Der Mann hinter den Songs tritt nach vorn
Willie Dixons Name steht hinter einigen der bekanntesten Stücke des Chicago Blues. Hoochie Coochie Man, Spoonful und Little Red Rooster gehören zu jener Geschichte, in der seine Kompositionen durch andere Sänger weltbekannt wurden. Willie’s Blues öffnet eine andere Tür: Hier steht Dixon selbst am Mikrofon und spielt zugleich Kontrabass. Das Album versammelt keine nachträgliche Parade seiner berühmtesten Erfolge. Es zeigt den Autor als ausführenden Musiker in einer kleinen Band und lässt damit eine Persönlichkeit hervortreten, die man sonst oft über die Stimmen anderer kennengelernt hat.
Die Aufnahme entstand am 3. Dezember 1959 bei Rudy Van Gelder in Englewood Cliffs. Für Dixon, der seit den frühen fünfziger Jahren eng mit Chess verbunden war, bedeutete diese Sitzung einen anderen institutionellen Rahmen. Das Album erschien bei Bluesville, dem Blueszweig von Prestige, unter der Nummer BVLP 1003. Es gilt als sein erstes Album unter eigenem Namen. Esmond Edwards betreute die Produktion; Dale Wright verfasste den Begleittext. Die Verbindung zu Prestige erklärt auch die ungewöhnlich interessante Umgebung: Ein zentraler Gestalter des Chicago Blues trifft auf eine Aufnahmewelt, die viele Sammler zuerst mit Jazz verbinden.
An seiner Seite sitzt Memphis Slim am Klavier. Die gemeinsame Geschichte der beiden begann lange vor dieser Sitzung; schon in den vierziger Jahren hatten sie miteinander gearbeitet. Das ist für das Verständnis der Platte wichtiger als die Vorstellung eines kurzfristig zusammengestellten Begleitensembles. Zwei Musiker begegnen sich hier mit einem gemeinsamen musikalischen Wortschatz und unterschiedlichen Aufgaben. Dixon trägt die meisten Songs, die Stimme und das Bassfundament bei, Slim die pianistische Gegenstimme und zwei eigene Kompositionen. Ihre Beziehung bildet den Kern des Albums, ohne die übrigen Mitglieder der Band zur bloßen Dekoration zu machen.

Memphis Slim und die fünfköpfige Band
Memphis Slim hieß mit bürgerlichem Namen John Len Chatman. Sein Künstlername trägt die Herkunft aus Tennessee bereits in sich, doch ein wesentlicher Teil seiner Karriere entwickelte sich in Chicago. Auf Willie’s Blues ist er als Pianist beteiligt. Das ist ein wichtiger Unterschied zu Aufnahmen, auf denen er selbst singend im Mittelpunkt steht. Hier kann man sich darauf konzentrieren, wie ein Bluespianist eine andere Stimme begleitet: durch rhythmische Figuren, harmonische Antworten, kleine Zwischenrufe und den Wechsel zwischen dichtem Spiel und bewusst gelassenem Raum. Der Dialog muss dafür nicht aus einem ausdrücklich angekündigten Duett bestehen.
Dixon spielt den Kontrabass selbst. Damit ist seine Rolle doppelt: Er formuliert den Text und beteiligt sich zugleich an dem Puls, auf dem die ganze Band aufbaut. Das unterscheidet diese Sitzung von einer Sängeraufnahme, bei der die Stimme über einer vollständig getrennten Begleitgruppe steht. Ein lohnender Hörweg führt deshalb gelegentlich vom Gesang nach unten zum Bass und dann weiter zum Klavier. So wird verständlich, wie eng melodische Erzählung, Begleitung und rhythmischer Zusammenhang miteinander verbunden sind. Der Blues gewinnt seine Beweglichkeit aus dem Zusammenwirken dieser Ebenen.
Wally Richardson an der Gitarre und Gus Johnson am Schlagzeug vervollständigen die Rhythmusgruppe. Der Tenorsaxofonist wird in den Session- und Plattennachweisen als Al Ashby geführt. Diese fünf Musiker bilden die dokumentierte Besetzung. Mit Saxofon und Gitarre stehen zwischen den Gesangszeilen zwei sehr unterschiedliche Möglichkeiten der Antwort bereit: ein geblasener Ton mit seinem Atemverlauf und die kürzere, anschlagsgeprägte Geste der Saite. Slims Klavier kann beide Seiten aufnehmen. Die Band besitzt damit genügend Farben, um zwölf Titel abwechslungsreich zu gestalten, ohne auf einen großen Bläsersatz angewiesen zu sein.
Gerade für Hörer, die Dixon hauptsächlich als Produzenten und Songwriter kennen, lohnt sich diese Konzentration auf die Besetzung. Sein Werk ist nicht nur eine Sammlung von Texten und Melodien, die beliebig weitergereicht werden können. Es hat auch mit dem Verständnis für Stimmen, Instrumente und ihre Platzierung innerhalb eines Stücks zu tun. Willie’s Blues macht dieses Verhältnis in einem überschaubaren Ensemble erfahrbar. Die Platte erlaubt, den bekannten Namen neu zu betrachten: als Sänger, Bassisten und musikalischen Partner, nicht ausschließlich als Unterschrift unter einem Klassiker.

Zwölf Titel mit unterschiedlichen Blickwinkeln
Nervous eröffnet die erste Seite, gefolgt von Good Understanding und That’s My Baby. Schon die Titel führen in jene alltägliche Welt von Unsicherheit, Beziehungen und Selbstbehauptung, aus der so viele Bluesgeschichten entstehen. Dixon schrieb zehn der zwölf Stücke. Seine Autorschaft gibt dem Programm einen festen Mittelpunkt, doch die einzelnen Songs müssen deshalb nicht dieselbe Haltung einnehmen. Ein Sänger kann eine Zeile als Klage, als Behauptung, mit Nachdruck oder mit einem Anflug von Humor vortragen. Auf diese Verschiebungen zwischen Wort und musikalischem Gestus zu achten, ist oft ergiebiger, als den Blues nur auf sein harmonisches Grundgerüst zu reduzieren.
Mit Slim’s Thing kommt eine Komposition des Pianisten hinzu. Danach folgen That’s All I Want Baby, Don’t You Tell Nobody und Youth to You. Die erste Seite enthält damit sieben Titel. Das Programm bleibt in Bewegung, weil eine Reihe kompakter Stücke verschiedene Situationen nebeneinanderstellt. Für die Wahrnehmung der Band ist das hilfreich: Man kann auf den Beginn eines neuen Songs achten, auf den ersten Einsatz der Stimme und darauf, wie die Instrumente eine andere Aufgabe übernehmen. Wiederkehrende musikalische Formen schließen unterschiedliche Charaktere keineswegs aus.
Die zweite Seite beginnt mit Sittin’ and Cryin’ the Blues. Es folgen Built for Comfort und I Got a Razor, bevor Slim mit Go Easy seinen zweiten Autorenbeitrag einbringt. Move Me beschließt das Album. Built for Comfort ist ein besonders sprechender Titel in Dixons eigener Interpretation: Selbstbeschreibung und Humor gehören ebenso zur Ausdruckswelt des Blues wie Verlust oder Sehnsucht. Das Album lässt diese verschiedenen Haltungen nebeneinander bestehen. Es braucht keine einheitliche dramatische Handlung, um als zusammenhängendes Porträt seines Hauptautors zu funktionieren.
Die beiden Stücke von Memphis Slim sind deshalb mehr als ein höflicher Gastbeitrag. Sie geben dem gemeinsamen Namen auf dieser Ausgabe musikalisches Gewicht und erinnern daran, dass eine Partnerschaft auch durch eigene Ideen des Gegenübers lebt. Dixon bleibt die zentrale Stimme, aber die Platte lässt Raum für eine zweite kompositorische Perspektive. Das macht sie für Sammler reizvoll, die nicht nur nach möglichst vielen bekannten Titeln suchen, sondern nach Aufnahmen, in denen sich Beziehungen zwischen Musikern konkret nachvollziehen lassen.
Bluesville in Stereo, mit Raum für eine ganze Seite
Analogue Productions führt diese Stereoausgabe unter APRJ 1003. Kevin Gray wird für das Mastering von den originalen analogen Bändern genannt; gepresst wird bei Quality Record Pressings. Die aktuelle Herstellerbeschreibung nennt 180-Gramm-Vinyl und eine Tip-on-Hülle. Frühere Auflagen wurden mit 200 Gramm angeboten. Die Edition gehört damit in den Zusammenhang der sorgfältig betreuten Prestige- und Bluesville-Neuauflagen, bei denen nicht nur ein berühmter Albumname wieder verfügbar wird, sondern ein vollständiges historisches Programm in seiner ursprünglichen musikalischen Umgebung erhalten bleibt.
Die einzelne LP läuft mit 33⅓ Umdrehungen. Gerade bei zwölf überwiegend kompakten Titeln ist das eine stimmige Form: Eine ganze Reihe von Songs kann sich entfalten, bevor die Platte gewendet wird. Die beiden Seiten besitzen unterschiedliche Längen der Titelfolge, ohne dass daraus ein Hindernis für das Hören wird. Vielmehr entsteht die vertraute Bewegung eines Albums, bei dem jeder neue Song einen kleinen Perspektivwechsel bringt. Das Format hält die Begegnung von Dixon, Slim und ihren Mitspielern zusammen und macht sie als vollständige Sitzung zugänglich.
Für eine Blues-Sammlung besitzt Willie’s Blues einen eigenen Wert neben den großen Chess-Aufnahmen. Hier lässt sich einer der bedeutendsten Autoren dieser Musik selbst als Sänger und Bassist erleben, in enger Verbindung mit Memphis Slim und einer klar umrissenen Band. Die Aufnahme führt nicht vom Blues weg, weil sie im Umfeld von Prestige entstand. Sie zeigt vielmehr, wie selbstverständlich seine musikalische Sprache in diesem Rahmen bestehen kann: persönlich, gemeinschaftlich und reich an kleinen Unterschieden zwischen einer Zeile, ihrer Antwort und dem nächsten Einsatz.
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Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Willie DixonGesang, KontrabassMitwirkung: Album-Besetzung
- Memphis SlimKlavierMitwirkung: Album-Besetzung
- Al AshbyTenorsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- Wally RichardsonGitarreMitwirkung: Album-Besetzung
- Gus JohnsonSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
Aufnahme: Rudy Van Gelder, Englewood Cliffs, 3. Dezember 1959. Aufsicht: Esmond Edwards. Begleittext: Dale Wright. AP-Mastering: Kevin Gray. Al Ashby folgt dem dokumentierten Session-Credit; eine Gleichsetzung mit Harold Ashby ist nicht gesichert.










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