Zwei Generationen finden einen gemeinsamen Ton
Benny Carter und Dizzy Gillespie müssen ihre Unterschiede nicht verbergen, um miteinander Musik zu machen. Carters Altsaxofon und Gillespies Trompete bringen eigene Arten der Artikulation und unterschiedliche historische Erfahrungen mit. Der eine zählt zu den großen Gestaltern der Swing-Ära, der andere zu den prägenden Figuren des Bebop. Auf Carter, Gillespie, Inc. begegnen sie sich nicht als Vertreter zweier Lehrbücher, sondern als Musiker mit einem gemeinsamen Repertoire und Lust am Austausch.
Die Aufnahme entstand an einem einzigen Tag, dem 27. April 1976, in den RCA Studios in Los Angeles. Norman Granz produzierte für Pablo. Tommy Flanagan am Klavier, Joe Pass an der Gitarre, Al McKibbon am Bass und Mickey Roker am Schlagzeug vervollständigen das Sextett. Diese Besetzung macht bereits deutlich, dass hinter den beiden Namen auf dem Cover keine anonyme Begleitgruppe steht.

„A Night in Tunisia“ schließt einen Kreis
Eine besonders schöne Verbindung liegt im letzten Stück des Albums. Gillespie schrieb „A Night in Tunisia“ 1942, als er in Benny Carters Band spielte. Hier kommen beide mehr als drei Jahrzehnte später zu dieser Komposition zurück. Das ist keine bloße Wiederholung eines bekannten Jazzstandards: Die gemeinsame Aufnahme stellt einen persönlichen Zusammenhang zwischen den Musikern und der Entstehungszeit des Stücks her.
Auch Al McKibbon gehört zu dieser Vorgeschichte. Er hatte bereits 1947 und 1948 in Gillespies Bigband Bass gespielt. Solche Verbindungen verleihen dem Sextett Tiefe, ohne dass man die Musik als nostalgisches Klassentreffen hören muss. Erfahrung kann die Verständigung erleichtern und zugleich Raum dafür schaffen, einen längst bekannten Song im gegenwärtigen Zusammenspiel neu zu gewichten.

Nicht nur die berühmten Standards
„Sweet and Lovely“ und „Broadway“ eröffnen das Album. Daneben stehen Carters „The Courtship“ und Gillespies „Constantinople“, zwei Kompositionen, die weniger häufig im Mittelpunkt stehen als „A Night in Tunisia“. Gerade sie machen das Programm interessant: Beide Hauptmusiker bringen nicht nur ihre Instrumente mit, sondern auch eigenes Material. Das Album würdigt ihre kompositorische Persönlichkeit ebenso wie ihre Art zu improvisieren.
„Nobody Knows the Trouble I’ve Seen“ erweitert den Blick um ein traditionelles Stück. Zwischen solchen unterschiedlichen Vorlagen entsteht ein Zusammenhang durch die Spieler, nicht durch eine einheitliche Herkunft der Songs. Die längeren Darstellungen geben Gelegenheit, zunächst die Melodie aufzunehmen und anschließend zu beobachten, wie sich die Gewichte verschieben. Ein Solist kann nach vorn treten, während die Begleitung bereits eine andere Farbe vorbereitet.
Vier Mitspieler, die mehr als begleiten
Flanagan und Pass bilden eine besonders reizvolle Kombination. Klavier und Gitarre können harmonisch ähnliche Aufgaben übernehmen, doch Anschlag, Register und Ausklingen unterscheiden sich. Es lohnt sich, darauf zu achten, wann ein Instrument Raum lässt und wann es eine eigene Linie beisteuert. McKibbon und Roker halten darunter die Bewegung zusammen, ohne die unterschiedlichen Stimmen auf einen einheitlichen Ausdruck festzulegen.
Pablo gab unter Norman Granz auch solchen Begegnungen erfahrener Musiker einen Ort, als andere Entwicklungen längst die Schlagzeilen bestimmten. Carter, Gillespie, Inc. ist deshalb weder ein nachträgliches Denkmal noch eine Zusammenstellung alter Aufnahmen. Es dokumentiert konkrete neue Studioarbeit aus dem Jahr 1976. Der Reiz liegt im lebendigen Verhältnis zwischen Vertrautheit und Reaktion: Man erkennt musikalische Persönlichkeiten, aber man hört sie nicht allein. Sie verändern die Situation füreinander – und genau daraus entsteht das Vergnügen dieser Platte.
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Pablo – alle 30 Platten, Musiker und das Sessionbuch
Beteiligte Musiker
Besetzung anhand der Albumquellen abgeglichen.
- Dizzy GillespieTrompete
- Benny CarterAltsaxofon
- Tommy FlanaganKlavier
- Joe PassGitarre
- Al McKibbonBass
- Mickey RokerSchlagzeug













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