz der Aufnahme. Komponist, Begleiter und Solist sind keine streng getrennten Ämter. Ein Musiker kann die Form bereitstellen, innerhalb ihrer Möglichkeiten selbst erzählen und später einem anderen helfen, darin eine eigene Richtung zu finden.

Eine Seite für Burrell, drei Stücke als Gegenüber
Kenny Burrells All Night Long nimmt die gesamte erste LP-Seite ein. Der Herausgeber beschreibt die Form als Blues mit einem zusätzlichen Mittelteil. Entscheidend ist dabei die Verbindung von Wiedererkennbarkeit und Erweiterung: Ein vertrauter Rahmen gibt Halt, ohne den Verlauf auf eine einzige gleichförmige Bewegung festzulegen. Die lange Darbietung erlaubt den Musikern, ihre Aussagen nicht nur anzudeuten. Für Hörer ist das eine Einladung, den Blick zwischen Solist und Ensemble wechseln zu lassen. Ein interessantes Detail muss nicht immer im Vordergrund liegen; auch die Antwort auf eine Phrase kann eine neue Richtung eröffnen.
Auf der zweiten Seite folgt zunächst Hank Mobleys Boo-Lu, anschließend Mal Waldrons Flickers und zuletzt Mobleys Li’l Hankie. Diese drei Kompositionen bilden einen abwechslungsreichen Gegenpol zur ausgedehnten ersten Seite. Waldron arbeitet bei Flickers mit einer sechzehntaktigen Form, während Mobleys beiden Beiträge auf vertrauten zweiunddreißigtaktigen Harmoniefolgen beruhen. Man muss diese Takte nicht mitzählen, um die Unterschiede zu genießen. Die Angaben zeigen jedoch, wie bewusst das Programm zwischen einem ausgedehnten Titelstück und kompakteren musikalischen Ausgangspunkten wechselt. Einfachheit der Form bedeutet hier Spielraum für die Ausführung.
Nicht zu verwechseln ist das Album mit All Day Long, das eine Woche später, am 4. Januar 1957, aufgenommen wurde. Dort stehen Frank Foster und Tommy Flanagan in der Besetzung; es ist nicht einfach dieselbe Gruppe unter einem anderen Tageszeit-Titel. Auch spätere CD-Ergänzungen gehören nicht automatisch auf diese LP. Hier bleibt es bei den vier Stücken des ursprünglichen Albums. Für Sammler ist gerade diese Abgrenzung hilfreich: Die Verbindung zwischen verwandten Sessions lässt sich verfolgen, ohne ihre Programme, Musiker oder Ausgaben ineinanderzuschieben. Jede der Aufnahmen behält so ihr eigenes Profil.
Die Prestige-Mono-Ausgabe von Analogue Productions
Die vorliegende LP trägt die Katalognummer APRJ 7073. Sie gehört zur Prestige-Mono-Reihe von Analogue Productions; der Herausgeber nennt Kevin Gray für den Schnitt von analogen Masterbändern und Quality Record Pressings für die Pressung. Die aktuelle Ausgabe wird als 180-Gramm-Schallplatte mit hochglänzender Tip-on-Hülle beschrieben. Das vierteilige Originalprogramm bleibt der Kern der Veröffentlichung. Die Hülle und die eine, auf zwei Seiten verteilte Schallplatte geben dem weit gespannten Titelstück und seinen drei Gegenstücken einen übersichtlichen Rahmen. Für Burrell-Sammler ebenso wie für Freunde der Prestige-All-Stars-Sessions bleibt gerade diese ursprüngliche Zusammenstellung ein reizvoller Ausgangspunkt, um die Beziehungen innerhalb der Besetzung zu verfolgen.
Bei 33⅓ Umdrehungen bleibt das lange Titelstück zusammenhängend auf einer Seite. Das passt besonders gut zum offenen Charakter einer solchen Session. Ein Solo kann in das nächste übergehen, ohne dass ein zusätzlicher Seitenwechsel die gemeinsame Bewegung unterbricht. Die Rückseite liefert anschließend drei andere Formen und damit einen natürlichen Perspektivwechsel. Für Hörer, die das Album gern als Ganzes erleben, ist diese Anlage ein nachvollziehbarer Vorzug der einzelnen LP. Die beiden Seiten sind keine zufälligen Behälter für vier Titel, sondern zwei unterschiedlich proportionierte Abschnitte einer gemeinsamen musikalischen Begegnung.
Die Monoaufnahme bündelt sieben Musiker in einem gemeinsamen Klangbild. Umso lohnender ist es, auf Unterschiede in Tonansatz, Register und Ausklang zu achten: die Gitarre neben dem Klavier, die Flöte gegenüber den Saxofonen, die Trompete über dem beweglichen Fundament. All Night Long bietet dafür genügend Zeit und genügend unterschiedliche Persönlichkeiten. In einer Sammlung kann die Platte von Burrell aus erschlossen werden, von Mobley oder Byrd, ebenso von Waldrons Arbeit als Pianist und Komponist. Ihr besonderer Charme liegt darin, dass keiner dieser Zugänge die anderen ausschließt. Die Band ist der Zusammenhang, in dem alle diese Stimmen ihren Platz finden.
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Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Doug WatkinsKontrabassMitwirkung: Album-Besetzung
- Art TaylorSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
- Jerome RichardsonFlöte, TenorsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- Kenny BurrellGitarreMitwirkung: Album-Besetzung
- Mal WaldronKlavierMitwirkung: Album-Besetzung
- Hank MobleyTenorsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- Donald ByrdTrompeteMitwirkung: Album-Besetzung
Albumcredits: Jerome Richardson ist mit Flöte und Tenorsaxofon genannt; eine instrumentgenaue Zuordnung zu jedem Titel ist nicht belegt. LP-Reihenfolge: All Night Long, Boo-Lu, Flickers, Li’l Hankie.














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