Eine Stimme mit einem ganzen Orchester im Rücken
Sarah Vaughan kann eine Melodie weit auslegen, ohne ihren inneren Zusammenhang zu verlieren. Sie verändert die Farbe eines Tons, setzt eine Silbe gegen den erwarteten Akzent oder lässt eine Linie länger atmen. Auf Send in the Clowns trifft diese Freiheit auf die präzise Organisation eines großen Jazzorchesters. Das Spannende liegt zwischen beiden: Eine individuelle Gesangsstimme bewegt sich durch Arrangements, die ihr Antworten geben, Kontraste setzen und den nächsten Einsatz vorbereiten.
Gemeint ist hier das 1981 erschienene Pablo-Album mit dem Count Basie Orchestra, nicht Vaughans gleichnamige Mainstream-Veröffentlichung von 1974. Norman Granz produzierte die Aufnahmen in Los Angeles. Die Unterscheidung ist mehr als Katalogpflege: Unter demselben Titel verbergen sich zwei unterschiedliche musikalische Projekte. Diese Platte führt Vaughan zurück in eine große Swingbesetzung und verbindet das vertraute Songrepertoire mit einem ihrer späteren Signaturstücke.

Basies Orchester – aber nicht Basie am Klavier
Der Name der Band verführt zu einer naheliegenden Annahme. Den Klavierpart spielt hier jedoch George Gaffney, nicht Count Basie. Mit Bassist Andrew Simpkins und Schlagzeuger Harold Jones bringt Vaughan ihr damaliges Arbeitstrio mit. Die Sängerin steht also nicht allein vor einer fremden Begleitung. Ein eingespielter musikalischer Kern begegnet dem Orchester, dessen Gitarrist Freddie Green eine weitere unverwechselbare Stimme beisteuert.
Sammy Nestico und Allyn Ferguson schrieben die Arrangements. Fürs Hören ist das ein schöner Ansatzpunkt: Nicht jede Bläserfigur dient dazu, eine Gesangspause einfach auszufüllen. Ein kurzer Einsatz kann eine Aussage zuspitzen, eine harmonische Wendung vorbereiten oder die Energie zwischen zwei Zeilen verändern. Vaughans Freiheit bekommt dadurch Kontur. Gerade das Verhältnis zwischen ihrer beweglichen Phrasierung und den gemeinsam gesetzten Orchesterakzenten macht diese Besetzung interessant.

Von einem frühen Erfolg zum späten Titelstück
„If You Could See Me Now“, von Tadd Dameron und Carl Sigman, führt weit in Vaughans Laufbahn zurück. Der Song gehörte bereits zu ihren frühen Erfolgen. Auf einem Album von 1981 wird er zum Wiedersehen mit bekanntem Material: dieselbe Komposition, aber eine Interpretin mit Jahrzehnten zusätzlicher Erfahrung. Das muss man nicht als nostalgischen Rückblick hören. Spannender ist die Frage, wie viel Spielraum eine vertraute Melodie noch bietet.
„Send in the Clowns“ kommt aus einer anderen Welt. Stephen Sondheim schrieb es für das Musical A Little Night Music von 1973. Vaughan stellt den Theatersong zwischen Jazzstandards, ohne ihn auf eine bloße Zugabe zu reduzieren. Mit mehr als sechs Minuten ist er die längste Aufnahme der LP. Die Geschichte des Albums führt dadurch nicht nur zurück; sie zeigt auch, wie neues Repertoire in eine bereits ausgeprägte musikalische Sprache aufgenommen werden kann.
Zehn Songs, viele Möglichkeiten der Betonung
Harold Arlen und Ted Koehler sind mit „I Gotta Right to Sing the Blues“ und „Ill Wind“ vertreten. Hinzu kommen unter anderem „Just Friends“, „All the Things You Are“ und Cole Porters „From This Moment On“. Diese Titel sind nicht bloß sichere Standards für eine große Stimme. Jeder stellt andere Anforderungen an den melodischen Bogen und daran, wie sich Text, Rhythmus und Begleitung zueinander verhalten.
Vaughan hatte schon 1958 und 1961 mit dem Basie-Orchester aufgenommen. Das spätere Zusammentreffen gewinnt durch diese Vorgeschichte an Tiefe, bleibt aber eigenständige Studioarbeit. Wer der Platte folgt, kann die Aufmerksamkeit abwechselnd auf die Sängerin und auf das Ensemble richten: erst eine Gesangsphrase wahrnehmen, dann die Reaktion darunter. So wird hörbar, wie eine Interpretation von beiden Seiten entsteht. Die Stimme erzählt; das Orchester bestimmt mit, welche Bedeutung ihre nächste Wendung bekommt.
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Beteiligte Musiker
Dokumentierte Auswahl der beteiligten Musiker. Die Besetzung kann je Titel wechseln; die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
- Sarah VaughanGesang
- George GaffneyKlavier
- Bobby PlaterAltsaxofon
- Danny TurnerAltsaxofon
- Eric DixonTenorsaxofon
- Kenny HingTenorsaxofon
- Johnny WilliamsBaritonsaxofon
- Sonny CohnTrompete
- Willie CookTrompete
- Frank SzaboTrompete
- Bob SummersTrompete
- Dale CarleyTrompete
- Dennis WilsonPosaune
- Grover MitchellPosaune
- Bill HughesBassposaune
- Freddie GreenGitarre
- Harold JonesSchlagzeug














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