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Walter Becker and Donald Fagen · illustration

Steely Dan: Die Kunst, nichts dem Zufall zu überlassen

Künstlerdossier · Rock / Jazz / Studiokunst

Steely Dan: Die Kunst, nichts dem Zufall zu überlassen

Neun Studioalben. Zwei eigenwillige Köpfe. Und Musik, in der bei jedem Wiederhören eine weitere Tür aufgeht.

Donald Fagen und Walter Becker – farbige Illustration
Becker & Fagen · Illustration

Es gibt Platten, mit denen man eine Anlage vorführt. Und es gibt Platten, wegen denen man überhaupt eine Anlage haben möchte. Bei Steely Dan begegnen sich diese beiden Welten. Die Produktion kann einen staunen lassen – aber bleiben möchte man wegen der Songs.

Ein Gitarrenlauf, der lässig vorbeizieht und sich dann im Kopf festsetzt. Ein Refrain, der nach Sommer klingt, während die Geschichte dahinter längst im Schatten steht. Eine Bassfigur, die sich zwischen den Schlägen bewegt, ohne den Song aus dem Gleichgewicht zu bringen. Walter Becker und Donald Fagen konnten Musik schreiben, die sofort zugänglich ist und sich trotzdem nicht auf den ersten Blick erschließt. Genau das macht ihre Platten so ergiebig: Man kann sie beiläufig kennenlernen und jahrzehntelang genauer hören.

Ich habe Steely Dan auf meinem Kanal mehrfach begleitet: im Gespräch mit Chad Kassem, beim Vergleich von UHQR-Ausgaben mit amerikanischen White-Label-Promos, beim Gegenhören einer regulären Neuauflage und bei der Wiederentdeckung der beiden späten Studioalben. Aus diesen Videos entsteht hier eine Reise durch das ganze Werk. Die jeweiligen Hörurteile beziehen sich auf die dort verglichenen Exemplare und auf meine Anlage zum Zeitpunkt des Videos. Die Geschichte der Musik reicht natürlich weit darüber hinaus.

Dieser Weg beginnt bei einer Band, die noch gemeinsam auf Tour geht, führt in die Studios von Los Angeles und New York und endet bei zwei späten Alben, die weit mehr sind als ein Nachtrag. Wer bisher nur Aja kennt, hat noch eine Menge vor sich. Wer alle neun Alben im Regal stehen hat, kann die Reise auch als Einladung verstehen, vertraute Musik einmal in einer anderen Reihenfolge wahrzunehmen.

1972 — 2003

Neun Alben. Ein weiter Weg.

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Becker und Fagen: zwei Autoren, viele Stimmen

Becker und Fagen lernten sich 1967 am Bard College im Staat New York kennen. Ihre Verbindung beruhte auf einer gemeinsamen musikalischen Neugier und einem Humor, der selten mit dem Offensichtlichen zufrieden war. Jazz gehörte zu ihrem Wortschatz, ebenso Rhythm & Blues, Pop und Rock. Daraus entstand keine Sammlung von Stileffekten. Die beiden fanden eine Art, komplizierte Gedanken in Songs zu verpacken, die man mitsingen konnte.

Der Produzent Gary Katz wurde für die frühen Steely-Dan-Alben ein wichtiger Partner; Roger Nichols prägte als Toningenieur die Umsetzung. Anfangs waren Becker und Fagen von einer festen Band umgeben. Später besetzten sie die Instrumente zunehmend nach den Anforderungen des einzelnen Stücks. Das erklärt einen wesentlichen Teil ihres Klangs: Ein Schlagzeuger, ein Gitarrist oder ein Saxophonist kam wegen einer bestimmten musikalischen Eigenschaft ins Spiel. Die wechselnden Namen in den Credits sind deshalb ein Schlüssel zum Hören.

Dabei lohnt es sich, den Menschen hinter der Perfektion zuzuhören. Der Charakter eines Anschlags, die Länge eines Tons und die kleinen Verschiebungen im Rhythmus lassen sich nicht auf technische Sauberkeit reduzieren. Steely Dans Studiokunst lebt gerade davon, dass solche Eigenheiten in sehr genau gebaute Arrangements hineinfinden. Ihre Musik ist voller Entscheidungen; gute Wiedergabe macht diese Entscheidungen nachvollziehbar.

01 / 09 · 1972

Can’t Buy a Thrill

Eine Band findet ihre Sprache

Denny Dias · Illustration
Denny Dias · Illustration

Do It Again öffnet eine eigene Welt: ein kreisender Rhythmus, eine sofort erkennbare Gesangslinie, und darin Denny Dias’ elektrische Sitar. Reelin’ in the Years setzt einen anderen Akzent. Hier drängt die Gitarre nach vorn, und Elliott Randalls Solospiel wird zu einer zweiten Stimme neben dem Gesang. Schon das Debüt zeigt, wie weit Steely Dan innerhalb eines Albums auseinanderliegende Farben verbinden können.

1972 ist Steely Dan noch als Gruppe greifbar: Becker, Fagen, Dias, Jeff „Skunk“ Baxter, Schlagzeuger Jim Hodder und Sänger David Palmer. Palmer übernimmt den Leadgesang bei Dirty Work und Brooklyn (Owes the Charmer Under Me). Gerade Dirty Work klingt dadurch anders als die Stücke mit Fagen am Mikrofon. Diese Stimmenvielfalt macht das Debüt unverwechselbar. Sie erinnert auch daran, dass die spätere Identität der Band nicht vom ersten Tag an feststand.

Die Aufnahme entstand im Village Recorder in Los Angeles, mit Gary Katz als Produzenten und Roger Nichols an der Technik. Hinter der Eingängigkeit stehen bereits ungewöhnliche harmonische Wege. Das Album bittet nicht darum, diese sofort zu analysieren. Es lässt sie selbstverständlich wirken. Zwischen den bekannten Singles verdienen deshalb auch Only a Fool Would Say That und Fire in the Hole Aufmerksamkeit: Steely Dans musikalische Handschrift ist schon da, aber die Türen stehen noch in mehrere Richtungen offen.

Bei meinem Vergleich der UHQR mit einer amerikanischen White-Label-Promo überraschte mich, wie deutlich ich die Neuauflage bevorzugte. Im Video beschreibe ich unter anderem ihre Frische und den Zugewinn an räumlicher Darstellung. Zwei Tage später folgte auf Zuschauerwunsch der Vergleich mit der regulären Universal-LP. Auch die hielt ich für eine gute Ausgabe; meine klare klangliche Präferenz blieb in diesem Vergleich die UHQR. Das ist eine Aussage über diese gehörten Pressungen, keine automatische Rangliste sämtlicher Ausgaben des Albums.

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45 RPM Audiophile · 2022-11-07

Steely Dan Can’t Buy a Thrill UHQR vs Original Promo

Video auf Englisch · Einstieg 7:10

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45 RPM Audiophile · 2022-11-09

Steely Dan Can’t Buy a Thrill: UHQR vs 33 RPM

Video auf Englisch · Einstieg 3:25

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Can't Buy a Thrill – AUHQR 0009-45

UHQR · 2 LP · 45 RPM

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AUHQR 0009-45

Auch als Hybrid Stereo SACD ↗CAPP 134 SA

02 / 09 · 1973

Countdown to Ecstasy

Die Band nimmt sich Raum

Jeff „Skunk“ Baxter · Illustration
Jeff „Skunk“ Baxter · Illustration

Nach dem Debüt dehnt sich die Musik aus. Countdown to Ecstasy hat acht Stücke, darunter Bodhisattva, Your Gold Teeth und King of the World. Die Gitarren dürfen länger sprechen, instrumentale Passagen entwickeln ein eigenes Gewicht. Fagen übernimmt nun durchgehend den Leadgesang. Dadurch wird die erzählerische Stimme eindeutiger, während die Band musikalisch weiter ausholt.

Der Reiz liegt im Zusammenspiel von Beweglichkeit und Konstruktion. Die Stücke sind sorgfältig geschrieben, lassen aber noch deutlich jene Energie erkennen, die man mit einer arbeitenden Band verbindet. Jeff Baxter und Denny Dias stehen nicht einfach als austauschbare Gitarristen nebeneinander. Ihre Beiträge schaffen unterschiedliche Konturen. Victor Feldmans Arbeit an den Tasten und am Schlagwerk erweitert die Farbpalette über das übliche Rockensemble hinaus.

My Old School ist ein guter Zugang, weil der Song seine Energie unmittelbar vermittelt. Danach kann man sich auf die längeren Bögen einlassen. Das Album belohnt es, die Begleitstimmen und die rhythmischen Antworten auf Fagens Gesang zu verfolgen. Man hört dann keine Abfolge einzelner Soli, sondern eine Band, die ihre musikalischen Gedanken über mehrere Stationen entwickelt.

Hinter My Old School steht eine konkrete Erinnerung an die Studienzeit: die Drogenrazzia am Bard College im Mai 1969. Aus dem Titel allein könnte man ein nostalgisches Heimkehrlied erwarten. Die Geschichte dahinter verschiebt diese Erwartung. Darin steckt ein typischer Steely-Dan-Effekt: Die Musik kann so einladend sein, dass man den Widerhaken zunächst übersieht. Wer Text und Arrangement gemeinsam wahrnimmt, hört plötzlich eine andere Art von Rückblick. Zur Entstehungsgeschichte ↗

Auch hier konnte ich die UHQR gegen eine White-Label-Promo hören. Der Vergleich war für mich ausgesprochen überzeugend zugunsten der Neuauflage. Im Video geht es ausdrücklich um das Verhältnis zu dieser Originalpressung. Wer wissen möchte, warum mich die frühen Steely-Dan-UHQRs so beschäftigt haben, sollte diesen Vergleich zusammen mit dem zum Debüt ansehen: Die beiden Alben stellen unterschiedliche musikalische Aufgaben, und genau das macht das Gegenhören interessant.

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45 RPM Audiophile · 2022-12-19

Steely Dan UHQR: Countdown To Ecstasy UHQR vs. White Label Promo 1st Pressing

Video auf Englisch · Einstieg 8:00

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Countdown to Ecstasy – AUHQR 0010-45

UHQR · 2 LP · 45 RPM

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AUHQR 0010-45

Auch als Hybrid Stereo SACD ↗CAPP 135 SA

03 / 09 · 1974

Pretzel Logic

Große Gedanken in kleinen Formen

Victor Feldman · Illustration
Victor Feldman · Illustration

Pretzel Logic verändert den Maßstab. Statt der ausgedehnten Formen des Vorgängers stehen 1974 kürzere Songs im Mittelpunkt. Das bedeutet keineswegs weniger musikalische Dichte. Rikki Don’t Lose That Number findet schnell ins Ohr; im Verlauf des Albums zeigen sich immer neue Winkel, Wechsel und kleine Umwege. Die Kunst besteht darin, sie wie die selbstverständlichste Sache der Welt erscheinen zu lassen.

Die Verbindung zum Jazz wird besonders offen. Parker’s Band verweist schon im Titel auf Charlie Parker. Mit East St. Louis Toodle-Oo steht außerdem eine Komposition von Duke Ellington und Bubber Miley im Programm. Die beiden Autoren verstehen Tradition als Material, mit dem sie arbeiten können. Ihre Musik lebt von dieser Vertrautheit und behält trotzdem ihren eigenen Ton.

Gleichzeitig verändert sich die Arbeitsweise. Jim Gordon und Jeff Porcaro gehören zu den Schlagzeugern des Albums. Die feste Bandbesetzung wird durch gezielt ausgewählte Studiomusiker ergänzt. Von hier führt ein nachvollziehbarer Weg zu Katy Lied: Der einzelne Song bestimmt zunehmend, wer im Studio welchen Platz bekommt.

Die UHQR wird vom Herausgeber mit Bernie Grundman als Mastering-Ingenieur und dem Originalmasterband als Quelle ausgewiesen. Wer das Album auswählt, sollte es zunächst wegen seiner kompakten Songs und seiner besonderen Stellung zwischen früher Band und später Studiomethode hören. Der Name einer Reihe ersetzt keine titelbezogene Bewertung.

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Pretzel Logic – AUHQR 0011-45

UHQR · 2 LP · 45 RPM

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AUHQR 0011-45

Auch als Hybrid Stereo SACD ↗CAPP 136 SA

04 / 09 · 1975

Katy Lied

Die Songs und der Schatten des Studios

Jeff Porcaro · Illustration
Jeff Porcaro · Illustration

Katy Lied gehört zu den Platten, deren technische Geschichte manchmal die Musik überdeckt. Dabei ist der musikalische Reichtum der unmittelbare Grund, hier zu bleiben. Black Friday, Bad Sneakers und Doctor Wu führen durch sehr unterschiedliche Stimmungen. Fagens Stimme verbindet sie, während Michael McDonalds Hintergrundgesang eine neue, markante Farbe hinzufügt.

Jeff Porcaro ist für dieses Album eine zentrale Figur am Schlagzeug. Sein Spiel erinnert daran, dass Steely Dans Genauigkeit nicht mit Starrheit gleichzusetzen ist. Der Rhythmus muss eine Form tragen und gleichzeitig atmen. Gerade deshalb lohnt es sich, Katy Lied als Ensembleaufnahme zu hören und nicht nur die auffälligen Einzelbeiträge herauszugreifen.

Michael McDonald · 1975 · Illustration
Michael McDonald · 1975 · Illustration

Für Your Gold Teeth II gab Fagen Porcaro eine Mingus-Aufnahme mit Dannie Richmond als rhythmische Anregung mit. Die überlieferte Sessiongeschichte zeigt etwas Schönes: Manchmal führt der Weg zur richtigen Aufführung erst einmal weg vom eigenen Stück und hinein in andere Musik. Jazz steht hier nicht als Etikett auf der Verpackung; er ist Teil einer gelebten musikalischen Verständigung. Zur Sessiongeschichte ↗

Die Probleme mit der damaligen dbx-Rauschunterdrückung gehören zur Überlieferung des Albums. Allerdings widersprechen sich Aussagen über Art und Reichweite des Schadens. Daraus lässt sich keine einfache Geschichte ableiten, nach der eine neue Ausgabe alles repariert hätte. Auch die Herausgeberangabe „Originalmasterband“ beantwortet die Frage nach dem Zustand des historischen Materials nicht. Eine sorgfältige Neuauflage und eine problematische Aufnahmegeschichte können nebeneinander bestehen.

In meinem Video zur Katy-Lied-UHQR erzähle ich, wie gut ich nach dem erneuten Hören verstehen konnte, dass manche Steely-Dan-Fans gerade dieses Album zu ihrem Favoriten erklären. Gerade zwischen den häufig genannten Aja und Gaucho lohnt sich dieser Umweg. Katy Lied zeigt eine andere Seite derselben Autoren: zehn konzentrierte Songs, in denen die einzelnen Musiker mit wenigen Gesten sehr viel erzählen.

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45 RPM Audiophile · 2025-03-04

4 Major Reissues: Steely Dan, Genesis, CSN & Alfie

Video auf Englisch · Einstieg 0:15

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Katy Lied – AUHQR 0012-45-1

UHQR · 2 LP · 45 RPM

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AUHQR 0012-45-1

Auch als Hybrid Stereo SACD ↗CAPP 137 SA

05 / 09 · 1976

The Royal Scam

Die Gitarre erzählt mit

Larry Carlton · Illustration
Larry Carlton · Illustration

Bei The Royal Scam rückt die Gitarre ins Zentrum. Larry Carlton ist eine Schlüsselfigur, aber nicht der einzige wichtige Gitarrist dieser Sessions. Denny Dias, Dean Parks und Elliott Randall gehören ebenfalls zu den Beteiligten. Die Namen helfen, das Album als Begegnung verschiedener musikalischer Handschriften zu verstehen. Es wäre zu einfach, jede eindrucksvolle Gitarrenstelle pauschal Carlton zuzuschreiben.

Kid Charlemagne zeigt, wie ein Solo in die Dramaturgie eines Songs hineinwachsen kann. Es ist mehr als eine Unterbrechung zwischen zwei Gesangspassagen. Die Gitarre führt den Gedanken weiter, verändert seine Temperatur und gibt ihn an den Song zurück. Don’t Take Me Alive setzt einen anderen Akzent; Haitian Divorce eröffnet wieder eine andere Klangwelt. Gerade innerhalb der gitarrenbetonten Anlage bleibt das Album erstaunlich vielseitig.

Bernard Purdie · Illustration
Bernard Purdie · Illustration

Die Figur in Kid Charlemagne ist lose von Owsley Stanley angeregt. The Caves of Altamira richtet den Blick dagegen auf die Begegnung mit Höhlenmalerei. Zwischen diesen Themen liegt eine enorme Entfernung; auf dem Album finden sie im selben musikalischen Kosmos Platz. Gerade deshalb lohnt es sich, Steely Dan nicht allein als Produzenten vorbildlicher Aufnahmen zu betrachten. Becker und Fagen interessieren sich für Figuren und Vorstellungen, die sich einer einfachen Popgeschichte entziehen. Zu den Hintergründen der Songs ↗

Chuck Rainey am Bass und die Beiträge der Schlagzeuger Bernard Purdie und Rick Marotta gehören zum Fundament. Gary Katz produziert; Roger Nichols und Elliot Scheiner sind an der Aufnahmetechnik beteiligt. Solche Credits sind keine dekorative Namensliste. Sie erklären, warum Steely Dans Studiowerk immer auch eine Geschichte hervorragender Begleitmusiker ist.

Als ich die Royal-Scam-UHQR im Video von Juli 2025 vorstellte, war für mich ein großer Bogen des Katalogprogramms geschlossen. Ich ordnete sie neben den anderen Ausgaben ein und sagte ausdrücklich, dass mir eine Rangfolge schwerfällt. Im Mittelpunkt steht dabei die Freude darüber, diesen Katalog in solchen Ausgaben hören zu können. The Royal Scam fügt dem Gesamtbild seine ganz eigene, gitarrenbetonte Seite hinzu.

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45 RPM Audiophile · 2025-07-11

The CCR Audiophile Grail Is Back—Plus Steely Dan UHQR

Video auf Englisch · Einstieg 7:30

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The Royal Scam – AUHQR 0013-45-1

UHQR · 2 LP · 45 RPM

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AUHQR 0013-45-1

Auch als Hybrid Stereo SACD ↗CAPP 138 SA

06 / 09 · 1977

Aja

Der Raum hinter den Details

Wayne Shorter und Steve Gadd · freie Illustration zu ihren Beiträgen auf Aja
Wayne Shorter und Steve Gadd · freie Illustration zu ihren Beiträgen auf Aja

Aja ist für viele der erste Kontakt mit Steely Dan als audiophilem Thema. Das ist verständlich, kann aber auch den Blick verengen. Denn das Album ist nicht nur deshalb bedeutend, weil es auf einer guten Anlage eindrucksvoll wirkt. Seine sieben Stücke verbinden melodische Klarheit mit einer musikalischen Beweglichkeit, die sich kaum erschöpft. Black Cow, Deacon Blues, Peg und Josie bieten sehr unterschiedliche Zugänge.

Der Titelsong führt besonders weit. Wayne Shorters Saxophon und Steve Gadds Schlagzeug gehören zu seinen prägenden Stimmen. Wer vom Jazz kommt, findet hier einen unmittelbaren Anknüpfungspunkt. Wer über Popmusik einsteigt, kann verfolgen, wie weit ein Song seine Form öffnen kann, ohne den Zusammenhang zu verlieren. Die Details haben eine Richtung. Sie stehen nicht nur nebeneinander.

Chuck Rainey · Illustration
Chuck Rainey · Illustration

Wayne Shorters Weg führt auch zum zweiten großen Quintett von Miles Davis. Wer seine musikalische Persönlichkeit weiterverfolgen möchte, findet im Miles-Davis-Dossier den größeren Zusammenhang. Solche Verbindungen machen das Plattensammeln spannend: Ein Name in den Credits kann die Tür zu einer völlig anderen Sammlung öffnen.

Bei meiner ersten Beschäftigung mit der Aja-UHQR im November 2023 war die Reaktion außergewöhnlich deutlich: Für mich war das ein Kandidat für die audiophile Wiederveröffentlichung des Jahres. Es ist hilfreich, diesen Enthusiasmus im Zusammenhang des Videos zu hören. Der Titel lautet bewusst First Impression. Für den Einstieg in dieses Album ist das Video vor allem eine Einladung, sich auf seine musikalische und räumliche Wirkung einzulassen.

Bei der Bandquelle ist Genauigkeit besonders wichtig. Die ursprüngliche Ankündigung des Katalogprogramms nennt für Aja eine analoge, nicht entzerrte Bandkopie. Auch die Herausgeberseite der UHQR weist eine analoge Bandkopie aus. Aja ist deshalb eine Ausnahme im Katalogprogramm und sollte als solche beschrieben werden. Die Qualität einer Ausgabe muss sich ohnehin am Ergebnis messen lassen, nicht an einem verkürzten Etikett.

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45 RPM Audiophile · 2023-11-09

First Impression: UHQR Steely Dan: Aja

Video auf Englisch · Einstieg 0:27

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Aja – AUHQR 0014-45

UHQR · 2 LP · 45 RPM

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AUHQR 0014-45

Auch als Hybrid Stereo SACD ↗CAPP 139 SA

07 / 09 · 1980

Gaucho

Die Spannung unter der glatten Oberfläche

Studiotechnik als Teil der Musik · freie Illustration, keine historische Sessionaufnahme
Studiotechnik als Teil der Musik · freie Illustration, keine historische Sessionaufnahme

Gaucho klingt in der Geschichte von Steely Dan wie eine weitere Verengung des Blicks: sieben Songs, stark kontrollierte Formen und eine Welt, in der die Figuren selten ganz mit sich im Reinen sind. Babylon Sisters, Hey Nineteen und Time Out of Mind gehören zu den offensichtlichen Ankerpunkten. Wer darin nur Eleganz hört, kann beim nächsten Durchgang auf die Spannung zwischen freundlicher Oberfläche und den erzählten Situationen achten.

Das 1980 veröffentlichte Album steht am Ende der ersten Studioära. Seine Produktionsgeschichte ist mit Roger Nichols’ Arbeit und dem frühen digitalen Schlagzeugsystem Wendel verbunden. Dieser technische Aspekt gehört in die Geschichte, erklärt aber nicht allein die Wirkung des Albums. Die entscheidende Frage bleibt musikalisch: Wie kann ein Groove zugleich genau kontrolliert und so wirksam sein?

Als die Gaucho-UHQR bei mir ankam, habe ich im Video ausdrücklich keinen Vergleich mit einem Original gemacht. Mein Bezugspunkt war Aja als klanglich herausragende Neuauflage. Ich beschrieb die raumfüllende Wirkung und stellte Gaucho neben Aja, ohne Aja schlicht für besser zu erklären. Wer den Videotitel „Gaucho vs. Aja“ liest, sollte also wissen: Hier werden zwei unterschiedliche Alben und ihre Wirkung besprochen, nicht zwei Pressungen desselben Albums.

Auch Gaucho bildet eine Ausnahme bei der Bandquelle. Laut Ankündigung des Programms wurde eine analoge Kopie von 1980 verwendet, die ursprünglich von Bob Ludwig entzerrt worden war. Diese konkrete Information ist nützlicher als die Behauptung, sämtliche Steely-Dan-UHQRs seien unmittelbar aus demselben Quellentyp entstanden. Albumgeschichte, verwendetes Band und neues Mastering sind drei verschiedene Ebenen.

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45 RPM Audiophile · 2024-04-27

Gaucho vs. Aja, David Crosby, Hall & Oates, First Pablo

Video auf Englisch · Einstieg 0:35

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Gaucho – AUHQR 0015-45

UHQR · 2 LP · 45 RPM

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AUHQR 0015-45

Auch als Hybrid Stereo SACD ↗CAPP 140 SA

08 / 09 · 2000

Two Against Nature

Zwanzig Jahre später – und sofort wieder erkennbar

Donald Fagen · Illustration
Donald Fagen · Illustration

Zwischen Gaucho und Two Against Nature liegen zwanzig Jahre. Donald Fagens The Nightfly von 1982 gehört in diesen Zwischenraum, ebenso Walter Beckers eigene Arbeit und die Rückkehr auf die Konzertbühne. Ein Soloalbum ist dabei kein Steely-Dan-Studioalbum: Wer die Diskografie ordnet, sollte diese Grenze sichtbar lassen, auch wenn die musikalischen Verbindungen offenkundig sind.

Two Against Nature kam 2000 heraus und führt den Dialog von Becker und Fagen weiter. What a Shame About Me, Jack of Speed und West of Hollywood laden dazu ein, die späte Band nicht ausschließlich an den Erwartungen an Aja zu messen. Die Schreibweise bleibt erkennbar, doch die Perspektive ist eine andere. Es wäre schade, das Album nur als Comeback-Erfolg abzulegen.

Donald Fagen und Walter Becker um 2000 · freie Illustration
Donald Fagen und Walter Becker um 2000 · freie Illustration

Die Grammy-Auszeichnung als Album of the Year machte die Rückkehr weithin sichtbar. Für den eigenen Zugang ist es ergiebiger, den Songs Zeit zu geben. Die Musik erklärt sich nicht allein aus dem Abstand von zwanzig Jahren. Sie steht als eigenes Kapitel da, mit eigenen Figuren, rhythmischen Vorstellungen und langen musikalischen Gedanken.

Mein Video von Juni 2022 behandelt die Analogue-Productions-45-RPM-Ausgabe zusammen mit Everything Must Go. Ich hatte beide gegen die Record-Store-Day-Ausgaben des Vorjahres gehört und bevorzugte die AP-Ausgaben deutlich. Die vorherigen Ausgaben beschrieb ich bereits als gut. Gerade deshalb war der Vergleich interessant. Wichtig für die Kaufentscheidung: Diese beiden AP-Doppel-LPs sind keine UHQR-Ausgaben.

Quelle zu Album und Ausgabe ↗

45 RPM Audiophile · 2022-06-10

New Analogue Production: 2 Great Steely Dan! + Thoughts on AP vs. MoFi

Video auf Englisch · Einstieg 6:55

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Two Against Nature – AAPP 141-45

Analogue Productions · 2 LP · 45 RPM

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AAPP 141-45

09 / 09 · 2003

Everything Must Go

Ein letztes Studioalbum mit eigener Stimme

Walter Becker und Donald Fagen · Illustration
Walter Becker und Donald Fagen · Illustration

Everything Must Go erschien 2003, nur drei Jahre nach Two Against Nature. Die unmittelbare Nachbarschaft ist wichtig: Dieses Album muss keine zwanzigjährige Pause überbrücken. Es kann aus einer wieder aufgenommenen Zusammenarbeit entstehen. The Last Mall, Things I Miss the Most und der Titelsong geben ihm eine eigene Atmosphäre, die man nicht durch den Vergleich mit den Siebzigerjahren ersetzen sollte.

Walter Becker übernimmt bei Slang of Ages selbst den Leadgesang. Seine Stimme verändert die Perspektive innerhalb des Albums; sie macht den zweiten Autor auf eine andere Weise präsent. Auch der Blick auf das Ensemble lohnt sich: Keith Carlock spielt Schlagzeug, Becker Bass. Die Produktion setzt auf das Zusammenspiel einer vergleichsweise konzentrierten Besetzung.

Keith Carlock · Illustration
Keith Carlock · Illustration

Damit bekommt die Reise durch die neun Studioalben einen schönen Rückbezug. Sie begann mit einer Band und führte durch die immer stärker differenzierte Besetzung der Studiowerke. Hier steht wieder die Erfahrung gemeinsamen Spielens im Vordergrund. Das ist keine Rückkehr zum Debüt. Es ist eine späte Form von Zusammenarbeit, die ihre eigene Gelassenheit zulässt.

In meinem gemeinsamen Video zu den beiden späten AP-Ausgaben gilt der positive Vergleich mit den Record-Store-Day-Pressungen auch Everything Must Go. Wer bisher vor allem die sieben klassischen Alben gehört hat, findet hier deshalb einen guten Anlass, den Horizont zu erweitern. Das Album beschließt den Studioalbum-Katalog mit Walter Becker; es sollte auch am Ende einer solchen Reise als Musik stehen dürfen, nicht bloß als historische Schlussmarke.

Quelle zu Album und Ausgabe ↗

Zum gemeinsamen Video über die beiden späten Alben ↑

Everything Must Go – AAPP 142-45

Analogue Productions · 2 LP · 45 RPM

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AAPP 142-45

DIE MENSCHEN IN DER MUSIK

Die Musiker hinter dem Namen Steely Dan

Victor Feldman · Illustration
Victor Feldman · Illustration

Gitarren: Charakter statt Austauschbarkeit

Denny Dias und Jeff Baxter verbinden die frühen Alben mit der Erfahrung einer festen Band. Später treten andere Stimmen hinzu. Larry Carlton ist auf The Royal Scam besonders wichtig; Elliott Randall prägt schon Reelin’ in the Years auf dem Debüt. Diese Unterschiede machen die Credits zum Hörweg: Nimm zwei Beiträge verschiedener Gitarristen und verfolge, wie sie einen Song beginnen, unter dem Gesang Platz lassen und in einem Solo Spannung aufbauen. Die Frage ist dabei, was der jeweilige Musiker dem Stück gibt.

Schlagzeug: Präzision hat viele Formen

Jeff Porcaro, Bernard Purdie, Steve Gadd und Keith Carlock stehen für unterschiedliche Stationen dieser Geschichte. Es wäre wenig ergiebig, sie alle auf das Wort „perfekt“ zu reduzieren. In den jeweiligen Arrangements übernehmen sie verschiedene Aufgaben. Gadds Beitrag im Titelsong Aja ist ein anderer Bezugspunkt als das Ensemblegefühl von Everything Must Go. Wer die Diskografie über die Schlagzeugstimmen erschließt, hört den Wandel der Band besonders deutlich.

Tasten, Saxophon und die Stimmen im Hintergrund

Victor Feldman erweitert die instrumentalen Möglichkeiten der früheren Studiowerke. Wayne Shorters Beitrag zu Aja schafft eine Verbindung zu einer eigenen, großen Jazzgeschichte. Michael McDonalds Hintergrundgesang gibt unter anderem Katy Lied eine charakteristische zusätzliche Stimme. Solche Beiträge sind mehr als Schmuck. Sie können eine Passage so stark prägen, dass man sie wiedererkennt, bevor man den Namen im Booklet gelesen hat.

Katz, Nichols und die Arbeit hinter der Scheibe

Gary Katz und Roger Nichols gehören in diese Geschichte, auch wenn sie nicht vor dem Mikrofon stehen. Produktion und Aufnahmetechnik machen aus einer musikalischen Vorstellung eine festgehaltene Aufführung. Später kommt bei einer Wiederveröffentlichung eine weitere Arbeit hinzu: Das Mastering muss mit dem vorhandenen Material umgehen. Deshalb ist es sinnvoll, Originalaufnahme und Reissue getrennt zu beschreiben. Ein neuer Schnitt ist keine neue Session, und ein anderer Tonträger ersetzt nicht die Entscheidungen der Musiker.

ORIGINAL · NEUAUFLAGE · FORMAT

Welche Steely-Dan-Ausgabe passt zu dir?

Die richtige Ausgabe beginnt beim Album, das du wirklich hören möchtest. Aja ist ein naheliegender Zugang zur ausgearbeiteten Studiowelt. Can’t Buy a Thrill führt über besonders vertraute Songs hinein. Countdown to Ecstasy und The Royal Scam geben den Gitarren mehr Gewicht. Katy Lied lohnt sich gerade dann, wenn du die bekannten Höhepunkte bereits kennst. Das ist eine Orientierung nach Musik, keine Rangliste nach Prestige.

Bei Originalpressungen zählen die konkrete Ausgabe und der Zustand. Eine amerikanische White-Label-Promo ist ein interessantes Vergleichsexemplar, aber die Bezeichnung allein garantiert keinen bestimmten Klang. Dass ich in zwei Videos eine UHQR gegenüber einer Promo bevorzugt habe, macht nicht jedes Original überflüssig. Historische Pressungen sind auch Dokumente ihrer Zeit. Wer verschiedene Schnitte sammelt, sollte Matrixangaben und Zustand festhalten, statt Ergebnisse unterschiedlicher Exemplare miteinander zu vermischen.

Die sieben klassischen Alben von Can’t Buy a Thrill bis Gaucho bilden das UHQR-Katalogprogramm. Die hier behandelten Ausgaben laufen mit 45 RPM auf zwei LPs. Das bedeutet mehr Seitenwechsel. Wer ein Album besonders gern ohne Unterbrechung erlebt, darf diesen praktischen Punkt genauso ernst nehmen wie Verpackung oder Material. Mein Hörurteil gilt dem vollständigen Ergebnis aus Quelle, Mastering, Pressung und Wiedergabe; es lässt sich nicht allein aus der Drehzahl ableiten.

Vom Band zur Rille · freie Illustration
Vom Band zur Rille · freie Illustration

Bei den regulären 180-Gramm-Neuauflagen von Geffen/UMe nennt die Ankündigung hochauflösende Digitaldateien als Grundlage für den Lackfolienschnitt durch Alex Abrash. Es handelt sich also nicht einfach um dieselbe UHQR in einer anderen Hülle. Die SACDs sind wiederum digitale Tonträger. Eine Hybrid-Stereo-SACD verbindet eine SACD-Schicht mit einer CD-Schicht und wird nicht auf dem Plattenspieler abgespielt. Hörurteile zu einer Vinylpressung lassen sich nicht automatisch auf die SACD desselben Albums übertragen.

Two Against Nature und Everything Must Go gehören als Analogue-Productions-45-RPM-Doppel-LPs in diese Reise, aber nicht in die UHQR-Schublade. Diese Trennung hilft beim Vergleichen. Du musst nicht den ganzen Katalog in einem einzigen Format kaufen. Ein Lieblingsalbum als aufwendig gestaltete Vinyl-Ausgabe und ein anderes als SACD können eine sehr vernünftige Sammlung ergeben. Entscheidend bleibt, dass du die Musik tatsächlich hörst.

Wenn du das Format über Steely Dan hinaus kennenlernen möchtest, findest du auf der Seite zur UHQR-Serie die weiteren Titel und Hintergründe. Hier im Dossier führt jeder Ausgabenlink dagegen direkt zum besprochenen Album. So kannst du zwischen Künstlergeschichte und konkreter Ausgabe wechseln, ohne den Zusammenhang zu verlieren.

Wie du zu Hause sinnvoll vergleichst

Nimm einen gut bekannten Abschnitt und höre ihn bei möglichst vergleichbarer Lautstärke. Eine etwas lautere Wiedergabe kann zunächst eindrucksvoller wirken. Achte dann auf konkrete musikalische Beziehungen: Bleibt die Stimme als Teil des Ensembles verständlich? Lässt sich die Basslinie verfolgen? Werden Schlagzeugakzente deutlich, ohne dass du den Zusammenhang des Songs verlierst?

Wechsle nicht nach jedem einzelnen Ton. Manche Unterschiede erschließen sich erst über eine vollständige Passage. Notiere dir kurz, was dich musikalisch stärker hineinzieht und was eher ablenkt. So entsteht eine eigene Entscheidung, die über Schlagwörter wie „mehr Details“ hinausgeht. Die Videos geben dir dafür Bezugspunkte; das Hören im eigenen Raum bleibt eine eigene Erfahrung.

WO DU WEITERHÖREN KANNST

Drei Wege durch die neun Alben

01

Du kommst von den Songs

Beginne mit Can’t Buy a Thrill und Pretzel Logic. Vertraute Melodien machen den Einstieg leicht; die Unterschiede zwischen beiden Alben zeigen schnell, wie die Band ihre Formen verändert. Gehe danach zu Katy Lied. So führt der Weg von eingängigen Songs in eine immer genauer ausgehörte Studiowelt.

02

Du kommst vom Jazz

Starte mit dem Titelsong von Aja, gehe zu Your Gold Teeth auf Countdown to Ecstasy und höre anschließend Parker’s Band auf Pretzel Logic. Das sind unterschiedliche Arten, Jazz in Songs hineinzudenken. Keines dieser Alben muss dazu wie ein traditionelles Jazzalbum funktionieren.

03

Du kennst die Klassiker schon

Höre Two Against Nature und Everything Must Go direkt hintereinander. Kehre danach zu Gaucho zurück. Die beiden späteren Alben bekommen so zunächst ihren eigenen Zusammenhang; der Blick zurück zeigt Verbindungen und Unterschiede, ohne das Spätwerk auf einen Comeback-Effekt zu reduzieren.

45 RPM Audiophile

Vom Gespräch zur Platte: meine Steely-Dan-Videos

Die Videos erzählen auch eine eigene kleine Geschichte der Wiederveröffentlichungen. Im Juni 2022 standen zunächst Two Against Nature und Everything Must Go im Mittelpunkt. Damals war die Aussicht auf weitere Steely-Dan-Titel noch Teil der Erwartung. Im September sprach ich mit Chad Kassem über das angekündigte UHQR-Programm. In diesem Gespräch berichtet er, wie ein Auftritt Donald Fagens in Salina 2017 zum Ausgangspunkt seiner Geschichte wurde. Das ist die Erzählung des Herausgebers aus erster Hand und ein anderer Blickwinkel als ein späterer Hörvergleich.

Danach wurden die abstrakten Pläne zu konkreten Platten auf dem Teller: das Debüt gegen eine White-Label-Promo, die reguläre Universal-Ausgabe als zusätzliche Option, Countdown to Ecstasy, später Aja und Gaucho. Die Vorstellungen von Katy Lied und The Royal Scam erweitern den Bogen. Die älteren Videos bleiben deshalb interessant, auch wenn damalige Vorbestelltermine und Preisangaben heute überholt sind. Sie dokumentieren, wann eine Einschätzung entstand und worauf sie sich bezog.

Das Gespräch mit Patrick über Steely Dan und Originalpressungen gehört als Diskussion ebenfalls dazu. Es schafft Raum für Fragen, die ein einzelner Plattenvergleich nicht abschließend beantwortet: Was erwarten wir von einer Wiederveröffentlichung? Welchen eigenen Reiz hat eine frühe Pressung? Wo ist ein persönliches Urteil hilfreich, und wo braucht es das genaue Exemplar? Unter jedem Album findest du den passenden Einstieg; hier stehen die ergänzenden Gespräche und der vollständige Videoüberblick.

45 RPM Audiophile · 2022-09-17

Chad Kassem on Steely Dan UHQR + Q&A

Video auf Englisch · Einstieg 0:21

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45 RPM Audiophile · 2022-11-06

Patrick & Michael: Steely Dan, Og´s and what comes to mind

Video auf Englisch · Einstieg 0:00

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Videoarchiv: Vergleiche, Gespräche und Ankündigung

Die Perfektion ist erst der Anfang

Am Ende dieser neun Alben bleibt eine erstaunlich bewegliche Geschichte. Die frühere Band, die präzise gesetzten Studiobesetzungen, die lange Pause und das späte Wiederanknüpfen gehören zusammen. Man versteht Aja anders, wenn man zuvor Countdown to Ecstasy gehört hat. Und Everything Must Go gewinnt, wenn es nicht ständig die Aufgabe bekommt, noch einmal ein Album aus den Siebzigerjahren zu sein.

Die beste Steely-Dan-Sammlung ist deshalb nicht zwangsläufig die mit den meisten dicken Boxen. Sie ist die, in der du immer wieder eine Platte herausziehst. Vielleicht wegen eines Gitarrensolos. Vielleicht wegen eines Songs, der dich seit Jahrzehnten begleitet. Und manchmal, weil eine neue Ausgabe dir zeigt, dass in einem scheinbar vertrauten Arrangement noch etwas auf dich gewartet hat.

FAQ

Häufige Fragen zu Steely Dan auf Vinyl

Wie viele Studioalben haben Steely Dan veröffentlicht?

Neun: Can’t Buy a Thrill (1972), Countdown to Ecstasy (1973), Pretzel Logic (1974), Katy Lied (1975), The Royal Scam (1976), Aja (1977), Gaucho (1980), Two Against Nature (2000) und Everything Must Go (2003). Livealben, Kompilationen und die Soloalben von Fagen und Becker sind darin nicht enthalten.

Mit welchem Steely-Dan-Album soll ich anfangen?

Aja bietet einen guten Zugang zur Studiokunst; Can’t Buy a Thrill führt über bekannte Songs und die frühe Band hinein. Wenn du Gitarren besonders magst, höre danach The Royal Scam oder Countdown to Ecstasy. Die passende Wahl hängt von deiner Musikvorliebe ab.

Sind alle Steely-Dan-UHQRs vom Originalmasterband?

Nein. Die Ankündigung nennt für Aja eine analoge Bandkopie und für Gaucho eine 1980 angefertigte, ursprünglich von Bob Ludwig entzerrte Bandkopie. Deshalb sollte die Quelle stets je Album angegeben werden.

Gibt es Two Against Nature und Everything Must Go auch als UHQR?

Die hier vorgestellten Analogue-Productions-Ausgaben sind 45-RPM-Doppel-LPs mit den Katalognummern AAPP 141-45 und AAPP 142-45. Sie sind keine UHQR-Ausgaben.

Ist The Nightfly ein Steely-Dan-Album?

The Nightfly erschien 1982 als Soloalbum von Donald Fagen. Es ist musikalisch eng mit der Geschichte verbunden, gehört aber nicht zu den neun Steely-Dan-Studioalben.

Hat die neue Katy-Lied-Ausgabe die dbx-Probleme repariert?

Dafür wird hier kein Beleg behauptet. Die historischen Aussagen zum Problem widersprechen sich. Eine positive Besprechung der Neuauflage beweist keine technische Wiederherstellung der damaligen Aufnahme.

Quellen und redaktionelle Hinweise

Album- und Ausgabedaten wurden mit Herausgeberangaben, Diskografie und vorhandenen Rechercheakten abgeglichen. Persönliche Höraussagen sind an die jeweiligen Videos gebunden. Die Illustrationen sind KI-generierte redaktionelle Zeichnungen und keine historischen Fotografien; die Ausgabencover bleiben unverändert. Michael betreibt den Shop, auf dessen Produkte dieser Artikel verlinkt.

  1. Programm und Bandquellen / Programme and tape sources
  2. Diskografie / Discography
  3. Bandgeschichte / Band history
  4. Katy Lied: Aufnahmegeschichte / Recording history
  5. Roger Nichols und Wendel
  6. Everything Must Go: Gespräch mit Becker und Fagen / Interview
  7. Can’t Buy a Thrill
  8. Countdown to Ecstasy
  9. Pretzel Logic
  10. Katy Lied
  11. The Royal Scam
  12. Aja
  13. Gaucho
  14. Two Against Nature
  15. Everything Must Go

Van Morrison um 1970

Van Morrison: drei Platten zum Verlieben

Plattenliebe · Van Morrison · Acoustic Sounds 40 Series

Van Morrison: drei Platten zum Verlieben

Astral Weeks, Moondance und His Band And The Street Choir auf 45 RPM

Eine Stimme, die tief berührt. Musiker, die einander zuhören. Songs, zu denen man immer wieder zurückkehrt. Diese drei Van-Morrison-Alben gehören zu den schönsten Gründen, sich Zeit für eine Schallplatte zu nehmen. Die aufwendigen Ausgaben von Analogue Productions geben ihnen einen neuen Platz in der Sammlung.

Bei Astral Weeks war meine Vorfreude schon mit der Ankündigung da. Dieses Album liegt mir besonders am Herzen. Van Morrisons Gesang, diese Verbindung aus Folk, Jazz, Blues und psychedelischer Freiheit: Das ist Musik, die mich begeistert. Als dann Astral Weeks und Moondance aus der Acoustic Sounds 40th Anniversary Series auf dem Plattenteller lagen, hat mich bei beiden Ausgaben besonders seine Stimme überzeugt. Diese Platten klingen großartig.

Mit His Band And The Street Choir kommt ein drittes Album dazu, voller Soul, Rhythmus und Lebensfreude. Zwischen 1968 und 1970 entstanden, zeigen die drei, wie viel in Van Morrison steckt. Man kann sich in die Weite von Astral Weeks verlieren, sich von den Songs auf Moondance mitnehmen lassen und bei Street Choir kaum still sitzen. Sie zusammen auf Vinyl zu haben, ist ein Vergnügen. Ihnen in dieser Qualität zu begegnen, macht es noch schöner.

Van Morrison um 1970

Astral Weeks: einer Stimme ganz nah

Van Morrison in der Astral Weeks-Phase
Van Morrison · Astral Weeks, 1968

Auf Astral Weeks ist Van Morrisons Stimme für mich das Hauptinstrument. Wie er singt, ist ein Traum. Er zieht Worte in die Länge, wiederholt sie, verändert ihre Betonung und lässt eine Melodie weiterwachsen. Man hört eine Stimme, die sich ganz in die Musik hineingibt. Wer dieses Album liebt, kennt wahrscheinlich dieses Gefühl: Ein vertrauter Song läuft, und plötzlich hält einen eine einzelne Phrase wieder fest.

Van Morrison Astral Weeks 45 RPM Vinyl
Astral Weeks · 45 RPMDie besprochene Ausgabe der Acoustic Sounds 40 Series.

Die Musiker um ihn herum haben einen großen Anteil daran. Produzent Lewis Merenstein brachte im Herbst 1968 eine außergewöhnliche Besetzung ins New Yorker Century Sound Studio. Richard Davis spielte Kontrabass, Jay Berliner Gitarre, Connie Kay vom Modern Jazz Quartet saß am Schlagzeug. Warren Smith ergänzte Perkussion und Vibrafon, John Payne Flöte; die Streicherarrangements stammen von Larry Fallon. In drei Sessions entstand ein Album, dessen Zusammenspiel bis heute fasziniert.

Gerade Richard Davis lohnt die ganze Aufmerksamkeit. Sein Bass begleitet die Songs mit einer Beweglichkeit, die weit über das Halten des Grundtons hinausgeht. Er antwortet auf Morrisons Gesang, setzt eigene melodische Gedanken dazu und gibt der Musik zugleich Halt. Daneben die akustischen Gitarren, die feinen rhythmischen Akzente und Morrisons Stimme: Schon diese Besetzung erzählt viel darüber, weshalb Astral Weeks so unverwechselbar ist. Hier treffen die Offenheit des Jazz und die Unmittelbarkeit eines Folksängers aufeinander.

Das Titelstück führt mitten hinein. Bei Sweet Thing bekommt die Musik eine beinahe schwerelose Bewegung. Madame George nimmt sich Zeit für seine Bilder und Wiederholungen; man folgt dem Gesang immer weiter. Schließlich steht mit Slim Slow Slider ein karger, berührender Schluss. Das Album lässt sehr verschiedene Empfindungen zu: Zärtlichkeit, Unruhe, Sehnsucht. Gerade weil Morrison so viel davon in seine Stimme legt, bleibt diese Musik einem nahe.

Für einen Musikliebhaber ist das ein wunderbares Album, um genauer hinzuhören. Man kann einmal dem Kontrabass folgen, dann auf die Gitarre achten, dann wieder ganz beim Gesang sein. Die Songs halten das aus. Ihre Vertrautheit macht sie mit der Zeit sogar reizvoller, weil das Zusammenspiel neben den längst geliebten Momenten noch so viel Aufmerksamkeit verdient.

Meine Freude über die neue 45-RPM-Ausgabe beginnt genau dort: bei dieser Musik und Morrisons Gesang. Astral Weeks und Moondance haben mich in den Ausgaben von Analogue Productions klanglich sehr begeistert, vor allem mit der Wiedergabe seiner Stimme. Auch meine alte US-Promo von Astral Weeks habe ich daneben aufgelegt; für einen fairen Pressungsvergleich ist mein Exemplar allerdings zu stark abgenutzt. Umso mehr freue ich mich, dieses geliebte Album jetzt in einer so schönen Ausgabe hören zu können.

Musiker der Astral Weeks-Aufnahmen
Richard Davis · Van Morrison · Jay Berliner · Connie Kay · John Payne

Moondance: zehn Songs, zu denen man zurückkehrt

Van Morrison in der Moondance-Phase
Van Morrison · Moondance, 1970

1970 folgt Moondance. Schon And It Stoned Me empfängt einen mit einer anderen musikalischen Selbstverständlichkeit. Die Songs sind kompakter, die Band spielt mit viel Gespür für Groove und Melodie. Folk, Soul, Jazz und Rhythm and Blues finden hier so mühelos zusammen, dass man beim Hören leicht vergisst, wie besonders diese Verbindung ist. Morrison hat eine Fülle von Ideen und bringt sie in Songs unter, die sofort vertraut wirken können.

Van Morrison Moondance 45 RPM Vinyl
Moondance · 45 RPMDie besprochene Ausgabe der Acoustic Sounds 40 Series.

Für die Aufnahmen im New Yorker A&R Studio übernahm er selbst die Produktion. Zur Band gehörten John Platania an der Gitarre, Jef Labes an den Tasten, John Klingberg am Bass und Gary Mallaber an Schlagzeug und Vibrafon. Jack Schroer und Collin Tilton steuerten Saxofone und Flöte bei. Die Stimmen von Judy Clay, Cissy Houston und Jackie Verdell bereichern Crazy Love und Brand New Day. Diese Musiker geben dem Album seine vielen Farben, ohne den Songs ihre Leichtigkeit zu nehmen.

Das Titelstück ist dafür ein herrliches Beispiel. Dieser Swing, die Bläser, Morrisons Phrasierung: Alles lädt dazu ein, der Band zu folgen. Auf Crazy Love wird es zärtlich, Caravan bringt die gemeinsame Energie einer Band zusammen, und Into the Mystic gehört zu jenen Songs, deren Stimmung lange nachklingt. Auf einer einzigen Platte liegt so viel Wärme und Bewegung. Man möchte bei diesen Liedern bleiben.

In meinem Video habe ich neben dem Titelstück auch Glad Tidings hervorgehoben. Wunderbare Songs, Van Morrison auf seinem Höhepunkt. Gerade der Schluss eines Albums entscheidet oft mit darüber, wie gern man es wieder auflegt. Moondance hat diese Qualität bis zum letzten Stück. Die berühmten Titel gehören zu einem Album, das als Ganzes Freude macht.

Im Vinyl Room haben wir darüber diskutiert, welches der beiden Alben das bessere ist: Astral Weeks oder Moondance. Das Ergebnis war genau fünfzig zu fünfzig. Meine Wahl fällt ein kleines bisschen stärker auf Astral Weeks. Aber wir waren uns alle einig, dass beide großartig sind. Ich mag diese Diskussion, weil man sofort bei der Musik landet: bei dem Song, der einen begleitet, bei der Stimme, bei dem Album, zu dem man eine ganz persönliche Verbindung hat.

Als Paar sind diese beiden 45-RPM-Doppel-LPs deshalb besonders reizvoll. Man hört denselben Sänger in zwei sehr unterschiedlichen musikalischen Umgebungen. Die freie Entwicklung auf Astral Weeks und die konzentrierte Songkunst auf Moondance lassen einen immer wieder anders auf ihn aufmerksam werden. Und bei beiden neuen Ausgaben hat mich der Klang begeistert. Gerade eine so ausdrucksvolle Stimme verdient diese Sorgfalt.

Musiker der Moondance-Aufnahmen
John Platania · Jef Labes · Van Morrison · Gary Mallaber · Jack Schroer · Collin Tilton

His Band And The Street Choir: Soul, der einen packt

Van Morrison in der His Band And The Street Choir-Phase
Van Morrison · His Band And The Street Choir, 1970

Noch im selben Jahr erschien His Band And The Street Choir. Hier kommt Van Morrisons Liebe zu Rhythm and Blues, Soul und Gospel mit großer Spielfreude zusammen. Mein Einstiegstipp ist Domino, gleich der erste Song. Eine Verbeugung vor Fats Domino, voller Schwung und mit einem Refrain, der einen sofort mitnimmt. Das ist eine wunderbare Einladung in dieses Album.

Van Morrison His Band And The Street Choir 45 RPM Vinyl
His Band And The Street Choir · 45 RPMDie besprochene Ausgabe der Acoustic Sounds 40 Series.

Mit Give Me a Kiss, I’ve Been Working und Blue Money geht die Freude an Rhythmus und Zusammenspiel weiter. Gitarren, Bläser, Klavier und Gesang greifen ineinander, die Musik hat Zug. Dazwischen zeigt Morrison seine sanftere Seite. Gerade dieses Nebeneinander macht Street Choir so liebenswert: Die Band kann drängen und feiern, und sie kann einem ruhigen Song Platz lassen.

Wieder ist John Platania dabei, hier an Gitarre und Mandoline. John Klingberg spielt Bass, Dahaud Shaar Schlagzeug, Alan Hand die Tasten. Jack Schroers Saxofone und Keith Johnsons Trompete und Orgel erweitern die Klangfarben. Morrison greift auf Crazy Face und Call Me Up in Dreamland selbst zum Tenorsaxofon. Bei If I Ever Needed Someone kommen Judy Clay, Cissy Houston und Jackie Verdell als Gastsängerinnen hinzu. Es ist eine Besetzung, in der seine Begeisterung für amerikanischen Soul und Gospel hörbar Gestalt annimmt.

Gerade bei dieser Platte konnte ich sehr konkret vergleichen. Neben der neuen Analogue-Productions-Ausgabe lagen eine britische Zweitpressung sowie eine deutsche Erst- und Zweitpressung auf dem Plattenteller. Unter den älteren Exemplaren gefiel mir die britische Zweitpressung mit ihrer Balance von Mitten, Höhen und Bass am besten. Was mich bei allen drei überraschte: Die Musik blieb recht stark an den Lautsprechern hängen.

Die neue 45-RPM-Ausgabe löst sie davon. Die Bühne öffnet sich deutlich in die Breite, Instrumente bekommen nachvollziehbare Plätze. Ich kann auf die Gitarre zeigen, auf das Schlagzeug, und höre auch besser, was weiter vorn und weiter hinten spielt. Bei einer Band wie dieser ist das ein großer Gewinn. Man bekommt mehr von den einzelnen Musikern mit und kann ihrem Zusammenspiel leichter folgen.

Am stärksten beschäftigt mich dabei Van Morrisons Stimme. Im Video habe ich gesagt:

„Diese Stimme ist ein Erdbeben.“

Zu dieser Kraft kommt die Phrasierung. Wie er einen Ton ansetzt, eine Silbe betont oder eine Gesangslinie weiterführt, wird auf der neuen Ausgabe für mich wesentlich deutlicher als auf den anderen Pressungen. Seine Stimme macht für mich gefühlt achtzig Prozent dieser Platte aus. Wenn sie so viel von ihrem Ausdruck vermittelt, gewinnt das ganze Album.

Darin liegt für mich der Reiz einer wirklich guten audiophilen Schallplatte. Man nimmt eine Veränderung im Klang wahr und ist zugleich stärker bei der Musik: bei diesem Sänger, bei der Gitarre neben ihm, bei der Band, die den Song trägt. His Band And The Street Choir hat mir im Vergleich genau diese Freude gemacht. Wer Van Morrison über Astral Weeks und Moondance liebt, findet hier eine weitere, ausgesprochen mitreißende Seite von ihm.

Musiker der His Band And The Street Choir-Aufnahmen
John Platania · Judy Clay · Cissy Houston · Van Morrison · Jackie Verdell · Keith Johnson · Dahaud Shaar · John Klingberg

Mit Sorgfalt für diese Musik: die Acoustic Sounds 40 Series

Die Acoustic Sounds 40th Anniversary Series entstand zum vierzigjährigen Jubiläum von Acoustic Sounds in Zusammenarbeit mit Rhino. Analogue Productions veröffentlicht die drei Alben als Doppel-LPs mit 45 RPM auf 180-Gramm-Vinyl, gepresst bei Quality Record Pressings, kurz QRP. Matthew Lutthans verantwortet das Mastering bei The Mastering Lab. Dazu kommen die aufwendig gefertigten Tip-on-Klappcover von Stoughton Printing. Das sind Ausgaben, die man gern in die Hand nimmt und in der Sammlung hat.

Zum Mastering gehört auch ein Blick auf die verwendeten Quellen. Astral Weeks und Moondance basieren auf unbearbeiteten digitalen Überspielungen der Original-Masterbänder mit 24 Bit und 192 kHz. Die Klangbearbeitung erfolgte über das analoge Röhrensystem von The Mastering Lab. Für His Band And The Street Choir nennt der Hersteller eine eigens angefertigte, klanglich bearbeitete Bandkopie, eine „one-off EQ tape copy“.

Die Verteilung auf vier Plattenseiten und der Schnitt mit 45 Umdrehungen gehören zum Aufwand, den Analogue Productions hier betreibt. Dazu passt das hochwertige Cover im großen Format, das man beim Hören aufklappen und betrachten kann. Für mich gehört diese Nähe zur Platte zur Freude an Vinyl. Und wenn mich der Klang so anspricht wie bei diesen drei Veröffentlichungen, greife ich umso lieber danach.

Welche legt man zuerst auf?

Vielleicht Astral Weeks, weil man Zeit hat, sich ganz auf Morrisons Gesang einzulassen. Vielleicht Moondance, weil schon der Gedanke an diese Songs Freude macht. Oder His Band And The Street Choir, weil es heute Soul, Bläser und eine Band mit Schwung sein sollen.

Meine kleine Vorliebe für Astral Weeks bleibt. Ebenso die Begeisterung für Moondance und die Freude darüber, wie viel die neue Street Choir im Vergleich von Stimme und Zusammenspiel hören lässt. Diese drei Alben haben jeweils ihren eigenen Platz. Als audiophile Vinyl-Ausgaben der Acoustic Sounds 40 Series laden sie dazu ein, sich wieder ausgiebig mit Van Morrison zu beschäftigen. Es gibt auf jeder von ihnen so viel zu lieben.

Die drei Ausgaben aus dem Artikel

Astral Weeks, Moondance und His Band And The Street Choir als 45-RPM-Doppel-LPs der Acoustic Sounds 40 Series.

Miles Davis mit Trompete, redaktionelle Zeichnung im Stil der späten fünfziger Jahre.

Miles Davis: Eine Geschichte in Platten

Das Künstlerdossier · Jazz

Miles Davis:
Eine Geschichte in Platten

Vom Zusammenspiel des ersten Quintetts bis zur elektrischen Klangwelt: Wie Miles Davis seine Musik immer wieder neu dachte – erzählt entlang der Aufnahmen und ihrer Musiker.

Miles Davis mit Trompete, redaktionelle Zeichnung im Stil der späten fünfziger Jahre.
Miles Davis · Trompete, um 1959. Illustration.

Ich möchte bei Miles Davis mit den Platten anfangen. Mit einer Trompete, die eine Melodie nicht ausbuchstabieren muss. Mit einem Bass, der die Band zusammenhält, während sich über ihm die Musik verändert. Die eigenen Vorstellungen seiner Mitmusiker entscheiden mit darüber, was aus einer Aufnahme wird.

Den Ausgangspunkt bilden die Miles-Davis-Ausgaben in meinem Shop. Für Prestige entstanden Bags’ Groove und die Aufnahmen des ersten Quintetts auf Cookin’, Relaxin’, Workin’ und Steamin’. Aus seiner Arbeit für Columbia stammen dagegen die 1958 aufgenommenen Stücke auf Birth of the Blue sowie Kind of Blue, Someday My Prince Will Come und Seven Steps to Heaven. Die hier vorgestellten heutigen Shopausgaben erscheinen bei Analogue Productions. Von dort führt die Geschichte weiter zu Gil Evans, zum zweiten großen Quintett und zur elektrischen Musik. Denn die Platten erklären einander. Wer nur Kind of Blue kennt, kennt einen zentralen Moment – aber noch längst nicht die Möglichkeiten dieses Trompeters.

01 · Ein Ton bekommt Richtung

Von der Bebop-Sprache zur eigenen Vorstellung

Als der 1926 geborene Miles Davis in den vierziger Jahren mit Charlie Parker aufnimmt, arbeitet er mitten in der musikalischen Neuordnung des Bebop. Die Themen sind verwinkelt, die Harmonien wechseln rasch, die Solisten müssen auf engem Raum reagieren. Miles entwickelt darin eine eigene Art, Spannung zu setzen: eine Phrase nicht mit möglichst vielen Tönen zu schließen, sondern mit einem Ton, dessen Platzierung die ganze folgende Pause verändert.

Die Nonett-Aufnahmen von 1949 und 1950, später als Birth of the Cool gebündelt, erweitern diese Frage vom Solo auf den Ensembleklang. Zu Trompete und Saxophonen kommen unter anderem Horn und Tuba. Die Arrangements von Gerry Mulligan, Gil Evans, John Lewis und John Carisi machen aus neun Instrumenten ein bewegliches Geflecht von Stimmen. Tiefe Register tragen Melodien; Klangfarben gehen ineinander über. Gil Evans wird für Miles dabei weit mehr als ein späterer Orchesterarrangeur: ein Partner beim Nachdenken darüber, wie sich ein einzelner Ton in eine größere Klangvorstellung einfügt.1

Diese frühen Aufnahmen sind hier ein historischer Bezugspunkt. Das derzeit geprüfte Shopangebot setzt bei anderen Platten an. Und eine wichtige Unterscheidung bleibt: Birth of the Cool und Birth of the Blue sind zwei völlig verschiedene Projekte.

02 · 1954 / veröffentlicht 1957

Bags’ Groove: zwei Besetzungen, zwei Arten von Spannung

Illustration von Milt Jackson mit zwei Schlägeln am Vibraphon, um 1954.
Milt Jackson · Vibraphon. Der Dezember-Session von Bags’ Groove zugeordnet. Illustration.

Bags’ Groove zeigt besonders gut, warum Aufnahmedatum und Erscheinungsjahr auseinandergehalten werden müssen. Die Prestige-LP erschien 1957, enthält aber Musik aus zwei Sessions des Jahres 1954. Rudy Van Gelder nahm beide in seinem damaligen Studio in Hackensack auf. Die Titelnummer stammt vom 24. Dezember: Miles, Vibraphonist Milt Jackson, Thelonious Monk, Percy Heath und Kenny Clarke. Die übrigen Stücke kommen vom 29. Juni, mit Sonny Rollins und Horace Silver anstelle von Jackson und Monk.2

Schon das Vibraphon verändert die Textur. Jacksons Anschläge beginnen präzise und klingen weiter, während Miles seine Linien mit Atem und Pausen gliedert. Ein Blues braucht hier keine komplizierte Form, um reich an Ereignissen zu sein. Entscheidend ist, wie lange ein Musiker eine Idee stehen lässt und wie der nächste darauf antwortet. Monks eigenes Solo bringt eine nochmals andere, kantigere Zeitvorstellung ins Spiel.

Auf der anderen Seite stehen Rollins’ Stücke „Airegin“, „Oleo“ und „Doxy“. Tenorsaxophon und Trompete können die Linie gemeinsam schärfen und sich in den Soli deutlich voneinander lösen. Silver gibt dem harmonischen Untergrund einen anderen Zugriff als Monk. Heath und Clarke bilden die Verbindung zwischen beiden Sessions. So dokumentiert die Platte keine feste Band an einem einzigen Nachmittag, sondern mehrere Möglichkeiten, den Blues und das zeitgenössische Jazzrepertoire zu organisieren.

Für die AP-Ausgabe APRJ 7109 nennt der Hersteller Kevin Gray als Mastering-Ingenieur und Quality Record Pressings als Presswerk. Die Monoaufnahme bleibt eine gemeinsame Klangbühne: Die Unterscheidung der Instrumente entsteht durch Tonfarbe, Artikulation und musikalische Position, nicht durch eine nachträglich behauptete Links-rechts-Verteilung. Das ursprüngliche Recording von Van Gelder und Grays spätere Arbeit für die Wiederveröffentlichung sind zwei verschiedene Produktionsschritte.29

Cover der Shopausgabe: Bags’ Groove
Bags’ Groove1 LP · 33⅓ RPM · Mono

Im Shop: Bags’ Groove, Analogue Productions, Mono-LP.

03 · Das erste große Quintett · 1955–1956

Fünf Musiker, die einander Raum geben

Mit John Coltrane, Red Garland, Paul Chambers und Philly Joe Jones entsteht die Band, deren Zusammenspiel die Prestige-Platten trägt. Hier bedeutet Eigenständigkeit nicht, dass jeder möglichst viel im Vordergrund spielt. Garland kann mit seinen Akkorden einen weichen, federnden Boden legen. Chambers hält die Bewegung in seinen Basslinien klar. Philly Joe Jones setzt Akzente, beantwortet Phrasen und treibt die Gruppe an. Darüber unterscheiden sich Miles’ knappe Linien und Coltranes dichteres Tenorspiel sofort.

Redaktionelle Ensemblezeichnung des Miles-Davis-Quintetts mit Garland, Chambers, Davis, Coltrane und Philly Joe Jones.
Das erste große Quintett, um 1956. Von links: Red Garland (Klavier), Paul Chambers (Bass), Miles Davis (Trompete), John Coltrane (Tenorsaxophon), Philly Joe Jones (Schlagzeug). Illustration.

Am 11. Mai und am 26. Oktober 1956 nimmt die Gruppe bei Rudy Van Gelder genug Material für vier später veröffentlichte Alben auf: Cookin’, Relaxin’, Workin’ und Steamin’. Dahinter steht auch der Wechsel von Prestige zu Columbia. Die verbliebenen Verpflichtungen bei Bob Weinstocks Label werden mit einem Repertoire erfüllt, das die Musiker aus ihrer gemeinsamen Arbeit kennen. Der wirtschaftliche Anlass erklärt die konzentrierte Produktion; er macht die Musik nicht zu einer bloßen Pflichtübung.3

Cookin’: Ballade und Bewegung

Cookin’ erschien 1957 und stammt vollständig aus der Oktober-Session. „My Funny Valentine“ eröffnet die Platte mit Miles und der Rhythmusgruppe; Coltrane setzt aus. Dadurch verändert sich die Aufmerksamkeit: Der Atem der Trompete, Garlands Antworten und die unaufdringliche Bewegung unter der Melodie bekommen Gewicht. „Airegin“ stellt dem eine andere Aufgabe gegenüber. Das Thema verlangt Präzision, die Soli brauchen Beweglichkeit, und die Rhythmusgruppe muss gleichzeitig zusammenhalten und antreiben.

Diese Spannweite ist ein Schlüssel zur Band. Eine Ballade ist kein Stillstand, ein schnelles Stück kein Wettbewerb um die höchste Notenzahl. In beiden Fällen kommt es darauf an, wie die Musiker die Zeit teilen. Die Mono-LP von Cookin’ und die Hybrid-SACD erschließen dieselbe Albumgeschichte in unterschiedlichen Formaten.4

Cover der Shopausgabe: Cookin’
Cookin’1 LP · 33⅓ RPM · Mono
Cover der Shopausgabe: Relaxin’
Relaxin’1 LP · 33⅓ RPM · Mono

Bei der heutigen Cookin’-LP APRJ 7094 führt Analogue Productions ebenfalls Kevin Gray für den Schnitt von analogen Mastern und QRP für die Pressung an. Die Hybrid-SACD ist eine eigene Ausgabe. Den LP-Schnitt kann man nicht einfach als technische Beschreibung einer SACD übernehmen; für deren konkretes Mastering bleibt der separat belastbare Nachweis in der jetzigen Recherche offen.29

Relaxin’: Gelassenheit ist gemeinsame Arbeit

Bei Relaxin’, veröffentlicht 1958, führt schon „If I Were a Bell“ mitten in die Verständigung der Gruppe. Die kleine Klaviereinleitung setzt einen Charakter, bevor die Trompete das Thema übernimmt. „You’re My Everything“ lässt sogar einen abgebrochenen Beginn und eine kurze Verständigung im Studio stehen. Das vermittelt Nähe, ohne die Arbeit hinter der scheinbaren Leichtigkeit verschwinden zu lassen. Garlands Begleitung, Chambers’ Bass und die Akzente des Schlagzeugs sind der Grund, auf dem die Solisten ihre Unterschiede entwickeln können.5

Aus meinem Hörvergleich: In meinem Video vom 17. Mai 2022 habe ich die damalige Analogue-Productions-Monoausgabe mit Crafts Small-Batch-Ausgabe verglichen. Die AP empfand ich als weicher und wärmer; die Craft als analytischer und direkter. Bei ihr beschrieb ich gerade den Einsatz der Trompete als sehr intensiv. Einen eindeutigen Sieger habe ich daraus nicht gemacht. Beide hatten für mich ihre Stärken, und meine Wahl hing auch davon ab, welche Präsentation ich gerade hören wollte. Das ist eine Einschätzung der damals verglichenen Exemplare, keine pauschale Aussage über jede spätere Pressung.V1

Die technische Zuordnung passt zu diesem Vergleich: Für APRJ 7129 nennt AP Kevin Gray und die Fertigung bei QRP. Das erklärt, welche Ausgabe gemeint ist. Ob man ihre Präsentation als wärmer empfindet, ist dagegen eine Hörbeobachtung – und genau dort beginnt meine eigene Einordnung.29

Im aktuellen Sortiment steht Relaxin’ als Analogue-Productions-Mono-LP. Das damalige Hörurteil gehört zur Geschichte meiner Beschäftigung mit der Platte; die konkrete heute angebotene Ausgabe ist in der Übersicht separat bezeichnet.

Steamin’, Workin’ und der Zusammenhang der vier Alben

Steamin’ erschien erst 1961, fünf Jahre nach den Sessions. Es verbindet die weit ausschwingende Melodie von „Surrey with the Fringe on Top“ mit der anderen Energie von „Salt Peanuts“. „When I Fall in Love“ macht erneut deutlich, wie viel eine zurückgenommene Trompetenlinie tragen kann. Die Albumtitel beschreiben dabei keine vier sauber getrennten musikalischen Zustände. Es sind unterschiedliche Ausschnitte aus derselben Bandarbeit und denselben beiden Sessiontagen.6

Workin’ ergänzt das Bild unter anderem mit „It Never Entered My Mind“ und „Ahmad’s Blues“. Auf Letzterem spielt das Trio Garland, Chambers und Jones allein. Gerade dieser Moment zeigt, dass die Rhythmusgruppe ein eigener musikalischer Organismus ist. Man versteht das Quintett besser, wenn man ihr auch ohne Trompete und Tenor zuhört.7

Steamin’ ist einzeln im Shop vertreten. The Great Prestige Recordings bündelt zusätzlich zu den vier bekannten Alben auch The New Miles Davis Quintet, aufgenommen 1955. Die aktuelle AP-Box enthält fünf LPs mit 33⅓ RPM. Damit sind Workin’ und das frühere Quintettalbum in dieser geprüften Auswahl über die Box erreichbar; ein separates Shopangebot für diese beiden Titel wurde nicht gefunden.3

Auch Steamin’, APRJ 7200, gehört zur von Kevin Gray geschnittenen AP-Prestige-Serie mit QRP-Pressung. Für die aktuelle Fünferbox AAPJ 035 nennt AP Gray bei Cohearent Audio, originale Analogbänder und QRP. Diese Angaben betreffen die angebotene Neuauflage der Box; sie beschreiben nicht automatisch jede ältere Inkarnation derselben Zusammenstellung.329

Cover der Shopausgabe: Steamin’
Steamin’1 LP · 33⅓ RPM · Mono
Cover der Shopausgabe: The Great Prestige Recordings
The Great Prestige Recordings5 LPs · 33⅓ RPM · Mono

04 · Columbia · 26. Mai 1958

Birth of the Blue: die Band vor Kind of Blue

Die Entwicklung zum Sextett verändert zunächst die Bläserfront. Cannonball Adderleys Altsaxophon bringt neben Coltranes Tenor eine zweite deutlich eigene Stimme hinzu. Auf Milestones, aufgenommen im Februar und März 1958, spielen noch Red Garland und Philly Joe Jones. Das Titelstück erprobt bereits eine stärker modale Ordnung: längere Bereiche, in denen die Musiker eine Skala und ihre Möglichkeiten ausloten können, statt ständig einer raschen Akkordfolge hinterherzugehen.8

Milestones dient hier als historischer Bezugspunkt; ein aktuelles Angebot im Hauptshop wurde dafür nicht gefunden.

Die Session vom 26. Mai setzt anders an. Bill Evans sitzt nun am Klavier, Jimmy Cobb am Schlagzeug. Mit Miles, Adderley, Coltrane und Chambers ist damit jene Sechserbesetzung zusammen, die einen großen Teil von Kind of Blue prägen wird. Diese Aufnahmen entstehen für Columbia Records, im Columbia-Studio an der 30th Street in New York. Die vier Stücke heißen „On Green Dolphin Street“, „Fran-Dance“, „Stella by Starlight“ und „Love for Sale“.9

Illustration der sechs Musiker von Birth of the Blue in zeittypischen Anzügen mit ihren Instrumenten.
Das Sextett der Session vom 26. Mai 1958. Von links: Bill Evans (Klavier), Paul Chambers (Bass), Miles Davis (Trompete), Cannonball Adderley (Altsaxophon), John Coltrane (Tenorsaxophon), Jimmy Cobb (Schlagzeug). Adderley setzt bei Stella by Starlight aus. Illustration.

Die Musik war nicht bis 2024 unbekannt: Teile erschienen unter anderem auf Jazz Track, später begegneten diese Aufnahmen Hörern in weiteren Zusammenstellungen. Birth of the Blue ist die neue Rahmung dieses Materials als eigenes Album. Das ist ein wichtiger Unterschied. Hier wurde kein verlorenes, 1958 unter diesem Titel veröffentlichtes Album wiedergefunden.10

„On Green Dolphin Street“ macht den Wechsel zwischen schwebender Begleitung und klarer Swingbewegung zu einem Teil der Erzählung. Evans kann Akkorde so verteilen, dass zwischen ihnen Luft bleibt. Cobb hält die Musik beweglich, ohne jeden Moment mit einem Akzent zu besetzen. Miles bekommt dadurch eine andere Umgebung als bei Garland und Philly Joe Jones. Gleichzeitig behalten Adderley und Coltrane ihre eigenen Arten, eine Linie zu entwickeln: das Alt oft mit einer deutlich zum Blues gerichteten Ansprache, der Tenor mit dem Drang, eine harmonische Idee weiterzuverfolgen.

Die Standards verschwinden hier noch nicht. Sie bilden den gemeinsamen Boden, auf dem sich eine andere Balance von Klang, Zeit und Begleitung herausarbeitet. Diese Platte als bloßes Vorzimmer von Kind of Blue zu hören, würde ihr nicht gerecht. Sie zeigt, was die neue Band mit vertrautem Material anfangen kann.

Bei der 33⅓-RPM-Ausgabe AAPJ 172 lässt sich die Herstellung genauer verfolgen. Laut AP erstellte Vic Anesini bei Battery Studios aus den originalen Dreispurbändern ein neues Stereo-Analogmaster. Matthew Lutthans schnitt daraus bei The Mastering Lab die Lackfolien mit der von Doug Sax entwickelten Röhrentechnik; QRP übernahm Galvanik und Pressung. Für die Hybrid-SACD CAPJ 172 SA nennt AP Lutthans und eine Übertragung dieses Stereo-Masters nach DSD. Das sind zwei unterschiedliche Wege vom gleichen musikalischen Ausgangsmaterial zum Tonträger. Die 45-RPM-Ausgabe ist eine QRP-Doppel-LP; ein eindeutiger Engineer-Credit für diesen Schnitt liegt noch nicht vor.30

Aus meinem Video: Am 25. Dezember 2024 habe ich die 33⅓-RPM-Ausgabe von Birth of the Blue vorgestellt. Besonders hervorgehoben habe ich Dynamik, den kräftigen Antritt, die Klarheit und Detailfülle sowie die Wirkung der Soli. Das waren meine Eindrücke dieser LP. Die später erschienene 45-RPM-Ausgabe und die SACD waren nicht Gegenstand dieses Hörurteils.V2

Cover der Shopausgabe: Birth of the Blue
Birth of the Blue1 LP · 33⅓ RPM · Stereo

Birth of the Blue im Shop: 33⅓-RPM-LP · 2 LPs mit 45 RPM · Hybrid-SACD.

05 · Columbia · Aufgenommen März/April 1959 · veröffentlicht 17. August 1959

Kind of Blue: weniger Wechsel, mehr Möglichkeiten

Kind of Blue entsteht für Columbia Records und erscheint 1959 auf diesem Label. Die Aufnahmen betreut Columbia-Produzent Irving Townsend. Die Sessions vom 2. März und 22. April 1959 im New Yorker Columbia-Studio an der 30th Street verändern das Verhältnis zwischen Vorgabe und Freiheit. Bei modaler Musik ist nicht jeder nächste Takt durch einen neuen Akkordwechsel definiert. Die Musiker können länger in einem Tonraum bleiben. Das befreit sie nicht von Entscheidungen; es verlagert die Entscheidungen auf Melodie, Rhythmus, Klang und die Spannung innerhalb einer Phrase.11

In „So What“ wird schon die Melodie zu einem Gespräch zwischen Bass und Ensemble. Das Thema ist knapp, die harmonische Anlage überschaubar. Trotzdem gibt es keinen Grund, dass zwei Solisten dieselbe Geschichte erzählen müssten. Miles setzt wenige, klar geformte Gedanken. Coltrane verdichtet den Verlauf anders, Adderley bringt eine andere Artikulation und Bluesfärbung ein. Die Band macht aus einem begrenzten Materialvorrat ein weites musikalisches Feld.

Bill Evans: die Farbe des Klaviers

Bill Evans ist für diese Klangwelt eine zentrale Stimme. Er spielt auf vier der fünf Stücke des ursprünglichen Albums: „So What“, „Blue in Green“, „All Blues“ und „Flamenco Sketches“. Seine Bedeutung liegt nicht allein in den Soli. Sie liegt auch darin, wie er die Töne eines Akkords verteilt, Begleitfiguren formt und die Bläser mit wenigen gesetzten Klängen unterstützt.1233

Schon die Einleitung von „So What“ lenkt die Aufmerksamkeit auf Klavier und Kontrabass, bevor das bekannte Thema beginnt. Auf „Blue in Green“ treten die Klavierklänge zwischen die Linien von Trompete und Saxophon; ihr Nachklang und die Pausen gehören zur musikalischen Wirkung. Evans macht damit deutlich, dass Begleitung mehr sein kann als das Anzeigen der jeweils gültigen Harmonie. Sie prägt, wie eine Phrase einsetzt und wie sie im Ensemble weiterwirkt.

Illustration des Pianisten Wynton Kelly am Flügel, um 1959.
Wynton Kelly · Klavier auf Freddie Freeloader. Illustration.

Für „Freddie Freeloader“ übernimmt Wynton Kelly das Klavier. Seine ausgesprochen rhythmische, bluesnahe Beweglichkeit gibt diesem Stück eine eigene Prägung. Zwei Pianisten auf derselben Platte sind deshalb kein Nebendetail der Besetzungsliste: Sie gehören zur konkreten Klangvorstellung des Albums. Auf „Blue in Green“ wiederum setzt Adderley aus; die kleinere Besetzung verändert das Gewicht jeder einzelnen Stimme.12

Auch die fünf Stücke lassen sich nicht auf ein einheitliches Rezept reduzieren. „All Blues“ verbindet die Bluesform mit einem Dreiergefühl und wiederkehrenden Begleitfiguren. „Flamenco Sketches“ organisiert den Weg durch mehrere modale Bereiche. „Blue in Green“ bewegt sich harmonisch enger und kreisender. Die Platte wirkt geschlossen, weil die Musiker mit ähnlicher Aufmerksamkeit aufeinander reagieren – nicht weil alle Titel gleich gebaut wären. Die verbreitete Erzählung, alles sei ohne Unterbrechung jeweils im ersten Versuch entstanden, ist zu glatt: Einspielungen, abgebrochene Anläufe und ein alternativer vollständiger Take gehören ebenfalls zur überlieferten Sessiongeschichte.1112

Was ich über die UHQR-Ausgaben gesagt habe

In meinem Vergleich vom 2. September 2022 habe ich die UHQR mit 45 RPM, die frühere UHQR mit 33⅓ RPM und die MoFi mit 45 RPM gegenübergestellt. Die 45-RPM-UHQR empfand ich im Vergleich zur MoFi als natürlicher. Bei der 45-RPM-UHQR habe ich besonders die Selbstverständlichkeit von Schlagzeug und Trompeteneinsatz, die räumliche Trennung und den Zusammenhalt der Musik beschrieben. Zugleich war mir wichtig, den Unterschied zwischen den beiden UHQR-Versionen kleiner einzuordnen als den Unterschied zur MoFi. Auch der bequemere Seitenablauf der 33⅓-RPM-Ausgabe gehörte zu dieser Abwägung.V3

Das ist mein damaliger Vergleich, kein neues Urteil über die heute ebenfalls angebotene Standardausgabe Corrected Speed. Diese Standardausgabe ist nicht die ältere 33⅓-RPM-UHQR aus dem Video.

Cover der Shopausgabe: Kind of Blue – Corrected Speed
Kind of Blue – Corrected Speed2 LPs · 33⅓ / 45 RPM · Stereo
Cover der Shopausgabe: Kind of Blue – UHQR
Kind of Blue – UHQR2 LPs · 45 RPM · Stereo

Zwei heutige Ausgaben, unterschiedliche Konzepte

Kind of Blue – Corrected Speed, AAPJ 8163 enthält das Album auf den ersten beiden Seiten mit 33⅓ RPM. Die dritte Seite wiederholt die Stücke der ursprünglichen ersten Albumseite in deren damaliger Geschwindigkeit, ebenfalls mit 33⅓ RPM. Erst die vierte Seite, mit dem alternativen Take von „Flamenco Sketches“, läuft mit 45 RPM. Eine pauschale Beschreibung als reine 45-RPM-Doppel-LP wäre deshalb falsch.13

Bei der ersten Aufnahmesitzung 1959 lief eine Bandmaschine nicht mit der korrekten Geschwindigkeit; die ursprüngliche Veröffentlichung der ersten drei Stücke gab deshalb Tonhöhe und Tempo verändert wieder. Die Edition macht diesen historischen Unterschied nachvollziehbar. Die UHQR, AUHQR 0004-45, verteilt dagegen das Album auf zwei LPs mit 45 RPM. Angaben zu Bandquelle und Fertigung gehören immer zu dieser konkreten Wiederveröffentlichung und dürfen nicht mit der Entstehung der Musik verwechselt werden.13

Bei der Standardausgabe nennt AP wiederverwendete Classic-Records-Metallteile aus Bernie Grundmans Mastering und QRP als Presswerk. Die 45-RPM-UHQR wird mit Grundmans Mastering der originalen Dreispurbänder, QRP und 200 Gramm schwerem Clarity Vinyl beschrieben. Der Engineer ist also konkret benannt; ein neuer Schnitt im Erscheinungsjahr wird damit nicht automatisch behauptet.1332

Was mein Gespräch mit Chad Kassem ergänzt

Ich habe mit Chad Kassem am 5. Mai 2021 über die damals neue Kind of Blue-UHQR mit 33⅓ RPM gesprochen. Er erläuterte den Aufwand der damaligen Fertigung, die Einzelprüfung und die von Hand zusammengesetzte Verpackung. Im selben Gespräch ging es um Bernie Grundmans Arbeit für Classic Records in den neunziger Jahren. Für mich bekommt die Editionsgeschichte dadurch konkrete Personen und Arbeitsschritte. Was Kassem über die damalige 33⅓-RPM-UHQR sagte, übertrage ich allerdings nicht ungeprüft auf die spätere 45-RPM-Fertigung. Mein Hörvergleich von 2022 beantwortet wiederum eine andere Frage: wie diese Ausgaben für mich im Hörraum zusammenpassen.V4

06 · Ein paralleler Weg · 1957–1960

Gil Evans: das Orchester als Mitspieler

Illustration von Gil Evans am Klavier, um 1959.
Gil Evans · Arrangeur und Dirigent. Orchestrale Klangvorstellungen neben den kleinen Bands. Illustration.

Die Zusammenarbeit mit Gil Evans unterbricht die Entwicklung der kleinen Bands nicht. Sie läuft neben ihr her und stellt verwandte Fragen mit anderen Mitteln. Auf Miles Ahead, aufgenommen im Mai 1957, spielt Miles Flügelhorn. Evans verbindet die Stücke zu einem größeren Verlauf. Die Holz- und Blechbläser liefern keinen austauschbaren Hintergrund: Eine Gegenstimme kann die Melodie auffangen, ein tiefer Klang die Richtung verändern, eine helle Instrumentengruppe einen einzelnen Ton anders erscheinen lassen.14

Porgy and Bess wurde im Sommer 1958 aufgenommen und 1959 veröffentlicht. Gershwins Musik wird dabei nicht lediglich zum Material für eine Folge von Soli. Evans denkt in Spannungen zwischen einzelnen Stimmen und dem Gesamtklang. Miles kann die Gesangslinie ohne Worte tragen, während die Orchesterstimmen ihre Umgebung formen. Der Zusammenhang von Arrangement und Improvisation wird damit ebenso wichtig wie die Frage, wer gerade solistisch im Vordergrund steht.15

Für Sketches of Spain, aufgenommen von November 1959 bis März 1960 und im Juli 1960 veröffentlicht, wird diese Arbeit noch ausgedehnter. Rodrigos „Concierto de Aranjuez“, Musik von Manuel de Falla und spanische Überlieferungen bilden unterschiedliche Ausgangspunkte. In der Bearbeitung des langsamen Satzes aus dem „Concierto“ trägt Miles eine lang gespannte Melodie, während sich die Klangfarben hinter ihm verändern. „Saeta“ und „Solea“ eröffnen andere Formen von Ruf, Spannung und rhythmischer Beharrlichkeit.16

Das sind sorgfältig erarbeitete Orchesteraufnahmen. Ihre Wirkung beruht nicht auf derselben Arbeitsweise wie die konzentrierten Prestige-Sessions. Gerade nebeneinander zeigen diese Projekte, dass Miles keine einzige Methode zur Vorschrift machte. Er konnte eine eingespielte Band auf ihr gemeinsames Repertoire vertrauen lassen – oder mit Evans lange an einer orchestralen Form arbeiten. Diese drei Alben ergänzen hier die Geschichte; ein aktuelles Angebot im Hauptshop ist für sie nicht belegt.

07 · 1961–1963

Someday My Prince Will Come und Seven Steps to Heaven

Nach Kind of Blue ist nicht plötzlich alles „nachmodal“. Someday My Prince Will Come, im März 1961 aufgenommen und im Dezember veröffentlicht, arbeitet wieder mit Standards, Blues und eigenen Kompositionen. Hank Mobley ist der reguläre Tenorsaxophonist; Wynton Kelly, Paul Chambers und Jimmy Cobb bilden die Rhythmusgruppe. John Coltrane kehrt für das Titelstück und „Teo“ hinzu.17

Das Titelstück lässt einen scheinbar vertrauten Walzer anders atmen. Die wiederkehrende Einleitung, die Art, wie der Dreiertakt in Bewegung gerät, und Miles’ Phrasierung machen aus der Liedmelodie einen offenen Gesprächsraum. Mobleys runderes, gelassener wirkendes Tenorprofil und Coltranes intensivere Fortführung stehen auf derselben Aufnahme nebeneinander. Die Bandgeschichte verläuft also nicht ausschließlich über klare Abschiede: Für einen konkreten musikalischen Gedanken können frühere Mitspieler wieder wichtig werden.

Die im Shop geführte Ausgabe AAPJ 8456 ist die einzelne LP mit 33⅓ RPM. Sie darf nicht mit der gesonderten 45-RPM-Edition verwechselt werden, auf die manche ältere Beschreibungen Bezug nehmen.18

Für diese einzelne LP nennt Analogue Productions Ryan K. Smith bei Sterling Sound und das originale Analogband. Das ist ein anderer, konkret ausgewiesener Mastering-Credit als bei manchen älteren 45-RPM-Veröffentlichungen. Solche Unterschiede sollte eine Editionsbeschreibung sichtbar lassen, statt alle AP-Versionen eines Albums in einen Topf zu werfen.

Cover der Shopausgabe: Someday My Prince Will Come
Someday My Prince Will Come1 LP · 33⅓ RPM · Stereo
Cover der Shopausgabe: Seven Steps to Heaven
Seven Steps to Heaven1 LP · 33⅓ RPM · Stereo

Seven Steps to Heaven entsteht 1963 mitten in einem weiteren Wechsel. Im April arbeitet Miles in Los Angeles mit Victor Feldman am Klavier, Frank Butler am Schlagzeug und Ron Carter am Bass. George Coleman gehört zur damaligen Bläserbesetzung; auf den langsamen Stücken des ursprünglichen Albums setzt er aus. Im Mai werden in New York die schnelleren Stücke mit Herbie Hancock und dem erst siebzehnjährigen Tony Williams aufgenommen. Carter spielt in beiden Gruppen. Coleman war an beiden Sessionorten dabei, ist auf dem ursprünglichen Album aber nur in den New Yorker Aufnahmen zu hören.19

Das Album lässt diesen Wechsel hören. „Basin Street Blues“ und „I Fall in Love Too Easily“ konzentrieren sich auf Miles’ Arbeit an Melodie und Klang. Im Titelstück und in „Joshua“ werden die rhythmischen Unterbrechungen zu Gelegenheiten für die Band, sich neu zu sammeln. Williams ist nicht bloß ein schneller junger Schlagzeuger: Er kann einen Impuls geben, der die ganze Gruppe anders reagieren lässt. Hancock und Carter hören mit und bewegen sich mit.

Hier sind drei Mitglieder des späteren zweiten großen Quintetts zusammen. Vollständig ist diese Besetzung aber noch nicht: Wayne Shorter kommt erst 1964 hinzu. Seven Steps to Heaven ist deshalb ein besonders aufschlussreiches Übergangsalbum. Im Shop gibt es die einzelne LP mit 33⅓ RPM und die Doppel-LP mit 45 RPM.19

Hier unterscheiden sich auch die Mastering-Credits: Die einzelne LP AAPJ 8851 wird vom Hersteller Ryan K. Smith bei Sterling Sound zugeordnet; QRP übernimmt Galvanik und Pressung. Für die 45-RPM-Ausgabe AAPJ 8851-45 ist George Marino bei Sterling Sound genannt. Gleicher Albumtitel und gleiches Reissue-Label bedeuten also nicht automatisch derselbe Schnitt.31

08 · Das zweite große Quintett · 1964–1968

Eine Band verändert die Regeln während des Spiels

Mit Shorter, Hancock, Carter und Williams verändert sich nicht allein die Besetzung. Die Aufgabenverteilung selbst wird beweglich. Der Bass muss nicht jeden harmonischen Schritt ausdrücklich markieren, das Klavier nicht jede freie Stelle mit einem Akkord besetzen, das Schlagzeug nicht eine einmal festgelegte Zeitauffassung festhalten. Alle fünf können den Verlauf mitgestalten, ohne dass die Musik ihre gemeinsame Richtung verliert.

Redaktionelle Zeichnung des zweiten Miles-Davis-Quintetts mit Hancock, Carter, Davis, Shorter und Williams.
Das zweite große Quintett, um 1965. Von links: Herbie Hancock (Klavier), Ron Carter (Bass), Miles Davis (Trompete), Wayne Shorter (Tenorsaxophon), Tony Williams (Schlagzeug). Illustration.

E.S.P., im Januar 1965 aufgenommen und im August veröffentlicht, macht die Eigenkompositionen der Band zum Ausgangspunkt. Shorters Stücke bieten Melodien, die sich nicht bequem auf die nächste erwartete Wendung reduzieren lassen. Hancock und Carter bringen eigene Themen ein. Aus der Frage „Wer spielt das nächste Solo?“ wird immer häufiger die Frage „Was macht die Gruppe mit diesem Moment?“20

Auf Miles Smiles, aufgenommen im Oktober 1966 und 1967 erschienen, wird diese Beweglichkeit noch deutlicher. Bei „Footprints“ bleibt ein wiedererkennbares Bassmotiv bestehen, während sich das rhythmische Gewicht darüber verschiebt. Das Fundament verschwindet nicht; die Musiker zeigen, wie verschieden es empfunden werden kann. Auf mehreren Stücken nimmt Hancock die gewohnte Akkordbegleitung zurück. Dadurch müssen die anderen Stimmen den harmonischen Zusammenhang anders hörbar machen.21

Diese Offenheit wird manchmal mit Beliebigkeit verwechselt. Tatsächlich verlangt sie große Aufmerksamkeit. Eine unerwartete Pause wirkt nur dann als musikalische Entscheidung, wenn die anderen sie wahrnehmen. Eine rhythmische Verschiebung bekommt Bedeutung, weil eine gemeinsame Form im Gedächtnis der Band bleibt. Das zweite Quintett bereitet damit auch die elektrische Musik vor: Es zeigt, dass der Verlauf eines Stücks aus veränderlichen Beziehungen entstehen kann.

E.S.P. und Miles Smiles ergänzen die Geschichte; ein aktuelles Angebot im Hauptshop wurde für sie nicht gefunden.

09 · 1968–1975

Strom, Wiederholung und das Studio als Instrument

Miles in the Sky von 1968 markiert keine plötzliche Stunde null. Auf „Stuff“ kommen elektrische Tasten und elektrischer Bass ins Spiel, auf „Paraphernalia“ ist George Benson an der Gitarre beteiligt. Die neuen Klangquellen verändern die Art, wie ein Ton im Raum stehen kann. Ein elektrischer Klang kann länger tragen; ein wiederholtes Muster kann eine andere Bindung schaffen als die Folge von Akkorden unter einem Solo.22

Für In a Silent Way trifft Miles am 18. Februar 1969 eine größere Gruppe im Studio: Wayne Shorter, Herbie Hancock, Chick Corea, Joe Zawinul, John McLaughlin, Dave Holland und Tony Williams. Shorter spielt Sopransaxophon. Die drei Tasteninstrumente, McLaughlins Gitarre und die zurückgenommene rhythmische Bewegung bilden eine Umgebung, in der ein kurzer Trompetengedanke weit nachwirken kann. Das im Juli 1969 veröffentlichte Album entsteht zugleich am Schneidetisch: Teo Macero montiert und wiederholt Teile des aufgenommenen Materials.23

Damit ändert sich auch, was „Zusammenspiel“ auf einer Platte bedeuten kann. Die Musiker erzeugen die Ereignisse im Studio; der spätere Schnitt bestimmt mit, in welchem Verhältnis diese Ereignisse auf dem Album stehen. Eine Rückkehr kann durch eine neue Einspielung entstehen oder durch die erneute Verwendung desselben Abschnitts. Das Ergebnis ist eine komponierte Hörfolge aus improvisiertem Material.

Bitches Brew zieht diesen Gedanken in eine dichtere, unruhigere Welt. Die Aufnahmen für das ursprüngliche Doppelalbum entstehen vom 19. bis 21. August 1969; es erscheint im März 1970. McLaughlins Gitarre, Bennie Maupins Bassklarinette, elektrische Klaviere, Bässe, Schlagzeug und zusätzliche Percussion können sich überlagern. Die Besetzung variiert zwischen den Stücken. Es wäre irreführend, jede Person einer späteren erweiterten CD-Ausgabe automatisch zu einem Mitspieler aller sechs ursprünglichen Albumtitel zu machen.24

Illustrationsmontage von John McLaughlin, Miles Davis und Joe Zawinul mit Gitarre, Trompete und elektrischem Klavier.
Drei Musiker der Bitches-Brew-Sessions von 1969: John McLaughlin (Gitarre), Miles Davis (Trompete), Joe Zawinul (elektrisches Klavier). Eine Auswahl aus der größeren Besetzung. Illustration.

Der Puls wird körperlicher, die Form oft länger. Die Trompete muss nicht fortwährend vorne stehen; sie kann ein Signal setzen, auf eine Verdichtung reagieren oder in der Gesamtbewegung verschwinden. Rock, Funk und elektrische Studiopraxis werden zu Gesprächspartnern dieser Musik. Trotzdem bleibt eine Verbindung zu den früheren Bands: Miles stellt Musiker mit ausgeprägten eigenen Stimmen zusammen und sucht nach Situationen, in denen daraus etwas entsteht, das sich vorher nicht vollständig ausschreiben lässt.

Auf A Tribute to Jack Johnson von 1971 rücken Gitarre, Bass und ein direkterer rhythmischer Zugriff nochmals anders zusammen. Der Bezug auf den schwarzen Boxweltmeister Jack Johnson hat dabei auch gesellschaftliches Gewicht: Selbstbehauptung und Freiheit sind Teil des Projekts. On the Corner von 1972 arbeitet stärker mit sich überlagernden Mustern, Wiederholung und Klangschichten. Paul Buckmasters Anregungen und die Beschäftigung mit Stockhausen gehören zu diesem Umfeld. Bis zu den Konzertaufnahmen Agharta und Pangaea von 1975 wird daraus eine Musik, in der Groove, Dichte und kollektive Energie über lange Strecken Form bilden.2526

Diese Platten erweitern das Dossier musikalisch. Für sie wurde in der aktuellen Prüfung kein Angebot im Hauptshop gefunden.

10 · Neue Produktionsweisen

Die Stimme bleibt, die Umgebung verändert sich

Nach seiner mehrjährigen Pause kehrt Miles 1981 zurück. In den achtziger Jahren wird die Zusammenarbeit mit Marcus Miller besonders wichtig. Tutu von 1986 stellt die Trompete in eine präzise gebaute Umgebung aus Bass, programmierten Rhythmen, Synthesizern und weiteren Instrumenten. Miller denkt diese Umgebung auf Miles’ Stimme hin. Das ist eine andere Form von Zusammenarbeit als der unmittelbare Austausch des ersten Quintetts – aber erneut die Suche nach einer passenden Beziehung zwischen Trompetenton und musikalischem Umfeld.27

Selbst am Ende seiner Laufbahn bleibt dieses Verhältnis offen. Für Doo-Bop arbeitet Miles mit dem Hip-Hop-Produzenten Easy Mo Bee. Miles stirbt am 28. September 1991, bevor das Projekt fertiggestellt ist; das Album erscheint 1992. Die Verbindung von Trompete, Samples und Beats setzt keinen beruhigenden Schlusspunkt unter ein abgeschlossenes Werk. Sie zeigt einen Musiker, der weiter mit der Gegenwart arbeiten wollte.28

Auch Tutu und Doo-Bop sind hier historische Bezugspunkte außerhalb des geprüften Hauptshopangebots.

Ein Weg durch die Platten

Die Reihenfolge dieses Dossiers folgt den musikalischen Veränderungen. Der Schwerpunkt verschiebt sich von Platte zu Platte: bei Bags’ Groove auf die unterschiedlichen Begleiter, bei den Prestige-Alben auf die Verständigung einer gewachsenen Band, bei Birth of the Blue auf die neue Balance im Sextett. Kind of Blue macht hörbar, was ein offenerer harmonischer Rahmen ermöglicht. Someday My Prince Will Come und Seven Steps to Heaven zeigen anschließend, wie wenig sich diese Entwicklung auf einen einzigen Stil festlegen lässt.

Von dort aus öffnen Gil Evans, das zweite Quintett und die elektrischen Aufnahmen weitere Perspektiven. Die Konstante ist nicht eine bestimmte Besetzung, eine bestimmte Aufnahmetechnik oder ein unveränderlicher Klang. Es ist die Arbeit daran, für die Trompete immer wieder eine andere musikalische Situation zu finden. Genau deshalb lohnt es sich, Miles Davis über mehrere Platten hinweg zu verfolgen.

Weiter im Gespräch

Miles Davis auf The Vinyl Room

Im Livestream „Kabeltest – Miles Davis – Room Tour und Mehr“ vom 10. September 2025 beginnt der längere Miles-Teil bei etwa 54:24. Das Gespräch behandelt auch originale Columbia-Ausgaben aus dem damaligen Vintage-Angebot. Es ergänzt die Plattengeschichte; die damaligen Angebote sind keine Bestandsauskunft für den heutigen Hauptshop.

Die oben eingeordneten Hörvergleiche wurden ursprünglich auf meinem englischen Kanal veröffentlicht. Die Originalstellen sind im Quellennachweis kenntlich gemacht.

Die besprochenen Shopausgaben

Welche Ausgabe ist welche?

Shopabgleich vom 6. September 2026: 14 Ausgaben, davon elf ab eigenem Lager und drei als Sonderbestellung. Aktuelle Preise, Verfügbarkeit und Lieferangaben findest du auf der jeweiligen Produktseite.

Cover: Bags’ Groove

Bags’ Groove

1 LP · 33⅓ RPM · Mono
Aufnahmen: Prestige
Ausgabe: Analogue Productions · APRJ 7109

Mastering: Kevin Gray

Ab eigenem Lager

58,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Cookin’

Cookin’

1 LP · 33⅓ RPM · Mono
Aufnahmen: Prestige
Ausgabe: Analogue Productions · APRJ 7094

Mastering: Kevin Gray

Sonderbestellung · Lieferangabe auf der Produktseite

58,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Cookin’

Cookin’

Hybrid SACD · Mono
Aufnahmen: Prestige
Ausgabe: Analogue Productions · CPRJ 7094 SA

Mastering: Credit noch zu bestätigen

Sonderbestellung · Lieferangabe auf der Produktseite

44,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Relaxin’

Relaxin’

1 LP · 33⅓ RPM · Mono
Aufnahmen: Prestige
Ausgabe: Analogue Productions · APRJ 7129

Mastering: Kevin Gray

Ab eigenem Lager

58,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Steamin’

Steamin’

1 LP · 33⅓ RPM · Mono
Aufnahmen: Prestige
Ausgabe: Analogue Productions · APRJ 7200

Mastering: Kevin Gray

Ab eigenem Lager

58,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Birth of the Blue

Birth of the Blue

1 LP · 33⅓ RPM · Stereo
Aufnahmen: Columbia Records
Ausgabe: Analogue Productions · AAPJ 172

Mastering: Matthew Lutthans · The Mastering Lab

Ab eigenem Lager

54,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Birth of the Blue

Birth of the Blue

2 LPs · 45 RPM · Stereo
Aufnahmen: Columbia Records
Ausgabe: Analogue Productions · AAPJ 172-45

Mastering: Credit noch zu bestätigen

Ab eigenem Lager

82,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Birth of the Blue

Birth of the Blue

Hybrid SACD · Stereo
Aufnahmen: Columbia Records
Ausgabe: Analogue Productions · CAPJ 172 SA

Mastering: Matthew Lutthans · The Mastering Lab

Ab eigenem Lager

44,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Kind of Blue – Corrected Speed

Kind of Blue – Corrected Speed

2 LPs · 33⅓ / 45 RPM · Stereo
Aufnahmen: Columbia Records
Ausgabe: Analogue Productions · AAPJ 8163

Mastering: Bernie Grundman · Classic Records parts

Ab eigenem Lager

82,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Kind of Blue – UHQR

Kind of Blue – UHQR

2 LPs · 45 RPM · Stereo
Aufnahmen: Columbia Records
Ausgabe: Analogue Productions · AUHQR 0004-45

Mastering: Bernie Grundman

Ab eigenem Lager

198,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Someday My Prince Will Come

Someday My Prince Will Come

1 LP · 33⅓ RPM · Stereo
Aufnahmen: Columbia Records
Ausgabe: Analogue Productions · AAPJ 8456

Mastering: Ryan K. Smith · Sterling Sound

Sonderbestellung · Lieferangabe auf der Produktseite

58,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Seven Steps to Heaven

Seven Steps to Heaven

1 LP · 33⅓ RPM · Stereo
Aufnahmen: Columbia Records
Ausgabe: Analogue Productions · AAPJ 8851

Mastering: Ryan K. Smith · Sterling Sound

Ab eigenem Lager

58,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →
Cover: Seven Steps to Heaven

Seven Steps to Heaven

2 LPs · 45 RPM · Stereo
Aufnahmen: Columbia Records
Ausgabe: Analogue Productions · AAPJ 8851-45

Mastering: George Marino · Sterling Sound

Ab eigenem Lager

82,00 €inkl. MwSt.Zur Ausgabe →

Die Cover stammen unverändert aus der Shopmediathek. Bei abweichenden Angaben innerhalb einer Produktseite wurde das Format mit dem Hersteller abgeglichen; offene Credits werden nicht ergänzt.

Quellen und Video-Nachweise

Recherche und Formulierung sind getrennt: eigene Redaktion, Faktenabgleich mit den unten genannten Quellen. Herstellerangaben sind als solche bezeichnet. Geprüft am 2. September 2026.

  1. Birth of the Cool · Universal Music; Blue Note history; sessions: Quelle 1 · Quelle 2 · Quelle 3
  2. Bags’ Groove · Album / Session discography: Quelle 1 · Quelle 2 · Quelle 3
  3. The Great Prestige Recordings · AAPJ 035: Ausgabe im Shop
  4. Cookin’ · Miles Davis archive: Quelle 1
  5. Relaxin’ · Miles Davis archive: Quelle 1
  6. Steamin’ · Miles Davis archive: Quelle 1
  7. Workin’ · Miles Davis archive: Quelle 1
  8. Milestones · Miles Davis archive: Quelle 1
  9. May 26, 1958 · Session discography: Quelle 1
  10. Birth of the Blue · WRTI, Nate Chinen, 13.11.2024: Quelle 1
  11. Kind of Blue · Original album / Legacy sessions / Irving Townsend: Quelle 1 · Quelle 2 · Quelle 3
  12. Kind of Blue · Session personnel / takes: Quelle 1
  13. Kind of Blue – Corrected Speed · AAPJ 8163: Ausgabe im Shop
  14. Miles Ahead · Miles Davis archive: Quelle 1
  15. Porgy and Bess · Miles Davis archive: Quelle 1
  16. Sketches of Spain · Miles Davis archive: Quelle 1
  17. Someday My Prince Will Come · Miles Davis archive: Quelle 1
  18. Someday My Prince Will Come · AAPJ 8456: Ausgabe im Shop
  19. Seven Steps to Heaven · Album / Session discography / Tony Williams: Quelle 1 · Quelle 2 · Quelle 3
  20. E.S.P. · Miles Davis archive: Quelle 1
  21. Miles Smiles · Miles Davis archive: Quelle 1
  22. Miles in the Sky · Miles Davis archive: Quelle 1
  23. In a Silent Way · Miles Davis archive / Session discography: Quelle 1 · Quelle 2
  24. Bitches Brew · Original album / Session discography: Quelle 1 · Quelle 2
  25. A Tribute to Jack Johnson · Miles Davis archive: Quelle 1
  26. On the Corner; Agharta; Pangaea · Miles Davis archive: Quelle 1 · Quelle 2 · Quelle 3 · Quelle 4 · Quelle 5
  27. Return in 1981 / Tutu · Miles Davis archive: Quelle 1 · Quelle 2
  28. Doo-Bop · Miles Davis archive: Quelle 1
  29. AP Prestige Mono Series · Edition credits: Ausgabe im Shop · Ausgabe im Shop · Ausgabenangabe · Ausgabenangabe
  30. Birth of the Blue · LP / SACD / 45 RPM credits: Ausgabe im Shop · Ausgabe im Shop · Ausgabe im Shop
  31. Seven Steps to Heaven · 33⅓ / 45 RPM credits: Ausgabe im Shop · Ausgabe im Shop
  32. Kind of Blue · AUHQR 0004-45: Ausgabe im Shop
  33. Bill Evans · Miles Davis archive: Quelle 1
Michael im Hörraum mit seinen sieben ausgewählten Platten

Als Rock seine Grenzen verlor: Sieben europäische Platten von Psychedelia bis Zeuhl

Aus dem Hörraum · Europäischer Rock · 1968–1975

Als Rock seine Grenzen verlor

Sieben Platten, sieben Wege von Psychedelia über Kraut- und Jazzrock bis zu Magmas Zeuhl – und die Geschichte eines Kontinents, der seine eigenen musikalischen Sprachen fand.

Michael im Hörraum mit seinen sieben ausgewählten Platten
Sieben Platten aus meinem Hörraum. Die Bilder stammen aus dem deutschen Video.
19686970717273741975

Sieben Jahre genügen, damit sich der vertraute Rocksong in Europa fast vollständig verwandelt. Die Reise führt von einer saarländischen Schülerband über Londons Underground und Den Haag bis ins Berliner Quartier Latin und zur Taverne de l’Olympia in Paris. Sie endet nicht in einer Schublade, sondern in sieben sehr verschiedenen Antworten auf dieselbe Frage: Wie weit kann Rock gehen, ohne seine innere Kraft zu verlieren?

Im Video stelle ich die Ausgaben vor, die bei mir im Hörraum lagen. In diesem Artikel ergänze ich meine persönlichen Höreindrücke um die historischen Zusammenhänge. Die Klangurteile sind meine eigenen Beobachtungen; Jahreszahlen, Besetzungen und Produktionsangaben sind davon getrennt recherchiert.

Das deutsche Video ansehen

Die exakte Erstpressung lässt sich nicht allein am Cover bestimmen. Wo vollständige Label- und Runout-Aufnahmen fehlen, bleibt die Variante bewusst offen.

01 · 1968 · Saarland

The Blackbirds
No Destination

Freigestellte redaktionelle Illustration von The Blackbirds als vierköpfige Band mit Hammondorgel, Bass, Gitarre und Schlagzeug
The Blackbirds – redaktionelle Bandillustration im Stil der späten Sechziger.
Michael zeigt The Blackbirds No Destination
Die im Video gezeigte Saga-Ausgabe.

Die Reise beginnt in Püttlingen. The Blackbirds gingen aus einer Schülerband hervor und nahmen No Destination 1968 in Stuttgart im Studio von Horst Jankowski auf. Schon diese Konstellation erzählt viel über die Zeit: Eine junge regionale Band bewegt sich aus Beat und Rhythm & Blues heraus, findet aber in Deutschland zunächst kein passendes Umfeld für ihr Debüt. Die LP erscheint auf dem britischen Saga-Label – eine ungewöhnliche Verbindung zwischen saarländischer Szene und englischem Plattenmarkt.

Freigestellte Illustration von Tonband, Mischpult und dem Weg der Blackbirds von Püttlingen nach Stuttgart
Von Püttlingen nach Stuttgart – ein regionaler Ursprung und eine ungewöhnliche britische Veröffentlichung.

Musikalisch steht No Destination noch mit einem Fuß im kompakten Songformat. Doch Hammondorgel, schwebende Harmonien und abrupte Stimmungswechsel ziehen die Stücke immer wieder über den Beat hinaus. Das ist noch nicht der weit ausgreifende Krautrock der frühen Siebziger. Es ist der Moment davor: Ein Popsong darf plötzlich kippen, flirren, irritieren und in einen anderen Bewusstseinsraum führen.

Die hohen Stimmen können zunächst eigentümlich süß wirken. Gerade dieser Kontrast macht die Platte interessant. Unter der Oberfläche arbeitet eine dunklere, suchende Musik; die Hammond ist nicht bloß Farbe, sondern gibt vielen Passagen ihre eigentliche Identität.

Mein Höreindruck

Für mich ist diese Platte „eine echte Offenbarung“. Meine Anspieltipps sind der Titelsong und Something Different. Entscheidend ist für mich nicht das nachträgliche Etikett Krautrock, sondern die spürbare Bewegung dorthin – und meine Verwunderung darüber, dass diese Platte nicht viel bekannter ist.

Pressungsnotiz: Die britische Saga-Ausgabe mit Katalognummer FID 2113 passt zeitlich und gestalterisch zum Debüt. Eine endgültige Variantenbestimmung braucht beide Labels und die vollständigen Runouts.

02 · 1969 · London Underground

Edgar Broughton Band
Wasa Wasa

Freigestellte redaktionelle Illustration der Edgar Broughton Band als kraftvolles Trio auf der Bühne
Edgar Broughton Band – die rohe Energie eines Trios unter Hochspannung.
Michael zeigt Edgar Broughton Band Wasa Wasa
Eine frühe deutsche Harvest-Ausgabe im Hörraum.

Ein Jahr später klingt Freiheit nicht schwebend, sondern körperlich. Wasa Wasa ist elektrischer Blues, der unter zu viel Spannung geraten ist: schwere Riffs, ein zerrender Bass, ein Schlagzeug ohne höfliche Distanz und Edgar Broughtons raue Stimme, die sich durch die Musik hindurcharbeitet.

Die Band war aus Warwick nach Notting Hill gezogen, mitten in das Londoner Underground-Milieu. Über Blackhill Enterprises, das Umfeld der frühen Pink Floyd, kam sie zu EMIs neuem Harvest-Label. Evil / Death of an Electric Citizen wurde 1969 die erste Single des Labels. Produzent Peter Jenner ließ der Band nach deren eigener Erinnerung ungewöhnlich viel Freiheit. Das hört man: Dieses Debüt stellt sich nicht vorsichtig vor, es prüft sofort die Grenzen der Verstärker und der üblichen Songform.

Auf der zweiten Seite zieht sich Dawn Crept Away über fast vierzehn Minuten. Die Länge ist kein Schmuckstück des Progressive Rock, sondern Konsequenz. Ein Riff braucht Zeit, um sich festzubeißen; Spannung entsteht durch Wiederholung und das Gefühl, die Musik könne jeden Augenblick auseinanderbrechen.

Mein Höreindruck

Ich höre hier „Psychedelic Blues Rock vom Allerfeinsten“. Mich begeistert, wie ein starkes Grundmotiv über lange Strecken weiterentwickelt wird. Broughtons wilde Stimme und die Wucht des Trios machen die Platte für mich zu einem klaren „Hammer“.

Victor Unitt führt von hier direkt zu den Pretty Things. Europas Underground bestand nicht aus sieben isolierten Inseln, sondern aus einem beweglichen Netz von Musikern, Produzenten und Labels.

Pressungsnotiz: Im Video ist die frühe deutsche Harvest-Ausgabe 1C 062-04 083 zu sehen. Ob es exakt die erste deutsche Variante ist, muss über Labeldetails und Runouts geklärt werden.

03 · 1969/70 · Studio als Labor

Clark-Hutchinson
A=MH²

Freigestellte redaktionelle Illustration von Andy Clark und Mick Hutchinson mit Orgel, Gitarre, Flöte und Sitar
Clark-Hutchinson – zwei Multiinstrumentalisten zwischen britischem Blues und indischen Skalen.
Michael zeigt Clark-Hutchinson A gleich MH Quadrat
Die deutsche Nova-Neuauflage von 1975.

Bei Clark-Hutchinson verschwindet die klassische Rockband fast vollständig. Andy Clark und Mick Hutchinson spielten den größten Teil der Instrumente selbst ein. Für A=MH² standen ihnen nach der dokumentierten Bandgeschichte nur zwei zwölfstündige Studiositzungen zur Verfügung. Aus dieser Verdichtung entstand eine eigensinnige Verbindung von Blues, Jazz und außereuropäischen Skalen.

Freigestellte Illustration mit Flöte, Orgel, indischer Trommel und Tonbandgerät zu Clark-Hutchinson
Flöte, Orgel und indische Percussion: Das Studio wird zum musikalischen Labor.

Schon die Stücktitel weisen den Weg: Improvisation on a Modal Scale und Improvisation on an Indian Scale. Gitarre, Orgel, Flöte, Sitar und Schlagwerk sind keine exotische Dekoration auf einem Rockskelett. Sie bestimmen, wie sich die Musik bewegt. Motive werden umkreist, ein Tonzentrum kann wichtiger werden als ein Refrain.

Trotz der offenen Formen ist das Album nicht formlos. Die Improvisation besitzt Ziel und Spannung. Clark und Hutchinson lassen Passagen wachsen, verdichten sie, nehmen Energie zurück und öffnen neue Räume. Auch personell führt die Geschichte weiter: Beide hatten zuvor in Vamp gespielt, der kurzlebigen Formation des ehemaligen Pretty-Things-Schlagzeugers Viv Prince.

Mein Höreindruck

Ich erlebe A=MH² als „instrumentale psychedelische Reise“, die sich kaum mit einer anderen Platte vergleichen lässt. Indische Einflüsse, freie Entwicklungen und zwei Multiinstrumentalisten, die beinahe eine ganze Band ersetzen: Für mich ist das einzigartig.

Pressungsnotiz: Das Album entstand 1969 und erschien um die Jahreswende 1969/70. Mein Exemplar ist die deutsche Nova-Neuauflage von 1975, wahrscheinlich 6.22426 AO beziehungsweise 6.22426 AJ – keine britische Erstpressung. Die Suffixvariante bleibt offen.

04 · 1970 · Stadt und Land

The Pretty Things
Parachute

Freigestellte redaktionelle Illustration von The Pretty Things als fünfköpfige Band mit Phil May im Zentrum
The Pretty Things – die Besetzung um Phil May zur Zeit von Parachute.
Michael zeigt The Pretty Things Parachute
Die deutsche Harvest-Ausgabe aus dem Erscheinungsjahr.

Parachute ist ein Album des Weiterlebens. Nach S.F. Sorrow, das später als Meilenstein gefeiert wurde, damals aber nicht den erhofften Erfolg brachte, und nach dem Ausstieg von Dick Taylor hätten die Pretty Things zerfallen können. Stattdessen schrieben Phil May und Wally Waller weiter. Norman Smith kehrte als Produzent zurück, Victor Unitt kam aus dem Umfeld der Edgar Broughton Band hinzu.

Die Platte erzählt keine lineare Geschichte, besitzt aber eine klare Dramaturgie. Waller beschrieb die erste Seite als Blick auf die Stadt; die zweite kreist um einen Menschen, der nicht weiß, ob er in der Stadt oder auf dem Land leben will. Deshalb wäre „Landflucht“ zu einfach. Parachute handelt von einer Spannung, nicht von einer fertigen Entscheidung.

Freigestellte Illustration des Gegensatzes zwischen nächtlicher Großstadt und offenem Land zu Parachute
Stadt und Land bleiben Gegensätze – und zugleich Teile derselben Platte.

Auf Seite eins verdichten sich harte Gitarren, urbane Nervosität und dunklere Bilder. Auf Seite zwei wird der Horizont weiter. Harmonien und pastorale Momente öffnen die Musik, ohne die Unsicherheit aufzulösen. In den eng gesetzten Stimmen kann man an die Beatles denken, doch die Pretty Things klingen weniger makellos und dadurch verletzlicher.

Mein Höreindruck

Ich erlebe Seite eins dunkler, aggressiver und unmittelbarer; Seite zwei schöner, freier und offener. Genau dieser Gegensatz macht Parachute für mich zu einer großen Entdeckung. Meine Einstiege: Cries from the Midnight Circus, Grass und der Titelsong.

Pressungsnotiz: Die gezeigte deutsche Harvest-Ausgabe 1C 062-04 406 stammt aus dem Erscheinungsjahr. Für die konkrete frühe Variante fehlen vollständige Label- und Runout-Daten.

05 · 1970 · Den Haag

Earth and Fire
Earth and Fire

Freigestellte redaktionelle Illustration von Earth and Fire mit Jerney Kaagman im Zentrum der Band
Earth and Fire – Jerney Kaagman im Zentrum einer Band zwischen Popmelodie und Progressive Rock.
Michael zeigt Earth and Fire
Polydor `2441 011` im aufwendigen Matchbook-Cover.

Im selben Jahr öffnet sich in den Niederlanden ein anderer Weg. Earth and Fire kommen nicht aus der langen Improvisation, sondern vom Song. Das Debüt verbindet eingängige Singles mit psychedelischen Klangfarben und ersten progressiven Formen. Progressive Musik entsteht hier nicht dadurch, dass jedes Stück länger und schwieriger wird. Sie wächst aus sehr gutem Pop heraus.

Freigestellte Illustration mit Streichholzheft, Flamme, Klaviatur und farbigen Formen zu Earth and Fire
Das Matchbook-Cover wird zum Ausgangspunkt für ein Album voller Popfarben.

Produzent Freddy Haayen nahm das Album in den G.T.B.-Studios in Den Haag auf; veröffentlicht wurde es im September 1970. Seasons, geschrieben von George Kooymans von Golden Earring, war bereits ein Erfolg. Ruby Is the One und Wild and Exciting zeigen, wie selbstbewusst die Band Melodie, Orgel, Gitarren und dynamische Wechsel verbindet.

Im Zentrum steht Jerney Kaagman. Ihre Stimme ist klar, kraftvoll und melodisch, aber nicht glatt. Sie kann über dem Arrangement leuchten und zugleich in dramatischere Passagen hineinführen. Auch das Objekt erzählt die Geschichte: Ron Seubert gestaltete die frühe niederländische Ausgabe wie ein Streichholzheft, Leo van der Noort fotografierte. Andere Länder erhielten andere Hüllen, Großbritannien sogar ein Roger-Dean-Cover.

Mein Höreindruck

Für mich ist das Debüt „fantastisch“: extrem melodisch, dynamisch, mitreißend und zugleich schön. Ich empfehle nicht nur einen Track, sondern die ganze Platte – gerade wegen ihrer selbstverständlichen Bewegung von zugänglichen Momenten in größere Spannungsbögen.

Jerney Kaagman starb am 31. Juli 2026 im Alter von 79 Jahren. Ihr Debüt mit Earth and Fire bleibt ein starkes Dokument dafür, wie entschieden eine Stimme die Identität einer ganzen Band prägen kann.

Pressungsnotiz: Matchbook-Cover und Polydor `2441 011` passen zur frühen niederländischen Ausgabe von 1970. Für die letzte Variantenbestimmung bleiben die Runouts maßgeblich.

06 · 1975 · Berlin

Kraan
Live

Freigestellte redaktionelle Illustration von Kraan mit Bass, Gitarre, Saxofon und Schlagzeug
Kraan – vier Musiker als ein einziges bewegliches System.
Michael zeigt Kraan Live
Die britische Gull-Ausgabe des Doppelalbums.

Fünf Jahre später ist aus der vorsichtigen Öffnung des Songs ein vollständiges Kollektiv geworden. Kraan brauchen auf Live keine feste Hierarchie zwischen Solist und Begleitung. Hellmut Hattlers Bass kann ein Stück führen, Peter Wolbrandts Gitarre in die Fläche wechseln, Johannes Papperts Saxofon eine neue Richtung aufreißen, während Jan Fride den Rhythmus beweglich hält.

Der Mitschnitt entstand im Oktober 1974 im Berliner Quartier Latin und erschien 1975 als Doppelalbum. Conny Plank nahm die Konzerte auf. Seine Arbeit bewahrt die Beweglichkeit der Band: Die Instrumente stehen klar genug im Raum, um ihre Linien verfolgen zu können, doch die Aufnahme zähmt nicht das Risiko des Augenblicks.

Freigestellte Illustration der Live-Aufnahmetechnik im Berliner Quartier Latin zu Kraan Live
Quartier Latin, Berlin: Bühne und Aufnahmetechnik werden Teil der Musik.

Kraan mischen Jazz, Rock, Funk und asiatische Einflüsse, ohne eine akademische Vorführung daraus zu machen. Nam Nam schiebt, Holiday am Marterhorn flirrt und verzweigt sich, Kraan Arabia entwickelt einen Sog, in dem Groove und melodische Fantasie nicht gegeneinander arbeiten. Die langen Seiten sind die Form, die diese Band braucht.

Mein Höreindruck

Ich höre hier Jazzrock, Fusion und Krautrock in vollkommener Spielfreude. Mein Höhepunkt ist Kraan Arabia: Der Bass erzählt selbst, während Gitarre, Saxofon und Schlagzeug wie ein einziger Organismus reagieren. Für mich ist dieses Doppelalbum schlichtweg großartig.

Pressungsnotiz: Im Video ist die britische Gull-Ausgabe GUD 2001/2 von 1975 zu sehen. Das Album erschien zuerst in Deutschland auf Spiegelei; Gull veröffentlichte die britische Ausgabe. „Britische Erstpressung“ wäre ohne Label- und Runout-Abgleich zu weitgehend.

07 · 1975 · Paris

Magma
Magma Live / Hhaï

Freigestellte redaktionelle Illustration von Magma als große Liveformation mit Christian Vander am Schlagzeug
Magma – Christian Vanders große Zeuhl-Formation als rhythmische und vokale Architektur.
Michael zeigt Magma Live
Die französische Utopia-Doppel-LP von 1975.

Am Ende steht eine Musik, die sich der üblichen Prog-Rock-Sprache entzieht. Magma wurde von Christian Vander nicht nur als Band, sondern als eigene Welt gedacht. Dazu gehören die erfundene kobaïanische Sprache und Zeuhl – Vanders Name für eine Musik, die er als vibrierende, geistige Kraft verstand.

Zeuhl ist keine Spielart des Krautrock und auch keine freie Improvisation mit Chor. Die Formen sind komponiert und oft streng organisiert. Repetitive Bass- und Schlagzeugfiguren bauen Druck auf; Stimmen erscheinen wie ein Kollektiv; Themen kehren in veränderter Gestalt wieder. Improvisierte Ausbrüche existieren, aber innerhalb einer Architektur aus Wiederholung, Steigerung und körperlicher Wirkung.

Freigestellte Illustration einer Pariser Bühne mit Mikrofonen, Tonbandgerät und Violine zu Magma Live
Paris 1975: Chor, Violine und Rhythmus verwandeln den Konzertsaal in eine eigene Welt.

Nach dem großen Besetzungsumbruch 1974 stellte Vander eine neue Formation zusammen. Vom 1. bis 5. Juni 1975 wurde in der Taverne de l’Olympia in Paris Magmas erstes Livealbum aufgenommen. Ältere Stücke erhielten neue Arrangements, Hhaï und Lïhns kamen hinzu. Didier Lockwoods Violine schneidet durch die dichte Rhythmik, antwortet den Stimmen und gibt der Besetzung eine nervöse, leuchtende Energie.

Mein Höreindruck

Ich höre ein rhythmusgetriebenes, dichtes und im besten Sinne chaotisches Gesamterlebnis. Mich fasziniert, dass die Aufnahme selbst in den intensivsten Momenten nicht kollabiert. Wer einen Einstieg sucht, kann mit Hhaï beginnen; wer Magma verstehen will, sollte dem ganzen Spannungsbogen folgen.

Pressungsnotiz: Die französische Utopia-Doppel-LP CYL2-1245 passt zur frühen Ausgabe von 1975. Die genaue Variante bleibt ohne vollständige Runout-Dokumentation offen.

1975 · Die Bühne wird zum Instrument

Zwei Livealben. Zwei Antworten.

Kraan und Magma veröffentlichen Doppel-Livealben, weil die Bühne für beide mehr ist als ein Ort zur Wiedergabe fertiger Studiostücke. Dort entsteht ihre eigentliche Form.

Kraan klingen elastisch: Eine Basslinie öffnet eine Tür, die Gitarre geht hindurch, das Saxofon biegt ab, das Schlagzeug verschiebt den Boden. Magma klingen zwingend: Rhythmische Zellen kehren wieder, Stimmen werden zu Architektur, Steigerung wird zum Ritual.

1968 kann eine Hammondorgel einen Beat-Song in eine neue Richtung kippen. 1975 reichen herkömmliche Songbegriffe kaum noch aus, um Kraans kollektiven Groove oder Magmas Zeuhl zu beschreiben.

Die Antwort

Keine sieben Inseln, sondern ein europäisches Klangnetz

Die übliche Rockgeschichte sortiert gern nach Ländern: britischer Underground hier, niederländischer Prog dort, deutscher Krautrock und französischer Zeuhl in eigenen Fächern. Diese sieben Platten erzählen eine lebendigere Geschichte.

Labels wie Harvest schufen Räume für Musik, die im normalen Popprogramm kaum Platz fand. Produzenten wie Peter Jenner, Norman Smith, Freddy Haayen und Conny Plank hielten sehr unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit auf Band fest. Musiker wechselten zwischen Gruppen: Victor Unitt verbindet die Edgar Broughton Band mit den Pretty Things; Viv Prince führt von deren früher Geschichte zu Vamp und Clark-Hutchinson. George Kooymans und Freddy Haayen binden Earth and Fire in das niederländische Netzwerk um Golden Earring ein.

Der Zusammenhang ist deshalb kein Stilwort. Es ist eine Haltung: Rock darf sich verändern, solange die Musik ihre innere Notwendigkeit behält. Bei den Blackbirds ist es ein psychedelischer Riss im Beat. Bei Edgar Broughton die Übersteuerung des Blues. Bei Clark-Hutchinson das Studio als Labor. Bei den Pretty Things die Spannung zwischen Stadt und Land. Bei Earth and Fire die Öffnung des Pops. Bei Kraan das gleichberechtigte Kollektiv. Bei Magma eine vollständig neue musikalische Welt.

Diese Platten sind keine sieben Kuriositäten am Rand der Geschichte. Sie sind sieben Belege dafür, dass Europas Rockmusik zwischen 1968 und 1975 eigene Regeln, eigene Klangfarben und schließlich sogar eigene Sprachen fand.

Weitere Geschichten über Musik, Pressungen und das Hören stehen im deutschen Shopmagazin Aus dem Hörraum.

Mit mir im Hörraum weiterhören

Hinweis für Sammler: Katalognummer, Land und Cover können eine Ausgabe eingrenzen. Für eine definitive Erstpressungsbestimmung müssen zusätzlich beide Plattenlabels sowie Matrix und Runouts geprüft werden. Preise auf Händlerkarten oder alten Aufklebern sind keine verlässlichen heutigen Marktwerte.

Quellen und Vertiefung

Michael 45 und die Frage: Besser als die Originale?

The Who auf 45 RPM: My Generation und Live at Leeds im Hörvergleich

Aus dem Hörraum · Pressungsvergleich

The Who auf 45 RPM:
My Generation und Live at Leeds im Hörvergleich

Zwei Alben. Zwei ganz unterschiedliche Klanggewinne.

Analogue Productions hat My Generation und Live at Leeds mit 45 RPM neu geschnitten. Bei My Generation wirkt es, als würde ein schwerer Vorhang aus dem Raum gerissen. Live at Leeds verändert sich weniger radikal, gewinnt aber hörbar an Weite, Tiefe und der Atmosphäre des Konzertsaals.

Michael 45 und die Frage: Besser als die Originale?
Zwei 45 RPM Ausgaben in einer Hörsitzung: ein Studio-Debüt von 1965 und ein Live-Meilenstein von 1970.

The Who schufen im Abstand von fünf Jahren zwei vollkommen verschiedene Klangwelten. My Generation kommt kompakt, mono und konfrontativ – wie ein geballter Stoß aus der Mitte. Live at Leeds lebt von der Bühne, von Luft, Tiefe und Bewegung. Genau deshalb verändert der neue 45 RPM Schnitt die beiden Alben auf ganz unterschiedliche Weise.

„Nicht nur so, als würde ein Vorhang zurückgezogen. Sondern als würde ein riesiger, dicker Vorhang weggezogen.“Michael über My Generation

Deshalb greift ein einfaches Urteil wie „besser als das Original“ zu kurz. Das eine Album gewinnt vor allem an unmittelbarer Wirkung – an Druck, Kontur und Vorwärtsdrang. Das andere gewinnt den Raum um die Band herum und damit einen stärkeren Eindruck des Abends selbst.

Wie zwei Klangwelten entstanden

Der Unterschied beginnt lange vor der Rille. My Generation entstand 1965 in drei konzentrierten Studioetappen in London: ein junges Quartett, fest im Mono-Klang gebündelt, mit aller Energie nach vorn. Fünf Jahre später hielt Live at Leeds eine erfahrene Band im Konzertsaal fest – nicht als sauberes Studiobild, sondern als Ereignis mit Größe, Luft und körperlicher Bewegung.

Einblendung: My Generation, UK-Debüt Dezember 1965
Einblendung: Drei Aufnahmeetappen 1965
Einblendung: Mod wird zur Bewegung
My Generation in drei Stationen: das britische Debüt, die drei Aufnahmeblöcke bei IBC und die vierköpfige Besetzung.

My Generation: Wenn Mono so trifft, wie es soll

The Who 1965: Roger Daltrey, Pete Townshend, John Entwistle und Keith Moon
Das junge Quartett von 1965: Daltrey, Townshend, Entwistle und Moon.

My Generation erschien in Großbritannien am 3. Dezember 1965. Es war das Debütalbum von The Who, veröffentlicht bei Brunswick unter der Katalognummer LAT 8616, und erreichte Platz fünf der britischen Charts. Shel Talmy produzierte, Glyn Johns war Toningenieur, Nicky Hopkins spielte Klavier.

Die Aufnahmen entstanden nicht in einer einzigen durchgehenden Sitzung. Die Band kehrte im April, Oktober und November 1965 in die IBC Studios in London zurück. Diese drei Etappen erklären einen Teil der unruhigen Energie des Albums: Es wirkt dringlich statt glatt.

Auch das Format ist entscheidend. Die Songs erschienen erst 2002 in Stereo. Mono ist hier deshalb keine nostalgische Zugabe, sondern die Form, in der dieses Album entstand. Die spätere amerikanische Ausgabe The Who Sings My Generation veränderte außerdem Cover und Titelfolge. Analogue Productions orientiert sich am britischen Album.

Den neuen 45 RPM Schnitt fertigte Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering an. Seine Aufgabe war nicht, aus der Aufnahme von 1965 eine moderne Hochglanzproduktion zu machen, sondern ihre Energie freizulegen, ohne den rauen Mono-Kern zu glätten.

Was ich bei My Generation gehört habe

Ich verglich die 45 RPM Ausgabe von My Generation mit einer deutschen Erstpressung und einer frühen deutschen Neuauflage von 1981. Eine britische Erstpressung besitze ich nicht – eine wichtige Einschränkung, denn auf dieser Ausgabe basiert die neue Pressung.

Trotz dieser Einschränkung war das Ergebnis verblüffend. Die deutsche Erstpressung wirkte, als läge schwerer Stoff zwischen Band und Hörer. Der 45 RPM Schnitt zieht diesen Stoff weg. Das Mono-Klangbild bleibt geschlossen, tritt nun aber mit größerer Kontur und Wucht aus der Mitte hervor. Dynamische Akzente schnellen unmittelbarer nach vorn; die Musik wirkt weniger gebremst, körperlicher und entschlossener.

Michael 45 während des My-Generation-Vergleichs
Beim Hörvergleich war die Veränderung nicht subtil. Die deutsche Neuauflage von 1981 rückte näher heran, blieb aber deutlich hinter der 45 RPM Ausgabe.

Der Titelsong zeigt besonders gut, worum es geht. John Entwistles Basssolo besitzt den notwendigen Anschlag und eine klarere Kontur; es steht nicht weich im Raum, sondern setzt sich mit Nachdruck durch. Trotzdem bleibt die Aufnahme unverkennbar Rock und Rhythm & Blues von 1965. Das ist nicht „audiophil“ im Sinne einer weitläufigen alten Jazzaufnahme – und soll es auch nicht sein. Die Leistung des neuen Schnitts besteht darin, der Originalaufnahme mehr Atem und Kraft zu geben, ohne ihren rauen Kern zu glätten.

Denselben Vergleich gibt es auch als Video auf meinem Kanal The Vinyl Room – The Who auf 45 RPM: My Generation und Live at Leeds im Video verglichen. Hier im Text geht es nun mit dem zweiten Album weiter.

Einblendung: Live at Leeds, 14. Februar 1970
Einblendung: Ein Konzert, sechs Stücke
Einblendung: Leeds war die Reserve
Live at Leeds in drei Stationen: der Abend in Leeds, die auf sechs Stücke verdichtete Original-LP und der Bandfehler, durch den Leeds zum Album wurde.

Live at Leeds: Tiefer hinein in den Raum

The Who live um 1970
The Who um 1970 – rauer, lauter und für die Bühne gebaut.

Live at Leeds wurde am 14. Februar 1970 im Refectory der Universität Leeds aufgenommen und im Mai veröffentlicht. Die ursprüngliche LP verdichtete ein viel längeres Konzert auf sechs Stücke: Young Man Blues, Substitute, Summertime Blues, Shakin’ All Over, My Generation und Magic Bus.

Die Verpackung sollte bewusst wie ein Bootleg aussehen. Auf dem schlichten Kartonumschlag stand Blockschrift; innen lagen zwölf Faksimiles – darunter Fotos, Liedtexte, eine Quittung für eine Rauchbombe, ein Ablehnungsschreiben von EMI und der Woodstock-Vertrag.

Genau das war meine erste Frage nach der Ankündigung der Analogue-Productions-Ausgabe: Würde eine reguläre Neuauflage wirklich all diese Beilagen enthalten? Ja. Die Dokumente liegen zusammen in einem kleinen Beutel bei. Das ist wichtig, denn sie sind keine Dekoration, sondern Teil der Identität dieses Albums.

Was ich bei Live at Leeds gehört habe

Dieser Vergleich war schwieriger. Ich stellte die 45 RPM Ausgabe von Live at Leeds einer britischen und einer deutschen Erstpressung gegenüber. Das britische Original klingt bereits besser und geschlossener als das deutsche – die neue Ausgabe hatte also starke Konkurrenz.

„Der Unterschied ist kleiner als bei My Generation. Bei Bühne und Tiefe bleibt er dennoch deutlich.“Michael über Live at Leeds

Hier fühlt sich die Verbesserung weniger wie ein plötzlich weggezogener Vorhang an. Stattdessen wird der Raum glaubwürdiger. Die Band steht nicht einfach größer vor dem Hörer; sie bekommt Tiefe hinter sich. Zwischen der geballten Energie der Musiker und dem Saal entsteht Luft. Die Bühne staffelt sich von vorn nach hinten, die Dynamik lässt den Auftritt freier atmen, und aus einer sehr guten Liveaufnahme wird stärker das Gefühl, tatsächlich im Raum zu sitzen. Mein persönlicher Höhepunkt ist das 14 Minuten und 46 Sekunden lange My Generation, das nun eine eigene Plattenseite erhält.

Michael hält das Live-at-Leeds-Cover
Der bewusst schlichte Umschlag im Bootleg-Stil. Die Analogue-Productions-Ausgabe behält auch die Faksimile-Beilagen bei.

Warum Leeds zum Album wurde

Leeds war nicht die erste Wahl. Die Band nahm auch ein Konzert in Hull auf, und ursprünglich sollte Hull veröffentlicht werden. Doch John Entwistles Bass fehlte auf der ersten Bandspule. Das Problem ließ sich damals nicht beheben, sodass die Sicherheitsaufnahme aus Leeds zum Album wurde. Hull erschien schließlich 2012; der fehlende Bass wurde aus den Leeds-Bändern ergänzt.

Die offene Frage nach Tommy lässt sich beantworten.

Die Band spielte an diesem Abend das gesamte Tommy-Programm, obwohl davon nichts auf der ursprünglichen LP mit sechs Titeln erschien. Die vollständige Tommy-Darbietung wurde 2001 auf der Doppel-CD Deluxe Edition veröffentlicht und füllt dort die zweite CD.

Welche Neuauflage verändert das Hören stärker?

My Generation liefert die deutlich dramatischere Veränderung. Gegenüber den deutschen Pressungen, die mir zur Verfügung standen, verändert der neue Schnitt die körperliche Wirkung der Platte: klarer, unmittelbarer und wesentlich kraftvoller. Die Musik bleibt ein kompakter Mono-Block – nur steht dieser Block plötzlich ohne Schleier im Raum.

Live at Leeds startet mit einer bereits starken britischen Erstpressung; deshalb fällt der Klanggewinn weniger spektakulär aus. Gering ist er trotzdem nicht. Sein Wert liegt in Größe, Tiefe und dem Gefühl, in das Konzert einzutreten. Die eine 45 RPM Ausgabe befreit die Energie einer Studioaufnahme, die andere öffnet den Raum einer Bühne – genau deshalb gehören beide in einen gemeinsamen Vergleich.

Die Ausgaben aus dem Vergleich

Wer den Vergleich selbst nachvollziehen möchte, findet hier die beiden besprochenen Ausgaben.

The Who – My Generation

Analogue Productions · APP 249-45 · 45 RPM · Mono

The Who – Live at Leeds

Analogue Productions · APP 253-45 · 45 RPM

Weitere The-Who-UHQR-Ausgaben im Shop

Tommy UHQRAUHQR 0028 · 198 € · limitiert auf 3.500 Exemplare

Who’s Next UHQRAUHQR 0029 · 172 € · limitiert auf 7.500 Exemplare

Welche The-Who-Ausgabe von Analogue Productions zu dir passt – auch Tommy und Who’s Next als limitierte UHQR –, zeigt unsere Kundenfrage The Who von Analogue Productions: welche Ausgabe?

Bob Marley – Burnin’ und Natty Dread als UHQR im Hörvergleich

Bob Marley: Burnin’ und Natty Dread als UHQR


Magazin · Reggae · Aus dem Hörraum

Bob Marley: Burnin’ und Natty Dread als UHQR

Der Klang eines Wendepunkts.

Zwei Alben, kaum ein Jahr auseinander – und doch liegt zwischen ihnen eine ganze Bandgeschichte. Die beiden UHQR-Ausgaben machen hörbar, wie sich das klassische Wailers-Trio in eine neue Formation verwandelt.

Burnin’ ist das letzte große Studiostatement des klassischen Wailers-Trios: Bob Marley, Peter Tosh und Bunny Wailer. Auf Natty Dread sind Tosh und Bunny nicht mehr dabei. Der Name auf dem Cover verändert sich, neue Stimmen treten hinzu, Bob Marley rückt unübersehbar ins Zentrum.

Nur der tiefe Puls von Aston und Carlton Barrett hält beide Welten zusammen.

Gerade deshalb sind diese beiden UHQR-Ausgaben mehr als zwei luxuriös gepresste Reggae-Klassiker. Sie machen hörbar, wie sich eine Gruppe in eine neue Formation verwandelt – ohne ihre Wurzeln preiszugeben.

Bob Marley in der Übergangszeit von Burnin’ zu Natty Dread

1973: Eine Band spricht mit drei Stimmen

Die Geschichte beginnt lange vor dem internationalen Durchbruch. 1963 brachte der Sänger und Mentor Joe Higgs in Trench Town Bob Marley und Bunny Livingston, der später Bunny Wailer hieß, mit Peter McIntosh zusammen – dem späteren Peter Tosh. Ihre frühen Harmonien waren von amerikanischen Soulgruppen wie Curtis Mayfield and the Impressions geprägt. Doch aus dieser Schule entstand eine eigene Sprache: jamaikanischer Offbeat, eng verzahnte Stimmen und Texte, die den Alltag in Kingston nicht beobachteten, sondern aus ihm heraus sprachen.

Lee Scratch Perry am Mischpult, Produzent der wegweisenden Wailers-Sessions um 1970
Lee „Scratch“ PerryProduzent der wegweisenden Wailers-Sessions um 1970 und Bindeglied zu den Barrett-Brüdern.

Ein zweiter entscheidender Baustein kam 1970 hinzu. Produzent Lee „Scratch“ Perry brachte die Wailers mit den Brüdern Aston „Family Man“ Barrett am Bass und Carlton „Carly“ Barrett am Schlagzeug zusammen. Von da an hatte die Musik ihr Gravitationszentrum. Der Bass marschiert nicht einfach unter den Songs entlang; er zieht sie nach unten, gibt ihnen Gewicht und lässt zugleich Luft zwischen den Schlägen. Carltons Schlagzeug antwortet darauf mit jener federnden Präzision, die hart und gelassen zugleich klingen kann.

Bob Marley and The Wailers – Burnin’ UHQR, AUHQR 0025
Burnin’ · UHQRDie letzte große Studioverdichtung des klassischen Wailers-Trios.

Nach Catch a Fire nahmen die Wailers 1973 ihr zweites Island-Album auf. Die Grundspuren von Burnin’ entstanden in Harry J’s Studio in Kingston; gemischt und ergänzt wurde in London, teilweise zwischen Konzertterminen. Man hört eine Band, die seit Jahren zusammengewachsen ist und trotzdem unter Spannung steht.

„Get Up, Stand Up“ eröffnet nicht wie ein Popsong, sondern wie ein gemeinsamer Aufruf. Die Stimmen stützen sich, widersprechen sich, verdichten sich zu einer Haltung. „I Shot the Sheriff“ trägt seine weltbekannte Melodie über einem Arrangement, das viel weniger eindeutig ist, als der Refrain vermuten lässt: Die Gitarre bleibt knapp, der Bass beharrlich, die Erzählung voller moralischer Spannung. „Burnin’ and Lootin’“ nimmt das Tempo zurück und verdunkelt den Raum. Jeder Schlag wirkt schwerer, weil so wenig davon verschwendet wird.

Auch die Vergangenheit der Gruppe ist auf dem Album präsent. „Put It On“, „Small Axe“ und „Duppy Conqueror“ greifen ältere Wailers-Stücke neu auf. Bunny Wailers „Pass It On“ reicht sogar in die Zeit vor der Gründung der Wailers zurück. Burnin’ ist deshalb kein sauberer Neuanfang für ein westliches Rockpublikum. Es ist eine Verdichtung: mehr als zehn Jahre gemeinsamer musikalischer Erfahrung, gepresst in zehn Stücke.

Drei Stimmen, zwei Kapitel

Peter Tosh, Mitgründer und Sänger des klassischen Wailers-Trios
Peter ToshMitgründer, Sänger und Gitarrist
Bob Marley, Sänger und zentraler Songwriter des klassischen Wailers-Trios
Bob MarleyMitgründer, Sänger, Gitarrist und zentraler Songwriter
Bunny Wailer, Mitgründer und Sänger des klassischen Wailers-Trios
Bunny WailerMitgründer, Sänger und Perkussionist

Auf Burnin’ greifen ihre Stimmen noch ineinander. Marley führt oft durch das Stück, Tosh bringt Schärfe und Widerstand, Bunny Wailer eine beweglichere, hellere Farbe. Das ist kein anonymer Hintergrundchor. Es sind drei Persönlichkeiten, die hörbar aus derselben Geschichte kommen – und längst stark genug sind, jeweils eine eigene zu erzählen.

Der Abschied war keine Fußnote

Die Trennung lässt sich nicht ehrlich auf einen einzigen Streit reduzieren. Sicher ist: Bunny Wailer wollte schon an der US-Etappe der Catch a Fire-Tour nicht teilnehmen; Joe Higgs sprang für ihn ein. Während der Arbeit an Burnin’ wuchsen die Spannungen innerhalb der Gruppe. Peter Tosh und Bunny Wailer sahen ihre eigenen Songs und ihre Rolle im Trio zunehmend im Schatten der internationalen Vermarktung Bob Marleys. 1974 verließen beide die Gruppe und begannen Solokarrieren.

Diese Veränderung ist auf dem nächsten Cover sichtbar. Aus „The Wailers“ wird „Bob Marley & The Wailers“. Was wie eine kleine Verschiebung in der Typografie aussieht, bezeichnet tatsächlich eine neue musikalische Ordnung.

Peter Tosh und Bunny Wailer verschwinden damit nicht aus der Reggae-Geschichte. Im Gegenteil: Ihre späteren Soloalben zeigen, wie viel Eigenständigkeit bereits im alten Trio steckte. Wer Burnin’ nur als Bob-Marley-Album hört, verpasst einen wesentlichen Teil seiner inneren Spannung.

1974: Neue Stimmen, derselbe tiefe Puls

Bob Marley and The Wailers – Natty Dread UHQR, AUHQR 0026
Natty Dread · UHQRDas erste Studioalbum ohne Tosh und Bunny und das erste mit den I-Threes.

Natty Dread ist das erste Studioalbum ohne Tosh und Bunny und das erste mit den I-Threes: Rita Marley, Marcia Griffiths und Judy Mowatt. Ihre Stimmen ersetzen das alte Trio nicht. Sie verändern die Architektur der Musik. Wo Tosh und Bunny als gleichberechtigte Charaktere neben Marley standen, legen sich die I-Threes weiter, heller und geschmeidiger um seine Stimme. Bob Marley rückt nach vorn – nicht nur auf dem Cover, sondern im gesamten Klangbild.

Die I-Threes verändern die Architektur

Die I-Threes mit Rita Marley, Marcia Griffiths und Judy Mowatt in der Natty-Dread-Ära
Rita MarleyMarcia GriffithsJudy Mowatt
The I-Threes · die neue vokale Architektur von Natty Dread

Rita Marley, Marcia Griffiths und Judy Mowatt treten nicht als Ersatz für Peter Tosh und Bunny Wailer auf. Sie antworten anders auf Marley: weniger wie weitere Frontfiguren, stärker wie ein beweglicher vokaler Raum. Ihre unterschiedlichen Timbres können eine Zeile auffangen, verbreitern oder wie ein Echo in den nächsten Takt tragen. Aus Begleitgesang wird ein Teil der Dramaturgie.

Das verändert auch Bob Marleys Position. Auf Burnin’ wird seine Stimme von Tosh und Bunny herausgefordert; auf Natty Dread steht sie klarer im Vordergrund. Die I-Threes schaffen Kommentare, Antworten und harmonische Weite. Die Musik wird dadurch nicht höflicher. Sie gewinnt eine neue Spannung – zwischen Marleys direkter Ansprache und einem Chor, der den persönlichen Satz in gemeinschaftliche Erfahrung verwandelt.

Darunter bleibt jedoch die entscheidende Kontinuität erhalten. Aston Barretts Bass und Carlton Barretts Schlagzeug tragen auch Natty Dread. Al Anderson setzt mit seiner Leadgitarre neue Akzente, Tyrone Downie und weitere Keyboarder geben dem Klang zusätzliche Farbe, Alvin „Seeco“ Patterson erweitert die rhythmische Bewegung an der Perkussion.

„Lively Up Yourself“ eröffnet das Album mit einem Groove, der nicht drängt und dennoch niemanden stillsitzen lässt. Die Studiofassung von „No Woman, No Cry“ ist intimer und weniger monumental als die berühmte Liveaufnahme, die erst später zum Welterfolg wurde. Gerade darin liegt ihr Reiz: Die Erinnerung an Trench Town wirkt hier nicht wie eine große Hymne, sondern wie etwas, das im kleinen Kreis weitergegeben wird.

„Them Belly Full (But We Hungry)“ stellt soziale Ungleichheit gegen einen Rhythmus, der den Körper in Bewegung setzt. Die Musik beschönigt den Hunger nicht, aber sie lässt sich von ihm auch nicht lähmen. „Rebel Music (3 O’Clock Roadblock)“ zieht die Spannung enger; Bass und Schlagzeug halten die Erzählung auf Kurs, während die Gitarre nur so viel Raum beansprucht, wie sie wirklich braucht.

So erzählt Natty Dread keine weichere Fortsetzung von Burnin’. Das Album ist anders ausbalanciert: weniger Reibung zwischen drei Frontstimmen, mehr Konzentration auf Marley – aber weiterhin getragen von einem Bandklang, der aus Kingston kommt und seine Geschichte nicht ablegt.

Was die UHQR-Ausgaben tatsächlich versprechen

Beide Ausgaben wurden von Frank Arkwright und Ryan K. Smith in den Abbey Road Studios vom Original-Masterband gemastert. Es handelt sich jeweils um eine 33⅓-RPM-LP auf 200 Gramm Clarity Vinyl, limitiert auf 4.500 Exemplare, in der für UHQR typischen Box mit stabilem Gatefold und Booklet.

Das sind überprüfbare Produktionsdaten – noch kein Klangurteil. Weder 200 Gramm noch transparentes Vinyl garantieren automatisch eine bessere Platte. Entscheidend ist, was Mastering, Schnitt und Pressung aus den Bändern machen. Und bei diesen Aufnahmen kommt eine besondere Schwierigkeit hinzu: Mehr Klarheit wäre wertlos, wenn sie die Rauheit, die politische Dringlichkeit und den gemeinschaftlichen Charakter der Musik glattpolieren würde.

Genau darum ging es im Hörraum – nachzuvollziehen im Artikel und im begleitenden deutschen Video von The Vinyl Room über Burnin’ und Natty Dread als UHQR.

So wurde gehört

Die beiden UHQRs wurden nicht pauschal gegen „das Original“ gestellt, sondern gegen drei konkrete Platten aus dem Hörraum: Burnin’ gegen eine jamaikanische Pressung und eine britische Ausgabe von 1977, Natty Dread gegen die deutsche Erstpressung aus DJ Sockis Bestand. Beide Exemplare liefen nach der Reinigung auf der Klaudio. Jeder Befund gehört ausschließlich zu diesem direkten Vergleich und lässt sich nicht automatisch auf andere Pressungen übertragen.

Auch die unterschiedliche Form der Urteile ist bewusst. Die 10 von 10 gelten ausschließlich Michaels Vergleich von Burnin’ mit den beiden genannten Ausgaben. Bei Natty Dread bleibt das Urteil qualitativ: weniger spektakulär als bei Burnin’, räumlich aber eindeutig. Eine passende Zahl wird nicht nachträglich erfunden.

Burnin’ im Hörraum: mehr Ordnung, ohne die Glut zu löschen

Für Burnin’ standen neben der UHQR eine jamaikanische Pressung und eine britische Ausgabe von 1977 bereit. Die jamaikanische Platte kommt mit unmittelbarer Energie aus den Lautsprechern. Sie ist dynamisch, explosiv und besitzt jene körperliche Direktheit, die man nicht mit bloßer Sauberkeit verwechseln sollte. Wenn der Bass einsetzt, scheint er nicht erst einen Raum aufzubauen – er ist einfach da.

Die UHQR nimmt dieser Musik nichts von ihrer Kraft, organisiert sie aber genauer. Stimmen und Instrumente stehen stabiler. Kleine Bewegungen nach links oder rechts wirken nachvollziehbar, statt die Bühne unruhig werden zu lassen. Der Bass bekommt klarere Konturen, ohne auszudünnen. Handperkussion, Gitarrenanschläge und die rauen Ränder der Stimmen lösen sich besser voneinander, bleiben aber Teil desselben Grooves.

Das Entscheidende ist nicht, dass man plötzlich möglichst viele Einzelheiten zählen kann. Es ist das Gegenteil einer Vorführung. Die zusätzlichen Informationen ziehen tiefer in die Aufnahme hinein. Man hört deutlicher, wie eng die drei Sänger aufeinander reagieren, wie der Bass die Spannung hält und wie viel Ausdruck in den Pausen zwischen den Schlägen liegt. Die größere Durchhörbarkeit baut keine Glaswand vor der Musik; sie macht die ursprüngliche Energie greifbarer.

Auch die britische Pressung von 1977 klingt sehr gut. Der Vergleich macht sie nicht klein. Die UHQR öffnet jedoch einen tieferen Blick in die Aufnahme und hält die Bühne souveräner zusammen.

Für diese 33⅓-RPM-Ausgabe lautet Michaels Urteil: 10 von 10.Burnin’ · gehört gegen eine jamaikanische Pressung und UK 1977

Gerade nach diesem Ergebnis wird die angekündigte 45-RPM-Ausgabe von Burnin’ besonders spannend. Nicht weil 45 RPM automatisch gewinnt, sondern weil diese Musik bei einem sehr guten Schnitt noch mehr Raum für Bass, Dynamik und feine Transienten nutzen könnte. Das bleibt eine offene Hörfrage – keine Vorhersage.

Natty Dread im Hörraum: Wenn eine Band im Raum einrastet

Natty Dread wurde gegen eine deutsche Erstpressung aus DJ Sockis Bestand gehört. Diese frühe deutsche Ausgabe hat Charme und klingt musikalisch geschlossen. Ihr auffälligster Unterschied zur UHQR liegt in der räumlichen Sicherheit. Die Bühne verschiebt sich gelegentlich, obwohl die Musik selbst keinen Grund dafür gibt. Stimmen und Instrumente scheinen ihre Position für einen Moment zu verlieren.

Auf der UHQR rastet das Ensemble ein. Die I-Threes bilden keinen weichen Schleier hinter Marley, sondern drei erkennbare Stimmen mit eigener Textur. Der Bass erhält Gewicht und Tiefe, die Gitarre kann darüber leuchten, ohne scharf zu werden. Bei „Them Belly Full“ wird die Spannung zwischen schwerem Thema und beweglichem Groove deutlicher. „Rebel Music“ gewinnt an innerer Ordnung: Der lange Puls trägt, kleine rhythmische Akzente tauchen auf und verschwinden wieder, ohne dass die Aufnahme ihre dunklere Farbe verliert.

In „Lively Up Yourself“ wird hörbar, wie viel Bewegung aus der präzisen Platzierung entsteht. Der Bass drückt nicht einfach nach vorn, sondern verankert den Raum; Gitarre und Perkussion setzen ihre kurzen Antworten darüber. Die drei Frauenstimmen bleiben voneinander unterscheidbar und schließen sich dennoch zu einer gemeinsamen Bewegung. Nichts wirkt auseinandergenommen – die Band steht nur fester an ihrem Platz.

Besonders schön zeigt sich das in der Studiofassung von „No Woman, No Cry“. Die UHQR macht aus ihrer Intimität keine Vorführnummer. Marleys Stimme bleibt nah und menschlich, während die I-Threes die Erinnerung behutsam öffnen. Die deutsche Erstpressung erzählt diese Szene glaubwürdig; die UHQR gibt ihr mehr Luft, stabilere Tiefe und jene stille räumliche Ordnung, in der selbst ein leiser Einsatz Bedeutung bekommt.

Der klangliche Gewinn ist hier weniger spektakulär als bei Burnin’, aber eindeutig. Die deutsche Erstpressung erzählt das Album überzeugend. Die UHQR stellt die Musiker stabiler in den Raum und lässt die neue Besetzung klarer als Ensemble erkennen.

Der Unterschied ist weniger spektakulär als bei Burnin’ – räumlich aber eindeutig.Natty Dread · gehört gegen die deutsche Erstpressung aus DJ Sockis Bestand

Die Stille zwischen den Schlägen

Beide Exemplare liefen nach der Reinigung auf der Klaudio ausgesprochen ruhig. Was davon auf das Clarity Vinyl und was auf die Reinigung zurückgeht, lässt sich nicht sauber trennen. Genau deshalb sollte man aus einem stillen Einzelstück keine allgemeine Materialtheorie machen.

Im Hörraum zählt der praktische Effekt: Je weniger Rillengeräusch sich zwischen die leisen rhythmischen Details legt, desto deutlicher werden die feinen Einsätze der Perkussion, das Ausschwingen der Gitarre und die räumliche Staffelung der Stimmen. Bei Reggae ist diese Ruhe nicht bloß Luxus. Die Leerräume gehören zur Musik. Wenn sie frei bleiben, gewinnt der Groove an Spannung.

Zwei Alben, ein hörbarer Wendepunkt

Burnin’ ist die letzte große Verdichtung des alten Trios. Man hört Bob Marley, Peter Tosh und Bunny Wailer nicht nur gemeinsam singen, sondern miteinander ringen, stützen und führen. Natty Dread beginnt danach ein neues Kapitel: Marley steht im Zentrum, die I-Threes verändern die vokale Farbe, und die Barrett-Brüder halten den tiefen Puls der Wailers am Leben.

Die beiden UHQR-Ausgaben machen diesen Übergang ungewöhnlich gut nachvollziehbar. Burnin’ gewinnt deutlich an Stabilität, Tiefe und Durchhörbarkeit, ohne seine Rauheit zu verlieren. Natty Dread wirkt räumlich gefestigter und lässt die neue Formation klarer hervortreten. Keine der frühen Vergleichspressungen wird dadurch bedeutungslos. Aber beide UHQRs zeigen, wie viel in diesen Aufnahmen noch steckt, wenn ein sorgfältiges Mastering nicht versucht, aus Reggae eine Hochglanzdemonstration zu machen.

Wer nur nach „mehr Detail“ fragt, stellt deshalb die kleinere Frage. Die größere lautet: Kommt man der Idee, der Geschichte und dem inneren Puls dieser Musik näher? Bei diesen beiden Ausgaben lautet die Antwort: ja.

Die Ausgaben aus dem Vergleich

Wer den Vergleich selbst nachvollziehen möchte, findet hier die beiden besprochenen Ausgaben. Beide Links führen direkt zur deutschen Produktseite.

Produktcover der Burnin’ UHQR von Bob Marley and The Wailers, AUHQR 0025

Bob Marley and The Wailers – Burnin’

AUHQR 0025 · 33⅓ RPM · 200 Gramm Clarity Vinyl

178 €
Burnin’ ansehen

Produktcover der Natty Dread UHQR von Bob Marley and The Wailers, AUHQR 0026

Bob Marley and The Wailers – Natty Dread

AUHQR 0026 · 33⅓ RPM · 200 Gramm Clarity Vinyl

178 €
Natty Dread ansehen

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