Eine Stimme trägt das ganze Quartett
Auf Woodlore braucht Phil Woods keinen zweiten Bläser, um eine ganze Plattenseite mit Leben zu füllen. Sein Altsaxofon steht allein vor Klavier, Kontrabass und Schlagzeug. Das ist eine kleine Besetzung mit einer großen Aufgabe: Jede Wendung des Themas, jeder neue Ansatz eines Solos und jede Pause im Spiel bekommt Gewicht. Woods war bei dieser Aufnahme im November 1955 erst 24 Jahre alt. Dennoch begegnet man hier keinem Musiker, der sich vorsichtig an die Rolle des Leaders herantastet. Die sechs Stücke zeigen einen Instrumentalisten, der seine Mittel kennt und gerade deshalb sehr unterschiedliche Seiten seiner Persönlichkeit freilegen kann.
Woods hatte bereits mit dem Gitarristen Jimmy Raney und mit einem eigenen Quintett aufgenommen, zu dem der Trompeter Jon Eardley gehörte. Die Besonderheit von Woodlore liegt also nicht darin, dass hier überhaupt zum ersten Mal sein Name auf einer Aufnahme auftaucht. Es ist seine erste ausdrücklich für das Zwölfzoll-LP-Format angelegte Aufnahme als einziger Bläser. Dieser Unterschied ist musikalisch reizvoll. Wo in einem Quintett zwei Instrumente gemeinsam ein Thema vortragen oder sich die Solisten abwechseln, muss Woods hier selbst den roten Faden halten. Die Rhythmusgruppe wird dabei umso deutlicher zum Gesprächspartner.
Die Aufnahme entstand bei Rudy Van Gelder in Hackensack, in jener frühen Prestige-Phase, in der ein überschaubarer Kreis junger Musiker in immer neuen Kombinationen zusammentraf. Bob Weinstock betreute die Produktion. Woods‘ Musik ist fest im Bebop verwurzelt, doch das Album lässt sich nicht auf einen Stammbaum reduzieren. Ein Altsaxofon kann beweglich und technisch brillant sein und trotzdem sehr verschieden erzählen: mit dem Schwung einer raschen Linie, mit dem Gewicht eines einzelnen Tons oder mit einer kleinen rhythmischen Verschiebung. Gerade eine Platte ohne zweiten Bläser lädt dazu ein, diese Unterschiede bewusst wahrzunehmen.
Ira Gitler kleidete seine ursprünglichen Begleittexte in einen Baseball-Scoutingbericht: Woods erscheint darin als junges Talent, dessen Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft sind. Hinter der spielerischen Form steckt eine sehr konkrete Beobachtung seiner Verbindung von Technik, Ideen und Swing. Auch der familiäre Titel Strollin’ With Pam bekommt dort einen Bezug: Das Stück ist einer von Woods’ Töchtern gewidmet; „strollin’“ bezeichnet hier das Spiel ohne mitlaufendes Klavier. Solche kleinen Hinweise holen die Aufnahme aus der bloßen Kataloggeschichte zurück in das Leben ihrer Musiker.

John Williams, Teddy Kotick und Nick Stabulas
Am Klavier sitzt John Williams, der Jazzpianist, nicht der gleichnamige Filmkomponist. Seine Anwesenheit gehört zu den schönen Entdeckungen dieses Albums. Die Begleitung hat eine andere Aufgabe als ein zusätzliches Melodieinstrument: Sie kann eine Phrase mit einem Akkord beantworten, harmonische Möglichkeiten andeuten und anschließend wieder Platz lassen. In der Beschreibung des Labels wird Williams mit der Schule Bud Powells und mit dem Einfluss Horace Silvers verbunden. Das ist ein hilfreicher Ausgangspunkt, um auf die Verbindung von bebopgeprägter Beweglichkeit und einer erdigen, rhythmisch deutlichen Begleitung zu achten.
Teddy Kotick am Kontrabass und Nick Stabulas am Schlagzeug vervollständigen das Quartett. Ihre Namen verdienen mehr als einen beiläufigen Blick am Ende der Seite. In dieser Besetzung können weder ein üppiger Bläsersatz noch ein Arrangement die Arbeit der Rhythmusgruppe verdecken. Der Bass macht harmonische Bewegung körperlich erfahrbar, während das Schlagzeug die Zeit gliedert und Akzente setzt. Wer sich einmal auf diese beiden Stimmen konzentriert, kann verfolgen, wie viel von der Beweglichkeit eines Saxofonsolos aus dem Zusammenspiel mit seinen Begleitern entsteht. Das Quartett ist kein Solist mit bloßem Hintergrund.
Besonders interessant ist der Wechsel zwischen dichtem und offenem Spielraum. Wenn das Klavier zurücktritt, erscheint Woods‘ Linie vor Bass und Schlagzeug in einer anderen Beleuchtung; wenn Williams wieder harmonisch antwortet, verändert sich die Gewichtung. Man muss dazu keine Akkordfolgen benennen können. Es genügt, auf die Stellen zu achten, an denen eine Antwort kommt, ausbleibt oder einen unerwarteten Akzent setzt. Woodlore bietet dafür einen gut überschaubaren Rahmen. Dieselben vier Musiker bleiben zusammen, während Tempo, melodischer Charakter und die Herkunft des Materials wechseln. So wird die Verschiedenheit der Stücke unmittelbar mit der Persönlichkeit der Band verbunden.

Sechs Stücke zwischen Lied und Bebop
Der Titelsong Woodlore und das abschließende Strollin‘ With Pam sind Kompositionen von Phil Woods. Sie rahmen ein Programm, das daneben mehrere bekannte Songwriter aufruft. Schon diese Mischung macht die Platte für Sammler interessant: Sie dokumentiert Woods nicht ausschließlich als Interpreten eines Kanons, sondern auch als Musiker, der eigenes Material in ein solches Programm einfügt. Der Titel des Albums ist dabei zugleich der Name eines Stücks, kein allgemeines Etikett für sechs Standards. Die unterschiedliche Herkunft der Musik bleibt Teil ihres Reizes.
Falling In Love All Over Again stammt von Neal Hefti. Mit Be My Love folgt die Melodie von Nicholas Brodszky zu einem Text von Sammy Cahn. In einer instrumentalen Aufführung verschwinden die Worte, doch die Anlage eines Liedes bleibt als Orientierung erhalten. Das ist ein lohnender Hörzugang: zunächst die Kontur des Themas im Gedächtnis behalten und dann verfolgen, wie Woods von ihr aufbricht. Eine Ballade verlangt andere Entscheidungen als eine schnelle Bebop-Nummer. Atem, Tonlänge und die Balance zwischen melodischer Nähe und improvisatorischer Freiheit rücken stärker in den Vordergrund.
Auf der zweiten Seite stehen Frank Loessers On a Slow Boat to China, Get Happy von Harold Arlen und Ted Koehler sowie Strollin‘ With Pam. Das schnelle, in Moll gewendete Get Happy wird vom Label als besonders charakteristischer Moment hervorgehoben. Gerade bei einem vertrauten Titel kann eine solche Umformung den Blick schärfen: Wiedererkennen und Überraschung gehören zusammen. Das abschließende Bluesstück führt zu einer anderen Art von Konzentration. Statt immer neuer harmonischer Landschaften wird ein wiederkehrender Rahmen zum Ort persönlicher Erfindung. Wer beide Stücke nebeneinander betrachtet, bekommt einen guten Eindruck davon, wie viel Ausdruck in Tempo, Phrasierung und Gewichtung steckt.
Die Mono-LP als zusammenhängendes Album
Diese Ausgabe trägt die Katalognummer APRJ 7018 und gehört zur Prestige-Mono-Reihe von Analogue Productions. Der Herausgeber nennt Kevin Gray für den Schnitt von analogen Masterbändern und Quality Record Pressings für die Fertigung. Die aktuelle Ausgabe wird dort als 180-Gramm-LP mit einer hochglänzenden Tip-on-Hülle beschrieben. Die Verbindung aus Monofassung, analogem Schnitt und klassischer Hüllenkonstruktion stellt diese Edition in den Zusammenhang der frühen Prestige-LPs. Für eine Sammlung, die Woods’ Entwicklung verfolgt, ist vor allem das geschlossene Programm wichtig: seine eigenen Stücke und die Songvorlagen bleiben in jener Folge beisammen, die das Quartett als Einheit vorstellt.
Die einzelne Schallplatte mit 33⅓ Umdrehungen bewahrt das Programm in zwei übersichtlichen Teilen. Drei Stücke stehen auf jeder Seite. Das passt zu einem Album, dessen Abwechslung aus den unterschiedlichen Aufgaben an dieselbe kleine Band entsteht. Man kann eine Seite am Stück hören, ohne nach jedem längeren Solo wieder aufzustehen, und erlebt den Wechsel von Eigenkompositionen und Liedvorlagen als bewusste Folge. Das ist ein praktischer und musikalischer Vorzug des LP-Formats. Eine höhere Drehzahl ist kein Selbstzweck, wenn gerade die geschlossene Albumbewegung im Mittelpunkt stehen soll.
Auch Mono gehört hier zur Identität der Aufnahme. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die gemeinsame musikalische Mitte und die Beziehungen innerhalb des Quartetts. Interessant ist, ob sich Woods‘ Linie, Williams‘ Antworten und die Impulse von Bass und Schlagzeug als zusammengehöriger Vorgang verfolgen lassen. Woodlore bietet dafür einen besonders direkten Zugang: ein junger Altsaxofonist, drei aufmerksame Partner und sechs Stücke, die genügend Unterschiede besitzen, um mehr als einen einzigen Charakterzug sichtbar zu machen. Für eine Sammlung mit frühen Prestige-Aufnahmen ist dies ein Album, das gerade durch seine konzentrierte Besetzung viel erzählt.
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Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Phil WoodsAltsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- Teddy KotickKontrabassMitwirkung: Album-Besetzung
- Nick StabulasSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
- John WilliamsKlavierMitwirkung: Album-Besetzung
Titel- und Seitenangaben beziehen sich auf diese LP-Ausgabe.










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