Ein anderer Bill Evans, ohne Verkleidung
Interplay ist eine gute Platte, um eine allzu enge Vorstellung von Bill Evans zu erweitern. Neben seinem Klavier stehen Freddie Hubbards Trompete und Jim Halls Gitarre, am Bass sitzt Percy Heath, am Schlagzeug Philly Joe Jones. Die zusätzliche Präsenz eines Blasinstruments verändert sofort die Perspektive. Evans bleibt unverkennbar, doch er gestaltet hier nicht die vertraute Welt eines Trios. Er bewegt sich innerhalb einer Gruppe, die mehr melodische Wege gleichzeitig offenhält.
Die Sessions fanden am 16. und 17. Juli 1962 in New York statt, produziert von Orrin Keepnews. Schon die Besetzung lohnt genaues Hinsehen: Hubbard bringt eine andere Energie ein als ein Saxofonist, Hall einen anderen Anschlag und eine andere Ausklingzeit als das Klavier. Ihre Unterschiede sind kein Hindernis, das durch einheitliche Phrasierung überwunden werden müsste. Sie liefern das Material, mit dem dieses Quintett arbeitet.

Jim Hall: Partner und eigenständige Stimme
Evans und Hall nahmen im selben Jahr auch das Duoalbum Undercurrent auf. Diese Verbindung hilft, ihre Verständigung auf Interplay einzuordnen, ohne die beiden Projekte gleichzusetzen. Im Duo können zwei Instrumente eine ganze Form unter sich aufteilen; hier müssen sie zusätzlich Raum für Trompete, Bass und Schlagzeug lassen. Gerade bei zwei Harmonieinstrumenten ist Zurückhaltung dabei ebenso wichtig wie Einfallsreichtum.
Halls Gitarre muss die Akkorde des Klaviers nicht bestätigen. Sie kann eine einzelne Linie verfolgen, eine andere Lage wählen oder zunächst auf eine Antwort verzichten. Evans wiederum kann eine Begleitfigur setzen, ohne das gesamte harmonische Feld zu besetzen. Solche Entscheidungen machen den Titel des Albums anschaulich: Zusammenspiel bedeutet nicht dauernde Gleichzeitigkeit, sondern Aufmerksamkeit dafür, was ein anderer gerade tut.

Bekannte Songs, neue Beziehungen
Das Programm verbindet „You and the Night and the Music“, „When You Wish Upon a Star“, „I’ll Never Smile Again“, „You Go to My Head“ und „Wrap Your Troubles in Dreams“ mit Evans’ eigener Komposition „Interplay“. Die vertrauten Melodien bieten Orientierung. Gleichzeitig lässt sich verfolgen, wie anders ein Song auftritt, wenn eine Trompete seine Kontur zeichnet und Klavier oder Gitarre die Umgebung verändern.
Die beiden Aufnahmetage lassen sich sogar über das Repertoire unterscheiden: „When You Wish Upon a Star“, „You Go to My Head“ und „Wrap Your Troubles in Dreams“ entstanden am ersten Tag, die übrigen drei Stücke am zweiten. Das ist kein Schlüssel zu einer erfundenen Entwicklung vom unsicheren Beginn zum perfekten Ende. Es macht vielmehr greifbar, wie eine überschaubare Studioarbeit zu einem Album mit unterschiedlichen Stimmungen zusammengefügt wurde.
Das Original und die späteren „Sessions“
Wer den Titel The Interplay Sessions kennt, hat möglicherweise eine umfangreichere Veröffentlichung im Kopf. Diese verbindet das Album mit weiteren Aufnahmen vom August 1962, bei denen Zoot Sims und Ron Carter anstelle von Hubbard und Heath beteiligt waren. Das ist eine andere Besetzung und mehr Musik. Die hier angebotene LP-Ausgabe widmet sich dem ursprünglichen Interplay-Programm; die beiden Namen sollten deshalb nicht als austauschbar behandelt werden.
Besonders lohnend ist es, Percy Heath und Philly Joe Jones unter den wechselnden Vordergrundstimmen zu verfolgen. Sie halten die Musik beweglich, ohne die Eigenarten von Trompete, Gitarre und Klavier einzuebnen. So entsteht ein Album, das sowohl den melodischen Einstieg als auch genaues Hinhören belohnt. Man kann mit den Standards beginnen und nach und nach entdecken, wie viel Charakter in einer knappen Begleitfigur oder einem bewusst freigelassenen Moment steckt. Evans’ Klangsprache wird hier nicht ersetzt, sondern aus einer anderen Richtung sichtbar.
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Beteiligte Musiker
Besetzung anhand der Albumquellen abgeglichen.
- Bill EvansKlavier
- Freddie HubbardTrompete
- Jim HallGitarre
- Percy HeathBass
- Philly Joe JonesSchlagzeug












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