Eine neue Stimme im New York von 1954

Helen Merrills erstes Album trägt nur ihren Namen. Diese Schlichtheit passt zu einer Aufnahme, deren Anziehungskraft aus einer besonderen Begegnung entsteht: Merrill als Sängerin, Clifford Brown an der Trompete und der junge Quincy Jones als Arrangeur und Leiter. Am 22. und 24. Dezember 1954 kamen sie mit einer kleinen Studiobesetzung bei Fine Sound in New York zusammen. EmArcy veröffentlichte die sieben Titel 1955 als MG-36006. Für Merrill war es das Debüt unter eigenem Namen auf Langspielplatte; für heutige Sammler ist es zugleich ein markanter Schnittpunkt mehrerer Laufbahnen.
Merrill wurde in New York als Jelena Ana Milčetić geboren und wuchs als Tochter kroatischer Eltern auf. Ihre musikalische Geschichte begann lange vor diesem EmArcy-Termin. Bereits in den 1940er-Jahren sang sie in Clubs der Bronx; 1952 nahm sie „A Cigarette for Company“ mit Earl Hines auf. Das Debüt erschien somit nicht aus dem Nichts. Es bündelte die Erfahrungen einer Sängerin, die ihren Weg durch das New Yorker Musikleben gefunden hatte, in einer klar umrissenen Albumform. Sieben Songs genügten, um ihr einen eigenen Rahmen zu geben.
Die Verbindung zu Brown ist besonders kostbar. Der Trompeter starb 1956, und jede dieser frühen Begegnungen gehört damit zu einem schmalen, außergewöhnlich dichten Werk. Das Wissen um seine kurze Lebenszeit muss das Album jedoch nicht in ein nachträgliches Denkmal verwandeln. Im Dezember 1954 arbeiteten hier Musiker an einer neuen Platte. Gerade diese Gegenwart der Session ist wichtig: eine Sängerin mit eigenem Ausdruck, ein junger Trompeter und Arrangements, die beide innerhalb eines Ensembles zusammenbringen. Merrill griff die Erinnerung an Brown Jahrzehnte später mit ihrem Album Brownie: Homage to Clifford Brown erneut auf.

Quincy Jones und zwei Rhythmusgruppen
Quincy Jones war bei den Aufnahmen 21 Jahre alt. Seine Aufgaben waren Arrangement und musikalische Leitung. Zum gemeinsamen Kern der Besetzung gehören neben Merrill und Brown Danny Bank an Flöte und Baritonsaxofon, Jimmy Jones am Klavier und Barry Galbraith an der Gitarre. Schon diese Instrumentierung bietet mehrere Möglichkeiten, eine Gesangslinie einzurahmen: Holzbläserfarben, Klavierakkorde, Gitarrenklang und die eigenständige Stimme der Trompete. Der Pianist Jimmy Jones und der Arrangeur Quincy Jones sind dabei selbstverständlich zwei verschiedene Musiker.
Bass und Schlagzeug wechseln zwischen den beiden Tagen. Am 22. Dezember spielten Milt Hinton und Osie Johnson bei „Don’t Explain“, „You’d Be So Nice to Come Home To“, „(I Was) Born to Be Blue“ und „’S Wonderful“. Am 24. Dezember übernahmen Oscar Pettiford und Bobby Donaldson für „What’s New?“, „Falling in Love with Love“ und „Yesterdays“. Diese Zuordnung ist mehr als eine diskografische Fußnote. Sie macht deutlich, dass das fertige Album eine gestaltete Folge aus zwei Sitzungen ist und nicht einfach die Reihenfolge eines einzigen Studiotages wiedergibt.
Wer die Begleiter bewusst verfolgen möchte, kann die Titel deshalb auch entlang dieser beiden Gruppen betrachten. Wie tragen Bass und Schlagzeug den Verlauf eines Songs? Wie verbindet sich die Gitarre mit dem Klavier, und wann richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf Merrill? Solche Hörfragen geben den Namen eine Funktion jenseits der Prominenz. Ein Album mit Clifford Brown bleibt zugleich ein Album, an dem Galbraith, Bank, Jimmy Jones und zwei sorgfältig benannte Rhythmusgruppen beteiligt sind. Ihre Arbeit ist Teil seiner Identität.
Aufgenommen wurde bei Fine Sound, 711 Fifth Avenue, von Bob Fine. Damit gehört die Platte in eine andere Studiogeschichte als die vielen Prestige- und Blue-Note-Aufnahmen, die mit Rudy Van Gelder verbunden sind. Brown hatte wenige Tage zuvor bereits an Sarah Vaughans EmArcy-Album im selben Studio mitgewirkt. Die räumliche und zeitliche Nähe verbindet diese Platten, macht aus ihnen aber keine gemeinsame Session. Im Regal können sie sich ergänzen, gerade weil jede Sängerin einen eigenen Mittelpunkt bildet.

Sieben Songs und ihre verschiedenen Perspektiven
„Don’t Explain“, geschrieben von Billie Holiday und Arthur Herzog Jr., steht am Anfang. Ein so stark mit einer anderen Sängerin verbundenes Lied eröffnet eine interessante Spannung: Das Material trägt bereits eine Geschichte, und Merrill stellt ihm ihre eigene Darbietung gegenüber. Danach folgt Cole Porters „You’d Be So Nice to Come Home To“. Die erste Seite setzt sich mit „What’s New?“ von Bob Haggart und Johnny Burke sowie „Falling in Love with Love“ von Richard Rodgers und Lorenz Hart fort. Vier Titel, vier unterschiedliche melodische und sprachliche Ausgangspunkte.
Die zweite Seite beginnt mit „Yesterdays“ von Jerome Kern und Otto Harbach. „(I Was) Born to Be Blue“, die Komposition von Mel Tormé und Bob Wells, führt zu George und Ira Gershwins „’S Wonderful“. Der Abschluss ist damit kein angehängter Bonus, sondern der letzte Schritt eines sieben Songs umfassenden Programms. Gerade bei bekannten Standards kann die Reihenfolge viel bewirken: Erinnerungen, Stimmungen und melodische Formen begegnen einander anders, als sie es auf einer beliebigen Zusammenstellung tun würden.
Merrills Stimme und Browns Trompete laden dazu ein, über die Nähe von Gesang und Blasinstrument nachzudenken. Beide müssen eine Linie durch Atem gliedern; beide können einer kurzen Wendung Gewicht geben. Dennoch erzählen sie auf unterschiedliche Weise. Die Sängerin verfügt über Worte, der Trompeter über eine instrumentale Linie. Auf das Verhältnis beider Ausdrucksformen zu achten kann ergiebiger sein, als das Album allein wegen berühmter Namen aufzulegen. Die Arrangements schaffen den Zusammenhang, in dem diese Stimmen aufeinandertreffen.
Das Debüt ist außerdem ein sinnvoller Ausgangspunkt für Merrills weitere Arbeit. Mit Dream of You folgte 1956 eine Zusammenarbeit mit Gil Evans. Zwischen solchen Alben lässt sich verfolgen, wie eine Sängerin in unterschiedlichen arrangierten Umgebungen ihren eigenen Platz findet. Das erste Album muss dafür nicht zum unübertrefflichen Endpunkt erklärt werden. Seine Bedeutung liegt bereits in der Genauigkeit dieser einen Begegnung: New York, Dezember 1954, sieben Songs und eine Besetzung, deren Mitglieder einzeln Beachtung verdienen.
Die Mono-Ausgabe von Analogue Productions
AAPJ 127 präsentiert das Album auf einer 180-Gramm-LP mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute in Mono. Kevin Gray schnitt bei Cohearent Audio vom Originalmaster; die Pressung stammt von Quality Record Pressings. Gary Salstrom wird für die Galvanik genannt. Die Ausgabe besitzt ein Stoughton-Tip-on-Klappcover mit Sessionfotografien sowie einen Textbeitrag von Robert Fine, dem Sohn des damaligen Toningenieurs. Diese Ausstattung erweitert den Blick auf die Entstehung, ohne die ursprüngliche Aufnahme durch eine neue musikalische Fassung zu ersetzen.
Mono ist hier die konkrete Kanalform des angebotenen Albums. Das Interesse richtet sich auf die gemeinsame Balance von Stimme und Ensemble innerhalb dieses einen Klangbildes. Es geht nicht darum, einer historischen Aufnahme nachträglich eine breitere Bühne zuzuschreiben, sondern ihre dokumentierte Gestalt zu bewahren. Auch die sieben Titel bleiben in ihrer Albumfolge erhalten. Zwei LP-Seiten geben dem Programm einen überschaubaren Bogen, der sich ebenso zum ersten Kennenlernen wie zum wiederholten Vertiefen eignet.
Für eine Sammlung von Vocal Jazz verbindet diese Platte drei reizvolle Perspektiven: Merrills Debüt, Browns Zusammenarbeit mit einer Sängerin und Quincy Jones’ frühe Arbeit als Arrangeur. Keine davon muss die anderen verdrängen. Zusammen machen sie die Eigenart dieses Albums aus. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Helen MerrillPorträt 1956GesangMitwirkung: Alle Titel
- Clifford BrownTrompeteMitwirkung: Alle Titel
- Quincy JonesPorträt 1959Arrangement, LeitungMitwirkung: Alle Titel
- Danny BankFlöte, BaritonsaxofonMitwirkung: Alle Titel
- Jimmy JonesKlavierMitwirkung: Alle Titel
- Barry GalbraithPorträt 1947GitarreMitwirkung: Alle Titel
- Milt HintonPorträt 1965KontrabassMitwirkung: A1, A2, B2, B3
- Osie JohnsonSchlagzeugMitwirkung: A1, A2, B2, B3
- Oscar PettifordPorträt 1946KontrabassMitwirkung: A3, A4, B1
- Bobby DonaldsonSchlagzeugMitwirkung: A3, A4, B1
22. Dezember 1954: A1, A2, B2, B3 (Hinton/Johnson). 24. Dezember: A3, A4, B1 (Pettiford/Donaldson). Fine Sound, New York; Bob Fine, Toningenieur. Quincy Jones: Arrangement und Leitung. Danny Banks Instrumentwechsel nicht titelgenau belegt.














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