Ein Album zwischen Rio und New York
Getz/Gilberto gehört zu jenen Platten, deren bekanntester Titel so vertraut geworden ist, dass die Geschichte des gesamten Albums dahinter leicht verschwindet. „The Girl from Ipanema“ steht am Anfang, doch die Aufnahme umfasst acht Stücke und eine besondere Zusammenarbeit: Stan Getz am Tenorsaxofon, João Gilberto an Gitarre und Gesang, Antonio Carlos Jobim am Klavier, Milton Banana am Schlagzeug und Astrud Gilberto als Sängerin auf zwei Titeln. Die Sessions fanden am 18. und 19. März 1963 im A & R Recording Studio in New York statt. Creed Taylor produzierte, Phil Ramone betreute die Aufnahme. Verve veröffentlichte das Album im März 1964.
Der zeitliche Abstand zwischen Session und Veröffentlichung gehört ebenso zur Geschichte wie die Begegnung zweier musikalischer Umfelder. Getz hatte mit Jazz Samba bereits einen wichtigen Erfolg erzielt. Hier stehen ihm mit Gilberto und Jobim Musiker gegenüber, für die Bossa Nova nicht in erster Linie eine neue Farbe im amerikanischen Jazzrepertoire war. Sie bringen ihre eigene Art mit, Gesang, Gitarrenrhythmus, Harmonie und die Bewegung einer Melodie aufeinander zu beziehen. Das Album entsteht aus dieser Begegnung, nicht aus dem bloßen Hinzufügen eines brasilianischen Rhythmus zu einer bereits fertigen Jazzvorstellung.
João Gilberto trägt dabei eine doppelte Verantwortung. Seine Gitarre gehört zum rhythmischen und harmonischen Zusammenhang; seine Stimme führt die portugiesischen Texte in diesen Zusammenhang hinein. Jobim ist nicht nur Komponist eines großen Teils des Programms, sondern als Pianist an der Session beteiligt. Diese Rollen verdienen es, neben Getz’ international bekanntem Namen sichtbar zu bleiben. Der Albumtitel benennt zwei Partner, doch die konkrete Musik entsteht durch das Zusammenspiel aller Beteiligten. Gerade die zurückgenommenen Gesten können leicht unterschätzt werden, wenn die Aufmerksamkeit ausschließlich dem jeweils vorn stehenden Solisten folgt.
Auch die Gestaltung besitzt eine eigene Identität. Das Cover verwendet ein Gemälde von Olga Albizu, der puerto-ricanischen Malerin, deren abstrakte Formen mit der visuellen Erinnerung an diese Platte verbunden sind. Es illustriert keine wörtliche Strandszene. Schon diese Entscheidung passt zu einem Album, das häufig mit einer leicht verfügbaren Vorstellung von Sonne und Urlaub verbunden wird, dessen musikalischer Reiz aber in sehr konkreten Beziehungen zwischen Stimmen und Instrumenten liegt. Wer hinter die vertraute Oberfläche hören möchte, findet auf acht Titeln deutlich mehr als eine stimmungsvolle Kulisse.

Astrud, João und ein Tenorsaxofon: unterschiedliche Arten zu erzählen
Astrud Gilberto ist auf „The Girl from Ipanema“ und „Corcovado“ beteiligt. Ihre Präsenz sollte deshalb weder auf das gesamte Album ausgeweitet noch auf eine beiläufige Studioanekdote reduziert werden. Über die Umstände ihres ersten Einsatzes kursieren unterschiedliche Erzählungen. Für die Musik ist zunächst entscheidend, was eindeutig zur Aufnahme gehört: der Wechsel der Stimmen und Sprachen im Eröffnungsstück und ihre Beteiligung an Corcovado. Die englischen Texte öffnen einen anderen Zugang zum Material, während Joãos portugiesischer Gesang mit seiner eigenen Sprachmelodie Teil der Gestalt bleibt.
Die ausführliche Albumfassung von The Girl from Ipanema lohnt sich gerade dann, wenn man vor allem die berühmte Hitwirkung im Kopf hat. Jobim, Vinicius de Moraes und der Autor des englischen Textes Norman Gimbel stehen hinter den unterschiedlichen Ebenen des Songs. Auf der Platte gehört er in eine Folge weiterer Kompositionen, nicht in eine endlose Wiederholung seines eigenen Wiedererkennungswerts. Du kannst einmal auf den Wechsel zwischen gesungener Linie und Saxofon achten: Welche Gedanken werden fortgeführt, wo setzt Getz eine eigene Länge oder Gewichtung dagegen? So wird aus einer allzu bekannten Melodie wieder ein konkreter Verlauf.
Getz’ Tenorsaxofon begegnet dabei einer kleinen Besetzung, in der jeder Einsatz die Balance verändern kann. Das Klavier ist nicht automatisch für jedes harmonische Detail zuständig, weil die Gitarre ebenfalls Harmonie und rhythmische Bewegung verbindet. Milton Banana gehört als Schlagzeuger zum Kern dieser Zusammenarbeit. Anstatt die Begleitung als gleichbleibendes Muster abzuhaken, lohnt es sich, den gemeinsamen Puls und die Verschiebungen um ihn herum zu verfolgen. Ein zurückhaltender Einsatz ist nicht mit einer unwichtigen Aufgabe gleichzusetzen. Gerade in einer solchen Besetzung kann eine kleine Veränderung deutlich ins Gewicht fallen.
Beim Kontrabass ist eine Quellenabweichung zu beachten. Die Originalcredits und die aktuelle Herausgeberbeschreibung nennen Tommy Williams; ergänzende Albumgeschichten schreiben die tatsächliche Mitwirkung Sebastião Neto zu. Diese Angaben werden hier nicht stillschweigend zu einer vermeintlich eindeutig dokumentierten Sessionbesetzung zusammengezogen. Im Musikerblock steht Neto mit einem entsprechenden Hinweis, während Williams als abweichender historischer Credit erläutert wird. Für das Hören bleibt die Bassstimme selbstverständlich Teil des Ensembles. Für die Sammlung ist es sinnvoll, zwischen dem auf einer Ausgabe gedruckten Namen und einer späteren Zuschreibung zu unterscheiden.

Acht Stücke, die mehr erzählen als der große Hit
Nach The Girl from Ipanema folgt „Doralice“ von Dorival Caymmi und Antônio Almeida. „P’ra Machucar Meu Coração“ stammt von Ary Barroso. Diese beiden Stücke verbinden das Programm mit brasilianischem Liedrepertoire außerhalb der hier dominierenden Jobim-Kompositionen. Sie helfen, das Album nicht als geschlossenes Paket eines einzigen neuen Stils misszuverstehen. Die Musiker beziehen sich auf vorhandene Lieder und bringen diese in ihre gemeinsame Sprache. Gerade neben dem berühmten Auftakt können solche Stücke eine eigene Anziehung entwickeln, wenn man ihnen dieselbe Aufmerksamkeit zugesteht.
„Desafinado“, von Jobim und Newton Mendonça, beschließt die zweite Seite dieser 45er-Ausgabe. Die dritte beginnt mit „Corcovado“, dessen englische Textfassung mit Gene Lees verbunden ist, und führt zu „Só Danço Samba“ von Jobim und de Moraes. Der Wechsel von Lied zu Lied bietet Gelegenheit, die Beziehungen zwischen Stimme, Gitarrenfigur und Saxofon neu wahrzunehmen. Die Besetzung muss nicht wechseln, damit sich der musikalische Schwerpunkt verschiebt. Ein anderes melodisches Profil oder eine andere Verteilung der Einsätze kann dieselben Musiker in einer veränderten Konstellation hörbar machen.
Auf Seite D stehen „O Grande Amor“, ebenfalls von Jobim und de Moraes, und „Vivo Sonhando“ von Jobim. Damit endet die Platte innerhalb jenes kompositorischen Umfelds, das sie von Beginn an wesentlich trägt. Die acht Titel bleiben überschaubar genug, um den gesamten Verlauf kennenzulernen, und unterschiedlich genug, um nicht nur als Begleitung einer bestimmten Stimmung zu dienen. Ein schöner zweiter Durchgang kann allein João Gilbertos Gitarre gelten. Ein weiterer kann die Klavierbeiträge oder die Antworten des Tenorsaxofons verfolgen. Es geht dabei nicht darum, Musik in Einzelteile zu zerlegen, sondern die Zusammenarbeit genauer zu erfassen.
Für eine Sammlung verbindet Getz/Gilberto deshalb mehrere Geschichten: die internationale Verbreitung der Bossa Nova, Getz’ Begegnung mit brasilianischen Musikern, Jobims kompositorische Präsenz und Astrud Gilbertos Beginn als weltweit wahrgenommene Sängerin. Keine dieser Geschichten erklärt die Platte allein. Die besondere Anziehung liegt darin, dass sie sich in einer kleinen Sessionbesetzung und einem konzentrierten Programm überschneiden. Der Bekanntheitsgrad muss dem erneuten Hören nicht im Weg stehen. Er kann auch die Einladung sein, endlich den Stücken hinter dem einen weltberühmten Titel zu folgen.
George Marino, vier Seiten und die ursprüngliche Kanalordnung
Die angebotene Ausgabe ist AVRJ 8545-45 von Analogue Productions, eine Stereo-Doppel-LP mit 45 RPM im Klappcover. George Marino bei Sterling Sound ist für das Mastering kreditiert; gepresst wird bei Quality Record Pressings. Auf jeder der vier Seiten stehen zwei Titel: A verbindet The Girl from Ipanema mit Doralice, B P’ra Machucar Meu Coração mit Desafinado, C Corcovado mit Só Danço Samba und D O Grande Amor mit Vivo Sonhando. Die Wiedergabedrehzahl muss entsprechend auf 45 eingestellt werden.
Ein besonderes Detail der Herausgeberbeschreibung betrifft die Kanalzuordnung. Analogue Productions erklärt, dass bei vielen früheren Ausgaben, einschließlich der ursprünglichen Veröffentlichung, die Kanäle vertauscht gewesen seien. Diese Ausgabe soll die Mischung in ihrer ursprünglich vorgesehenen Links-rechts-Anordnung präsentieren. Das ist eine konkrete Herstellerangabe zum Mastering, keine Behauptung einer neu aufgenommenen oder völlig neu abgemischten Musik. Für den Vergleich mit einer vertrauten älteren Ausgabe kann sie dennoch hilfreich sein: Eine andere räumliche Zuordnung muss nicht auf eine veränderte eigene Anlage zurückgehen.
Das 45er-Format verteilt das Album auf vier kurze Seiten und verlangt drei Seitenwechsel. Wer die kompaktere Folge einer 33er bevorzugt, wird diesen Unterschied im Alltag anders gewichten als jemand, der gern jeweils zwei Stücke bewusst auflegt. Eine Drehzahl allein ersetzt kein Urteil über die konkrete Ausgabe. Aktuell nennt der Herausgeber 180 Gramm; frühere AP-Pressungen von 2011 sind mit 200 Gramm, teils nummeriert, dokumentiert. Das Gewicht und eine bestimmte Nummerierung der einzelnen Lagerplatte werden damit nicht zugesichert. Die klare Identität bleibt AVRJ 8545-45 mit George Marinos Mastering. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Auch in einer anderen Ausgabe: Getz and Gilberto
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Stan GetzTenorsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- João GilbertoGitarre, GesangMitwirkung: Album; Gitarre und Gesang, nicht jede Rolle auf jedem Titel
- Antonio Carlos JobimKlavierMitwirkung: Album-Besetzung
- Astrud GilbertoGesangMitwirkung: A1, C1
- Milton BananaSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
- Sebastião NetoKontrabassMitwirkung: Album; Basscredit strittig
Aufnahme: 18./19. März 1963, A & R, New York. Creed Taylor, Produktion; Phil Ramone, Aufnahme. Astrud Gilberto nur A1/C1. Basscredit strittig: Original/Herausgeber Tommy Williams, ergänzende Albumgeschichte Sebastião Neto. Keine gesicherte Auflösung anhand der Lagerpressung. AP: George Marino, Sterling; QRP.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Im direkten Vergleich mit der Acoustic-Sounds-Ausgabe bei 33⅓ RPM bevorzugt Michael seine AP-Doppel-LP mit 45 RPM. Den Unterschied nimmt er auf seiner Anlage als klanglichen Vorteil wahr. Das Urteil betrifft diese beiden Ausgaben; es ist keine pauschale Aussage über jede 33er und 45er.
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