My Fair Lady: Broadway an einem einzigen Abend
Eine Partitur, drei Musiker und ein Abend im Studio: Die Geschichte dieser My Fair Lady beginnt mit einer Situation, die eher nach einer Gelegenheit als nach einem lange vorbereiteten Großprojekt klingt. Shelly Manne, André Previn und Leroy Vinnegar nahmen die acht Stücke am 17. August 1956 bei Contemporary Records in Los Angeles auf. Das Musical von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner lief damals erst seit ungefähr fünf Monaten am Broadway. Hier wurde sein Material bereits in eine andere Umgebung versetzt: vom Theater auf eine Jazzplatte, ohne Sänger, großes Orchester oder die Handlung auf der Bühne.
Produzent Lester Koenig brachte die Partitur mit. Manne und Previn arbeiteten die Arrangements noch an diesem Abend aus, das Trio spielte das gesamte Album ein. Diese Entstehungsgeschichte erklärt den besonderen Reiz der Platte, ohne aus ihr ein Wunder ohne Vorbereitung machen zu müssen. Die Musiker brachten ihre Erfahrung mit; neu war die konkrete gemeinsame Aufgabe. Wie lässt sich eine für das Theater geschriebene Melodie so behandeln, dass sie im Trio eigenständig funktioniert? Welche Teile brauchen keine Worte mehr, weil ihre musikalische Form auch auf Klavier, Bass und Schlagzeug verständlich bleibt?
Die Aufnahme wird in der Veröffentlichungsgeschichte als frühes wegweisendes Beispiel eines Jazzalbums eingeordnet, das sich vollständig den Liedern eines einzigen Broadway-Musicals widmet. Ihr Erfolg machte diese Verbindung weit über einen kleinen Kreis von Spezialisten hinaus sichtbar. Für die heutige Begegnung mit der Platte ist aber keine historische Rangliste nötig. Schon ihre Besetzung bietet einen unmittelbaren Zugang: Previn am Klavier, Vinnegar am Kontrabass und Manne am Schlagzeug. Jeder kann die Melodie begleiten und zugleich den Verlauf mitgestalten. Der berühmte Musicaltitel bleibt der gemeinsame Ausgangspunkt, während die drei Musiker ihm eine neue musikalische Umgebung geben.

Acht Lieder werden zum Repertoire eines Trios
Get Me To The Church On Time eröffnet Seite A. Es folgen On The Street Where You Live, I’ve Grown Accustomed To Her Face und Wouldn’t It Be Loverly. Die Folge stellt vier Liedtitel nebeneinander, die bereits sehr unterschiedliche Situationen andeuten: Aufbruch, einen bestimmten Ort, Gewöhnung und einen Wunsch. Auf der Jazzplatte werden daraus keine nachgespielten Theaterszenen. Die Lieder müssen ohne Schauspiel und gesprochene Übergänge bestehen. Das Trio arbeitet mit ihrer musikalischen Substanz; wer das Musical kennt, bringt Erinnerungen mit, und wer es nicht kennt, findet trotzdem ein vollständiges instrumentales Programm.
Die zweite Seite enthält Ascot Gavotte, Show Me, With A Little Bit Of Luck und I Could Have Danced All Night. Der letzte Titel erhält eine lateinamerikanische Färbung, zu der Manne auch mit dem Tamburin beiträgt. Dieses Detail zeigt, wie konkret sich eine neue Interpretation vom ursprünglichen Aufführungszusammenhang lösen kann. Eine andere rhythmische Gestalt bedeutet nicht, die Melodie unkenntlich machen zu müssen. Vielmehr verändert sich der Rahmen, in dem man ihr begegnet. Das bekannte Lied wird zum Schluss einer Platte, deren Reihenfolge als eigenständiger musikalischer Abend funktioniert.
Alle acht Stücke stammen von Frederick Loewe, die ursprünglichen Liedtexte von Alan Jay Lerner. Auf dieser instrumentalen Aufnahme sind die Textautoren keine zusätzlichen Mitspieler, und die Herkunft aus einem Musical macht das Album nicht zum Soundtrack einer Bühnenaufführung. Das ist für die Einordnung wichtig: Hier spielt ein Jazztrio ein ausgewähltes Repertoire. Der ausführliche Originaltitel, Modern Jazz Performances Of Songs From My Fair Lady, beschreibt diesen Vorgang genauer als die im Shop gebräuchliche Kurzform. Er lässt Platz für die Vorlage und für die Selbstständigkeit der Musiker, die sie bearbeiten.

Manne, Previn und Vinnegar: drei gleichwertige Stimmen
Obwohl Shelly Mannes Name an erster Stelle steht, ist My Fair Lady keine Schlagzeugvorführung mit Begleitung. André Previns Klavier führt die melodischen und harmonischen Möglichkeiten des Materials zusammen. Leroy Vinnegars Kontrabass und Mannes Schlagzeug sind dabei die Partner, mit denen sich diese Möglichkeiten rhythmisch entfalten. Alle drei spielen auf allen acht Titeln. Die kleine Besetzung macht ihre Aufgaben überschaubar, ohne sie starr festzulegen. Ein Bass kann Bewegung tragen und gleichzeitig eine Linie formen; ein Schlagzeug kann das Geschehen ordnen, Akzente setzen und durch Zurückhaltung Raum schaffen.
Beim Hören lohnt es sich deshalb, nicht dauerhaft am Klavier zu bleiben. Verfolge einmal, wie sich die Basslinie zu einer Melodie verhält, und richte die Aufmerksamkeit danach auf die kleinen Entscheidungen des Schlagzeugs. Anschließend kannst du zum Gesamteindruck zurückkehren. Solche Perspektivwechsel sind keine Übung im Zerlegen der Musik, sondern eine Möglichkeit, den Anteil der Begleiter bewusster wahrzunehmen. Gerade bei einer vertrauten Melodie fällt leicht alles unter das Wiedererkennen des Songs. Das Trioformat legt dagegen offen, wie viel Gestaltung zwischen diesem Wiedererkennen und dem tatsächlichen Verlauf einer Aufnahme liegt.
Die Arrangements werden Manne und Previn gemeinsam zugeschrieben; eine gesicherte Aufteilung nach einzelnen Stücken liegt nicht vor. Roy DuNann betreute die Aufnahme technisch, Lester Koenig produzierte sie und schrieb den Hülltext, den er auf den 27. August 1956 datierte. Diese Rollen gehören neben die Musikercredits, nicht hinein. Die kurze Zeit zwischen Session und Begleittext macht außerdem deutlich, wie nah der ursprüngliche Kommentar am Ereignis entstand. Spätere Wiederveröffentlichungen können diese historische Nähe bewahren, auch wenn ihre eigene Herstellung Jahrzehnte später stattfindet und mit anderen Namen verbunden ist.
Die 180-Gramm-LP der Contemporary Records Acoustic Sounds Series
Die hier angebotene Ausgabe ist die Stereo-LP der Contemporary Records Acoustic Sounds Series mit 180 Gramm und 33⅓ Umdrehungen. Bernie Grundman verantwortet das rein analoge Mastering von den Originalbändern; Quality Record Pressings übernahm die Pressung. Das Tip-on-Cover greift die klassische Präsentation der Reihe auf. Die Katalognummer lautet CR00391, die Shop-SKU ACONC 391. Diese Wiederveröffentlichung wird auf 2023 datiert. Die Aufnahme selbst stammt unverändert vom August 1956; ein auf der Ausgabe gedruckter Rechtevermerk ist nicht mit dem Erscheinungstag dieser Pressung gleichzusetzen.
Acht Titel auf einer LP ergeben zwei gut überschaubare Abschnitte. Der Seitenwechsel liegt nach Wouldn’t It Be Loverly, bevor Ascot Gavotte die zweite Hälfte eröffnet. Wer gern ein Album als Folge statt als Sammlung einzelner Titel hört, findet hier eine kompakte Form. Die technische Ausstattung lässt sich dabei konkret benennen, ohne ein pauschales Klangurteil vorwegzunehmen: Originalbänder als Masteringquelle, ein namentlich bekannter Toningenieur der Neuauflage und ein benanntes Presswerk. Weder das Gewicht allein noch das Alter der Musik ersetzen die eigene Wahrnehmung auf der Anlage zu Hause.
Wenn du My Fair Lady von Shelly Manne & His Friends auf Vinyl kaufen möchtest, ist diese Fassung eine Gelegenheit, Broadway-Repertoire aus der Perspektive eines kleinen Jazzensembles kennenzulernen. Sie verbindet sich in einer Sammlung mit Previns anderen Musicalprojekten ebenso wie mit Mannes und Vinnegars Arbeit bei Contemporary. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden. Ob die Ausgabe aktuell bestellt werden kann und welche Lieferzeit gilt, zeigt der Kaufbereich. Die Geschichte dieser Platte bleibt unabhängig von einem vorübergehenden Lagerstatus lesenswert; eine Lieferzusage ist sie nicht.
Serie: Contemporary – alle 24 Platten: sonniger Jazz aus Los Angeles
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Shelly ManneSchlagzeugMitwirkung: Alle Titel
- André PrevinPorträtvorlage: 2012KlavierMitwirkung: Alle Titel
- Leroy VinnegarKontrabassMitwirkung: Alle Titel
Produktion und Hülltext Lester Koenig (Hülltext datiert 27. August 1956); Ton und technische Leitung Roy DuNann; Covergestaltung Robert Guidi und Tri-Arts, Coverfoto Phil March; Mastering und Lackschnitt Bernie Grundman (2023).










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