Plattenliebe · Van Morrison · Acoustic Sounds 40 Series
Van Morrison: drei Platten zum Verlieben
Astral Weeks, Moondance und His Band And The Street Choir auf 45 RPM
Eine Stimme, die tief berührt. Musiker, die einander zuhören. Songs, zu denen man immer wieder zurückkehrt. Diese drei Van-Morrison-Alben gehören zu den schönsten Gründen, sich Zeit für eine Schallplatte zu nehmen. Die aufwendigen Ausgaben von Analogue Productions geben ihnen einen neuen Platz in der Sammlung.
Bei Astral Weeks war meine Vorfreude schon mit der Ankündigung da. Dieses Album liegt mir besonders am Herzen. Van Morrisons Gesang, diese Verbindung aus Folk, Jazz, Blues und psychedelischer Freiheit: Das ist Musik, die mich begeistert. Als dann Astral Weeks und Moondance aus der Acoustic Sounds 40th Anniversary Series auf dem Plattenteller lagen, hat mich bei beiden Ausgaben besonders seine Stimme überzeugt. Diese Platten klingen großartig.
Mit His Band And The Street Choir kommt ein drittes Album dazu, voller Soul, Rhythmus und Lebensfreude. Zwischen 1968 und 1970 entstanden, zeigen die drei, wie viel in Van Morrison steckt. Man kann sich in die Weite von Astral Weeks verlieren, sich von den Songs auf Moondance mitnehmen lassen und bei Street Choir kaum still sitzen. Sie zusammen auf Vinyl zu haben, ist ein Vergnügen. Ihnen in dieser Qualität zu begegnen, macht es noch schöner.

Astral Weeks: einer Stimme ganz nah

Auf Astral Weeks ist Van Morrisons Stimme für mich das Hauptinstrument. Wie er singt, ist ein Traum. Er zieht Worte in die Länge, wiederholt sie, verändert ihre Betonung und lässt eine Melodie weiterwachsen. Man hört eine Stimme, die sich ganz in die Musik hineingibt. Wer dieses Album liebt, kennt wahrscheinlich dieses Gefühl: Ein vertrauter Song läuft, und plötzlich hält einen eine einzelne Phrase wieder fest.

Die Musiker um ihn herum haben einen großen Anteil daran. Produzent Lewis Merenstein brachte im Herbst 1968 eine außergewöhnliche Besetzung ins New Yorker Century Sound Studio. Richard Davis spielte Kontrabass, Jay Berliner Gitarre, Connie Kay vom Modern Jazz Quartet saß am Schlagzeug. Warren Smith ergänzte Perkussion und Vibrafon, John Payne Flöte; die Streicherarrangements stammen von Larry Fallon. In drei Sessions entstand ein Album, dessen Zusammenspiel bis heute fasziniert.
Gerade Richard Davis lohnt die ganze Aufmerksamkeit. Sein Bass begleitet die Songs mit einer Beweglichkeit, die weit über das Halten des Grundtons hinausgeht. Er antwortet auf Morrisons Gesang, setzt eigene melodische Gedanken dazu und gibt der Musik zugleich Halt. Daneben die akustischen Gitarren, die feinen rhythmischen Akzente und Morrisons Stimme: Schon diese Besetzung erzählt viel darüber, weshalb Astral Weeks so unverwechselbar ist. Hier treffen die Offenheit des Jazz und die Unmittelbarkeit eines Folksängers aufeinander.
Das Titelstück führt mitten hinein. Bei Sweet Thing bekommt die Musik eine beinahe schwerelose Bewegung. Madame George nimmt sich Zeit für seine Bilder und Wiederholungen; man folgt dem Gesang immer weiter. Schließlich steht mit Slim Slow Slider ein karger, berührender Schluss. Das Album lässt sehr verschiedene Empfindungen zu: Zärtlichkeit, Unruhe, Sehnsucht. Gerade weil Morrison so viel davon in seine Stimme legt, bleibt diese Musik einem nahe.
Für einen Musikliebhaber ist das ein wunderbares Album, um genauer hinzuhören. Man kann einmal dem Kontrabass folgen, dann auf die Gitarre achten, dann wieder ganz beim Gesang sein. Die Songs halten das aus. Ihre Vertrautheit macht sie mit der Zeit sogar reizvoller, weil das Zusammenspiel neben den längst geliebten Momenten noch so viel Aufmerksamkeit verdient.
Meine Freude über die neue 45-RPM-Ausgabe beginnt genau dort: bei dieser Musik und Morrisons Gesang. Astral Weeks und Moondance haben mich in den Ausgaben von Analogue Productions klanglich sehr begeistert, vor allem mit der Wiedergabe seiner Stimme. Auch meine alte US-Promo von Astral Weeks habe ich daneben aufgelegt; für einen fairen Pressungsvergleich ist mein Exemplar allerdings zu stark abgenutzt. Umso mehr freue ich mich, dieses geliebte Album jetzt in einer so schönen Ausgabe hören zu können.

Moondance: zehn Songs, zu denen man zurückkehrt

1970 folgt Moondance. Schon And It Stoned Me empfängt einen mit einer anderen musikalischen Selbstverständlichkeit. Die Songs sind kompakter, die Band spielt mit viel Gespür für Groove und Melodie. Folk, Soul, Jazz und Rhythm and Blues finden hier so mühelos zusammen, dass man beim Hören leicht vergisst, wie besonders diese Verbindung ist. Morrison hat eine Fülle von Ideen und bringt sie in Songs unter, die sofort vertraut wirken können.

Für die Aufnahmen im New Yorker A&R Studio übernahm er selbst die Produktion. Zur Band gehörten John Platania an der Gitarre, Jef Labes an den Tasten, John Klingberg am Bass und Gary Mallaber an Schlagzeug und Vibrafon. Jack Schroer und Collin Tilton steuerten Saxofone und Flöte bei. Die Stimmen von Judy Clay, Cissy Houston und Jackie Verdell bereichern Crazy Love und Brand New Day. Diese Musiker geben dem Album seine vielen Farben, ohne den Songs ihre Leichtigkeit zu nehmen.
Das Titelstück ist dafür ein herrliches Beispiel. Dieser Swing, die Bläser, Morrisons Phrasierung: Alles lädt dazu ein, der Band zu folgen. Auf Crazy Love wird es zärtlich, Caravan bringt die gemeinsame Energie einer Band zusammen, und Into the Mystic gehört zu jenen Songs, deren Stimmung lange nachklingt. Auf einer einzigen Platte liegt so viel Wärme und Bewegung. Man möchte bei diesen Liedern bleiben.
In meinem Video habe ich neben dem Titelstück auch Glad Tidings hervorgehoben. Wunderbare Songs, Van Morrison auf seinem Höhepunkt. Gerade der Schluss eines Albums entscheidet oft mit darüber, wie gern man es wieder auflegt. Moondance hat diese Qualität bis zum letzten Stück. Die berühmten Titel gehören zu einem Album, das als Ganzes Freude macht.
Im Vinyl Room haben wir darüber diskutiert, welches der beiden Alben das bessere ist: Astral Weeks oder Moondance. Das Ergebnis war genau fünfzig zu fünfzig. Meine Wahl fällt ein kleines bisschen stärker auf Astral Weeks. Aber wir waren uns alle einig, dass beide großartig sind. Ich mag diese Diskussion, weil man sofort bei der Musik landet: bei dem Song, der einen begleitet, bei der Stimme, bei dem Album, zu dem man eine ganz persönliche Verbindung hat.
Als Paar sind diese beiden 45-RPM-Doppel-LPs deshalb besonders reizvoll. Man hört denselben Sänger in zwei sehr unterschiedlichen musikalischen Umgebungen. Die freie Entwicklung auf Astral Weeks und die konzentrierte Songkunst auf Moondance lassen einen immer wieder anders auf ihn aufmerksam werden. Und bei beiden neuen Ausgaben hat mich der Klang begeistert. Gerade eine so ausdrucksvolle Stimme verdient diese Sorgfalt.

His Band And The Street Choir: Soul, der einen packt

Noch im selben Jahr erschien His Band And The Street Choir. Hier kommt Van Morrisons Liebe zu Rhythm and Blues, Soul und Gospel mit großer Spielfreude zusammen. Mein Einstiegstipp ist Domino, gleich der erste Song. Eine Verbeugung vor Fats Domino, voller Schwung und mit einem Refrain, der einen sofort mitnimmt. Das ist eine wunderbare Einladung in dieses Album.

Mit Give Me a Kiss, I’ve Been Working und Blue Money geht die Freude an Rhythmus und Zusammenspiel weiter. Gitarren, Bläser, Klavier und Gesang greifen ineinander, die Musik hat Zug. Dazwischen zeigt Morrison seine sanftere Seite. Gerade dieses Nebeneinander macht Street Choir so liebenswert: Die Band kann drängen und feiern, und sie kann einem ruhigen Song Platz lassen.
Wieder ist John Platania dabei, hier an Gitarre und Mandoline. John Klingberg spielt Bass, Dahaud Shaar Schlagzeug, Alan Hand die Tasten. Jack Schroers Saxofone und Keith Johnsons Trompete und Orgel erweitern die Klangfarben. Morrison greift auf Crazy Face und Call Me Up in Dreamland selbst zum Tenorsaxofon. Bei If I Ever Needed Someone kommen Judy Clay, Cissy Houston und Jackie Verdell als Gastsängerinnen hinzu. Es ist eine Besetzung, in der seine Begeisterung für amerikanischen Soul und Gospel hörbar Gestalt annimmt.
Gerade bei dieser Platte konnte ich sehr konkret vergleichen. Neben der neuen Analogue-Productions-Ausgabe lagen eine britische Zweitpressung sowie eine deutsche Erst- und Zweitpressung auf dem Plattenteller. Unter den älteren Exemplaren gefiel mir die britische Zweitpressung mit ihrer Balance von Mitten, Höhen und Bass am besten. Was mich bei allen drei überraschte: Die Musik blieb recht stark an den Lautsprechern hängen.
Die neue 45-RPM-Ausgabe löst sie davon. Die Bühne öffnet sich deutlich in die Breite, Instrumente bekommen nachvollziehbare Plätze. Ich kann auf die Gitarre zeigen, auf das Schlagzeug, und höre auch besser, was weiter vorn und weiter hinten spielt. Bei einer Band wie dieser ist das ein großer Gewinn. Man bekommt mehr von den einzelnen Musikern mit und kann ihrem Zusammenspiel leichter folgen.
Am stärksten beschäftigt mich dabei Van Morrisons Stimme. Im Video habe ich gesagt:
„Diese Stimme ist ein Erdbeben.“
Zu dieser Kraft kommt die Phrasierung. Wie er einen Ton ansetzt, eine Silbe betont oder eine Gesangslinie weiterführt, wird auf der neuen Ausgabe für mich wesentlich deutlicher als auf den anderen Pressungen. Seine Stimme macht für mich gefühlt achtzig Prozent dieser Platte aus. Wenn sie so viel von ihrem Ausdruck vermittelt, gewinnt das ganze Album.
Darin liegt für mich der Reiz einer wirklich guten audiophilen Schallplatte. Man nimmt eine Veränderung im Klang wahr und ist zugleich stärker bei der Musik: bei diesem Sänger, bei der Gitarre neben ihm, bei der Band, die den Song trägt. His Band And The Street Choir hat mir im Vergleich genau diese Freude gemacht. Wer Van Morrison über Astral Weeks und Moondance liebt, findet hier eine weitere, ausgesprochen mitreißende Seite von ihm.

Mit Sorgfalt für diese Musik: die Acoustic Sounds 40 Series
Die Acoustic Sounds 40th Anniversary Series entstand zum vierzigjährigen Jubiläum von Acoustic Sounds in Zusammenarbeit mit Rhino. Analogue Productions veröffentlicht die drei Alben als Doppel-LPs mit 45 RPM auf 180-Gramm-Vinyl, gepresst bei Quality Record Pressings, kurz QRP. Matthew Lutthans verantwortet das Mastering bei The Mastering Lab. Dazu kommen die aufwendig gefertigten Tip-on-Klappcover von Stoughton Printing. Das sind Ausgaben, die man gern in die Hand nimmt und in der Sammlung hat.
Zum Mastering gehört auch ein Blick auf die verwendeten Quellen. Astral Weeks und Moondance basieren auf unbearbeiteten digitalen Überspielungen der Original-Masterbänder mit 24 Bit und 192 kHz. Die Klangbearbeitung erfolgte über das analoge Röhrensystem von The Mastering Lab. Für His Band And The Street Choir nennt der Hersteller eine eigens angefertigte, klanglich bearbeitete Bandkopie, eine „one-off EQ tape copy“.
Die Verteilung auf vier Plattenseiten und der Schnitt mit 45 Umdrehungen gehören zum Aufwand, den Analogue Productions hier betreibt. Dazu passt das hochwertige Cover im großen Format, das man beim Hören aufklappen und betrachten kann. Für mich gehört diese Nähe zur Platte zur Freude an Vinyl. Und wenn mich der Klang so anspricht wie bei diesen drei Veröffentlichungen, greife ich umso lieber danach.
Welche legt man zuerst auf?
Vielleicht Astral Weeks, weil man Zeit hat, sich ganz auf Morrisons Gesang einzulassen. Vielleicht Moondance, weil schon der Gedanke an diese Songs Freude macht. Oder His Band And The Street Choir, weil es heute Soul, Bläser und eine Band mit Schwung sein sollen.
Meine kleine Vorliebe für Astral Weeks bleibt. Ebenso die Begeisterung für Moondance und die Freude darüber, wie viel die neue Street Choir im Vergleich von Stimme und Zusammenspiel hören lässt. Diese drei Alben haben jeweils ihren eigenen Platz. Als audiophile Vinyl-Ausgaben der Acoustic Sounds 40 Series laden sie dazu ein, sich wieder ausgiebig mit Van Morrison zu beschäftigen. Es gibt auf jeder von ihnen so viel zu lieben.
DIE BESPROCHENEN SCHALLPLATTEN
Die drei Ausgaben aus dem Artikel
Astral Weeks, Moondance und His Band And The Street Choir als 45-RPM-Doppel-LPs der Acoustic Sounds 40 Series.
Van Morrison – Astral Weeks
Analogue Productions · Acoustic Sounds 40 Series · AAPP 200-45 · 2 LP · 45 RPM · 180 g
Van Morrison – Moondance
Analogue Productions · Acoustic Sounds 40 Series · AAPP 201-45 · 2 LP · 45 RPM · 180 g
Van Morrison – His Band And The Street Choir
Analogue Productions · Acoustic Sounds 40 Series · AAPR 027-45 · 2 LP · 45 RPM · 180 g
