Jackie McLean sucht seinen eigenen Ton
Lights Out! führt zu einem jungen Jackie McLean, dessen musikalische Herkunft deutlich erkennbar ist und dessen eigene Stimme sich dennoch bereits bemerkbar macht. Das Altsaxofon steht in der Tradition Charlie Parkers: bewegliche Linien, eine ausgeprägte rhythmische Wachheit und die Fähigkeit, bekannte Harmonien immer wieder neu zu beleuchten. Doch McLeans Ton besitzt eine Spannung, die sich nicht einfach aus einer Schule ableiten lässt. Die leicht herbe Kante seines Spiels wird später zu einem seiner unverwechselbaren Merkmale. Hier begegnet sie uns innerhalb einer konzentrierten Quintettaufnahme, die den Blues ebenso ernst nimmt wie die Beweglichkeit des Bebop.
Die Session fand am 27. Januar 1956 bei Rudy Van Gelder in Hackensack statt. McLean war 24 Jahre alt, Charlie Parker noch kein Jahr tot. Diese zeitliche Nähe hilft, die Situation zu verstehen, ohne aus der Platte ein bloßes Dokument der Nachfolge zu machen. Die jungen Musiker mussten sich nicht zwischen vollständiger Abkehr und getreuer Wiederholung entscheiden. Eine eigene Persönlichkeit konnte sich gerade im vertrauten Vokabular entwickeln: durch die Farbe eines Tons, das Verschieben einer Phrase und die Art, einem Partner zu antworten. Lights Out! lässt diesen Prozess in einer kleinen, überschaubaren Besetzung verfolgen.
Donald Byrd an der Trompete ist dabei mehr als ein zweiter Solist. Beide Bläser kannten sich aus dem Umfeld des George Wallington Quintetts. Ihre gemeinsame Erfahrung macht den Dialog besonders interessant. Wo zwei Instrumente dieselbe Melodie tragen, muss die Musik nicht auf einen gleichförmigen Klang hinauslaufen. Alt und Trompete können sich aneinander reiben, einander bestätigen oder für einen Moment unterschiedliche Richtungen andeuten. Die Spannung zwischen Zusammenhalt und Eigenständigkeit ist ein guter Schlüssel zu dieser Aufnahme. Schon der Blick auf die Besetzung verspricht ein Gespräch zwischen erkennbaren Persönlichkeiten.

Elmo Hope und eine bewegliche Rhythmusgruppe
Elmo Hope am Klavier, Doug Watkins am Kontrabass und Art Taylor am Schlagzeug bilden das Fundament. Hope gehört zu jenen Pianisten, deren Namen in der Geschichte des modernen Jazz manchmal hinter den bekannteren Kollegen zurücktreten, obwohl eine Besetzungsliste mit ihm sofort Aufmerksamkeit verdient. Auf dieser Platte steht er zwischen zwei Bläsern mit sehr eigener Artikulation. Seine Akkorde und Linien können einen Verlauf befestigen oder ihm eine zusätzliche Perspektive geben. Wer beim erneuten Hören dem Klavier folgt, entdeckt daher eine andere Ordnung derselben Musik, als wenn die Aufmerksamkeit ausschließlich bei McLean bleibt.
Watkins und Taylor waren ebenfalls keine austauschbaren Begleiter. Ein Kontrabass sorgt in dieser Musik für harmonische Orientierung und Vorwärtsbewegung, doch die konkrete Platzierung seiner Töne bestimmt mit, wie sich eine Phrase anfühlt. Das Schlagzeug kann diese Bewegung verstärken, lockern oder mit einem kleinen Akzent neu gliedern. Die drei Rhythmusmusiker müssen dabei gleichzeitig aufeinander und auf die wechselnden Bläserstimmen reagieren. Das ist eine Aufgabe, die sich nicht vollständig in einem Arrangement festhalten lässt. Ein Teil der Attraktion solcher Prestige-Aufnahmen liegt gerade in dieser gemeinsamen Gestaltung des Augenblicks.
Das Label beschreibt bei McLean und Byrd eine Technik wechselseitiger, kurzer improvisierter Einwürfe. Man kann sich dem beim Hören als einer besonderen Form des Gesprächs nähern: Eine Aussage muss nicht lang sein, um eine Antwort herauszufordern. Mitunter ist es die knappe Figur, die eine neue Richtung eröffnet. Dazu braucht es eine Rhythmusgruppe, die das Geschehen trägt, ohne jede Lücke sofort zu schließen. Lights Out! bietet deshalb mehr als eine Reihenfolge von Themen und Soli. Interessant sind auch die Übergänge, das Weiterreichen eines Impulses und die Momente, in denen mehrere Stimmen gleichzeitig Bedeutung erhalten.

Eigene Stücke und ein Gershwin-Lied
Fünf der sechs Titel stammen aus dem Kreis der beiden Bläser. McLean steuert Lights Out, Up und Inding bei, Donald Byrd Lorraine und Kerplunk. Das Programm ist damit stark von den Musikern geprägt, die es auch spielen. Solche Eigenkompositionen schaffen einen gemeinsamen Ausgangspunkt, der genauer auf die Gruppe zugeschnitten sein kann als ein beliebig gewähltes Repertoirestück. Zugleich zeigen die Titel, dass die Bandleaderrolle nicht erst beim Solo beginnt. Sie umfasst die Auswahl des Materials und die Frage, welche musikalischen Situationen eine Band gemeinsam erkunden soll.
Auf der ersten Seite folgen Lights Out, Up und Lorraine aufeinander. Man kann diese Folge als Gelegenheit nutzen, die beiden Autoren innerhalb derselben Besetzung kennenzulernen. Nicht jeder Unterschied muss sofort einem Komponisten zugeschrieben werden; Tempo, Ausführung und die Reaktionen der Partner tragen ebenso viel bei. Gerade deshalb lohnt es sich, ein Thema nach den Soli noch einmal bewusst wahrzunehmen. Es erscheint dann nicht mehr als bloße Einleitung, sondern als Rahmen, dessen Möglichkeiten die Musiker gerade ausgeschritten haben. Der Rückweg zum Thema gehört zur Geschichte eines Stücks.
Die zweite Seite beginnt mit A Foggy Day von George und Ira Gershwin. Das Lied bringt einen vertrauten Bezugspunkt in ein ansonsten von Originalkompositionen bestimmtes Album. Danach stehen Byrds Kerplunk und McLeans Inding. Diese Mischung ist ein schöner Zugang für Hörer, die sich mit frühem Hard Bop vertrauter machen möchten. Der Standard liefert eine melodische Orientierung; die Eigenkompositionen zeigen, wie die Musiker ihren eigenen Arbeitsraum schaffen. Wer bereits mehrere McLean-Alben besitzt, kann außerdem verfolgen, wie sich seine Identität über unterschiedliche Pianisten und Besetzungen hinweg behauptet. Hier ist Elmo Hope ein wesentlicher Teil dieser besonderen Umgebung.
Prestige in Mono, mit Raum für die ganze Seite
Die vorliegende Wiederveröffentlichung von Analogue Productions trägt die Katalognummer APRJ 7035 und gehört zur Prestige-Mono-Reihe. Der Herausgeber nennt Kevin Gray für den Schnitt von analogen Masterbändern und Quality Record Pressings für die Pressung. In der aktuellen Beschreibung wird eine 180-Gramm-LP mit einer hochglänzenden Tip-on-Hülle ausgewiesen. So begegnet man McLeans frühem Prestige-Programm als eigenständiger LP mit sechs Stücken und seiner ursprünglichen Monoanlage. Gerade neben den späteren Blue-Note-Alben kann diese Platte in einer Sammlung eine reizvolle Verbindung herstellen: Die persönliche Stimme ist bereits da, und die Partner aus dem New Yorker Kreis um Wallington geben ihr einen anderen musikalischen Rahmen.
Die sechs Titel sind auf einer einzelnen Schallplatte mit 33⅓ Umdrehungen angeordnet. Drei Stücke bilden jeweils eine Seite. Diese Abfolge hat einen eigenen Wert: McLeans und Byrds Material bleibt in einem gut überschaubaren Zusammenhang, und der Seitenwechsel setzt vor dem Gershwin-Standard einen natürlichen Einschnitt. Eine solche LP lädt dazu ein, die Band über mehrere Stücke hinweg kennenzulernen, statt jede Darbietung als isolierten Vorführmoment zu betrachten. Für Musik, deren Reiz so stark von wiederkehrenden Partnern und kleinen Verschiebungen im Zusammenspiel lebt, ist das ein stimmiger Rahmen.
Mono richtet die Aufmerksamkeit auf die gemeinsame Mitte des Quintetts. Die interessante Frage ist nicht, wie weit links oder rechts ein Instrument erscheint, sondern wie sich die Stimmen in Tonansatz, Register und rhythmischer Bewegung unterscheiden. McLeans Alt, Byrds Trompete und Hopes Klavier bleiben dabei drei eigene Blickwinkel auf dieselben Stücke. Lights Out! ist deshalb eine lohnende Platte für Sammler, die die Entwicklung eines Künstlers über konkrete Begegnungen verstehen möchten. Sie zeigt einen frühen McLean, dessen Verbindung zu Parker deutlich bleibt, während seine eigene musikalische Handschrift bereits genügend Widerstand besitzt, um im Gedächtnis zu bleiben.
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Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Jackie McLeanAltsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- Doug WatkinsKontrabassMitwirkung: Album-Besetzung
- Art TaylorSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
- Elmo HopeKlavierMitwirkung: Album-Besetzung
- Donald ByrdTrompeteMitwirkung: Album-Besetzung
Titel- und Seitenangaben beziehen sich auf diese LP-Ausgabe.












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