Zwei Geschichten über Schein und Wirklichkeit
Ein Offizier, den es gar nicht gibt, und eine Nachtigall, deren lebendiger Gesang mit einem mechanischen Ersatz konkurriert: Diese Kopplung bringt zwei ungewöhnliche Geschichten zusammen. Sergej Prokofjews Lieutenant Kijé und Igor Strawinskys Song of the Nightingale benötigen keine Bühne, um ihre Figuren musikalisch vorzustellen. Beide Werke arbeiten mit deutlich unterscheidbaren Gesten und Farben. Das Chicago Symphony Orchestra unter Fritz Reiner übernimmt dabei die Rolle eines Erzählers, der nicht nur große Ereignisse schildert, sondern auch kleine, manchmal irritierende Einzelheiten hörbar macht.
Die beiden Einspielungen entstanden an verschiedenen Tagen in der Orchestra Hall in Chicago: Strawinskys sinfonische Dichtung am 3. November 1956, Prokofjews Suite am 2. März 1957. RCA veröffentlichte die Kopplung 1958. Richard Mohr und Lewis Layton stehen für Produktion und Aufnahmetechnik. Die gemeinsame Albumgestalt verdeckt also nicht nur zwei Komponisten, sondern auch zwei Sitzungen. Was sie verbindet, ist Reiners Orchesterarbeit: Die Musik verlangt, zwischen einer klaren Kontur einzelner Stimmen und den schnellen Veränderungen des gesamten Klangbilds zu vermitteln.

Die erstaunliche Laufbahn des Leutnants Kijé
Prokofjews Suite geht auf eine Filmmusik von 1934 zurück. In der Geschichte entsteht durch einen Schreibfehler ein angeblicher Leutnant. Weil niemand den Irrtum gegenüber dem Zaren eingestehen möchte, muss die Verwaltung ihm ein ganzes Leben erfinden. Die fünf Sätze der Suite verfolgen diese absurde Karriere von der Geburt über Romanze und Hochzeit bis zur Schlittenfahrt und zum Begräbnis. Das Orchester kann dabei festlich auftreten und zugleich die Fragwürdigkeit der Situation sichtbar machen. Der Titelheld ist musikalisch präsent, obwohl er als Mensch niemals existiert hat.
Zur besonderen Instrumentation gehören Tenorsaxofon und Kornett; in der „Troika“ kommen die mit einer Schlittenfahrt verbundenen Gesten hinzu. Für diese Aufnahme sind jedoch nicht sämtliche Solisten namentlich gesichert. Eine präzise Beschreibung des Werkes ist deshalb von einer präzisen Besetzungsliste zu unterscheiden. Du kannst die unterschiedlichen Instrumentenfarben verfolgen, ohne ihnen ungesicherte Namen zuzuweisen. Auch außerhalb des Konzertsaals haben einzelne Themen ein langes Nachleben: Die „Romance“ fand Eingang in Stings „Russians“, die „Troika“ in Greg Lakes „I Believe in Father Christmas“.

Eine Nachtigall wird zur Orchesterstimme
Strawinskys Song of the Nightingale entstand 1917 aus Teilen seiner Oper Le Rossignol. Die sinfonische Dichtung ist damit keine vollständige Oper ohne Sänger, sondern eine neue Form aus ausgewähltem Material. Hinter ihr steht Andersens Geschichte vom chinesischen Kaiser, dem echten Vogel und einer künstlichen Nachtigall. Das Gegenüber von lebendiger Regung und mechanischer Wiederholung schafft einen anderen Erzählraum als Prokofjews Bürokratiesatire. Dennoch passen die Werke zusammen: In beiden Fällen stellt die Musik etwas dar, das sich bei näherer Betrachtung als problematischer Ersatz erweist.
Beim Hören lohnt es sich, nicht jeden Abschnitt sofort auf eine Figur festzulegen. Achte zunächst auf die Wechsel von Bewegung, Farbe und Dichte. Wie verändert sich die Wirkung, wenn eine einzelne Linie aus einer größeren Gruppe heraustritt? Welche Gesten wirken wiederkehrend, welche wie eine Unterbrechung? Solche Beobachtungen öffnen das Stück auch ohne Kenntnis der vollständigen Handlung. Die Band-Ausgabe führt Strawinskys Werk als zusammenhängende sinfonische Dichtung. Unterteilungen, die du vielleicht aus einer CD-Ausgabe kennst, sind deshalb nicht automatisch zusätzliche Titel dieser Fassung.
Reiners Kopplung auf Band
Die Ausgabe RRAP 0010 gehört zur Ultra-Tape-Reihe von Analogue Productions. Sie bietet Viertelzollband bei 15 ips, Zweispur beziehungsweise Halbspur und IEC-Entzerrung. Die beiden Werke verteilen sich auf zwei Spulen. Eine passende Bandmaschine muss Spurformat, Geschwindigkeit und Entzerrung unterstützen. Die ursprünglichen Sitzungen wurden dreispurig aufgezeichnet; diese Kaufbandausgabe ist ein Zweispur-Stereoprodukt. Daraus folgt jedoch noch keine sichere Zuordnung zu einer bestimmten historischen oder später angefertigten Stereomischung.
Der Herausgeber nennt die Echtzeitkopie auf einer ATR-modifizierten Ampex-Maschine und beschreibt als Quelle eine Kopie des originalen analogen Masterbandes. Ein eigenständiger Mastering-Credit oder die vollständige Generationenfolge wird für diese Ausgabe nicht eindeutig ausgewiesen. Das musikalische Profil ist dafür umso konkreter: zwei erzählerische Orchesterwerke, aufgenommen mit Reiners Chicagoer Ensemble in den Jahren 1956 und 1957. Zwischen erfundener Militärbiografie und märchenhafter Vogelstimme entsteht ein Programm, das neben orchestraler Kraft immer wieder Genauigkeit, Witz und die Wirkung kleiner Unterschiede in den Mittelpunkt stellt.
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Auch als SACD: Prokofiev: Lieutenant Kije / Stravinsky: Song of the Nightingale
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Beteiligte Musiker
Belegte Mitwirkende dieser Aufnahme. Herausgeberangaben sind gesondert gekennzeichnet; Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
| Name | Instrument / Rolle | Mitwirkung |
|---|---|---|
| Fritz Reiner | Dirigent | Album-Besetzung |
| Chicago Symphony Orchestra | Orchester | Album-Besetzung |
| Adolph Herseth | Solotrompete des Orchesters (Principal Trumpet) | A1, A2, A3, A4, A5, B1 |
Kornett-, Tenorsaxofon- und Violinsolisten sind nicht sicher namentlich zugeordnet.







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