Drei Sessions auf dem Weg zu einer eigenen Sprache
Lush Life trägt den Namen einer großen Ballade, erzählt aber mehr als die Geschichte einer einzigen Aufnahme. Prestige veröffentlichte das Album 1961 aus Material dreier Sessions von 1957 und 1958. John Coltranes Arbeit für das Label lag da bereits zurück. Die Zusammenstellung führt deshalb nicht durch einen geschlossenen Studiotag, sondern durch verschiedene Besetzungen und musikalische Situationen einer besonders bewegten Phase. Gerade das macht ihren Reiz aus: Derselbe Tenorsaxofonist erscheint im offenen Trio, im Quartett mit Klavier und schließlich in einem Quintett, das sich dem anspruchsvollen Titelstück widmet.
Den frühesten Termin bildet der 31. Mai 1957. Aus dieser Session stammt I Hear A Rhapsody, mit Red Garland am Klavier, Paul Chambers am Kontrabass und Albert „Tootie“ Heath am Schlagzeug. Am 16. August desselben Jahres entstehen drei Stücke mit Earl May und Arthur Taylor: ein Trio ohne Klavier. Der dritte Termin, der 10. Januar 1958, bringt Donald Byrd, Garland, Chambers und Louis Hayes mit Coltrane zusammen. Alle drei Aufnahmetage führen nach Hackensack zu Rudy Van Gelder. Die wechselnden Namen sind hier keine Fußnote, sondern der Schlüssel zum Aufbau des Albums.
Die veröffentlichte Reihenfolge folgt dabei nicht der Chronologie. Zuerst begegnet man dem Trio, danach dem Quintett des Titelstücks und schließlich der früheren Quartettaufnahme. So lässt sich das Album als Folge unterschiedlicher Räume für dieselbe Stimme hören. Das Saxofon muss einmal mehr von der harmonischen Bewegung selbst sichtbar machen, kann sich ein anderes Mal auf Garlands Akkorde beziehen und erhält mit Byrds Trompete eine zweite Bläserperspektive. Für Sammler ist diese Entstehungsgeschichte ebenso wichtig wie der berühmte Titel: Lush Life ist ein bewusst wahrzunehmendes Archivbild mehrerer Sessions, keine nachträglich erfundene Einheit.

Wenn zwischen Saxofon, Bass und Schlagzeug Platz bleibt
Like Someone In Love, I Love You und Trane’s Slow Blues gehören zusammen. Coltrane, Earl May und Arthur Taylor bilden auf diesen ersten drei Titeln die vollständige Besetzung. Es fehlt kein versehentlich aus den Credits gerutschtes Klavier; die Aufnahme lebt gerade von diesem Verzicht. Zwischen den Linien des Tenors und dem Bass liegt mehr harmonischer Raum. Das Saxofon kann die Akkordbewegung umspielen und andeuten, während May ihre Richtung mitträgt. Taylors Schlagzeug hält das Geschehen zusammen, ohne eine zusätzliche Akkordfläche zu schaffen.
Die beiden Standards am Anfang bieten dafür gut erkennbare Ausgangspunkte. Wer die Melodie im Ohr behält, kann verfolgen, wie Coltrane sich von ihr entfernt und an welchen Stellen ihre Konturen erneut auftauchen. Der Blick auf die Besetzung verändert das Hören: Was in einem Quartett als Reaktion auf einen Klavierakkord wahrgenommen würde, muss hier aus dem Zusammenhang zwischen drei Stimmen entstehen. Es lohnt sich, nicht nur die Dichte der Tenorlinien zu beachten, sondern die Antworten im Bass und die kleinen Verschiebungen des Schlagzeugs.
Trane’s Slow Blues stellt anschließend eine andere Form zur Verfügung. Das Bluesgerüst gibt Orientierung, während die langsamere Bewegung die einzelnen Gesten stärker hervortreten lässt. Die drei Stücke bilden gemeinsam einen eigenständigen Schwerpunkt des Albums. Earl May sollte deshalb nicht hinter den prominenteren Namen der anderen Sessions verschwinden: Er ist der Bassist dieses gesamten Eröffnungsblocks, nicht Paul Chambers. Ebenso gehört Arthur Taylor genau hierher. Solche Zuordnungen helfen nicht nur beim Sammeln von Credits; sie machen hörbar, wie stark Coltranes jeweilige Umgebung die musikalischen Möglichkeiten verändert.

Billy Strayhorn, Donald Byrd und die Rückkehr des Klaviers
Mit Lush Life wechselt die Perspektive deutlich. Billy Strayhorns Komposition verlangt Aufmerksamkeit für eine ausgedehnte melodische und harmonische Anlage, die sich nicht auf ein rasch wiederholtes Thema reduzieren lässt. Die Aufnahme dauert knapp vierzehn Minuten. Donald Byrd tritt an der Trompete hinzu, Red Garland übernimmt das Klavier, Paul Chambers den Bass und Louis Hayes das Schlagzeug. Aus dem Trio wird ein Quintett, und plötzlich gibt es mehr Stimmen, an denen Coltrane seine Linien ausrichten kann. Das ist nicht bloß eine Vergrößerung der Band, sondern ein anderes Verhältnis zwischen Vordergrund und Begleitung.
Garland und Chambers verbinden diese Session zugleich mit vielen anderen wichtigen Prestige-Aufnahmen jener Jahre. Byrds Anwesenheit schafft dagegen eine besondere Farbe innerhalb dieses Albums: Seine Trompete ist ausschließlich dem Titelstück zugeordnet. Auch Hayes spielt hier nur auf dieser Nummer. Wer die Platte als durchgehendes Quintettalbum betrachtet, würde daher gleich mehrere Musiker an die falschen Stellen setzen. Die genaue Besetzung macht den Wechsel verständlich und lässt das lange Titelstück als eigenen Mittelpunkt hervortreten, statt die vorangegangenen Trioaufnahmen nur als Vorprogramm zu behandeln.
Den Abschluss bildet I Hear A Rhapsody, die zeitlich früheste Aufnahme des Albums. Coltrane spielt mit Garland, Chambers und Albert Heath im Quartett. Nach dem großen Titelstück ist das noch einmal eine veränderte Konstellation, diesmal ohne Trompete. Die drei Schlagzeuger Taylor, Hayes und Heath gehören damit zu drei klar voneinander abgegrenzten Situationen. Für eine Sammlung liegt darin ein besonderer Wert: Lush Life ergänzt die bekannten, als Einheit geplanten Coltrane-Alben um einen Blick auf Arbeitszusammenhänge und Übergänge. Seine Vielfalt gewinnt, wenn man die Zusammenstellung ernst nimmt und die einzelnen Sessions in ihrer Eigenart wahrnimmt.
Die Mono-LP: das Trio auf Seite A, neue Stimmen auf Seite B
Die hier angebotene Ausgabe APRJ 7188 von Analogue Productions präsentiert Lush Life auf einer einzelnen Mono-LP mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Kevin Gray betreute Mastering und Lackschnitt bei Cohearent Audio; die analogen Master sind laut Herausgeber die Quelle. Gepresst wird bei Quality Record Pressings. Die aktuelle Ausgabe ist mit 180 Gramm geführt und besitzt eine Tip-on-Hülle von Stoughton. Diese Angaben beziehen sich auf die LP, während die daneben existierende Hybrid-SACD einen eigenen Tonträger mit eigener Katalognummer bildet.
Gerade bei diesem Album erklärt die Seitenaufteilung einen Teil seiner Geschichte. Die erste Seite gehört vollständig dem klavierlosen Trio mit Earl May und Art Taylor. Nach dem Wenden treten im Titelstück Byrd, Garland, Chambers und Hayes hinzu; den Abschluss übernimmt das frühere Quartett mit Albert Heath. Der Wechsel von Seite A zu Seite B ist damit zugleich ein deutlicher Wechsel der musikalischen Umgebung. Die 33er-LP hält diesen Zusammenhang in zwei geschlossenen Hälften zusammen und lässt auch der fast vierzehnminütigen Titelnummer ihren ununterbrochenen Raum.
Die aktuelle Pressung wird als 180-Gramm-Ausgabe angeboten; abweichende Gewichte einzelner Exemplare sind dokumentiert. Daraus folgt keine allgemeine Zusage einer früheren 200-Gramm-Auflage oder einer Nummerierung. Für Sammler entscheidend sind die konkrete Mono-Fassung, Kevin Grays Bearbeitung und die bewahrte Albumfolge. Lush Life lässt sich so sowohl als vertrauter Coltrane-Titel als auch als sorgfältig zu betrachtendes Treffen mehrerer früher Besetzungen in die Sammlung stellen. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
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Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Earl MayKontrabassMitwirkung: A1, A2, A3
- Paul ChambersKontrabassMitwirkung: B1, B2
- Albert HeathSchlagzeugMitwirkung: B2
- Art TaylorSchlagzeugMitwirkung: A1, A2, A3
- Louis HayesSchlagzeugMitwirkung: B1
- Red GarlandKlavierMitwirkung: B1, B2
- John ColtraneTenorsaxofonMitwirkung: A1, A2, A3, B1, B2
- Donald ByrdTrompeteMitwirkung: B1
A1–A3: Trio mit Earl May und Art Taylor, 16. August 1957. B1: Quintett mit Byrd, Garland, Chambers, Hayes, 10. Januar 1958. B2: Quartett mit Garland, Chambers, Albert Heath, 31. Mai 1957. Alle Sessions: Hackensack.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Im direkten Vergleich mit Craft Small Batch hört Michael die Analogue-Productions-Ausgabe mit 33⅓ RPM wärmer und weniger analytisch. Die Unterschiede empfindet er als klein. Persönlich würde er wohl die AP mitnehmen, führt das aber auch auf seine Hörgewohnheiten zurück und erklärt ausdrücklich keinen eindeutigen Sieger. Die ältere AP-Ausgabe mit 45 RPM hat er hier nicht verglichen.
🎧 Review video: John Coltrane Lush Life: Craft vs. Analogue Production
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Carlos Julian –
There is something beautiful about Lush Life, don’t ask me to explain it, It’s not Blue Train, it’s not Giant Steps, it’s a different Coltrane. He creates a distinct and interesting listen and mood composed strictly of romantic lyricism. He is able to harness immense energy to create music of breathtaking beauty.
The standout track for me here is the nearly 14-minute long „Lush Life,“ featuring one of my favorite trumpeters Donald Byrd, rightfully considered one of Coltrane’s unrated masterpieces.
Carlos J. Martin, Spain
Carlos J. Martin –
There is something beautiful about Lush Life, don’t ask me to explain it, It’s not Blue Train, it’s not Giant Steps, it’s a different Coltrane. He creates a distinct and interesting listen and mood composed strictly of romantic lyricism. He is able to harness immense energy to create music of breathtaking beauty.
The standout track for me here is the nearly 14-minute long „Lush Life,“ featuring one of my favorite trumpeters Donald Byrd, rightfully considered one of Coltrane’s unrated masterpieces.