Als Rock seine Grenzen verlor
Sieben Platten, sieben Wege von Psychedelia über Kraut- und Jazzrock bis zu Magmas Zeuhl – und die Geschichte eines Kontinents, der seine eigenen musikalischen Sprachen fand.

Sieben Jahre genügen, damit sich der vertraute Rocksong in Europa fast vollständig verwandelt. Die Reise führt von einer saarländischen Schülerband über Londons Underground und Den Haag bis ins Berliner Quartier Latin und zur Taverne de l’Olympia in Paris. Sie endet nicht in einer Schublade, sondern in sieben sehr verschiedenen Antworten auf dieselbe Frage: Wie weit kann Rock gehen, ohne seine innere Kraft zu verlieren?
Im Video stelle ich die Ausgaben vor, die bei mir im Hörraum lagen. In diesem Artikel ergänze ich meine persönlichen Höreindrücke um die historischen Zusammenhänge. Die Klangurteile sind meine eigenen Beobachtungen; Jahreszahlen, Besetzungen und Produktionsangaben sind davon getrennt recherchiert.
Die exakte Erstpressung lässt sich nicht allein am Cover bestimmen. Wo vollständige Label- und Runout-Aufnahmen fehlen, bleibt die Variante bewusst offen.
The Blackbirds
No Destination


Die Reise beginnt in Püttlingen. The Blackbirds gingen aus einer Schülerband hervor und nahmen No Destination 1968 in Stuttgart im Studio von Horst Jankowski auf. Schon diese Konstellation erzählt viel über die Zeit: Eine junge regionale Band bewegt sich aus Beat und Rhythm & Blues heraus, findet aber in Deutschland zunächst kein passendes Umfeld für ihr Debüt. Die LP erscheint auf dem britischen Saga-Label – eine ungewöhnliche Verbindung zwischen saarländischer Szene und englischem Plattenmarkt.

Musikalisch steht No Destination noch mit einem Fuß im kompakten Songformat. Doch Hammondorgel, schwebende Harmonien und abrupte Stimmungswechsel ziehen die Stücke immer wieder über den Beat hinaus. Das ist noch nicht der weit ausgreifende Krautrock der frühen Siebziger. Es ist der Moment davor: Ein Popsong darf plötzlich kippen, flirren, irritieren und in einen anderen Bewusstseinsraum führen.
Die hohen Stimmen können zunächst eigentümlich süß wirken. Gerade dieser Kontrast macht die Platte interessant. Unter der Oberfläche arbeitet eine dunklere, suchende Musik; die Hammond ist nicht bloß Farbe, sondern gibt vielen Passagen ihre eigentliche Identität.
Für mich ist diese Platte „eine echte Offenbarung“. Meine Anspieltipps sind der Titelsong und Something Different. Entscheidend ist für mich nicht das nachträgliche Etikett Krautrock, sondern die spürbare Bewegung dorthin – und meine Verwunderung darüber, dass diese Platte nicht viel bekannter ist.
Pressungsnotiz: Die britische Saga-Ausgabe mit Katalognummer FID 2113 passt zeitlich und gestalterisch zum Debüt. Eine endgültige Variantenbestimmung braucht beide Labels und die vollständigen Runouts.
Edgar Broughton Band
Wasa Wasa


Ein Jahr später klingt Freiheit nicht schwebend, sondern körperlich. Wasa Wasa ist elektrischer Blues, der unter zu viel Spannung geraten ist: schwere Riffs, ein zerrender Bass, ein Schlagzeug ohne höfliche Distanz und Edgar Broughtons raue Stimme, die sich durch die Musik hindurcharbeitet.
Die Band war aus Warwick nach Notting Hill gezogen, mitten in das Londoner Underground-Milieu. Über Blackhill Enterprises, das Umfeld der frühen Pink Floyd, kam sie zu EMIs neuem Harvest-Label. Evil / Death of an Electric Citizen wurde 1969 die erste Single des Labels. Produzent Peter Jenner ließ der Band nach deren eigener Erinnerung ungewöhnlich viel Freiheit. Das hört man: Dieses Debüt stellt sich nicht vorsichtig vor, es prüft sofort die Grenzen der Verstärker und der üblichen Songform.
Auf der zweiten Seite zieht sich Dawn Crept Away über fast vierzehn Minuten. Die Länge ist kein Schmuckstück des Progressive Rock, sondern Konsequenz. Ein Riff braucht Zeit, um sich festzubeißen; Spannung entsteht durch Wiederholung und das Gefühl, die Musik könne jeden Augenblick auseinanderbrechen.
Ich höre hier „Psychedelic Blues Rock vom Allerfeinsten“. Mich begeistert, wie ein starkes Grundmotiv über lange Strecken weiterentwickelt wird. Broughtons wilde Stimme und die Wucht des Trios machen die Platte für mich zu einem klaren „Hammer“.
Victor Unitt führt von hier direkt zu den Pretty Things. Europas Underground bestand nicht aus sieben isolierten Inseln, sondern aus einem beweglichen Netz von Musikern, Produzenten und Labels.
Pressungsnotiz: Im Video ist die frühe deutsche Harvest-Ausgabe 1C 062-04 083 zu sehen. Ob es exakt die erste deutsche Variante ist, muss über Labeldetails und Runouts geklärt werden.
Clark-Hutchinson
A=MH²


Bei Clark-Hutchinson verschwindet die klassische Rockband fast vollständig. Andy Clark und Mick Hutchinson spielten den größten Teil der Instrumente selbst ein. Für A=MH² standen ihnen nach der dokumentierten Bandgeschichte nur zwei zwölfstündige Studiositzungen zur Verfügung. Aus dieser Verdichtung entstand eine eigensinnige Verbindung von Blues, Jazz und außereuropäischen Skalen.

Schon die Stücktitel weisen den Weg: Improvisation on a Modal Scale und Improvisation on an Indian Scale. Gitarre, Orgel, Flöte, Sitar und Schlagwerk sind keine exotische Dekoration auf einem Rockskelett. Sie bestimmen, wie sich die Musik bewegt. Motive werden umkreist, ein Tonzentrum kann wichtiger werden als ein Refrain.
Trotz der offenen Formen ist das Album nicht formlos. Die Improvisation besitzt Ziel und Spannung. Clark und Hutchinson lassen Passagen wachsen, verdichten sie, nehmen Energie zurück und öffnen neue Räume. Auch personell führt die Geschichte weiter: Beide hatten zuvor in Vamp gespielt, der kurzlebigen Formation des ehemaligen Pretty-Things-Schlagzeugers Viv Prince.
Ich erlebe A=MH² als „instrumentale psychedelische Reise“, die sich kaum mit einer anderen Platte vergleichen lässt. Indische Einflüsse, freie Entwicklungen und zwei Multiinstrumentalisten, die beinahe eine ganze Band ersetzen: Für mich ist das einzigartig.
Pressungsnotiz: Das Album entstand 1969 und erschien um die Jahreswende 1969/70. Mein Exemplar ist die deutsche Nova-Neuauflage von 1975, wahrscheinlich 6.22426 AO beziehungsweise 6.22426 AJ – keine britische Erstpressung. Die Suffixvariante bleibt offen.
The Pretty Things
Parachute


Parachute ist ein Album des Weiterlebens. Nach S.F. Sorrow, das später als Meilenstein gefeiert wurde, damals aber nicht den erhofften Erfolg brachte, und nach dem Ausstieg von Dick Taylor hätten die Pretty Things zerfallen können. Stattdessen schrieben Phil May und Wally Waller weiter. Norman Smith kehrte als Produzent zurück, Victor Unitt kam aus dem Umfeld der Edgar Broughton Band hinzu.
Die Platte erzählt keine lineare Geschichte, besitzt aber eine klare Dramaturgie. Waller beschrieb die erste Seite als Blick auf die Stadt; die zweite kreist um einen Menschen, der nicht weiß, ob er in der Stadt oder auf dem Land leben will. Deshalb wäre „Landflucht“ zu einfach. Parachute handelt von einer Spannung, nicht von einer fertigen Entscheidung.

Auf Seite eins verdichten sich harte Gitarren, urbane Nervosität und dunklere Bilder. Auf Seite zwei wird der Horizont weiter. Harmonien und pastorale Momente öffnen die Musik, ohne die Unsicherheit aufzulösen. In den eng gesetzten Stimmen kann man an die Beatles denken, doch die Pretty Things klingen weniger makellos und dadurch verletzlicher.
Ich erlebe Seite eins dunkler, aggressiver und unmittelbarer; Seite zwei schöner, freier und offener. Genau dieser Gegensatz macht Parachute für mich zu einer großen Entdeckung. Meine Einstiege: Cries from the Midnight Circus, Grass und der Titelsong.
Pressungsnotiz: Die gezeigte deutsche Harvest-Ausgabe 1C 062-04 406 stammt aus dem Erscheinungsjahr. Für die konkrete frühe Variante fehlen vollständige Label- und Runout-Daten.
Earth and Fire
Earth and Fire


Im selben Jahr öffnet sich in den Niederlanden ein anderer Weg. Earth and Fire kommen nicht aus der langen Improvisation, sondern vom Song. Das Debüt verbindet eingängige Singles mit psychedelischen Klangfarben und ersten progressiven Formen. Progressive Musik entsteht hier nicht dadurch, dass jedes Stück länger und schwieriger wird. Sie wächst aus sehr gutem Pop heraus.

Produzent Freddy Haayen nahm das Album in den G.T.B.-Studios in Den Haag auf; veröffentlicht wurde es im September 1970. Seasons, geschrieben von George Kooymans von Golden Earring, war bereits ein Erfolg. Ruby Is the One und Wild and Exciting zeigen, wie selbstbewusst die Band Melodie, Orgel, Gitarren und dynamische Wechsel verbindet.
Im Zentrum steht Jerney Kaagman. Ihre Stimme ist klar, kraftvoll und melodisch, aber nicht glatt. Sie kann über dem Arrangement leuchten und zugleich in dramatischere Passagen hineinführen. Auch das Objekt erzählt die Geschichte: Ron Seubert gestaltete die frühe niederländische Ausgabe wie ein Streichholzheft, Leo van der Noort fotografierte. Andere Länder erhielten andere Hüllen, Großbritannien sogar ein Roger-Dean-Cover.
Für mich ist das Debüt „fantastisch“: extrem melodisch, dynamisch, mitreißend und zugleich schön. Ich empfehle nicht nur einen Track, sondern die ganze Platte – gerade wegen ihrer selbstverständlichen Bewegung von zugänglichen Momenten in größere Spannungsbögen.
Jerney Kaagman starb am 31. Juli 2026 im Alter von 79 Jahren. Ihr Debüt mit Earth and Fire bleibt ein starkes Dokument dafür, wie entschieden eine Stimme die Identität einer ganzen Band prägen kann.
Pressungsnotiz: Matchbook-Cover und Polydor `2441 011` passen zur frühen niederländischen Ausgabe von 1970. Für die letzte Variantenbestimmung bleiben die Runouts maßgeblich.
Kraan
Live


Fünf Jahre später ist aus der vorsichtigen Öffnung des Songs ein vollständiges Kollektiv geworden. Kraan brauchen auf Live keine feste Hierarchie zwischen Solist und Begleitung. Hellmut Hattlers Bass kann ein Stück führen, Peter Wolbrandts Gitarre in die Fläche wechseln, Johannes Papperts Saxofon eine neue Richtung aufreißen, während Jan Fride den Rhythmus beweglich hält.
Der Mitschnitt entstand im Oktober 1974 im Berliner Quartier Latin und erschien 1975 als Doppelalbum. Conny Plank nahm die Konzerte auf. Seine Arbeit bewahrt die Beweglichkeit der Band: Die Instrumente stehen klar genug im Raum, um ihre Linien verfolgen zu können, doch die Aufnahme zähmt nicht das Risiko des Augenblicks.

Kraan mischen Jazz, Rock, Funk und asiatische Einflüsse, ohne eine akademische Vorführung daraus zu machen. Nam Nam schiebt, Holiday am Marterhorn flirrt und verzweigt sich, Kraan Arabia entwickelt einen Sog, in dem Groove und melodische Fantasie nicht gegeneinander arbeiten. Die langen Seiten sind die Form, die diese Band braucht.
Ich höre hier Jazzrock, Fusion und Krautrock in vollkommener Spielfreude. Mein Höhepunkt ist Kraan Arabia: Der Bass erzählt selbst, während Gitarre, Saxofon und Schlagzeug wie ein einziger Organismus reagieren. Für mich ist dieses Doppelalbum schlichtweg großartig.
Pressungsnotiz: Im Video ist die britische Gull-Ausgabe GUD 2001/2 von 1975 zu sehen. Das Album erschien zuerst in Deutschland auf Spiegelei; Gull veröffentlichte die britische Ausgabe. „Britische Erstpressung“ wäre ohne Label- und Runout-Abgleich zu weitgehend.
Magma
Magma Live / Hhaï


Am Ende steht eine Musik, die sich der üblichen Prog-Rock-Sprache entzieht. Magma wurde von Christian Vander nicht nur als Band, sondern als eigene Welt gedacht. Dazu gehören die erfundene kobaïanische Sprache und Zeuhl – Vanders Name für eine Musik, die er als vibrierende, geistige Kraft verstand.
Zeuhl ist keine Spielart des Krautrock und auch keine freie Improvisation mit Chor. Die Formen sind komponiert und oft streng organisiert. Repetitive Bass- und Schlagzeugfiguren bauen Druck auf; Stimmen erscheinen wie ein Kollektiv; Themen kehren in veränderter Gestalt wieder. Improvisierte Ausbrüche existieren, aber innerhalb einer Architektur aus Wiederholung, Steigerung und körperlicher Wirkung.

Nach dem großen Besetzungsumbruch 1974 stellte Vander eine neue Formation zusammen. Vom 1. bis 5. Juni 1975 wurde in der Taverne de l’Olympia in Paris Magmas erstes Livealbum aufgenommen. Ältere Stücke erhielten neue Arrangements, Hhaï und Lïhns kamen hinzu. Didier Lockwoods Violine schneidet durch die dichte Rhythmik, antwortet den Stimmen und gibt der Besetzung eine nervöse, leuchtende Energie.
Ich höre ein rhythmusgetriebenes, dichtes und im besten Sinne chaotisches Gesamterlebnis. Mich fasziniert, dass die Aufnahme selbst in den intensivsten Momenten nicht kollabiert. Wer einen Einstieg sucht, kann mit Hhaï beginnen; wer Magma verstehen will, sollte dem ganzen Spannungsbogen folgen.
Pressungsnotiz: Die französische Utopia-Doppel-LP CYL2-1245 passt zur frühen Ausgabe von 1975. Die genaue Variante bleibt ohne vollständige Runout-Dokumentation offen.
Zwei Livealben. Zwei Antworten.
Kraan und Magma veröffentlichen Doppel-Livealben, weil die Bühne für beide mehr ist als ein Ort zur Wiedergabe fertiger Studiostücke. Dort entsteht ihre eigentliche Form.
Kraan klingen elastisch: Eine Basslinie öffnet eine Tür, die Gitarre geht hindurch, das Saxofon biegt ab, das Schlagzeug verschiebt den Boden. Magma klingen zwingend: Rhythmische Zellen kehren wieder, Stimmen werden zu Architektur, Steigerung wird zum Ritual.
1968 kann eine Hammondorgel einen Beat-Song in eine neue Richtung kippen. 1975 reichen herkömmliche Songbegriffe kaum noch aus, um Kraans kollektiven Groove oder Magmas Zeuhl zu beschreiben.
Keine sieben Inseln, sondern ein europäisches Klangnetz
Die übliche Rockgeschichte sortiert gern nach Ländern: britischer Underground hier, niederländischer Prog dort, deutscher Krautrock und französischer Zeuhl in eigenen Fächern. Diese sieben Platten erzählen eine lebendigere Geschichte.
Labels wie Harvest schufen Räume für Musik, die im normalen Popprogramm kaum Platz fand. Produzenten wie Peter Jenner, Norman Smith, Freddy Haayen und Conny Plank hielten sehr unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit auf Band fest. Musiker wechselten zwischen Gruppen: Victor Unitt verbindet die Edgar Broughton Band mit den Pretty Things; Viv Prince führt von deren früher Geschichte zu Vamp und Clark-Hutchinson. George Kooymans und Freddy Haayen binden Earth and Fire in das niederländische Netzwerk um Golden Earring ein.
Der Zusammenhang ist deshalb kein Stilwort. Es ist eine Haltung: Rock darf sich verändern, solange die Musik ihre innere Notwendigkeit behält. Bei den Blackbirds ist es ein psychedelischer Riss im Beat. Bei Edgar Broughton die Übersteuerung des Blues. Bei Clark-Hutchinson das Studio als Labor. Bei den Pretty Things die Spannung zwischen Stadt und Land. Bei Earth and Fire die Öffnung des Pops. Bei Kraan das gleichberechtigte Kollektiv. Bei Magma eine vollständig neue musikalische Welt.
Diese Platten sind keine sieben Kuriositäten am Rand der Geschichte. Sie sind sieben Belege dafür, dass Europas Rockmusik zwischen 1968 und 1975 eigene Regeln, eigene Klangfarben und schließlich sogar eigene Sprachen fand.
Weitere Geschichten über Musik, Pressungen und das Hören stehen im deutschen Shopmagazin Aus dem Hörraum.
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Quellen und Vertiefung
- Offizielles Earth-and-Fire-Archiv: Albumdaten, Produktion und Covergestaltung
- Offizielles Earth-and-Fire-Archiv: Jerney Kaagman
- Offizielle Magma-Diskografie: Magma Live
- WDR Rockpalast: Kraan und Kraan Live
- Interview mit Edgar Broughton über die frühen Harvest-Jahre und Wasa Wasa
- University of Gloucestershire: Clark-Hutchinson und A=MH²
- Bandinterviews zur Entstehung von The Pretty Things’ Parachute
- The Blackbirds, No Destination, Saga FID 2113
