Booker Ervin schlägt das Liederbuch auf
Ein vertrauter Song kann ein besonders genauer Maßstab für die Eigenart eines Jazzmusikers sein. Man kennt vielleicht die Melodie, erinnert sich an eine andere Aufnahme oder trägt einzelne Wendungen schon lange mit sich herum. Dann kommt ein neuer Spieler hinzu, und dieselbe Komposition bekommt eine andere Stimme. Booker Ervins The Song Book lebt von dieser Begegnung. Sechs Standards bilden den Rahmen eines Quartetts, das am 27. Februar 1964 bei Rudy Van Gelder in Englewood Cliffs zusammenkam: Ervin am Tenorsaxofon, Tommy Flanagan am Klavier, Richard Davis am Kontrabass und Alan Dawson am Schlagzeug.
Der Titel ist innerhalb von Ervins Prestige-Aufnahmen sehr konkret zu verstehen. Nach Angabe des Herausgebers ist The Song Book unter seinen neun Alben für das Label das einzige reine Standardprogramm. Es verzichtet auf Eigenkompositionen des Leaders und stellt bekannte musikalische Formen in den Mittelpunkt. Das bedeutet keineswegs, dass Ervin seine Persönlichkeit zurücknehmen müsste. Gerade ein Lied mit einer klaren melodischen Identität lässt erkennen, wie ein Solist Phrasen verlängert, Akzente versetzt oder eine vertraute Wendung neu gewichtet. Der Wiedererkennungswert der Stücke und die Individualität des Spiels gehören hier zusammen.
Die Aufnahme entstand an einem einzigen Tag; Don Schlitten produzierte sie. Dan Morgensterns Begleittext ist auf Mai 1964 datiert, die Veröffentlichung folgte im Sommer. Diese überschaubare Entstehungsgeschichte passt zur konzentrierten Anlage des Albums: keine wechselnden Gäste, keine aus mehreren Besetzungen zusammengesetzte Rückschau, sondern vier Musiker und sechs ausgewählte Songs. Wer Ervin vor allem aus seinen Aufnahmen mit Charles Mingus kennt, begegnet ihm hier in einer anderen Größenordnung. Das Tenorsaxofon steht in einem kleinen, durchgehend gleich besetzten Ensemble, in dem jede musikalische Entscheidung Platz bekommt.

Tommy Flanagan und die vertraute Rhythmusgruppe der Book-Alben
Tommy Flanagan ist für diese Sitzung ein besonderer Partner. Der Herausgeber bezeichnet The Song Book als seine einzige Aufnahme mit Ervin. Das macht die Begegnung innerhalb der sogenannten Book-Alben einzigartig. Flanagans Aufgabe reicht dabei über eine Begleitung unter dem Saxofon hinaus: Das Klavier kann Akkordbezüge verdeutlichen, melodische Gedanken aufnehmen und mit eigenen Solopassagen die Perspektive verändern. Bei Standards, die bereits durch viele Hände gegangen sind, wird die Auswahl dessen, was ein Pianist spielt oder auslässt, zu einem wesentlichen Teil des Gesprächs.
Richard Davis und Alan Dawson verbinden die Sitzung mit den benachbarten Ervin-Alben. The Freedom Book war am 3. Dezember 1963 aufgenommen worden; The Blues Book folgte am 30. Juni 1964, The Space Book am 2. Oktober. Davis und Dawson sind auch dort die gemeinsame rhythmische Basis. Das ist ein schöner Zusammenhang für Sammler, die sich durch diese Reihe hören: Mit dem Programm und dem Pianisten verändern sich wichtige Voraussetzungen, während Bass und Schlagzeug eine personelle Kontinuität schaffen. The Song Book ist deshalb zugleich ein eigenständiger Einstieg und ein aufschlussreiches Kapitel innerhalb einer größeren Folge.
Auf allen sechs Titeln bleibt das Quartett unverändert. Davis spielt Kontrabass, Dawson Schlagzeug; eine zusätzliche Bläserstimme gibt es nicht. Dadurch kannst du die Beziehungen zwischen vier klar unterscheidbaren Aufgaben verfolgen. Das Saxofon muss die Melodie nicht ununterbrochen tragen, das Klavier nicht jeden harmonischen Moment ausbuchstabieren. Bass und Schlagzeug können Puls und Bewegung unterschiedlich gewichten. Gerade bei bekannten Songs lohnt es sich, auch auf die Passagen zwischen den offensichtlichen Höhepunkten zu achten: auf eine Antwort, einen Übergang oder darauf, wie nach einem Solo wieder gemeinsam zum Thema zurückgefunden wird.

Sechs Standards, sechs Arten von Erinnerung
The Lamp Is Low eröffnet die erste Seite. Der Song von Peter DeRose, Bert Shefter und Mitchell Parish greift auf Ravels Pavane pour une infante défunte zurück – ein bemerkenswerter Weg von einem klassischen Klavierstück über das populäre Lied ins Jazzquartett. Mit gut sieben Minuten bekommt der Auftakt ausreichend Raum. Danach folgt Come Sunday von Duke Ellington, bevor All the Things You Are von Jerome Kern und Oscar Hammerstein II die Seite abschließt. Drei unterschiedliche Herkunftsgeschichten stehen damit nebeneinander: Bearbeitung, Ellington-Komposition und amerikanisches Bühnenschaffen.
Die zweite Seite beginnt mit Just Friends von John Klenner und Sam M. Lewis. Yesterdays, wiederum von Kern, diesmal mit Otto Harbach als Textautor, ist mit mehr als sieben Minuten die längste Nummer dieser Ausgabe. Our Love Is Here to Stay von George und Ira Gershwin beendet das Programm. Obwohl hier instrumental gespielt wird, bleibt die Herkunft vieler Stücke als Songs ein nützlicher Bezugspunkt. Eine Melodie wurde ursprünglich für eine Stimme gedacht; im Quartett können ihre Atembögen, Pausen und Betonungen anders verteilt werden. Wer die Lieder kennt, findet darin eine zusätzliche Ebene des Wiedererkennens.
Zwei Kern-Kompositionen auf verschiedenen Seiten laden besonders zum Vergleichen ein, ohne dass man das Album zu einer Lehrstunde machen müsste. Die Stücke stellen unterschiedliche Aufgaben an Melodie und harmonischen Verlauf. Ebenso interessant ist der Wechsel zwischen längeren Darstellungen und kompakteren Nummern. The Song Book bietet keine endlose Standardparade, sondern eine begrenzte Auswahl mit Zeit für individuelle Ausarbeitung. Der Titel benennt damit mehr als ein Repertoire: Er beschreibt die Möglichkeit, vertraute Musik durch vier konkrete Persönlichkeiten erneut zu entdecken. Ervin bleibt der Leader, doch die Namen seiner drei Partner gehören wesentlich zur Geschichte dieser Platte.
Kevin Gray, QRP und das Album auf zwei Seiten
Angeboten wird APRJ 7318 aus der Prestige-Reihe von Analogue Productions, eine Stereo-LP mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Kevin Gray bei Cohearent Audio verantwortet das Mastering vom originalen analogen Masterband. Gepresst wurde die Ausgabe bei Quality Record Pressings; für die Galvanik nennt der Herausgeber Gary Salstrom. Das sind Angaben zur Neuauflage. Die ursprüngliche Aufnahme stammt weiterhin von Rudy Van Gelder aus dem Februar 1964 – Aufnahme und späterer Lackschnitt sind zwei verschiedene Arbeitsschritte.
Die 33⅓-Ausgabe erhält die übersichtliche Form von drei Stücken pro Seite. Du kannst dem Quartett jeweils über einen längeren Abschnitt folgen, bevor die Platte gewendet wird. Das passt zu einem Album, dessen Reiz in einer konstanten Besetzung und dem Wechsel zwischen sechs Songs liegt. Seite A führt von The Lamp Is Low zu All the Things You Are, Seite B von Just Friends zum Gershwin-Schlussstück. Ein praktischer Vorzug dieses Formats ist der zusammenhängende Seitenbogen; die Drehzahl allein ersetzt keine Beurteilung von Aufnahme, Mastering und Pressqualität.
Die Platte kommt in einer Tip-on-Hülle auf kräftigem Karton. Unter derselben Katalognummer sind eine frühere 200-Gramm-Auflage und spätere 180-Gramm-Pressungen dokumentiert. Deshalb wird hier weder ein einheitliches Gewicht für sämtliche Exemplare noch eine nummerierte Ausgabe zugesichert. Die musikalische und technische Zuordnung ist dagegen klar: sechs Standards, das vollständige Quartett, Stereowiedergabe und Kevin Grays Mastering für Analogue Productions. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
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Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Booker ErvinTenorsaxofonMitwirkung: alle 6 (A1–B3)
- Tommy FlanaganKlavierMitwirkung: alle 6 (A1–B3)
- Richard DavisKontrabassMitwirkung: alle 6 (A1–B3)
- Alan DawsonSchlagzeugMitwirkung: alle 6 (A1–B3)
Titelnummern und Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.











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