Ein eigener Name über einer ungewöhnlichen Besetzung
Bei Gil Evans & Ten wird aus dem berühmten Arrangeur ein Bandleader mit eigener Plattenüberschrift. Die 1957 aufgenommenen Stücke bilden sein erstes Album unter eigenem Namen. Der Titel ist dabei eine kleine Besetzungsbeschreibung: Evans am Klavier und zehn weitere Musiker, deren Instrumente eine überraschend weit aufgefächerte Palette ergeben. Dies ist keine verkleinerte Standard-Bigband, bei der nur einige Pulte fehlen. Die Zusammenstellung folgt einer eigenen Idee von Farbe, Gewicht und Durchlässigkeit. Schon die Anwesenheit von Fagott und Horn weist darauf hin, dass hier andere Mischungen gesucht werden als die vertraute Gegenüberstellung von Saxofonsatz und Blech.
Evans’ Name ist eng mit der Kunst verbunden, einzelne Instrumente so zusammenzuführen, dass etwas Drittes entsteht. Ein tiefer Ton kann eine Melodie von unten beleuchten; eine schlanke Oberstimme kann einen dichten Akkord öffnen. Auf diesem Album lässt sich diese Denkweise in einer überschaubaren Formation verfolgen. Die Musik muss nicht ständig große Gesten machen, um orchestrale Möglichkeiten anzudeuten. Gerade der Unterschied zwischen einem Solisten und dem farblich gemischten Ensemble erhält Gewicht. Das Klavier des Leiters ist Teil dieses Gefüges, nicht bloß ein Begleitinstrument außerhalb der eigentlichen Anordnung.
Die Aufnahmegeschichte führt zu Rudy Van Gelder nach Hackensack, mit Bob Weinstock als Produzent. Die Sessions liegen im September und Oktober 1957. Bei einzelnen Datierungen weichen die Quellen voneinander ab; auch das genaue Erstveröffentlichungsjahr wird nicht überall gleich angegeben. Statt daraus eine künstliche Eindeutigkeit zu machen, bleibt die sichere zeitliche Verankerung die Aufnahme von 1957. Die ursprüngliche Prestige-Nummer lautet PRLP 7120. Später erschien das Material auch unter dem Titel Big Stuff. Es handelt sich dabei um dieselbe Albumwelt, nicht um ein zusätzliches unbekanntes Evans-Programm.

Steve Lacy, Lee Konitz und die Kunst gemischter Stimmen
Zu den besonders charakteristischen Stimmen gehört Steve Lacys Sopransaxofon. Seine hohe Lage erweitert die Möglichkeiten eines Ensembles, dessen ungewöhnliche Tiefenfarben ebenso wichtig sind. Lee Konitz spielt Altsaxofon und erscheint in den ursprünglichen Angaben auch unter dem Namen Zeke Tolin. Jimmy Cleveland ist an der Posaune beteiligt, Bart Varsalona an der Bassposaune. Willie Ruff bringt das Horn ein, Dave Kurtzer das Fagott. Mit solchen Stimmen kann Evans Linien und Akkorde bilden, deren Farbe nicht allein durch die Tonhöhe erklärt wird. Die Instrumentierung ist deshalb bereits eine musikalische Entscheidung, noch bevor ein einzelner Solist seinen eigenen Weg durch das Material sucht.
Jake Koven gehört zu den Trompetern; bei der ersten Trompetenstimme wechseln sich John Carisi und Louis Mucci nach Session beziehungsweise Titel ab. Auch am Schlagzeug gibt es einen Wechsel zwischen Jo Jones und Nick Stabulas. Paul Chambers spielt Kontrabass. Deshalb enthält die vollständige Albumliste mehr als elf Namen, obwohl der Titel „Evans und zehn“ eine Formation von elf Musikern beschreibt. Eine solche Liste darf nicht als gleichzeitige Maximalbesetzung missverstanden werden. Für „Remember“ sind Carisi und Jo Jones verzeichnet, für die übrigen Stücke Mucci und Stabulas. Die Besetzungswechsel bleiben im Musikerblock nachvollziehbar.
Diese Genauigkeit hilft beim musikalischen Verständnis. Evans arbeitet mit konkreten Stimmen, nicht mit austauschbaren Instrumentennamen. Konitz und Lacy bringen unterschiedliche Konturen ein; die tiefen Bläser können einen Satz erden, ohne ihn schwerfällig zu machen. Chambers verbindet diese orchestrale Palette mit der Beweglichkeit einer Jazzrhythmusgruppe. Die Arrangements und die Improvisationen stehen deshalb nicht in Konkurrenz. Ein Solo wächst aus einem Umfeld, dessen Klangfarbe zuvor bereits Erwartungen aufgebaut hat. Für neugierige Hörer ist das Album eine besonders schöne Gelegenheit, den Begriff Arrangement als lebendige musikalische Handlung zu verstehen.

Von Irving Berlin bis „Jambangle“
Das Programm beginnt mit Irving Berlins „Remember“. Auf der ersten Seite folgen „Ella Speed“ und Leonard Bernsteins „Big Stuff“. Schon diese Auswahl reicht über ein enges stilistisches Repertoire hinaus. Ein Song aus der amerikanischen Unterhaltungsmusik, ein Titel aus der Bluestradition und ein Stück mit anderer kompositorischer Herkunft werden durch Evans’ Behandlung zusammengeführt. Der Zusammenhang liegt nicht darin, alle Unterschiede wegzuarrangieren. Vielmehr zeigt sich, wie eine persönliche Orchesterhandschrift ganz verschiedenes Material aufnehmen kann. Die Melodien bleiben Bezugspunkte, während ihre Umgebung neue Perspektiven auf sie eröffnet.
Die zweite Seite setzt mit „Nobody’s Heart“ von Richard Rodgers und Lorenz Hart fort. „Just One of Those Things“ bringt Cole Porter ins Programm, „If You Could See Me Now“ verbindet sich mit Tadd Dameron und Carl Sigman. Der Abschluss gehört Evans’ „Jambangle“. Diese Zusammenstellung lässt sich als Gespräch zwischen Standards, Blues, zeitgenössischem Jazzsong und eigener Komposition lesen. Ein bekanntes Thema ist dabei keine Einschränkung der Fantasie. Es kann gerade deshalb ein guter Ausgangspunkt sein, weil seine Wiedererkennbarkeit die Veränderung von Klang, Gewichtung und Begleitung besonders deutlich werden lässt.
Die sieben Titel verteilen sich mit drei Stücken auf Seite A und vier auf Seite B. Für eine LP ist das ein konzentriertes, gut überschaubares Programm. Man kann einzelnen Instrumenten folgen, aber ebenso die Übergänge zwischen Solo und Ensemble oder die Wahl der tiefen Farben beachten. Eine bestimmte persönliche Hörwahrnehmung lässt sich daraus nicht im Voraus ableiten. Wohl aber bietet die Besetzung konkrete Anknüpfungspunkte für aufmerksames Hören. Gerade wer Evans hauptsächlich als Partner anderer Bandleader kennt, findet hier eine eigenständige Perspektive auf seine musikalische Vorstellungskraft und sein Verhältnis zum Repertoire.
Prestige Stereo auf einer sorgfältig betreuten LP
Diese Analogue-Productions-Ausgabe gehört zur Prestige-Stereo-Reihe und trägt die Nummer APRJ 7120. Kevin Gray verantwortet den Schnitt; Quality Record Pressings die Pressung, Gary Salstrom die Galvanik. Die aktuelle Ausgabe wird als 180-Gramm-LP mit 33⅓ Umdrehungen geführt und kommt in einer Tip-on-Hülle. Ältere 200-Gramm-Angaben beschreiben frühere Produktionsstände. Sie sind kein Grund, die aktuelle Gewichtsangabe zu überschreiben. Für die Einordnung einer Sammlerausgabe sind gerade solche Unterschiede nützlich: Album, konkrete Wiederveröffentlichung und einzelne Auflage sind miteinander verbunden, aber nicht dasselbe.
Der Herausgeber stellt den Stereo-Charakter dieser Vinylveröffentlichung besonders heraus. Das sollte nicht zu der Behauptung erweitert werden, zuvor habe es das Album überhaupt nie in Stereo gegeben: Bereits eine frühere SACD enthielt eine Stereofassung. Die relevante Unterscheidung betrifft die Schallplattenausgabe. Ebenso wenig ist die spätere Bezeichnung Big Stuff ein Hinweis auf andere Sessions. Sorgfältige Sammlertexte helfen, solche ähnlichen Namen und abweichenden Formate auseinanderzuhalten. Die Edition gewinnt ihren Wert durch die dokumentierte Herstellung und die konkrete musikalische Präsentation, nicht durch ein möglichst groß formuliertes Erstmaligkeitsversprechen.
Für den Plattenschrank ist Gil Evans & Ten ein reizvolles Bindeglied zwischen kleiner Jazzgruppe und orchestraler Vorstellungskraft. Es zeigt einen Leiter, der sich nicht über möglichst viele Musiker definiert, sondern über die Wahl ihrer Stimmen und die Beziehungen zwischen ihnen. Horn, Fagott, Sopransaxofon, tiefe Posaune und die bewegliche Basis um Paul Chambers bilden dafür ein eigenwilliges Ensemble. Wer Freude an Arrangements als eigenständiger Kunst hat, findet hier viel zu verfolgen. Diese LP stellt ein überschaubares Programm bereit, dessen musikalische Möglichkeiten weit über seine sieben Titel und seine scheinbar kleine Besetzung hinausweisen.
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Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Gil EvansPorträt: 1960er-JahreKlavier, Arrangement, LeitungMitwirkung: Album-Besetzung
- Steve LacyPorträt: 1965SopransaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- Lee KonitzPorträt: 1965AltsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- Jimmy ClevelandPorträt: 1965PosauneMitwirkung: Album-Besetzung
- Bart VarsalonaBassposauneMitwirkung: Album-Besetzung
- Willie RuffWaldhornMitwirkung: Album-Besetzung
- Dave KurtzerFagottMitwirkung: Album-Besetzung
- Jake KovenTrompete (2.)Mitwirkung: Album-Besetzung
- Paul ChambersPorträt: 1958KontrabassMitwirkung: Album-Besetzung
- John CarisiTrompete (1.)Mitwirkung: A1
- Jo JonesPorträt: 1959SchlagzeugMitwirkung: A1
- Louis MucciTrompete (1.)Mitwirkung: A2–B4
- Nick StabulasSchlagzeugMitwirkung: A2–B4
Bei „Remember“ spielen John Carisi und Jo Jones; die übrigen Titel nennen Louis Mucci und Nick Stabulas. Lee Konitz erscheint auf der Originalhülle als „Zeke Tolin“. Erster Sessiontag und einzelne Datumszuordnungen bleiben widersprüchlich.













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