Zwei Tenorstimmen, eine gemeinsame Sprache
Coleman Hawkins und Ben Webster brauchen auf diesem Album keine große Inszenierung. Zwei Tenorsaxofonisten, eine Rhythmusgruppe und sieben Stücke genügen, um eine Begegnung von beträchtlichem Gewicht zu tragen. Aufgenommen wurde Coleman Hawkins Encounters Ben Webster am 16. Oktober 1957 in Hollywood; die ursprüngliche Verve-Veröffentlichung folgte 1959. Diese beiden Jahreszahlen gehören zusammen, bezeichnen aber unterschiedliche Dinge: Die Musik stammt aus einer einzigen Sitzung des Jahres 1957, das Album kam erst später in die Plattenläden. Norman Granz betreute eine Zusammenkunft, deren Reiz bereits in der Auswahl der Beteiligten liegt.
Hawkins und Webster spielen dasselbe Instrument, haben ihm jedoch unverwechselbare Stimmen gegeben. Hawkins gehört zu den entscheidenden Wegbereitern des Tenorsaxofons als eigenständigem Soloinstrument im Jazz. Webster entwickelte eine ebenso persönliche Sprache, die Kraft und Zärtlichkeit nicht als Gegensätze behandelt. Ihre Begegnung lädt dazu ein, genauer hinzuhören: Wie unterschiedlich lässt sich eine Melodie gewichten? Wie viel Charakter steckt schon im Ansatz eines Tons, in seiner Dauer oder in der Bewegung zur nächsten Phrase? Man muss aus den beiden keinen Wettkampf machen, um den besonderen Wert dieser Nachbarschaft zu verstehen.
Mit Oscar Peterson am Klavier, Herb Ellis an der Gitarre, Ray Brown am Kontrabass und Alvin Stoller am Schlagzeug steht ihnen eine klar umrissene Begleitung zur Seite. Das Album ist damit ein Sextettalbum, keine Sammlung wechselnder großer Ensembles. Gerade diese überschaubare Besetzung macht die Beziehungen zwischen den Musikern interessant. Zwei Bläser teilen sich einen gemeinsamen Raum; Klavier und Gitarre können darin unterschiedliche harmonische Aufgaben übernehmen, während Bass und Schlagzeug den zeitlichen Zusammenhalt tragen. Wer die berühmten Namen auf dem Cover kennt, findet hier einen Anlass, auch die weniger groß gedruckten Namen bewusst mitzulesen. Sie gehören zur musikalischen Identität dieser Sitzung.

Ein Blues und sechs Wege durch das Songbook
Den Auftakt bildet Hawkins’ „Blues for Yolande“, der einzige von ihm komponierte Titel im Programm. Danach folgen „It Never Entered My Mind“ und „Rosita“. Schon diese erste Seite stellt nicht bloß drei Gelegenheiten für Saxofonsoli nebeneinander: Ein Blues und Songs mit eigenem melodischem Gedächtnis verlangen unterschiedliche Entscheidungen. Der Blues bietet einen gemeinsamen formalen Bezugspunkt; ein Standard bringt dagegen eine Melodie mit, deren Konturen auch dann präsent bleiben können, wenn sich die Improvisation von ihr entfernt. Genau zwischen solchen Bindungen und Freiheiten kann eine Begegnung zweier erfahrener Solisten ihren Ausdruck finden.
Auf Seite zwei stehen „You’d Be So Nice to Come Home To“, „Prisoner of Love“, „Tangerine“ und „Shine on Harvest Moon“. Cole Porters Song trifft dabei auf Repertoire, dessen Herkunft weit über die unmittelbare Jazzszene hinausreicht. „It Never Entered My Mind“ stammt von Richard Rodgers und Lorenz Hart; bei „Tangerine“ stehen Johnny Mercer und Victor Schertzinger hinter dem Stück. Diese Namen erzählen von der Verbindung zwischen populärem Lied und improvisierter Musik. Die Songs sind keine neutralen Gerüste. Ihre melodische Gestalt und ihre harmonischen Wege geben den Musikern etwas, worauf sie sich beziehen und wovon sie sich lösen können.
Für ein aufmerksames Hören lohnt sich daher der Blick auf die Reihenfolge. Wie verändert sich die Wirkung der beiden Tenorstimmen, wenn ein anderer Song den Rahmen setzt? Wo liegt das Gewicht einer Phrase, und wie viel Raum bleibt nach ihrem Ende? Solche Fragen führen tiefer in das Album als der Versuch, einen Sieger unter den Solisten zu bestimmen. Die sieben Titel lassen sich als zusammenhängendes Gespräch mit unterschiedlichen Ausgangspunkten verstehen. Der auf dieser Ausgabe verwendete Titel „Rosita“ bleibt dabei erhalten; abweichende Schreibweisen in anderen Diskografien sind kein Grund, die konkrete Tracklist beiläufig umzuschreiben. Gerade für Sammler gehört diese Sorgfalt zum Respekt vor einer bestimmten Veröffentlichung.

Peterson, Ellis, Brown und Stoller im Gespräch
Oscar Peterson, Herb Ellis und Ray Brown bilden in dieser Besetzung eine besonders wichtige Verbindung. Klavier, Gitarre und Kontrabass bringen drei unterschiedliche Arten zusammen, harmonische Bewegung zu tragen. Das Klavier kann Akkorde verdichten oder eine einzelne Linie hervorheben; die Gitarre verfügt über ein anderes Verhältnis von Anschlag und Ausklang; der Kontrabass verbindet harmonische Orientierung mit dem Verlauf der Zeit. Das sind zunächst die Möglichkeiten der Instrumente. Interessant wird, wie die Musiker daraus einen gemeinsamen Zusammenhang schaffen, in dem zwei Tenorsaxofone ihren jeweiligen Platz finden. Begleitung ist hier eine Beziehung, keine bloße Funktion im Hintergrund.
Alvin Stoller gehört ebenso vollständig zu dieser Aufnahme. Sein Name darf nicht durch einen bekannteren Schlagzeuger ersetzt werden, nur weil Peterson oder die beiden Bläser auch mit anderen Rhythmusgruppen aufgenommen haben. Solche Verwechslungen verändern das Bild einer Sitzung erheblich. Der Reiz dieser Platte liegt gerade in ihrer konkreten Zusammensetzung: Hawkins, Webster, Peterson, Ellis, Brown und Stoller. Sechs Musiker, ein Aufnahmetag, ein begrenztes Programm. Diese Klarheit lässt genügend Raum für musikalische Vielfalt, ohne dass man zusätzliche Mitwirkende oder nicht belegte Geschichten über den Studiotag erfinden müsste.
Auch die beiden Tenorsaxofone verdienen es, als Instrumente ernst genommen zu werden. Der Unterschied zwischen Hawkins und Webster entsteht nicht dadurch, dass einer ein anderes Saxofonregister übernimmt. Beide sind hier Tenoristen. Klangfarbe, Artikulation, Phrasierung und das Verhältnis zur Melodie werden dadurch zu besonders aufschlussreichen Vergleichspunkten. Man kann einen Titel mit der Aufmerksamkeit auf die Bläser hören und beim nächsten Durchgang dem Zusammenspiel von Klavier, Gitarre und Bass folgen. Das Album gewinnt dadurch keine neue Besetzung, wohl aber neue Perspektiven. Für eine Sammlung ist das eine schöne Qualität: Eine überschaubare Platte kann lange interessant bleiben, wenn ihre einzelnen Stimmen genügend Eigenleben besitzen.
Die Stereo-LP der Acoustic Sounds Series
Die angebotene Ausgabe AVER 37701 gehört zur Acoustic Sounds Series und bringt das Album auf einer 180-Gramm-Stereo-LP mit 33⅓ Umdrehungen. Der Herausgeber nennt Bernie Grundman für das Mastering von den Original-Analogbändern. Gepresst wird bei Quality Record Pressings, die Ausstattung umfasst eine Stoughton-Tip-on-Klapphülle. Diese konkreten Angaben beschreiben die Neuauflage zuverlässiger als eine pauschale Übertragung von Credits anderer Titel derselben Reihe. Gerade bei Wiederveröffentlichungen lohnt es sich, den einzelnen Titel zu betrachten: Eine Serienzugehörigkeit ersetzt nicht den tatsächlichen Masteringcredit der angebotenen Platte.
Die ursprünglichen Verve-Katalognummern und die heutige Ausgabe bezeichnen verschiedene Veröffentlichungen derselben historischen Aufnahme. Für den Sammler sind beide Ebenen interessant. Das Original verankert die Musik in ihrer Veröffentlichungsgeschichte; die Neuauflage beschreibt, wie das Programm heute als Schallplatte vorliegt. Weder das Gewicht des Vinyls noch die aufwendige Hülle verändern die Sitzung vom Oktober 1957. Sie gehören zur materiellen Präsentation dieses Albums. Die Angaben zu Originalbändern, Mastering, Presswerk und Hülle ermöglichen eine bewusste Entscheidung, ohne vorzugeben, die konkrete Platte bereits persönlich mit jeder anderen Pressung verglichen zu haben.
Drei Titel auf der ersten und vier auf der zweiten Seite bewahren einen gut überschaubaren Ablauf. 33⅓ Umdrehungen bedeuten hier eine einzelne LP und einen Seitenwechsel: eine praktische, zusammenhängende Form für diese sieben Stücke. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir übernehmen den US-Import und versenden aus Hilden. Coleman Hawkins Encounters Ben Webster empfiehlt sich als Begegnung mit zwei ausgeprägten musikalischen Persönlichkeiten und einer Begleitung, die ihren eigenen Anteil an der Geschichte hat. Wer bei Jazz nicht nur die Solisten, sondern auch die Beziehungen zwischen ihnen sucht, findet hier einen klaren Ausgangspunkt. Die großen Namen eröffnen das Interesse; die konkrete Besetzung und das sorgfältig gewählte Repertoire geben ihm Dauer.
Mehr aus der Reihe: Verve (Acoustic Sounds Series)
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Serie: Verve – alle 34 Platten: Stimmen, Orgel und Bossa Nova
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Coleman Hawkins1964 · spätere PorträtvorlageTenorsaxofonMitwirkung: Alle Titel
- Ben WebsterTenorsaxofonMitwirkung: Alle Titel
- Oscar Peterson1978 · spätere PorträtvorlageKlavierMitwirkung: Alle Titel
- Herb EllisGitarreMitwirkung: Alle Titel
- Ray Brown1976 · spätere PorträtvorlageKontrabassMitwirkung: Alle Titel
- Alvin StollerSchlagzeugMitwirkung: Alle Titel
Sextett der Sitzung vom 16. Oktober 1957. Keine zusätzlichen Musiker aus anderen Hawkins/Webster-Alben übernommen.












Rune Persson –
Love this album and the pressing is superb