Zwanzig Songs, viele Arten zu erzählen
The Wonderful Sounds Of Male Vocals versammelt zwanzig Aufnahmen, in denen Männerstimmen auf sehr unterschiedliche Weise eine Geschichte tragen. Dean Martin, Harry Belafonte, Willie Nelson und Elvis Presley gehören ebenso zum Programm wie Amos Lee, J. D. Souther, Greg Brown oder Willy DeVille. Die Doppel-LP von Analogue Productions ist deshalb besonders interessant, wenn du einen Vocal-Sampler auf Vinyl kaufen möchtest, der über eine einzige Epoche oder Stilrichtung hinausgeht. Crooning, Country, Folk, Soul und Pop erhalten hier ihren eigenen Platz.
Der Titel beschreibt eine Auswahl, keinen Wettbewerb. Es geht um unterschiedliche musikalische Persönlichkeiten und darum, wie sie einen Song bewohnen. Ein Sänger kann mit Gelassenheit überzeugen, ein anderer mit der Spannung einer gehaltenen Silbe oder dem Charakter einer raueren Stimme. Daneben stehen Gruppen wie Pure Prairie League und die Beach Boys, bei denen Gesang auch als Zusammenspiel mehrerer Stimmen erscheint. Diese Erweiterung macht das Programm offener, als man es bei einer bloßen Reihe berühmter Solisten erwarten würde.
Chad Kassem verantwortet die Zusammenstellung als ausführender Produzent und ist ebenso wie Michael Fremer an den Begleittexten beteiligt. Die Auswahl erschien 2020. Sie verbindet Studioproduktionen mit zwei ausdrücklich als Carnegie-Hall-Liveaufnahmen ausgewiesenen Beiträgen. Damit kommen neben verschiedenen Stimmen auch verschiedene Aufnahmesituationen zusammen. Die Sammlung kann als entspannter Hörabend funktionieren und zugleich dazu anregen, genauer auf die Beziehung zwischen Sänger, Begleitung und Publikum zu achten.
Die vier Plattenseiten helfen, diese große Spannweite übersichtlich zu halten. Jede umfasst fünf Titel und lässt sich als eigenes kleines Programm hören. Wer nur eine Seite auflegt, erhält bereits mehrere charakteristische Begegnungen; wer beide LPs durchhört, verfolgt eine größere Folge von Stimmungen. Vertraute Titel bieten dabei Orientierung. Die weniger offensichtlichen Namen dazwischen machen den Sampler für Hörer interessant, die ihre Sammlung nicht nur um bekannte Klassiker erweitern möchten.

Von Dean Martin zu Willie Nelson
Dean Martin eröffnet mit I’m Confessin‘ (That I Love You). Bereits diese Wahl lenkt den Blick auf die Fähigkeit eines Sängers, Nähe herzustellen, ohne eine große Geste zu benötigen. Danach folgen Amos Lees Arms Of A Woman und J. D. Southers Silver Blue. Die Nachbarschaft dieser Namen verbindet verschiedene Generationen, ohne die Stücke auf denselben Stil zu reduzieren. Tennessee Ernie Ford bringt mit Try Me One More Time eine weitere unverwechselbare Stimme ein; Aaron Neville beschließt Seite A mit It Feels Like Rain.
Diese erste Folge lädt dazu ein, auf den Beginn einer Phrase und ihren Ausklang zu achten. Wie deutlich wird ein Wort gesetzt, wie weit wird ein Ton getragen, wie viel Raum bleibt zwischen den Zeilen? Solche Unterschiede sind für die Wirkung eines Songs mindestens so aufschlussreich wie die reine Lautstärke einer Stimme. Ein gut zusammengestelltes Vocal-Programm bietet dafür viele Anlässe, ohne dass man es wie eine technische Übung hören muss. Die Lieder bleiben der Grund, weiterzuhören.
Auf Seite B steht zunächst Amie von Pure Prairie League. Danach folgen Tony Bennett mit I Left My Heart In San Francisco, begleitet von Ralph Sharon And His Orchestra, und Roy Orbisons Blue Bayou. Bennett ist hier mit einer Carnegie-Hall-Liveaufnahme vertreten. Diese konkrete Fassung gehört zur Identität des Samplers: Ein bekannter Songtitel allein sagt noch nicht, welche Aufführung tatsächlich auf der Platte enthalten ist. Die Tracklist hilft deshalb auch Besitzern anderer Ausgaben bei der Orientierung.
Willie Nelsons Georgia On My Mind und Willis Alan Ramseys Sympathy For A Train führen die Seite zu Ende. Zwischen einem vielfach interpretierten Standard und einem längeren Song mit eigener Erzählbewegung öffnet sich ein weiterer Blick auf das Thema Gesang. Man kann diese Nachbarschaften einfach genießen oder einzelne Titel zum Anlass nehmen, andere Aufnahmen derselben Interpreten aufzusuchen. Der Sampler legt keine Pflichtreihenfolge für eine Plattensammlung fest; er macht mehrere mögliche Wege gleichzeitig sichtbar.

Konzertstimmen, Harmonie und Eigenwilligkeit
Die zweite LP beginnt mit Pete Seeger und den Weavers: Ramblin‘ Boy stammt ebenfalls aus der Carnegie Hall. Danach setzt In My Room von den Beach Boys einen anderen Schwerpunkt. Hier wird die menschliche Stimme auch als Teil einer Gruppenidentität interessant. Greg Browns The Brand New ’64 Dodge führt weiter zu einem Songtitel, der bereits eine konkrete Welt aufruft. Harry Belafontes Scarlet Ribbons und Elvis Presleys Peace In The Valley beschließen die Seite; bei Presley ist ausdrücklich Take 3 ausgewählt.
Gerade diese Mischung verhindert, dass der Begriff Männerstimmen auf eine einzige Vorstellung von Größe oder Kraft verengt wird. Das Programm lässt Raum für Erzählung, Harmonie, Andacht und persönliche Eigenheiten. Eine Stimme muss sich nicht wie die vorherige verhalten, um in dieser Auswahl ihren Platz zu finden. Wer beim Hören gern auf Unterschiede in Artikulation und Haltung achtet, kann aus diesem Wechsel viel mitnehmen. Wer zunächst einfach die Songs genießen möchte, findet dafür ebenso gute Anknüpfungspunkte.
Belafonte kehrt auf Seite D mit Losing Hand zurück. Es folgen Willy DeVilles Spanish Jack, Elvis Presleys Fever, Tony Joe Whites Did Somebody Make A Fool Out Of You und Harry Nilssons Coconut. Das Ende der Sammlung ist damit bewusst vielgestaltig. Zwei Sänger erscheinen ein zweites Mal, zugleich kommen weitere Persönlichkeiten hinzu. Ein Sampler darf auf diese Weise auch zeigen, dass sich ein Interpret nicht durch einen einzigen ausgewählten Song vollständig beschreiben lässt.
Beim Vergleich der Stücke lohnt es sich, die Aufnahmen als unterschiedliche Produktionen ernst zu nehmen. Der Abstand zwischen Stimme und Begleitung, die Ausdehnung des Raumes oder die Gewichtung des Rhythmus können sich von Titel zu Titel verändern. Diese Unterschiede gehören zunächst zu den Aufnahmen selbst. Wer die Sammlung auf einer vertrauten Anlage hört, kann gerade dadurch besser erfassen, welche Entscheidungen eine gesungene Geschichte näher heranholen und welche ihr mehr Umgebung lassen. Das musikalische Interesse muss dabei nicht hinter der Klangbeobachtung zurücktreten.
Die Doppel-LP von Analogue Productions
Hier geht es um AAPP 131, die Stereo-Doppel-LP mit 33⅓ RPM. Ryan K. Smith bei Sterling Sound ist für das Mastering genannt, Gary Salstrom für die Matrizen und Quality Record Pressings für die Pressung. Die dokumentierte Ausgabe besitzt ein Stoughton-Klappcover und QRP-Innenhüllen. Sie ist historisch als 200-Gramm-Pressung erfasst; daraus wird kein ungeprüftes Gewichtsversprechen für jede spätere Liefercharge abgeleitet. Die SACD desselben Programms ist ein anderes Produkt und wird nicht mit dieser Vinyl-Ausgabe gleichgesetzt.
Vier Seiten mit jeweils fünf Titeln ergeben einen angenehmen Rhythmus beim Hören. Es gibt genügend Abwechslung, ohne nach jedem einzelnen Song eine neue Platte auswählen zu müssen. Gleichzeitig bleiben die Abschnitte überschaubar, wenn du einen bestimmten Sänger noch einmal hören oder zwei Interpretationen im Gedächtnis nebeneinanderstellen möchtest. Für eine Sammlung, in der Stimmen einen wichtigen Platz haben, ist das ein praktischer und musikalisch ergiebiger Aufbau.
Die vollständige Tracklist und die Interpretenübersicht stehen unter der Geschichte. Dort bleiben auch Gruppencredits und besondere Fassungen erkennbar. The Wonderful Sounds Of Male Vocals richtet sich damit an Hörer, die sowohl auf die Auswahl als auch auf die konkrete Ausgabe achten: zwanzig Aufnahmen, unterschiedliche Traditionen und viele Möglichkeiten, aus einem bekannten Namen eine neue Entdeckung entstehen zu lassen.
Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Dean MartinVorhandene Illustration; keine SessionabbildungInterpretMitwirkung: A1
- Amos LeeInterpretMitwirkung: A2
- J. D. SoutherInterpretMitwirkung: A3
- Tennessee Ernie FordPorträtvorlage: 1958InterpretMitwirkung: A4
- Aaron NevilleInterpretMitwirkung: A5
- Pure Prairie LeagueEnsembleMitwirkung: B1
- Tony BennettInterpretMitwirkung: B2
- Ralph Sharon And His OrchestraEnsembleMitwirkung: B2
- Roy OrbisonInterpretMitwirkung: B3
- Willie NelsonVorhandene Illustration; keine SessionabbildungInterpretMitwirkung: B4
- Willis Alan RamseyInterpretMitwirkung: B5
- Pete SeegerInterpretMitwirkung: C1
- The WeaversEnsembleMitwirkung: C1
- The Beach BoysEnsembleMitwirkung: C2
- Greg BrownInterpretMitwirkung: C3
- Harry BelafontePorträtvorlage: 1963InterpretMitwirkung: C4, D1
- Elvis PresleyPorträtvorlage: 1957InterpretMitwirkung: C5, D3
- Willy DeVilleInterpretMitwirkung: D2
- The JordanairesBenannter GruppencreditMitwirkung: D3 · Credit der Tracklist / tracklist credit
- Tony Joe WhiteInterpretMitwirkung: D4
- Harry NilssonInterpretMitwirkung: D5
Chad Kassem: ausführende Produktion und Begleittexte; Michael Fremer: Begleittexte; Ryan K. Smith / Sterling Sound: Mastering; Gary Salstrom: Matrizen; QRP: Pressung; Stoughton: Klappcover. Historisch als 200-g-Ausgabe dokumentiert; aktuelle Lagercharge nicht physisch geprüft. Tony Bennett und Ralph Sharon And His Orchestra (B2) sowie Pete Seeger mit The Weavers (C1): Carnegie-Hall-Liveaufnahmen. Elvis Presley: Peace In The Valley, Take 3 (C5). Die Jordanaires werden bei D3 in der Pressungs-Tracklist genannt; daraus wird keine gesicherte hörbare Gesangsmitwirkung abgeleitet.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael empfiehlt diesen Sampler mit 33⅓ RPM besonders für den Einstieg in eine audiophile Plattensammlung. Er lobt die klanglich schönen Aufnahmen und die Vielfalt der Künstler. Beim Hören lässt sich für ihn gut entdecken, welche Musik man anschließend auf einem vollständigen Album kennenlernen möchte.
🎧 Review video: 21 Albums to start an Audiophile Collection in 2021
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