Aus dem Hörraum · Pressungsvergleich
The Who auf 45 RPM:
My Generation und Live at Leeds im Hörvergleich
Zwei Alben. Zwei ganz unterschiedliche Klanggewinne.
Analogue Productions hat My Generation und Live at Leeds mit 45 RPM neu geschnitten. Bei My Generation wirkt es, als würde ein schwerer Vorhang aus dem Raum gerissen. Live at Leeds verändert sich weniger radikal, gewinnt aber hörbar an Weite, Tiefe und der Atmosphäre des Konzertsaals.

The Who schufen im Abstand von fünf Jahren zwei vollkommen verschiedene Klangwelten. My Generation kommt kompakt, mono und konfrontativ – wie ein geballter Stoß aus der Mitte. Live at Leeds lebt von der Bühne, von Luft, Tiefe und Bewegung. Genau deshalb verändert der neue 45 RPM Schnitt die beiden Alben auf ganz unterschiedliche Weise.
„Nicht nur so, als würde ein Vorhang zurückgezogen. Sondern als würde ein riesiger, dicker Vorhang weggezogen.“Michael über My Generation
Deshalb greift ein einfaches Urteil wie „besser als das Original“ zu kurz. Das eine Album gewinnt vor allem an unmittelbarer Wirkung – an Druck, Kontur und Vorwärtsdrang. Das andere gewinnt den Raum um die Band herum und damit einen stärkeren Eindruck des Abends selbst.
Wie zwei Klangwelten entstanden
Der Unterschied beginnt lange vor der Rille. My Generation entstand 1965 in drei konzentrierten Studioetappen in London: ein junges Quartett, fest im Mono-Klang gebündelt, mit aller Energie nach vorn. Fünf Jahre später hielt Live at Leeds eine erfahrene Band im Konzertsaal fest – nicht als sauberes Studiobild, sondern als Ereignis mit Größe, Luft und körperlicher Bewegung.
Album eins · 1965
My Generation: Wenn Mono so trifft, wie es soll

My Generation erschien in Großbritannien am 3. Dezember 1965. Es war das Debütalbum von The Who, veröffentlicht bei Brunswick unter der Katalognummer LAT 8616, und erreichte Platz fünf der britischen Charts. Shel Talmy produzierte, Glyn Johns war Toningenieur, Nicky Hopkins spielte Klavier.
Die Aufnahmen entstanden nicht in einer einzigen durchgehenden Sitzung. Die Band kehrte im April, Oktober und November 1965 in die IBC Studios in London zurück. Diese drei Etappen erklären einen Teil der unruhigen Energie des Albums: Es wirkt dringlich statt glatt.
Auch das Format ist entscheidend. Die Songs erschienen erst 2002 in Stereo. Mono ist hier deshalb keine nostalgische Zugabe, sondern die Form, in der dieses Album entstand. Die spätere amerikanische Ausgabe The Who Sings My Generation veränderte außerdem Cover und Titelfolge. Analogue Productions orientiert sich am britischen Album.
Den neuen 45 RPM Schnitt fertigte Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering an. Seine Aufgabe war nicht, aus der Aufnahme von 1965 eine moderne Hochglanzproduktion zu machen, sondern ihre Energie freizulegen, ohne den rauen Mono-Kern zu glätten.
Was ich bei My Generation gehört habe
Ich verglich die 45 RPM Ausgabe von My Generation mit einer deutschen Erstpressung und einer frühen deutschen Neuauflage von 1981. Eine britische Erstpressung besitze ich nicht – eine wichtige Einschränkung, denn auf dieser Ausgabe basiert die neue Pressung.
Trotz dieser Einschränkung war das Ergebnis verblüffend. Die deutsche Erstpressung wirkte, als läge schwerer Stoff zwischen Band und Hörer. Der 45 RPM Schnitt zieht diesen Stoff weg. Das Mono-Klangbild bleibt geschlossen, tritt nun aber mit größerer Kontur und Wucht aus der Mitte hervor. Dynamische Akzente schnellen unmittelbarer nach vorn; die Musik wirkt weniger gebremst, körperlicher und entschlossener.

Der Titelsong zeigt besonders gut, worum es geht. John Entwistles Basssolo besitzt den notwendigen Anschlag und eine klarere Kontur; es steht nicht weich im Raum, sondern setzt sich mit Nachdruck durch. Trotzdem bleibt die Aufnahme unverkennbar Rock und Rhythm & Blues von 1965. Das ist nicht „audiophil“ im Sinne einer weitläufigen alten Jazzaufnahme – und soll es auch nicht sein. Die Leistung des neuen Schnitts besteht darin, der Originalaufnahme mehr Atem und Kraft zu geben, ohne ihren rauen Kern zu glätten.
Denselben Vergleich gibt es auch als Video auf meinem Kanal The Vinyl Room – The Who auf 45 RPM: My Generation und Live at Leeds im Video verglichen. Hier im Text geht es nun mit dem zweiten Album weiter.
Album zwei · 1970
Live at Leeds: Tiefer hinein in den Raum

Live at Leeds wurde am 14. Februar 1970 im Refectory der Universität Leeds aufgenommen und im Mai veröffentlicht. Die ursprüngliche LP verdichtete ein viel längeres Konzert auf sechs Stücke: Young Man Blues, Substitute, Summertime Blues, Shakin’ All Over, My Generation und Magic Bus.
Die Verpackung sollte bewusst wie ein Bootleg aussehen. Auf dem schlichten Kartonumschlag stand Blockschrift; innen lagen zwölf Faksimiles – darunter Fotos, Liedtexte, eine Quittung für eine Rauchbombe, ein Ablehnungsschreiben von EMI und der Woodstock-Vertrag.
Genau das war meine erste Frage nach der Ankündigung der Analogue-Productions-Ausgabe: Würde eine reguläre Neuauflage wirklich all diese Beilagen enthalten? Ja. Die Dokumente liegen zusammen in einem kleinen Beutel bei. Das ist wichtig, denn sie sind keine Dekoration, sondern Teil der Identität dieses Albums.
Was ich bei Live at Leeds gehört habe
Dieser Vergleich war schwieriger. Ich stellte die 45 RPM Ausgabe von Live at Leeds einer britischen und einer deutschen Erstpressung gegenüber. Das britische Original klingt bereits besser und geschlossener als das deutsche – die neue Ausgabe hatte also starke Konkurrenz.
„Der Unterschied ist kleiner als bei My Generation. Bei Bühne und Tiefe bleibt er dennoch deutlich.“Michael über Live at Leeds
Hier fühlt sich die Verbesserung weniger wie ein plötzlich weggezogener Vorhang an. Stattdessen wird der Raum glaubwürdiger. Die Band steht nicht einfach größer vor dem Hörer; sie bekommt Tiefe hinter sich. Zwischen der geballten Energie der Musiker und dem Saal entsteht Luft. Die Bühne staffelt sich von vorn nach hinten, die Dynamik lässt den Auftritt freier atmen, und aus einer sehr guten Liveaufnahme wird stärker das Gefühl, tatsächlich im Raum zu sitzen. Mein persönlicher Höhepunkt ist das 14 Minuten und 46 Sekunden lange My Generation, das nun eine eigene Plattenseite erhält.

Warum Leeds zum Album wurde
Leeds war nicht die erste Wahl. Die Band nahm auch ein Konzert in Hull auf, und ursprünglich sollte Hull veröffentlicht werden. Doch John Entwistles Bass fehlte auf der ersten Bandspule. Das Problem ließ sich damals nicht beheben, sodass die Sicherheitsaufnahme aus Leeds zum Album wurde. Hull erschien schließlich 2012; der fehlende Bass wurde aus den Leeds-Bändern ergänzt.
Die offene Frage nach Tommy lässt sich beantworten.
Die Band spielte an diesem Abend das gesamte Tommy-Programm, obwohl davon nichts auf der ursprünglichen LP mit sechs Titeln erschien. Die vollständige Tommy-Darbietung wurde 2001 auf der Doppel-CD Deluxe Edition veröffentlicht und füllt dort die zweite CD.
Welche Neuauflage verändert das Hören stärker?
My Generation liefert die deutlich dramatischere Veränderung. Gegenüber den deutschen Pressungen, die mir zur Verfügung standen, verändert der neue Schnitt die körperliche Wirkung der Platte: klarer, unmittelbarer und wesentlich kraftvoller. Die Musik bleibt ein kompakter Mono-Block – nur steht dieser Block plötzlich ohne Schleier im Raum.
Live at Leeds startet mit einer bereits starken britischen Erstpressung; deshalb fällt der Klanggewinn weniger spektakulär aus. Gering ist er trotzdem nicht. Sein Wert liegt in Größe, Tiefe und dem Gefühl, in das Konzert einzutreten. Die eine 45 RPM Ausgabe befreit die Energie einer Studioaufnahme, die andere öffnet den Raum einer Bühne – genau deshalb gehören beide in einen gemeinsamen Vergleich.
Die besprochenen Schallplatten
Die Ausgaben aus dem Vergleich
Wer den Vergleich selbst nachvollziehen möchte, findet hier die beiden besprochenen Ausgaben.
The Who – My Generation
Analogue Productions · APP 249-45 · 45 RPM · Mono
The Who – Live at Leeds
Analogue Productions · APP 253-45 · 45 RPM
Welche The-Who-Ausgabe von Analogue Productions zu dir passt – auch Tommy und Who’s Next als limitierte UHQR –, zeigt unsere Kundenfrage The Who von Analogue Productions: welche Ausgabe?




