Ein Tenor, der keine zweite Bläserstimme braucht
Der Titel Boss Tenor ist selbstbewusst, aber er bezeichnet zunächst etwas sehr Konkretes: Gene Ammons ist auf dieser Platte der einzige Bläser. Um sein Tenorsaxofon stehen Tommy Flanagans Klavier, Doug Watkins’ Kontrabass, Art Taylors Schlagzeug und Ray Barrettos Congas. Diese Besetzung gibt dem Album seinen Rahmen. Es braucht weder ein zweites Saxofon als Gegenüber noch einen großen Bläsersatz, um ein vielseitiges Programm zu tragen. Ammons kann zwischen Blues, Ballade, Swingstandard und Bebop wechseln, während die vier Begleiter unterschiedliche Möglichkeiten eröffnen, seine melodische Stimme zu stützen und zu beantworten.
Die fünf Musiker nahmen das Album am 16. Juni 1960 in Rudy Van Gelders Studio in Englewood Cliffs auf. Prestige veröffentlichte es als PRLP 7180. Damit gehört die Platte in eine Phase, in der Ammons seine Arbeit nach der ersten Haftzeit wieder aufnahm; sie sollte deshalb aber nicht vorschnell als seine allererste Session nach der Entlassung bezeichnet werden. Für das Verständnis reicht der gesicherte Zusammenhang: ein neues Kapitel im Jahr 1960 und ein Musiker, der bereits lange mit Prestige verbunden war. Seine Beziehung zum Label hatte 1950 begonnen und sollte einen großen Teil seiner Laufbahn begleiten.
Die ursprünglichen Begleitnotizen stammen von LeRoi Jones, der später unter dem Namen Amiri Baraka bekannt wurde. Schon dieses Detail zeigt, dass Boss Tenor nicht nur als Ansammlung gefälliger Nummern betrachtet werden muss. Die Platte gehört zu einer Jazzgeschichte, in der musikalische Identität, Ausdruck und gesellschaftliche Wahrnehmung eng miteinander verknüpft waren. Zugleich verlangt sie dem Hörer kein theoretisches Vorwissen ab. Ihr Programm bietet vertraute Melodien und klare Formen, aber genug unterschiedliche Herkunft, um beim wiederholten Beschäftigen immer neue Verbindungen zu entdecken.

Vier Partner mit eigenen Aufgaben
Tommy Flanagan bringt das Klavier in eine Besetzung ein, in der es sowohl harmonisch als auch melodisch Bedeutung hat. Neben einem einzigen Bläser kann es dessen Aussagen begleiten, einen Kontrast schaffen oder selbst in den Vordergrund treten. Doug Watkins und Art Taylor bilden die Bass-Schlagzeug-Verbindung. Hinzu kommt Ray Barretto an den Congas. Alle fünf werden für sämtliche sieben Titel geführt. Das ist eine übersichtliche Ausgangslage: Anders als bei Alben aus mehreren Sessions muss man hier keine wechselnden Gruppen auseinanderhalten. Die Vielfalt entsteht innerhalb einer konstanten Besetzung.
Gerade Barretto macht diese Konstellation bemerkenswert. Congas sind keine zweite Ausgabe eines Schlagzeugs, sondern ein eigenständiges Instrument mit einer anderen Spielweise. Zusammen mit Taylors Set entsteht die Möglichkeit, rhythmische Aufgaben zu verteilen, statt einfach alles zu verdoppeln. Für das Hören kann es reizvoll sein, beide Ebenen getrennt zu verfolgen und danach wieder als gemeinsames Gefüge wahrzunehmen. Wo orientiert man sich am Schlagzeug, wo an den Handtrommeln, wo am Bass? Solche Fragen lenken die Aufmerksamkeit auf das, was eine Rhythmusgruppe als Zusammenspiel ausmacht. Barrettos Name verdient deshalb einen sichtbaren Platz neben den anderen.
Auch der Verzicht auf eine weitere Bläserstimme hat Folgen für die Perspektive. Ammons’ Tenor ist nicht Teil eines durchgehend harmonisierten Frontsatzes. Er kann eine Melodie allein vertreten, während Klavier und Rhythmusgruppe ihre Umgebung gestalten. Das erklärt nicht im Voraus jeden musikalischen Moment, bietet aber einen sinnvollen Zugang zum Album. Wer Ammons aus Begegnungen mit anderen Tenorsaxofonisten kennt, findet hier einen anderen Rahmen. Der Reiz liegt weniger in der Gegenüberstellung zweier Bläserpersönlichkeiten als in der Beziehung einer einzelnen Stimme zu vier Partnern, die ihr Beweglichkeit und Kontur ermöglichen.

Vom eigenen Blues zu Parker und zum Savoy
Hittin’ the Jug eröffnet die erste Seite mit gut achteinhalb Minuten. Der Titel spielt auf Ammons’ Spitznamen „Jug“ an und gehört zu seinen eigenen Kompositionen. Danach folgen Bernice Petkeres Close Your Eyes und My Romance von Richard Rodgers und Lorenz Hart. Bereits diese erste Seite bewegt sich damit zwischen persönlicher Blueshandschrift und dem amerikanischen Songrepertoire. Der Unterschied liegt nicht nur in den Autorenangaben. Verschiedene Arten von Melodien und Formen bieten einem Tenorsaxofonisten unterschiedliche Ansatzpunkte, ohne dass dafür die Besetzung gewechselt werden muss. Die Gruppe bleibt der gemeinsame Bezugspunkt.
Seite B beginnt mit Canadian Sunset von Eddie Heywood und Norman Gimbel. Es folgen Ammons’ Blue Ammons, Charlie Parkers Confirmation und das unter Savoy geführte Stompin’ at the Savoy. Letzteres verbindet das Programm mit der Swingtradition; zu seinen Autoren gehören Benny Goodman, Edgar Sampson, Chick Webb und Andy Razaf. Confirmation öffnet dagegen den Blick auf Parkers Bebop-Repertoire. Diese Nachbarschaft ist ein wesentlicher Teil des Albums. Ammons muss sich nicht zwischen dem Blues, populären Melodien und einem anspruchsvollen Jazzstandard entscheiden. Er führt sie in einem einzigen Programm zusammen.
Die sieben Titel zeigen daher mehr als eine einzige Stilfarbe. Wer eine Platte ausschließlich unter „Soul Jazz“ oder „Balladenalbum“ ablegen möchte, würde einen Teil ihres Programms übersehen. Sinnvoller ist es, die Auswahl als Spektrum zu betrachten: eigene Stücke, Songs, ein Bebop-Klassiker und ein Swingstandard, verbunden durch denselben Tenor und dieselben Begleiter. Canadian Sunset und Hittin’ the Jug wurden auch als Singles gekoppelt; einzelne Aufnahmen wanderten später in Zusammenstellungen. Die ursprüngliche LP bewahrt jedoch die Beziehungen innerhalb dieses siebenteiligen Programms. Für eine Sammlung ist das ein guter Grund, sie als Album und nicht nur als Quelle einzelner bekannter Titel zu betrachten.
Die Prestige-Stereo-Ausgabe mit 33⅓ RPM
Analogue Productions führt die Neuauflage als APRJ 7180 in der Prestige-Stereo-Reihe. Das Album bleibt auf einer LP mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute zusammen. Drei Titel bilden die erste, vier die zweite Seite. Diese kompakte Form unterstützt den Wechsel zwischen den verschiedenen Repertoirebereichen, ohne den Zusammenhang durch weitere Plattenwechsel aufzuteilen. Gerade weil die Besetzung konstant bleibt, kann man den Charakter der Gruppe über mehrere Stücke hinweg verfolgen. Der Seitenwechsel vor Canadian Sunset schafft eine natürliche Zäsur, danach führt der Weg über Ammons und Parker bis zum abschließenden Swingstandard.
Kevin Gray masterte die Ausgabe bei Cohearent Audio von den analogen Mastern, Quality Record Pressings fertigt die LP. Gary Salstrom wird für die Galvanik genannt. Zur Ausstattung gehört eine traditionelle Tip-on-Hülle. Die aktuelle Herstellerbeschreibung nennt 180-Gramm-Vinyl. Frühere 200-Gramm-Ausgaben sowie nummerierte Exemplare aus der ursprünglichen Abonnentenauflage sind dokumentiert, werden hier aber nicht pauschal für ein aktuelles Lagerexemplar versprochen. Für die Auswahl dieser Ausgabe sind die Katalognummer, die Stereoausführung und das Ein-LP-Format maßgeblich. Historische Varianten bleiben Teil der Editionsgeschichte, keine automatische Zusicherung.
Boss Tenor eignet sich besonders für Hörer, die Ammons’ musikalische Persönlichkeit in einem übersichtlichen, zugleich vielseitigen Rahmen kennenlernen möchten. Der einzige Bläser steht im Mittelpunkt, doch die Qualität der Konstellation liegt ebenso in Flanagan, Watkins, Taylor und Barretto. Ihre Namen gehören zur Geschichte jedes Stücks. So entsteht eine Platte, die mehrere Traditionslinien des Jazz zusammenführt und dabei die Identität ihrer Besetzung bewahrt. Für anspruchsvolle Sammler ist genau diese Verbindung von Repertoirebreite und personeller Geschlossenheit ein dauerhafter Anreiz. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Mehr von Gene Ammons: Nice An‘ Cool · The Soulful Moods Of Gene Ammons
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Gene AmmonsPorträt 1971TenorsaxofonMitwirkung: Alle Titel
- Tommy FlanaganPorträt 1957KlavierMitwirkung: Alle Titel
- Doug WatkinsKontrabassMitwirkung: Alle Titel
- Art TaylorPorträt 1957SchlagzeugMitwirkung: Alle Titel
- Ray BarrettoPorträt spätere VorlageCongaMitwirkung: Alle Titel
16. Juni 1960, Van Gelder Studio, Englewood Cliffs. Rudy Van Gelder: Ton; LeRoi Jones (später Amiri Baraka): Begleittext. Alle fünf Musiker auf allen sieben Titeln; Ammons ist der einzige Bläser.












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