Vier Werke statt eines Effektstücks
Die große Jahreszahl auf dem Cover lenkt den Blick auf Tschaikowskis Ouvertüre 1812. Das Programm dieser RCA-Aufnahme reicht jedoch weiter: Mendelssohns Fingals Höhle, Liszts erster Mephisto-Walzer und Brahms’ Tragische Ouvertüre stehen daneben. Fritz Reiner und das Chicago Symphony Orchestra verbinden vier sehr unterschiedliche Vorstellungen von Orchestermusik. Eine historische Szene, eine Landschaft, eine literarische Episode und ein Werk ohne festgelegte Handlung treffen aufeinander. Dadurch lässt sich die Platte auch als kleines Programm über musikalisches Erzählen hören.
Die Einspielungen entstanden in der Orchestra Hall in Chicago, verteilt auf drei Termine. Liszt wurde im Dezember 1955 aufgenommen, Tschaikowski und Mendelssohn im Januar 1956, Brahms im Dezember 1957. Das Album fasst also mehrere Sitzungen zusammen. Reiner leitete das Orchester seit 1953 als Musikdirektor. Die Platte dokumentiert diese Zusammenarbeit in einem Repertoire, das nicht nur große Steigerungen, sondern ebenso präzise Übergänge und unterschiedliche Arten der Bewegung verlangt. Jeder neue Titel stellt dieselben Musiker vor eine andere Aufgabe.

Geschichte, Meer und ein unheimlicher Tanz
Tschaikowski komponierte 1812 im Jahr 1880, zur Erinnerung an die Abwehr von Napoleons Einmarsch in Russland. Die Musik ordnet ihre Themen als gegensätzliche Kräfte an und führt sie zu einem ausgedehnten Schluss. Für das Hören lohnt es sich, schon den ruhigen Beginn und die allmähliche Verdichtung ernst zu nehmen. Wer nur auf das Finale wartet, überspringt einen großen Teil der Dramaturgie. Die Wirkung der Schlussphase hängt davon ab, welche Wege das Orchester vorher zurückgelegt hat.
Mendelssohns Konzertouvertüre Die Hebriden, auch Fingals Höhle genannt, führt zu seiner Schottlandreise von 1829 und zur Insel Staffa. Das wiederkehrende Anfangsmotiv macht Bewegung zum Ausgangspunkt der Musik. Liszts Mephisto-Walzer nimmt dagegen eine Episode aus Nikolaus Lenaus Faust auf: Mephistopheles greift in einer Dorfschenke zur Geige, während Faust tanzt. So stehen zwei Arten der Vorstellung nebeneinander. Mendelssohn entwickelt eine musikalische Landschaft, Liszt lässt einen Tanz immer stärker in eine unheimliche Szene kippen.

Tragik ohne vorgegebene Handlung
Brahms’ Tragische Ouvertüre op. 81 entstand 1880, im selben Jahr wie die Akademische Festouvertüre. Anders als Liszts Stück gibt sie keine konkrete literarische Szene vor. Ihr Titel bezeichnet einen Charakter, den Rhythmus, Harmonik und der Verlauf der Themen entfalten müssen. Nach den anderen Werken ist das ein interessanter Wechsel: Die Vorstellung wird weniger an Namen und Orte gebunden. Du kannst verfolgen, wie das Orchester Spannung aus dem musikalischen Material selbst aufbaut und wieder zurücknimmt.
Beim Hören des ganzen Programms lohnt sich ein zweiter Blick auf die Übergänge innerhalb der Werke. Wo übernehmen Holzbläser eine zuvor von Streichern geführte Idee? Wann wird aus einer Begleitbewegung ein bestimmendes Motiv? Reiners Chicagoer Orchester begegnet dir hier in vier unterschiedlichen Zusammenhängen, nicht nur im bekannten Schluss von 1812. Die Zusammenstellung gibt Gelegenheit, diese Unterschiede auf einer Platte zu verfolgen. Gerade die Abfolge von öffentlicher Geste, Landschaft, Tanz und Tragik macht den Reiz des Programms aus.
Diese Ausgabe
Analogue Productions veröffentlicht das Programm als RCA-Living-Stereo-Doppel-LP mit 45 U/min auf 180-Gramm-Vinyl. Die Katalognummer lautet AAPC 2241-45. Bernie Grundman wird für das Mastering genannt, der Herausgeber führt das originale Masterband als Quelle an. Quality Record Pressings übernimmt die Pressung; ein zweiseitiger Einleger ist enthalten. Die vier Werke stammen aus den historischen Chicagoer Stereoaufnahmen.
Mehr aus der Reihe: RCA Living Stereo Series
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Künstlerseite: Alle Titel von Fritz Reiner
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: RCA Living Stereo – alle 25 Titel, Dirigenten und Solisten
Beteiligte Musiker
Dokumentierte Auswahl der beteiligten Musiker. Die Besetzung kann je Titel wechseln; die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
| Name | Instrument / Rolle |
|---|---|
| Fritz Reiner | Dirigat |
| Chicago Symphony Orchestra | Orchester |
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael beschreibt einen besonders kräftigen Bass zum Ende der 1812-Ouvertüre und eine für ihn atemberaubende Dynamik. Seine Einschätzung bezieht sich auf die 45-RPM-Ausgabe der Living-Stereo-Reihe.
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