Elf Songs zwischen Band und Studiokunst
Es gibt Alben, deren Wendepunkt erst im Rückblick sichtbar wird. Pretzel Logic lässt ihn mitten in den Songs hören: Steely Dan waren noch eine Band mit fünf bekannten Gesichtern, doch Donald Fagen und Walter Becker begannen bereits, für jedes Stück die passenden Mitspieler zusammenzubringen. Das dritte Album, im Februar 1974 bei ABC veröffentlicht, verbindet diese beiden Vorstellungen von Zusammenarbeit. Denny Dias und Jeff „Skunk“ Baxter gehören weiterhin zum musikalischen Kern; zugleich treten Studiomusiker hinzu, deren Klavierfiguren, Schlagzeugparts und Klangfarben den einzelnen Aufnahmen ihre besondere Gestalt geben.
Nach den ausgedehnteren Formen von Countdown to Ecstasy wirkt die Konzentration auf elf vergleichsweise kurze Stücke wie eine neue Disziplin. Die Musik muss ihre Möglichkeiten nicht in langen Solostrecken ausstellen. Manchmal genügen ein unerwarteter Akkord, eine verschobene Betonung oder eine instrumentale Antwort auf den Gesang, um hinter einer eingängigen Melodie eine zweite Ebene zu öffnen. Rock, Jazz, Rhythm & Blues und ältere amerikanische Unterhaltungsmusik stehen dabei nicht ordentlich nebeneinander. Becker und Fagen verarbeiten sie zu Songs, deren Eleganz auch von kleinen Reibungen lebt.
Rikki Don’t Lose That Number wurde mit Platz vier in den amerikanischen Singlecharts zum größten Hit der Gruppe. Für das Album ist dieser Erfolg ein einladender Eingang, aber keine vollständige Beschreibung. Zwischen der Zurückhaltung von Any Major Dude Will Tell You, der gedrängten Bewegung von Parker’s Band und dem schiefen Blues des Titelstücks liegen sehr unterschiedliche musikalische Räume. Gerade diese Nachbarschaften machen die kurze Spielzeit reichhaltig: Vertrautheit stellt sich schnell ein, während die Arrangements noch lange Entdeckungen erlauben.

Musiker für den jeweiligen Moment
Die Aufnahmen entstanden zwischen Oktober 1973 und Januar 1974. Die Originalcredits nennen den Village Recorder in West Los Angeles für die Aufnahmen sowie Cherokee in Chatsworth für Overdubs und Mischung. Gary Katz produzierte, Roger Nichols betreute die Aufnahmetechnik. In seinen späteren Begleittexten erinnert Fagen daran, wie beeindruckt Becker und er von den Studioprofis im Umfeld von ABC-Dunhill gewesen waren. Nun wollten sie deren Fähigkeiten für die eigene Musik nutzen. Damit veränderte sich auch die Rolle der bisherigen Bandmitglieder.
Besonders deutlich wird das beim Schlagzeug. Jim Hodder gehört zu den fünf auf der ursprünglichen Hülle genannten Musikern, seine Rolle darf hier jedoch nicht pauschal mit der seiner früheren Steely-Dan-Aufnahmen gleichgesetzt werden. Die ergänzende Dokumentation führt ihn bei Parker’s Band als Chorsänger. Am Schlagzeug treten Jim Gordon und der damals sehr junge Jeff Porcaro hervor. Fagen beschreibt ausdrücklich, dass beide auf Parker’s Band gemeinsam spielen. Das ist mehr als eine Fußnote für Musikerfreunde: Die rhythmische Dichte dieses kurzen Stücks gewinnt dadurch einen konkreten Hintergrund.
Auch die Tasten- und Gitarrenfarben reichen über die beiden Songwriter hinaus. Michael Omartian, David Paich, Victor Feldman, Dean Parks und Chuck Rainey gehören zu den beteiligten Studiomusikern. Nicht für jeden von ihnen ist jede Titelzuordnung gleich gut überliefert. Wo die Beiträge klar beschrieben sind, zeigen sie jedoch, wie sorgfältig die Besetzung auf die Musik zugeschnitten wurde. Feldmans Flapamba eröffnet die Albumfassung von Rikki Don’t Lose That Number; für die damalige Single wurde dieser Vorspann entfernt. Auf dem Album bleibt jener kleine, eigentümlich schwebende Moment erhalten, bevor der vertraute Song beginnt.

Ellington, Parker und ein Blues außerhalb der Zeit
East St. Louis Toodle-Oo führt besonders anschaulich vor, wie Steely Dan Musikgeschichte in eine eigene Sprache übersetzen. Duke Ellington und Bubber Miley schrieben das Stück; die Band übernimmt nicht einfach die Instrumentierung einer alten Aufnahme. Nach Fagens eigener Beschreibung bildet Beckers Talkbox-Gitarre Mileys Trompetenwirkung nach, Baxters Steel-Gitarre greift die Posaunenstimme auf, und Fagen überträgt ein Klarinettensolo auf das Klavier. Für die Farbe eines Saxofonsatzes der zwanziger Jahre kommt außerdem sein Selmer-Altsaxofon zum Einsatz. Das Vergnügen liegt im Wechsel der Mittel: Man kann die Erinnerung an das frühere Klangbild verfolgen und zugleich hören, wie ein anderes Ensemble daraus etwas Eigenes macht.
Die Hommage an Charlie Parker in Parker’s Band funktioniert auf andere Weise. Hier begegnen sich eine gedrängte Songform, bewegliche Harmonik und die Energie zweier Schlagzeuger. Through With Buzz benötigt wiederum kaum anderthalb Minuten und erhält durch Jimmie Haskells Streicherorchestrierung eine andere Kontur. Solche Wechsel zeigen, dass Kürze auf diesem Album nicht mit Einfachheit verwechselt werden sollte. Die Stücke legen ihre Eigenheiten ohne lange Vorbereitung offen und sind schon beim nächsten Gedanken, bevor eine Idee zur Routine werden könnte.
Im Titelstück steht Beckers Gitarrensolo einer Erzählstimme gegenüber, deren Zeitgefühl aus den Fugen geraten scheint. Fagen bezeichnete die musikalische Grundlage als veränderten Blues in a-Moll. With a Gun, Charlie Freak und Monkey in Your Soul führen den Schluss anschließend durch weitere Stimmungen. Wer das Album wiederholt hört, kann sich einmal den Stimmen, dann den Bassbewegungen oder den kurzen instrumentalen Übergängen widmen. Die Songs tragen solche Perspektivwechsel, ohne ihren unmittelbaren Reiz zu verlieren. Das macht Pretzel Logic zu einem lohnenden Album sowohl für den Einstieg als auch für eine Sammlung, in der Musik mit der Zeit neue Seiten zeigen darf.
Die UHQR: elf Songs auf vier 45er-Seiten
Diese Ausgabe von Pretzel Logic ist die UHQR von Analogue Productions, AUHQR 0011-45: zwei LPs mit 45 Umdrehungen pro Minute, jeweils auf 200 Gramm Clarity Vinyl gepresst. Bernie Grundman verantwortet das Mastering und den Lackschnitt; der Herausgeber nennt das originale Masterband als direkte Quelle. Gepresst wurde bei Quality Record Pressings in Salina, Kansas. Die Galvanik ist Stan Bishop zugeordnet. Diese Angaben beschreiben die vorliegende Vinylausgabe und ihre Herstellung, nicht den DSD-Transfer einer SACD oder das Mastering einer anderen Wiederveröffentlichung.
Die elf Stücke verteilen sich auf vier Seiten. Rikki Don’t Lose That Number und Night By Night bilden Seite A; Seite B führt von Any Major Dude Will Tell You über Barrytown bis zu East St. Louis Toodle-Oo. Auf Seite C folgen Parker’s Band, Through With Buzz und das Titelstück; die drei verbleibenden Songs stehen auf Seite D. Die Albumreihenfolge bleibt erhalten, bekommt durch die zusätzlichen Seitenwechsel aber eine andere praktische Form. Wer dieses kurze, dicht gearbeitete Album auflegt, nimmt sich damit bewusst Zeit für vier überschaubare Einheiten. Die höhere Drehzahl ist ein konkretes Formatmerkmal, kein Ersatz für ein eigenes Urteil über eine Pressung.
Zur Ausstattung gehören ein stabiler UHQR-Schuber mit Holzdübel-Rücken und ein von Stoughton gefertigtes Tip-on-Klappcover mit zwei Taschen. Das Beiheft enthält Liner Notes von Donald Fagen. Gerade bei einem Album, dessen Songs zwischen Jazzgeschichte, knappen Erzählungen und sorgfältiger Studioarbeit wechseln, ist die Stimme eines der beiden Autoren eine interessante Ergänzung zum musikalischen Programm. Die Ausgabe erschien im Juli 2023; Analogue Productions nennt eine Limitierung auf 20.000 nummerierte Exemplare. Eine bestimmte niedrige Nummer wird damit für das einzelne angebotene Exemplar nicht zugesagt.
Für eine Steely-Dan-Sammlung ist diese Kombination klar umrissen: das Stereoalbum von 1974, auf zwei analogen 45-RPM-Platten, mit Grundmans Schnitt und der besonderen UHQR-Ausstattung. Das naturfarbene Clarity Vinyl unterscheidet sich sichtbar von gewöhnlichem schwarzem Vinyl; aus Farbe, Gewicht oder Verpackung allein folgt jedoch kein bestimmter Klangeindruck. Entscheidend bleibt die Begegnung mit den Songs – und mit den vielen kleinen Entscheidungen, durch die Becker, Fagen und ihre Mitspieler aus elf kurzen Stücken ein so vielschichtiges Album machen. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Auch als SACD: Pretzel Logic
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Künstlerseite: Alle Titel von Steely Dan
Kundenfrage: UHQR sammeln: limitierte Ausgaben großer Alben
Serie: UHQR – alle 31 Ausgaben mit Auflage und Mastering
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Donald FagenLeadgesang; Keyboards; Klavier (anstelle Klarinettensolo) (B3); Altsaxofon (Satz) (B3); E-Piano (B1); Wurlitzer (C3)Mitwirkung: Album-Besetzung
- Walter BeckerTalkbox-Gitarre (B3); Gitarrensolo (C3); Bass (A1); ChorMitwirkung: A1, B3, C3, albumweit
- Jeff „Skunk“ BaxterSteel-Gitarre (Posaunenpart) (B3); Pedal-Steel (D2); Gitarrensolo (A1, A2, B1, B3, D3); HandtrommelnMitwirkung: A1, A2, B1, B3, D2, D3
- Denny DiasE-Gitarre (B1); Gitarrensolo (C1)Mitwirkung: B1, C1
- Jim HodderChor (C1)Mitwirkung: C1
- Jim GordonSchlagzeug (A1, B1, B2, B3, C1, C2, C3, D1, D2, D3)Mitwirkung: alle außer A2
- Jeff PorcaroSchlagzeug (A2); zusätzliches Schlagzeug (C1)Mitwirkung: A2, C1
- Victor FeldmanFlapamba (A1); PerkussionMitwirkung: A1, albumweit
- Michael OmartianKlavier (A1, D2)Mitwirkung: A1, D2
- David PaichClavinet (A2); E-Piano (B1)Mitwirkung: A2, B1
- Dean ParksAkustikgitarre (A1, B1); Rhythmusgitarre (C3); BanjoMitwirkung: A1, B1, C3
- Chuck RaineyBass (B1)Mitwirkung: B1
- Wilton FelderBass (C3)Mitwirkung: C3, sonst offen
- Timothy B. SchmitBackgroundgesangMitwirkung: A1, B2, C3
- Ben BenayGitarreMitwirkung: offen
- Plas JohnsonSaxofon (C3)Mitwirkung: C3, sonst offen
- Ollie MitchellTrompete (C3)Mitwirkung: C3, sonst offen
- Lew McCrearyPosaune (C3)Mitwirkung: C3, sonst offen
- Jerome RichardsonSaxofonMitwirkung: offen
- Ernie WattsSaxofonMitwirkung: offen
- Roger NicholsGong (B3)Mitwirkung: B3
Albumcredits bedeuten nicht, dass jedes Instrument auf jedem Titel gespielt wird. Gesicherte Titelzuordnungen stehen bei den jeweiligen Rollen; weitergehende Zuordnungen bleiben offen.
















Ralf Doerner –
Bei dieser Platte kommt die Original Pressung auf keinen Fall mit. Hervorragende Arbeit. Ein muss in jeder Sammlung, denn Stelly Dan war ihrer Zeit um gut 10 Jahre voraus 😍