Eine Stimme, die den Raum verändert
Schon „Killing Floor“ macht klar, warum man Howlin’ Wolf nicht nebenbei hört. Das Gitarrenriff drängt nach vorn; darüber steht eine Stimme, die knurren, spotten und einen einzelnen Laut beinahe körperlich aufladen kann. Chester Burnett braucht keine komplizierte Melodie, um eine ganze Geschichte anzudeuten. Er verschiebt die Betonung, hält eine Silbe fest, lässt zwischen zwei Zeilen eine Lücke – und die Band antwortet. Gerade diese Reibung zwischen Gesang und Instrumenten macht seine Musik so lebendig.
The Real Folk Blues ist keine an einem Wochenende eingespielte Studio-LP. Chess bündelte hier Aufnahmen aus den Jahren 1956 bis 1965. Das erklärt die wechselnden Farben und Begleiter: Die Platte hält nicht eine einzige Besetzung fest, sondern verschiedene Momente eines Musikers, dessen Ausdruck unverkennbar bleibt. Für einen Einstieg ist das reizvoll; für langjährige Blueshörer eröffnet die Zusammenstellung Verbindungen zwischen Stücken, die ursprünglich als einzelne Singles im Umlauf waren.

„Folk“ auf dem Etikett, Chicago in der Musik
Der Titel kann in die falsche Richtung führen. Hier wartet überwiegend elektrischer Chicago-Blues, kein akustischer Rückzug auf eine Veranda. Chess wollte mit der Real-Folk-Blues-Reihe auch die junge Hörerschaft des Folk-Booms erreichen. Die Verpackung sollte eine Tür öffnen; die Musik dahinter behielt ihren eigenen Charakter. Gitarre, Rhythmusgruppe und Wolfs Stimme bilden ein direktes, manchmal kantiges Gegenüber.
Zu den Musikern der versammelten Sessions gehören Hubert Sumlin und Buddy Guy. Diese Namen stehen nicht für eine durchgehend identische Albumgruppe. Sie verweisen auf das Umfeld, in dem Wolfs Songs ihre Gestalt annahmen. Besonders ergiebig ist es, die kurzen Gitarrenantworten zwischen seinen Gesangszeilen zu verfolgen: Dort wird nicht einfach eine Pause gefüllt. Die Instrumente kommentieren den Sänger, reizen ihn oder nehmen seine Bewegung auf.

Willie Dixons Figuren, Wolfs Persönlichkeit
„Tail Dragger“, „Three Hundred Pounds of Joy“ und „Built for Comfort“ stammen aus Willie Dixons Feder. Dass sie dennoch unmittelbar nach Howlin’ Wolf klingen, zeigt die Bedeutung eines Interpreten. Bei ihm werden solche Texte weder bloß vorgetragen noch mit einer Standard-Bluesstimme versehen. Humor, Selbstbewusstsein und ein Gespür für dramatische Verzögerung verbinden sich zu einer Figur, die weit größer wirkt als die wenigen Minuten eines Songs.
Daneben führt „Sittin’ on Top of the World“ in eine ältere Überlieferung. Die Mississippi Sheiks nahmen das Stück 1930 auf; Wolf gab ihm 1957 seine eigene Gestalt, bevor Cream es später auf Wheels of Fire aufgriffen. Wer vor allem die Rockversion kennt, begegnet hier keiner unvollständigen Vorstufe. Man hört eine andere Gewichtung von Stimme, Spannung und Zeit – und versteht, wie viel Spielraum dieselbe Komposition zulässt.
Die kleinen Gesten im großen Auftritt
Die bekanntesten Titel ziehen schnell die Aufmerksamkeit auf sich. Doch auch „Louise“, „Poor Boy“ oder „Natchez Burnin’“ gehören zu dem Bild, das diese Platte zeichnet. Es lohnt sich, nicht nur nach dem nächsten berühmten Riff zu suchen, sondern Wolfs unterschiedliche Arten des Erzählens wahrzunehmen. Nicht jede Aufnahme verlangt dieselbe Lautstärke des Ausdrucks, auch wenn diese Stimme stets ihre raue Oberfläche behält.
Die Mono-Präsentation passt zu dieser Konzentration auf das Zusammenspiel. Statt eine große Stereobühne zu verfolgen, kann man auf die Beziehung zwischen Gesang, Gitarrenantwort und Puls achten. Diese Zusammenstellung zeigt, wie aus überschaubaren Formen sehr persönliche Musik wird: nicht durch immer mehr Noten, sondern durch die Entscheidung, welche Note wann kommt – und wie lange der Sänger uns auf die nächste warten lässt.
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Serie: Chess Records – alle 10 Platten: aus Singles wurden Alben
Beteiligte Musiker
Kompilation mit wechselnden Besetzungen von 1956 bis 1965. Andrew „Blueblood“ McMahon wird in einer kombinierten Doppelalbumquelle genannt; seine Zuordnung zu dieser einzelnen LP bleibt offen.
- Howlin‘ WolfMundharmonika, Gesang, Gitarre
- Donald HankinsBaritonsaxofon
- Junior BlackmonSchlagzeug
- Earl PhillipsSchlagzeug
- Sam LaySchlagzeug
- J. T. BrownTenorsaxofon
- Adolph „Billy“ DuncanTenorsaxofon
- Arnold RogersTenorsaxofon
- Eddie ShawTenorsaxofon
- Lee EgglestonKlavier
- Johnny JonesKlavier
- Hosea Lee KennardKlavier
- Lafayette LeakeKlavier
- Otis SpannKlavier
- Buddy GuyGitarre
- Willie JohnsonGitarre
- Otis „Big Smokey“ SmothersGitarre
- Hubert SumlinGitarre
- Jerome ArnoldBass
- Willie DixonBass
- Alfred ElkinsBass
- Andrew PalmerBass
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