Vier Musiker, ein Nachmittag, eine eigene Sprache
Ein Albumtitel wie Saxophone Colossus könnte nach einer Demonstration schierer Kraft klingen. Doch Sonny Rollins braucht am 22. Juni 1956 in Hackensack weder ein großes Orchester noch ein ausuferndes Programm. Fünf Stücke, ein Tenorsaxofon und drei außergewöhnliche Partner reichen aus: Tommy Flanagan am Klavier, Doug Watkins am Kontrabass und Max Roach am Schlagzeug. Rudy Van Gelder hält die Session in seinem damaligen Studio fest; Bob Weinstock betreut die Aufnahme für Prestige. Rollins ist 25 Jahre alt. Das musikalische Selbstbewusstsein, mit dem er bekannte Melodien und eigene Ideen behandelt, lässt diese knappen Eckdaten beinahe bescheiden erscheinen.
Die Besonderheit liegt in der Verbindung von spontaner Erfindung und nachvollziehbarer Form. Rollins kann eine kleine Wendung aufgreifen, rhythmisch verschieben, unterbrechen und mit verändertem Gewicht zurückbringen. Eine Improvisation wird dadurch zur Geschichte, deren Figuren man wiedererkennt. Dafür muss niemand Harmonielehre studiert haben: Es genügt, auf eine kurze Phrase zu achten und ihr durch den nächsten Chorus zu folgen. Gerade die Pausen gehören zu diesem Denken. Sie geben dem Rhythmus Raum und der nächsten Idee einen Ausgangspunkt, statt bloß Atemstellen zwischen möglichst vielen Noten zu sein.
Auch die drei Mitspieler haben daran entscheidenden Anteil. Flanagans Klavier hält die Harmonie beweglich, Watkins verbindet einen verlässlichen Puls mit melodischer Kontur, und Roach setzt Akzente, die weit über das Begleiten hinausgehen. Das Quartett lebt davon, dass jeder seine eigene Sprache behält. Auf allen fünf Titeln bleibt die Besetzung gleich; die wechselnden Stimmungen entstehen aus dem Material und dem Zusammenspiel. Für Sammler ist das ein reizvoll konzentriertes Album: ein geschlossenes Dokument, das sich ohne Umbesetzungen oder spätere Ergänzungen auf einen einzigen Aufnahmetag zurückführen lässt.

Von St. Thomas bis zur Architektur von Blue 7
St. Thomas öffnet die Tür mit einer Melodie, deren karibischer Charakter dem Stück seine unverwechselbare Leichtigkeit gibt. Rollins macht aus dem Calypso-Thema einen Ausgangspunkt für rhythmisches Spiel. Der Reiz erschöpft sich keineswegs im Wiedererkennen dieser berühmten Melodie. Achte darauf, wie die kurzen Motive gegen den Puls gestellt werden und wie Max Roach die Bewegung mitgestaltet. Die Musik lädt zum Mitgehen ein, ohne ihre Details preiszugeben; unter der unmittelbaren Zugänglichkeit arbeitet eine höchst aufmerksame Band.
Danach führt You Don’t Know What Love Is in eine andere Art von Konzentration. Die Ballade von Gene de Paul und Don Raye verlangt kein durchgehendes Drängen, sondern Gewichtung: Welche Note wird gehalten, wo wird eine Linie ausgedünnt, wann übernimmt das Klavier? Flanagan ist hier ein wichtiger Gesprächspartner. Sein Platz im Quartett besteht nicht darin, jede freie Stelle mit Akkorden zu füllen. Rollins‘ Strode Rode setzt anschließend einen bewegteren Kontrast. So entsteht bereits in den ersten drei Titeln ein kleines Panorama verschiedener Möglichkeiten, ein Tenorsaxofon in einer Quartettbesetzung sprechen zu lassen.
Mit Moritat gelangt die Mackie-Messer-Melodie aus Brechts und Weills Dreigroschenoper in diese Welt. Das vertraute Thema macht besonders gut nachvollziehbar, wie Rollins Ausgangsmaterial umformt, ohne dessen Kontur einfach abzuwerfen. Den Abschluss bildet Blue 7, ein ausgedehnter Blues, bei dem sich das Folgen kleiner motivischer Veränderungen besonders lohnt. Die Größenordnung der Stücke ist dabei Teil des Programms: Neben den kompakteren Nummern stehen zwei Aufnahmen von ungefähr zehn beziehungsweise elf Minuten. Die Band erhält Zeit, Beziehungen zwischen einzelnen Einfällen entstehen zu lassen, statt jeden Titel auf dieselbe Länge zu bringen.

Ein Klassiker, der bei seinen Mitspielern beginnt
Wer Saxophone Colossus nur als Rollins-Porträt hört, übersieht einen Teil seiner Geschichte. Tommy Flanagan, ebenfalls Jahrgang 1930, erscheint hier als Pianist, dessen Klarheit dem Tenor eine präzise Umgebung gibt. Ein Jahr später wird er mit Overseas unter eigenem Namen aufnehmen. Auf dieser Session steht er mitten in einem Quartett, das schnelle Reaktionen ebenso braucht wie Übersicht. Doug Watkins‘ Bass sorgt für das Fundament, an dem sich die Freiheit der anderen messen lässt. Gerade bei einem langen Stück lohnt es sich, einmal konsequent seiner Linie statt dem führenden Saxofon zu folgen.
Max Roach ist wiederum kein bloßer Tempowächter. Die Schlagzeugstimme kann eine Phrase beantworten, Übergänge markieren und die Energie eines Chorus neu verteilen. Man hört ein Ensemble aus vier handelnden Musikern, auch wenn ein einzelner Name auf dem Cover steht. Das macht die Aufnahme für wiederholtes Hören ergiebig: Beim nächsten Durchgang kann ein anderer Partner in den Vordergrund der Aufmerksamkeit rücken, ohne dass man dafür nach einem verborgenen Effekt oder einer spektakulären Einzelstelle suchen müsste.
Die historische Bedeutung des Albums beruht deshalb nicht allein auf seinem Rang in Listen großer Jazzplatten. Es bündelt in überschaubarer Form zentrale Möglichkeiten des modernen Jazz: Blues und Standard, karibisch geprägte Melodik, Balladenspiel und motivische Entwicklung. Für eine Sammlung ist es gleichermaßen ein Einstieg und ein Bezugspunkt. Wer bereits andere Rollins-Aufnahmen kennt, kann vergleichen, wie sich seine Ideen in unterschiedlichen Besetzungen entfalten. Wer hier beginnt, bekommt fünf klar unterscheidbare Stücke und eine Quartettchemie, die das genaue Zuhören unmittelbar belohnt.
Die Prestige-Mono-SACD von Analogue Productions
Angeboten wird die Hybrid-Mono-SACD CPRJ 7079 SA aus der Prestige Mono Series von Analogue Productions. Das Mastering dieser Ausgabe stammt von Kevin Gray bei Cohearent Audio. Diese Zuordnung ist für Sammler wichtig, denn von Saxophone Colossus existiert auch eine frühere Analogue-Productions-SACD mit anderem Mastering. Die hier beschriebene Veröffentlichung gehört zur späteren Kevin-Gray-Reihe. Eine übereinstimmende Albumbezeichnung allein reicht bei diesem Titel also nicht aus, um zwei Angebote als dieselbe Ausgabe einzuordnen.
Analogue Productions beschreibt die Mono-Reihe als von den originalen Mono-Masterbändern gemastert. Das ist die Herkunftsangabe des Herausgebers; für die SACD wird daraus keine vollständig analoge Wiedergabekette. Die Disc bietet eine SACD-Schicht und eine CD-Schicht. Ein gewöhnlicher CD-Spieler kann die CD-Schicht abspielen, für die hochauflösende SACD-Schicht wird ein entsprechend kompatibles Gerät benötigt. Das Programm ist mono: Die vier Musiker werden nicht nachträglich zu einem Stereo-Panorama auseinandergezogen. Die Ausgabe wird in einer kleinen, LP-artigen Klapphülle präsentiert.
Die fünf Titel stehen hier in der Albumreihenfolge von St. Thomas bis Blue 7. Es handelt sich um eine einzelne optische Disc, nicht um die ebenfalls erhältlichen Vinylfassungen; Drehzahl, Plattengewicht und Vinylpresswerk sind deshalb keine Merkmale dieses Angebots. Für Liebhaber, die Rollins‘ berühmtes Quartettprogramm im SACD-Format sammeln, bietet die genaue Kombination aus Katalognummer, Mono-Programm und Kevin-Grays Mastering eine klare Orientierung. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Auch als Mono-LP: Saxophone Colossus
Mehr von Sonny Rollins: Way Out West · Rollins Plays For Bird
Künstlerseite: Alle Titel von Sonny Rollins
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Sonny RollinsTenorsaxofonMitwirkung: Alle 5 Titel
- Tommy FlanaganKlavierMitwirkung: Alle 5 Titel
- Doug WatkinsKontrabassMitwirkung: Alle 5 Titel
- Max RoachSchlagzeugMitwirkung: Alle 5 Titel
Titelnummern und Seitenangaben beziehen sich auf die Tracklist dieser Ausgabe.











Rezensionen
Es gibt noch keine Rezensionen.