Das Klavier sitzt mitten im Gespräch
Quintessence zeigt Bill Evans in einer Umgebung, die sein Spiel anders beleuchtet als das vertraute Trio. Harold Lands Tenorsaxofon und Kenny Burrells Gitarre bringen zusätzliche melodische Stimmen ins Ensemble; Ray Brown und Philly Joe Jones bilden die Rhythmusgruppe. Das Klavier muss nicht jeden Gedanken eröffnen und jeden Übergang erklären. Evans kann begleiten, reagieren und einen eigenen Beitrag dort setzen, wo das Gespräch ihn verlangt.
Die Aufnahmen entstanden im Mai 1976 in den Fantasy Studios in Berkeley, das Album erschien 1977. Helen Keane produzierte, Phil Kaffel betreute die Aufnahme. Damit gehört Quintessence in eine andere Phase als die Riverside-Alben der frühen Sechziger. Keane, über viele Jahre Evans’ Managerin und Produzentin, begleitete einen Musiker, dessen Sprache längst ausgeprägt war und dennoch in einer neuen Besetzung andere Möglichkeiten fand.

Vertraute Namen, eine neue Zusammenstellung
Für Evans waren dies die ersten Aufnahmen mit Harold Land, Kenny Burrell und Ray Brown. Die Namen sind für Jazzhörer vertraut, doch die konkrete Kombination war nicht einfach eine eingespielte Tourneeband. Gerade daraus entsteht Interesse: Wie verteilen fünf eigenständige Musiker die Aufgaben, wenn ihre Erfahrungen zwar vielfältig, ihre gemeinsamen Gewohnheiten aber noch nicht festgeschrieben sind?
Philly Joe Jones stellt eine Verbindung zu einer früheren Quintettaufnahme her. Er hatte bereits 1962 auf Interplay mit Evans gespielt. Die Parallele darf jedoch die Unterschiede nicht verdecken: Hier steht ein Tenorsaxofon neben der Gitarre, dort war es Freddie Hubbards Trompete. Auch Burrell ist nicht Jim Hall. Quintessence wiederholt also kein altes Rezept mit ausgetauschten Namen; andere Klangfarben und andere musikalische Persönlichkeiten verändern die Art des Austauschs.

Fünf Stücke mit Platz zur Entwicklung
Das Programm beginnt mit Kenny Wheelers „Sweet Dulcinea Blue“. Es folgen Michel Legrands „Martina“, „The Second Time Around“, Thad Jones’ „A Child Is Born“ und Kenny Burrells „Bass Face“. Bemerkenswert ist, dass Evans hier nicht durch eine Reihe eigener Kompositionen die Richtung vorgibt. Die Auswahl führt unterschiedliche Autoren zusammen und gibt der Besetzung Gelegenheit, verschiedene Formen und melodische Charaktere auszuprobieren.
„Bass Face“ ist mit rund zehn Minuten die ausgedehnteste Aufnahme. Schon der Titel lenkt Aufmerksamkeit auf einen Bereich, der in einer Beschreibung eines Pianistenalbums leicht zu kurz kommt. Ray Browns Bass gehört nicht an den Rand des Hörbilds. Seine Rolle im Ensemble lässt sich ebenso verfolgen wie Burrells Wechsel zwischen Begleitung und eigener Linie. Fünf Spieler bedeuten hier nicht, dass fünf Stimmen ununterbrochen gleichzeitig die Hauptrolle übernehmen müssen.
Ein Album jenseits der üblichen Evans-Erwartung
Die Sessions ergaben auch „Nobody Else but Me“, das später auf anderen Veröffentlichungen und als CD-Ergänzung erschien. Zum ursprünglichen Fünf-Titel-Programm dieser LP gehört es nicht. Solche Unterschiede sind bei Evans wichtig, weil Albumtitel, erweiterte CDs und spätere Zusammenstellungen häufig nebeneinander im Katalog stehen. Hier bleibt der Blick auf der konkreten musikalischen Auswahl von Quintessence.
Wer Evans vor allem mit einer nach innen gerichteten Trioästhetik verbindet, kann auf dieser Platte besonders seine Rolle als Ensemblepianist entdecken. Wann lässt er eine Bläserphrase wirken? Wo setzt die Gitarre eine eigene Farbe, ohne den Klavierpart zu verdoppeln? Die Antworten ergeben sich nicht aus einem theoretischen Konzept, sondern aus den Entscheidungen der Musiker. Das Album bietet damit einen reizvollen Seitenweg durch Evans’ Werk: weniger ein weiteres Kapitel derselben Triogeschichte als die Gelegenheit, seine Persönlichkeit im Austausch mit vier anderen ausgeprägten Stimmen zu erleben.
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Beteiligte Musiker
Besetzung anhand der Albumquellen abgeglichen.
- Bill EvansKlavier
- Harold LandTenorsaxofon
- Kenny BurrellGitarre
- Ray BrownBass
- Philly Joe JonesSchlagzeug
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Quintessence war für Michael eine überraschende Entdeckung. Er zählt diese Ausgabe zu den fünf am besten klingenden Bill-Evans-Platten, die er bis dahin gehört hatte, und lobt das Mastering ausdrücklich. Das ist sein persönliches Klangurteil; einen direkten Vergleich mit anderen Ausgaben konnte er bei diesem Album nicht durchführen.












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