Ben Webster in Barcelona
Gentle Ben führt in die europäische Spätphase von Ben Websters Laufbahn. Am 28. November 1972 traf der Tenorsaxofonist in Barcelona auf das Trio des katalanischen Pianisten Tete Montoliu. Mit Eric Peter am Kontrabass und Peer Wyboris am Schlagzeug entstand ein achtteiliges Programm aus Blues, Standards und weiteren Stücken, das ursprünglich auf dem spanischen Label Ensayo erschien. Die Besetzung ist überschaubar, die musikalische Geschichte dahinter weit gespannt: ein amerikanischer Saxofonist und drei in der europäischen Jazzwelt verwurzelte Partner begegnen sich in einer gemeinsamen Sprache.
Websters Name steht für eine eigenständige Vorstellung davon, wie ein Tenorsaxofon eine Melodie tragen kann. Bei einer Aufnahme aus seinen späten Jahren lohnt es sich, diese Persönlichkeit nicht auf das Etikett „Balladenspieler“ zu verkürzen. Schon die Tracklist verbindet unterschiedliche Bewegungen und Formen. Der Titel Gentle Ben bietet einen Zugang, aber keine vollständige Beschreibung jeder musikalischen Situation. Die Platte lässt sich als Begegnung von Erfahrung, Repertoire und einer konkreten Arbeitsgemeinschaft hören, in der jeder Beteiligte etwas zum Verlauf beitragen kann.
Das Aufnahmedatum liegt im letzten Lebensjahr Websters; er starb 1973. In einer verbreiteten Herausgeberbeschreibung ist das Todesjahr irrtümlich mit 1972 angegeben. Entscheidend bleibt der dokumentierte Termin in Barcelona. Er verortet das Album zuverlässig, ohne eine sentimentale Abschiedsgeschichte zu erfinden. Die Musiker spielten an diesem Tag ein Programm, und diese Darbietungen verdienen Aufmerksamkeit aus sich selbst heraus. Ihr späterer Platz in einer Biografie kann den Blick erweitern, sollte aber nicht jede Note im Voraus mit einer vermeintlichen letzten Botschaft belasten.
Für Sammler ist zudem die ursprüngliche Ensayo-Veröffentlichung ENY-301 ein wichtiger Bezugspunkt. Die hier angebotene Analogue-Productions-Ausgabe ist eine spätere, eigenständig gemasterte Lizenzveröffentlichung. Aufnahmejahr, ursprünglicher Katalog und heutige Pressung gehören zusammen, sind aber nicht dasselbe. Gerade bei einem Album, das in unterschiedlichen Ländern und Formaten erschienen ist, schützt diese Trennung vor der Übertragung von Angaben einer Ausgabe auf eine andere.

Tete Montoliu, Eric Peter und Peer Wyboris
Tete Montoliu ist auf dieser Platte weit mehr als der Leiter einer namenlosen Begleitgruppe. Das Klavier eröffnet einen zweiten melodischen und harmonischen Blick auf das Material. Zwischen Saxofon und Klavier kann sich ein Gespräch entwickeln, dessen Reiz sowohl in Übereinstimmung als auch in unterschiedlichen Akzenten liegt. Wer das Album genauer erkunden möchte, kann verfolgen, wie ein Gedanke vom einen Instrument aufgenommen, fortgesetzt oder anders gewichtet wird. Diese Aufmerksamkeit gilt nicht nur den Soli, sondern auch den Passagen, in denen ein Musiker dem anderen Raum schafft.
Eric Peter und Peer Wyboris bilden mit Montoliu das Trio. Ihre Namen sind durch die Herausgeberbeschreibung und ergänzende diskografische Quellen belegt; auch der Katalog der Biblioteca de Catalunya führt diese Besetzung. Es gibt daher keinen Grund, Bass und Schlagzeug hinter einem allgemeinen Ensemblebegriff verschwinden zu lassen. Der Kontrabass trägt eine eigene Linie, das Schlagzeug gestaltet Zeit und Übergänge. Beide Aufgaben beeinflussen, wie sich eine Phrase entfalten kann und wie eine Form auch über längere Improvisationen hinweg erkennbar bleibt.
Die vier Musiker erlauben einen besonders klaren Blick auf das Zusammenspiel. Ein Quartett dieser Art besitzt weder einen großen Bläsersatz noch eine zusätzliche harmonische Schicht, hinter der die einzelnen Beiträge verschwinden könnten. Für das Hören kann deshalb ein Wechsel der Perspektive fruchtbar sein: zunächst Websters Melodie folgen, danach Montolius Begleitung beachten und schließlich die gemeinsame Arbeit von Bass und Schlagzeug verfolgen. Daraus entsteht kein technischer Test, sondern eine Möglichkeit, dieselbe Aufnahme auf mehreren Ebenen kennenzulernen.
Die neue Hauptillustration zeigt Webster mit einem Tenorsaxofon. Montoliu erhält ebenfalls eine eigene, große Darstellung am Klavier und ein kleines Porträt direkt im Musikerblock. Seine gesicherte Bildreferenz stammt aus 1984 und ist entsprechend gekennzeichnet; sie wird nicht als Fotodokument der Session von 1972 ausgegeben. Bei Eric Peter und Peer Wyboris bleiben fehlende gesicherte Illustrationen als tatsächliche Lücken sichtbar. Die musikalischen Credits sind davon unabhängig vollständig vorhanden.

Acht Stücke zwischen Blues und Songbook
„Ben’s Blues“ eröffnet das Album, gefolgt von „The Man I Love“. Diese Nachbarschaft bietet bereits zwei verschiedene Ausgangspunkte: einen Blues und einen Song aus dem amerikanischen Standardrepertoire. Wer beide Formen nebeneinander betrachtet, kann auf die unterschiedlichen Möglichkeiten achten, Spannung aufzubauen und eine Melodie weiterzuführen. Wiederholung muss dabei nicht Stillstand bedeuten; eine bekannte Wendung kann durch ihre Platzierung, Dauer oder Antwort eine neue Bedeutung erhalten. Gerade eine vertraute Form lässt individuelle Entscheidungen erkennbar werden.
Auf der zweiten Seite dieser 45-RPM-Ausgabe stehen „My Nephew Bent“ und „How Long Has This Been Going On“. Der längere zeitliche Raum des zweiten Titels macht ihn zu einem guten Anlass, den Verlauf über den ersten Melodievortrag hinaus zu verfolgen. Wo bleibt die Erinnerung an den Song präsent, und wie verändert sich die Beziehung zwischen Solist und Begleitung? Solche Fragen setzen keine bestimmte Klangvorstellung voraus. Sie richten den Blick auf die musikalische Architektur und auf das, was die vier Musiker innerhalb dieser Architektur miteinander anfangen.
Die dritte Seite verbindet „Sweet Georgia Brown“ mit „Don’t Blame Me“. Beide Titel besitzen eine lange Interpretationsgeschichte. Ihr Reiz in einer Sammlung liegt deshalb nicht nur darin, dass sie bekannt sind, sondern darin, sie in einer konkreten Besetzung wiederzufinden. Eine Melodie bleibt wiedererkennbar und kann dennoch eine andere Gewichtung erhalten. Für Webster und Montoliu ist das Songbook ein gemeinsamer Bezugspunkt; für den Hörer bietet es Orientierung, ohne die Entwicklung einer einzelnen Darbietung vorwegzunehmen.
Mit „Did You Call“ und „Barcelona Shout“ endet die vierte Seite. Damit bleibt die vollständige achtteilige Albumfolge erhalten. Die dokumentierte AP-Tracklist verwendet auf den zweiten Seiten jeder Platte die Positionsnummern B3/B4 beziehungsweise D3/D4; das bezeichnet keine fehlenden Titel. Die Reihenfolge ist klar: jeweils zwei Stücke pro Seite. Ein Blick auf die komplette Folge lohnt sich, weil der Charakter des Albums gerade aus der Verbindung von Blues und unterschiedlichen Songformen entsteht, nicht aus einem einzelnen herausgehobenen Standard.
Zwei LPs mit 45 RPM, geschnitten von Kevin Gray
Analogue Productions AAPJ 040-45 präsentiert Gentle Ben auf zwei 200-Gramm-LPs mit 45 Umdrehungen. Das Mastering stammt von Kevin Gray bei Cohearent Audio, gepresst wurde bei Quality Record Pressings. Die Ausgabe besitzt ein Klappcover. Diese Angaben beziehen sich auf die angebotene Doppel-LP; die ebenfalls existierenden anderen Formate und früheren Vinylfassungen haben ihre eigenen technischen Daten. Auch Besprechungen einer 33⅓-Ausgabe sind nicht automatisch ein Hörbericht über diese 45-RPM-Pressung.
Die Verteilung auf vier Seiten stellt jeweils ein Paar von Stücken zusammen. Sie verbindet mehr Seitenwechsel mit einer großzügigen Aufteilung des Programms. Für eine Sammlung ist das eine bewusste Formatentscheidung, deren praktische Seite ebenso dazugehört wie die dokumentierte Herstellung. Ein konkretes Mastering lässt sich anhand von Verantwortlichen und Ausgabe identifizieren; ein pauschales Klangversprechen folgt weder aus dem Gewicht noch aus der Drehzahl allein. Die Musik bleibt die Begegnung dieses Quartetts in Barcelona.
Gentle Ben gibt Ben Webster und seinen drei Partnern Raum, ein gemeinsames Repertoire aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu gestalten. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir übernehmen den US-Import und versenden aus Hilden. Für Musikliebhaber steht hier ein europäisches Kapitel amerikanischer Jazzgeschichte bereit; für Sammler eine klar bezeichnete AP-Ausgabe, die den Pianisten und seine Trio-Partner ebenso ernst nimmt wie den großen Namen am Tenorsaxofon.
Auch in einer anderen Ausgabe: Gentle Ben
Mehr von Ben Webster: King Of The Tenors · At The Renaissance
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Ben WebsterPorträtvorlage 1959TenorsaxofonMitwirkung: Alle Titel
- Tete Montoliuspätere Porträtvorlage 1984KlavierMitwirkung: Alle Titel
- Eric PeterKontrabassMitwirkung: Alle Titel
- Peer WyborisSchlagzeugMitwirkung: Alle Titel
Aufnahme Barcelona, 28. November 1972. Trio-Besetzung durch den Katalog der Biblioteca de Catalunya und die Schweizer Jazzdiskografie ergänzt. Seitenpositionen B3/B4 und D3/D4 folgen der dokumentierten AP-Pressung.









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