Ein Rundgang, der zum Orchesterdrama wird
Ein Mensch geht durch eine Ausstellung, bleibt stehen, betrachtet ein Bild und nimmt auf dem Weg zum nächsten etwas davon mit. Aus dieser einfachen Bewegung formte Modest Mussorgsky 1874 eine der ungewöhnlichsten Klaviersuiten des 19. Jahrhunderts. Bilder einer Ausstellung entstand im Gedenken an seinen Freund Viktor Hartmann, den 1873 verstorbenen Architekten und Maler. Eine Gedächtnisausstellung gab den Anstoß. Die Musik bewahrt aber nicht bloß eine Folge von Bildbeschreibungen: In der wiederkehrenden „Promenade“ wird auch der Betrachter selbst hörbar, mit wechselndem Schritt, nachdenklich oder entschlossen, jedes Mal ein wenig verändert durch das gerade Erlebte.
Dass viele Hörer dieses Werk zunächst als Orchestermusik kennenlernen, verdankt sich vor allem Maurice Ravels Instrumentierung von 1922. Zwischen dem ursprünglichen Klavierzyklus und dieser Fassung liegt fast ein halbes Jahrhundert. Ravel übersetzt die Musik nicht einfach in mehr Lautstärke. Er gibt einzelnen Gestalten eigene Klangfarben und macht aus dem Wechsel der Bilder eine Abfolge sehr unterschiedlich beleuchteter Räume. Die beiden Namen auf dem Cover bezeichnen deshalb verschiedene schöpferische Aufgaben: Mussorgsky schrieb das Werk, Ravel gestaltete die hier gespielte Orchesterfassung. Wer beide Ebenen auseinanderhält, entdeckt gerade in ihrem Zusammenwirken den besonderen Reichtum dieser Aufnahme.
Fritz Reiner und das Chicago Symphony Orchestra nahmen die Suite 1957 in der Orchestra Hall in Chicago für RCA auf. Produzent Richard Mohr und Toningenieur Lewis Layton gehören zum dokumentierten Aufnahmeteam; die Veröffentlichung unter der Nummer LSC-2201 folgte 1958. Reiner war seit 1953 Musikdirektor des Orchesters. Die Einspielung steht damit in jener Chicagoer Arbeitsphase, aus der ein wesentlicher Teil seines bis heute gesammelten RCA-Repertoires stammt. Es ist keine nachträgliche Konzertzusammenstellung, sondern die gemeinsame Arbeit eines Dirigenten, eines Orchesters und eines Aufnahmeteams an einem klar umrissenen Werk.

Fünfzehn Stationen und ein wiederkehrender Gedanke
Schon die erste „Promenade“ lädt dazu ein, auf die Beziehung von Einzelstimme und Ensemble zu achten. Ihr Gedanke erscheint später wieder, aber die Umgebung verändert seine Wirkung. „Gnomus“ eröffnet eine ganz andere Welt als das alte Schloss von „Il vecchio castello“. Die bewegten Szenen der „Tuileries“ und des Marktplatzes von Limoges stehen wiederum neben der schweren Bewegung von „Bydło“. Die Satzüberschriften können dabei als Orientierung dienen, ohne dass man sich beim Hören auf eine einzige bildliche Vorstellung festlegen müsste. Mussorgskys Musik ist konkreter als abstrakte Programmmusik und zugleich offener als eine bloße Illustration.
Ravels Orchesterfassung macht solche Gegensätze bis in die Besetzung hinein fassbar. Holzbläser, Blech, Streicher und Schlagzeug übernehmen wechselnde Aufgaben; eine Farbe, die eben noch begleitete, kann im nächsten Moment den Charakter eines ganzen Abschnitts tragen. Das „Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen“ ist ein besonders anschaulicher Gegenpol zur Monumentalität des Schlusses. Dazwischen stehen die beiden Charaktere von „Samuel Goldenberg und Schmuÿle“ und die dunklere Perspektive der „Catacombae“. Nicht jeder Abschnitt braucht dieselbe Größe. Gerade die Unterschiede zwischen knapper Geste und ausgedehntem Aufbau halten den Rundgang in Bewegung.
Mit „Cum mortuis in lingua mortua“ verändert sich die Beziehung zur Erinnerung nochmals, bevor die Hütte der Baba-Jaga den Weg zum großen Tor öffnet. „Das große Tor von Kiew“ ist dadurch mehr als ein wirkungsvoller Schluss, der unabhängig vom Vorangegangenen funktionieren soll. Nach den wechselnden Blickwinkeln der Suite bekommt die Idee des gemeinsamen, weiten Raums ein anderes Gewicht. Die Werkübersicht unter dem Text führt die 15 Abschnitte in ihrer Reihenfolge auf. Sie bietet eine Orientierung im Werk und in den Übergängen zwischen seinen Bildern.

Reiner, Chicago und die Aufmerksamkeit für Übergänge
Bei einer so bekannten Aufnahme kann ihr Ruf leicht vor der Musik stehen. Ein hilfreicher Zugang ist deshalb, zunächst die Übergänge ernst zu nehmen: Wie verändert sich die Bewegung zwischen Promenade und Bild? Welche Stimme setzt einen neuen Charakter in Gang? Wann wirkt das Orchester als geschlossener Körper, wann als Zusammenspiel vieler einzelner Farben? Diese Fragen lenken die Aufmerksamkeit auf das Werk und seine Ausführung, ohne eine persönliche Hörerfahrung vorwegzunehmen. Sie funktionieren auch dann, wenn man die Suite bereits lange kennt und einzelne Höhepunkte beinahe auswendig erwartet.
Reiners Chicagoer Jahre verbinden sich mit einer großen Zahl von RCA-Aufnahmen, doch hier lässt sich diese Geschichte an einem einzigen, überschaubaren Werk verfolgen. Die Besetzung ist das Chicago Symphony Orchestra unter seiner Leitung. Einzelne Instrumentalsoli machen noch keine verlässlich benannte Solistenliste; deshalb bleiben in den Credits Dirigent und Orchester die gesicherten Angaben. Gerade bei historischen Aufnahmen ist diese Zurückhaltung sinnvoller als eine nachträglich aus anderen Konzertprogrammen zusammengesetzte Personenliste. Das musikalische Profil des Ensembles wird dadurch nicht weniger interessant.
Für eine Sammlung bietet die Einspielung mehrere Anknüpfungspunkte: Mussorgskys Klavieroriginal, Ravels Orchesterdenken, Reiners Arbeit in Chicago und die frühe Stereo-Aufnahmepraxis von RCA treffen zusammen. Man kann sie als Ausgangspunkt für andere Deutungen nehmen oder die Suite innerhalb des Living-Stereo-Katalogs betrachten. Dabei muss die Wirkung der großen Schlusssteigerung nicht das einzige Kriterium sein. Auch der Wechsel zwischen kurzen Charakterstücken, nachdenklichen Verbindungen und größeren Bögen gehört zur Identität des Werks. Wer den gesamten Rundgang verfolgt, hört den Schluss aus einer reicheren Perspektive als beim isolierten Anspielen eines bekannten Ausschnitts.
Living Stereo als Hybrid-SACD mit Dreikanalprogramm
Die Ausgabe CAPC 2201 SA ist die Hybrid-SACD von Analogue Productions. Der Herausgeber nennt Ryan Smith bei Sterling Sound für das Remastering vom originalen Masterband und weist ausdrücklich auf das enthaltene Dreispurprogramm hin. Damit ist die historische Aufnahmeanlage Teil der Besonderheit dieser Veröffentlichung. Es handelt sich nicht um eine neu erzeugte 5.1-Abmischung. Neben der Stereowiedergabe lässt sich das Dreikanalprogramm mit entsprechend geeigneter SACD-Wiedergabe nutzen; die CD-Schicht ermöglicht das Abspielen auf einem herkömmlichen CD-Player.
Werk und Interpretation bleiben dieselben: Mussorgskys Suite in Ravels Orchestrierung, Fritz Reiner und das Chicago Symphony Orchestra, aufgenommen 1957 in der Orchestra Hall. Die Unterschiede zur separat angebotenen Doppel-LP liegen im Tonträger und in dessen Wiedergabemöglichkeiten. Vinylgewicht, Presswerk und 45 Umdrehungen pro Minute sind deshalb keine Eigenschaften dieser SACD. Auch die beiden Illustrationen gehören zum Album und werden formatübergreifend verwendet, ohne eine gesonderte Aufnahmesitzung zu suggerieren.
Die Folge der 15 musikalischen Abschnitte lässt sich hier ohne Plattenseitenwechsel verfolgen. Für eine Suite, deren Promenaden die einzelnen Bilder verbinden, ist das ein praktischer Zugang zum großen Zusammenhang. Die Werkübersicht hilft, bestimmte Stationen gezielt wiederzufinden. Sammler erhalten damit eine klar benannte digitale Ausgabe aus der Living-Stereo-Reihe, deren besonderer Reiz auch im zusätzlichen historischen Dreikanalprogramm liegt. Wie sich Stereo oder drei Frontkanäle in der eigenen Anlage darstellen, bleibt eine Frage der tatsächlichen Wiedergabe; ein Formatname ersetzt kein persönliches Hören.
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Künstlerseite: Alle Titel von Fritz Reiner
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Fritz ReinerPorträt: 1958LeitungMitwirkung: Werk
- Chicago Symphony OrchestraOrchesterMitwirkung: Werk
Werkübersicht mit 15 Abschnitten. Keine ungesicherten Solisten namentlich zugeordnet. Hybrid-SACD mit zusätzlichem Dreikanalprogramm; keine 5.1-Neuproduktion.
Mehr aus der Reihe: RCA Living Stereo Series
Auch in einer anderen Ausgabe: Mussorgsky/Ravel: Pictures at an Exhibition
Weitere SACDs mit Fritz Reiner: Lieutenant Kijé / Song of the Nightingale · Pines of Rome & Fountains of Rome · Festival · Spain








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