Ein vertrautes Sextett, ein anderer Nachmittag
Miles Davis, John Coltrane, Cannonball Adderley, Bill Evans, Paul Chambers und Jimmy Cobb: Bei diesen Namen denkt man schnell an „Kind of Blue“. „Birth of the Blue“ führt jedoch in das Jahr davor. Die vier Aufnahmen stammen von der Session am 26. Mai 1958 im Columbia 30th Street Studio in New York. Es sind keine übrig gebliebenen Takes aus den berühmten Sessions von 1959.
Das ist mehr als eine diskografische Feinheit. Man kann hier einem vertrauten Ensemble in einem anderen Repertoire begegnen, ohne jede Phrase bereits auf das spätere Album beziehen zu müssen. Die Musiker brauchen keinen historischen Heiligenschein, damit ihr Zusammenspiel interessant wird. Vier Stücke reichen, um unterschiedliche Gewichte, Temperamente und Formen des Zuhörens innerhalb der Gruppe zu verfolgen.

Warum diese vier Stücke lange kein eigenes Album waren
Drei Aufnahmen der Session erschienen auf der zweiten Seite von „Jazz Track“. Die erste Seite gehörte der in Paris aufgenommenen Musik zu „Ascenseur pour l’échafaud“. Auf einer einzigen LP trafen damit zwei sehr unterschiedliche Aufnahmesituationen zusammen. „Love for Sale“ blieb wegen seiner Länge von mehr als elf Minuten zunächst außerhalb dieses Programms. Die spätere Zusammenfassung aller vier Stücke korrigiert also keine fehlende Session, sondern eine über verschiedene Veröffentlichungen verteilte Präsentation.
Das macht „Birth of the Blue“ für Sammler besonders sinnvoll: „On Green Dolphin Street“, „Fran-Dance“, „Stella by Starlight“ und „Love for Sale“ stehen hier zusammen, ohne dass man zwischen dem New Yorker Sextett und dem Pariser Soundtrack wechseln muss. Der Anlass ist derselbe Nachmittag im Mai 1958, produziert von Cal Lampley, nicht der nachträglich berühmter gewordene Albumtitel von 1959.
Auch die oft verwendete Kurzform „die Kind-of-Blue-Besetzung“ braucht eine kleine Präzisierung. Bill Evans sitzt bei diesen vier Aufnahmen am Klavier; auf „Kind of Blue“ spielt jedoch Wynton Kelly bei „Freddie Freeloader“. Die personelle Nähe ist groß, aber nicht gleichbedeutend mit vollständiger Identität jeder einzelnen Aufnahme. Solche Unterschiede machen das Wiederhören interessanter: Dieses Sextett muss nicht bloß als Vorstufe eines späteren Meisterwerks dienen, sondern verdient Aufmerksamkeit für sein eigenes Repertoire und seinen eigenen Tag im Studio.

Ein Album neben Kind of Blue
„Birth of the Blue“ braucht weder als Konkurrenz noch als verkleinerter Ersatz für „Kind of Blue“ verstanden zu werden. Interessanter ist die Nachbarschaft: ähnliche Musiker, ein anderer Anlass, ein anderer Verlauf. Wer die berühmtere Platte gut kennt, bringt Vertrautheit mit; wer hier beginnt, kann die Session auch ohne Vorwissen entdecken. Der spätere Ruhm erklärt die Besetzung, aber er nimmt der Musik nicht ihre Gegenwart.
Diese Ausgabe
Analogue Productions · AAPJ 172-45 · 2 LPs · je 180 g Vinyl · 45 RPM · Quality Record Pressings (QRP). Stoughton-Tip-on-Gatefold. Je ein Stück pro Seite: „On Green Dolphin Street“, „Fran-Dance“, „Stella by Starlight“, „Love for Sale“. Diese Fassung ist die reguläre 45-RPM-Ausgabe, nicht die separat angebotene blaue Vinylvariante.
Im Magazin: Miles Davis: Eine Geschichte in Platten
Auch als SACD: Birth Of The Blue
Künstlerseite: Alle Titel von Miles Davis
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Dokumentierte Auswahl der beteiligten Musiker. Die Besetzung kann je Titel wechseln; die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Cannonball Adderley setzt bei „Stella by Starlight“ aus. Die übrigen fünf Musiker spielen auch auf diesem Titel. Die musikalischen Angaben gelten für beide angebotenen Ausgaben.
- Miles DavisTrompete
- Bill EvansKlavier
- John ColtraneTenorsaxofon
- Cannonball AdderleyAltsaxofon
- Paul ChambersKontrabass
- Jimmy CobbSchlagzeug













Rezensionen
Es gibt noch keine Rezensionen.